Von der besonderen Beziehung Johann Wolfgang Goethes zur Hofdame Charlotte von Stein erzählt Sigrid Damms neues Buch „Sommerregen der Liebe“. Der Goethe-Kennerin par excellence ist ein wunderbares Buch gelungen, das in eine fein bemessene Welt zurückführt, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Eine faszinierende Frau

Johann Wolfgang Goethe, der Deutschen berühmtester Dichter, war ein Mann mit vielfältigen Talenten. Geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main, erlebte er eine behütete Kindheit in wohlhabendem Elternhaus. Mit einem einzigen Buch stieg er zum Kultautor auf: „Die Leiden des jungen Werthers“. Goethe war nun berühmt – und blieb es ein Leben lang. 1776 lockte ihn der junge Herzog Karl August nach Weimar, wo Goethe zum Mann für alle Fälle wurde. Er amtierte als Minister, kümmerte sich (u.a.) um Landesverteidigung, Staatsfinanzen, Kanalisation, Straßenbau, Feuerschutz, Schulwesen, Bergbau; dabei geriet er in eine veritable literarische Schaffenskrise, fand aber immerhin noch Zeit für die Liebe, der er, zumindest in Gedanken, mehr zumutete, als sie im wirklichen Leben hergab. Ernst wird es für ihn, als er die sieben Jahre ältere Hofdame Charlotte von Stein kennenlernt, mit der ihn alsbald eine besondere Beziehung verbindet. Es ist eine andere, innigere Form der Liebe, mit der er es nun zu tun bekommt: Sie beginnt in der Gegenwart, schaut aber, wie durch geheime Wiedererinnerung, auch in die Vergangenheit. Davon erzählt Sigrid Damms neues Buch „Sommerregen der Liebe“, das, um es vorweg zu sagen, so schön ist wie sein Titel, was daran liegt, dass die Autorin, Goethe-Kennerin par excellence, Charlotte von Stein, die bislang eher als zarte Scheue der Literaturgeschichte galt, fast mit mehr Sympathie behandelt als den großen Goethe, der das aber verschmerzen kann. „Die Frau Kammerherrin, Stallmeisterin und Baronesse v. Stein aus Weimar“, so wird deutlich, war eine faszinierende Frau: „Ihre Wangen sind sehr rot, ihre Haare ganz schwarz, ihre Haut italienisch wie ihre Augen“, heißt es in zeitgenössischen Beschreibungen, „leidende Tugend und feine tiefgegründete Empfindsamkeit sehe jeder Mensch beim erste Anblick auf ihrem Gesichte“, kurzum: „Unser weiblicher Hof ist mittelmäßig, nur zwei Frauen kann man wirklich hübsch nennen. Eine davon ist Charlotte von Stein.“

Dass sich Goethe in diese Frau verguckt, ist nachzuvollziehen, aber er wäre nicht Goethe gewesen, wenn er diese Liebe nicht aufs bereitwilligste überhöht hätte. Er brauchte das; dafür sprach auch sein noch jugendlicher Elan, den man später gern mit dem Begriff Sturm und Drang in Verbindung setzte. In seinen Briefen an Charlotte ließ er es, was die hauseigenen Gefühle anging, tatsächlich gern stürmen; er bedrängte auch gern, was sich Charlotte, die zunächst nicht so recht wusste, wie ihr geschah, und ohnehin auf Schicklichkeit zu achten hatte, irgendwann dann verbitten musste, und zwar energisch. Sigrid Damm gibt der Liebe zwischen Goethe und Charlotte eine zweite Chance; dafür setzt sie neu an: „Erst über ein Jahrzehnt nach Goethes Tod erblicken seine Briefe an Charlotte von Stein das Licht der Öffentlichkeit. Aus dem Nachlass ihres verstorbenen Sohnes Fritz von Stein werden sie erstmals in den Jahren 1848 bis 1851 publiziert. (…) Ich lese diese Briefe; erstmals in meinem Leben lese ich sie komplett … Oft, vor allem in Weimar, sind es nur wenige Zeilen; Zettelgen nennt er sie. Von seinen Reisen dagegen schreibt er lange Episteln, verfasst über mehrere Tage.“ Goethe, der sich in seinen Selbstauskünften später gern gravitätisch gab, ist in seinen Weimarer Anfängen noch nicht so nachweltorientiert: „seine Mitteilungen an Charlotte von Stein … sind von einer schönen Einfachheit. Und zugleich von einer großen stilistischen Präzision, reich an ungewöhnlichen Wortbildungen und Metaphern … Diese Briefe sind aus dem Augenblick geboren und an ihn gebunden. Nicht zuletzt das macht ihren verführerischen Reiz aus. Es ist das Authentische, das fasziniert.“

Zehn Jahre währt die Beziehung zwischen Goethe und Charlotte; auf lichte Anfänge folgen kleinere Abstürze, der Alltag ist, damals wie heute, der Feind aller Liebenden. Als Goethe schließlich nach Italien flieht, kommt das Charlotte wie Verrat vor. Nur mühsam lässt sich das Verhältnis wieder kitten, bleibt aber lädiert. Goethe begreift, dass er zu weit gegangen ist; er gibt sich lammfromm und erfüllt sogar Charlottes Wunsch, die darauf beharrt, dass ihre Briefe an ihn zu vernichten seien. Am Ende kehrt Altersmilde bei den beiden ein; auch das eine Variante des Eros, die im Blick zurück nicht zu verachten ist. „Sommerregen der Liebe“ ist ein wunderbares Buch, das in eine fein bemessene Welt zurückführt, die sich, abseits aller Deutungen, noch immer als Sehnsuchts- und Wehmutsort anbietet. Mag Goethes und Charlottes Liebe auch abgetan sein, so klingt sie doch noch nach. Manchmal müssen wir uns mit dem Großen im Kleinen begnügen; dann ist Träumen angesagt: „Wer in der Nacht steckt, hält die Dämmrung schon für Tag und einen grauen Tag für helle“, heißt es auf einem der Zettelgen. „Was aber ist, wenn die Sonne aufgeht?“

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erstellt am 06.4.2016

Charlotte von Stein
Charlotte von Stein

Sigrid Damm
Sommerregen der Liebe
Goethe und Frau von Stein
Gebunden, 405 Seiten
ISBN: 978-3-458-17644-2
Insel Verlag, Berlin 2015

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