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Der Journalist Rudolf Stoiber (1925–2013) hat 1978 elf Österreicher, die im amerikanischen Exil lebten, interviewt und aus den Gesprächen einen Film montiert, der nun auf DVD verfügbar ist. Interviewt werden unter anderen der Politiker und Publizist Joseph Buttinger, Gustav und Alma Mahlers Tochter Anna Mahler und der Schriftsteller Frederic Morton, berichtet Thomas Rothschild.

DVD

Im Exil geblieben

Der im Jahr 2013 verstorbene Journalist Rudolf Stoiber hat 1978 elf Österreicher, die im amerikanischen Exil lebten, interviewt und aus den Gesprächen einen 40-minütigen Film montiert. Der Film wurde vom ORF spätabends und danach nie wieder gezeigt. Jetzt hat die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Literaturhaus Wien den Film in ihrer Zirkular-Reihe als DVD zugänglich gemacht. Interviewt werden Alexandra Adler, die Tochter des Psychotherapeuten Alfred Adler, Hugo Burghauser, vor 1938 Fagottist der Wiener Philharmoniker, der Politiker und Publizist Joseph Buttinger, Ernest Dichter, der führende Marktpsychologe, die Schriftstellerin Gina Kaus, der Komponist Ernst Krenek, Gustav und Alma Mahlers Tochter Anna Mahler, der Chemiker Hermann Mark, der Schriftsteller Frederic Morton, der Regisseur und Filmproduzent Otto Preminger und Maria Augusta von Trapp von der berühmten Gesangsgruppe.

Ich selbst habe für eine Sendereihe des SWF (seit der Fusion mit dem SDR: SWR) achtzehn 60- und 45-minütige Interviews, größtenteils mit Exilanten, gemacht. Als die sehr aufgeschlossene zuständige Redakteurin in den Ruhestand ging, beschloss ihre Nachfolgerin, den Charakter der Sendung zu ändern. Exilanten zählten nicht mehr zum Personenkreis, der sie interessierte. Einer befreundeten Dokumentarfilmerin erklärte auch der ORF, dass Filme über die Opfer des Nationalsozialismus keinen Menschen mehr hinterm Ofen hervorlockten.

Was jene, die nach 1945 nicht mehr nach Österreich zurückgekehrt sind, weil man sie nicht oder erst sehr spät dazu eingeladen hat und eigentlich nicht haben wollte, sagen, unterscheidet sich bloß in Details. Die Erinnerungen sind für alle traumatisch, was nur Menschen mit geringer Fantasie verwundern kann. Befragt, was sie über die heutigen Österreicher denken, reagieren die einen, so Frederic Morton, eher versöhnlich, andere ablehnend, sarkastisch oder verbittert. Gewiss fällt das Urteil bei jenen, die im Exil geblieben sind, negativer aus als bei jenen, die trotz allem heimgekehrt sind (sonst hätten sie sich ja nicht so entschieden), aber man muss auch ein gerüttelt Maß Sekundärrationalisierung ins Kalkül ziehen – sowohl bei jenen, die ihr Heimweh überwinden mussten, wie auch bei jenen, die, wieder in Österreich lebend, verdrängten, dass eine Mehrheit ihrer Nachbarn die Deportation ihrer Verwandten und deren Ermordung zumindest stillschweigend geduldet haben.

Die Kinder der Täter sind in Österreich daheim

Von den elf Prominenten, die Stoiber interviewt hat, lebt nur noch Frederic Morton, der 1938 erst 14 Jahre alt war. Die kurzen Porträts sind Geschichte, die niemanden mehr kratzt. Auch jener SS-Mann, den Hugo Burghauser nach dem Krieg in seiner Wiener Wohnung vor einem Hitler-Bild antraf und dem ein Stein vom Herzen fiel, als der frühere Mieter ihn verstehen ließ, dass er keine Ansprüche stellen wolle, ist wohl längst tot. Und die Redakteure in ORF und SWR haben sicher recht: Mit solchen Geschichten kann man keinen Menschen hinterm Ofen hervorlocken. Schon gar nicht die Kinder der Täter. Die sind in Österreich daheim. Und wollen sich nichts erzählen lassen von jenen, die sich an der kalifornischen Sonne suhlen. Was gehen sie schon deren Träume an.

1937 schrieb Bertolt Brecht sein Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“. Das beginnt so:

„Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:/ Emigranten./ Das heißt doch Auswanderer./ Aber wir/ Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss/ Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht/ Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer/ Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte./ Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm“

Das waren keine österreichischen Emigranten, mit denen Rudolf Stoiber sprach, es waren Vertriebene. Und sie sind, nolens volens, im Exil geblieben.

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erstellt am 01.4.2016

Ein Film von Rudolf Stoiber
Erinnerungen an Österreich. Gespräche mit österreichischen Emigranten
Hrsg. Ursula Seeber, Veronika Zwerger
DVD
Literaturhaus Wien / Zirkular, 2015

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Filmstills aus »Erinnerungen an Österreich«: Gina Kaus, Ernst Krenek, Anna Mahler. © ORF