Aristoteles war der Schüler Platons und der Lehrer Alexander des Großen, aber auch vieler anderer Epheben, die keine Strategen wurden. Der Philosoph sprach im Gehen mit seinen Studenten über Logik, Analytik, Ethik, Politik, Metaphysik, Physik und benutzte, wie Otto A. Böhmer weiß, zur Begrenzung seines Kurzschlafes einen Wecker.

Der Philosoph Aristoteles

Nahezu nüchtern

Der Philosoph Aristoteles ging, wie fast jeden Tag, im Garten der von ihm begründeten Schule, des Lykeion, spazieren, und er war sichtlich guter Laune, was seine Schüler, die ihm im gewohnten Abstand folgten, erfreute, denn die gute Laune des Meisters bedeutete auch, dass man mehr von ihm zu hören bekam – beiläufige Einsichten zumeist, aber auch hartnäckige Erkenntnisse, die sich aufschwangen zum Bild einer im Menschenkopf ruhiggestellten Welt, in denen nur noch Gesetze galten, die der Philosoph an Götter Statt ausgeheckt hatte. „Nun, wie geht es dir, mein lieber Proklos Diadochos?“ fragte Aristoteles und wandte sich an einen seiner Schüler, den er gern mit gutmütigem Spott bedachte. Proklos Diadochos, ein noch junger, gleichwohl rundlicher Mensch, seufzte. „Mir geht es noch immer nicht besser, Meister“, sagte er und schaute so traurig drein wie ein auf Diät gesetzter Hund. „Noch immer setzt mir dieses lästige Bauchgrimmen zu, das mich nun schon länger durch meine Tage und Nächte begleitet – und das, obwohl ich doch kaum etwas esse und trinke …“

Die anderen lachten: „Es ist wahr“, ereiferte sich Proklos Diadochos. „Gestern abend zum Beispiel war ich nahezu nüchtern. Ich befand mich in angeregter Gesellschaft, wo man dem Weine zusprach und auch kräftig tafelte …“ „Und was hast du gemacht?“ fragte Aristoteles. „Etwa dabeigesessen und dich in Enthaltsamkeit geübt? Das, mein Freund, wäre allerdings kaum zu glauben …“ „Auf Ehre und Gewissen“, sagte Proklos Diadochos, „ich blieb zunächst vollkommen unberührt von dem Treiben um mich her, und demzufolge stand mir auch nicht der Sinn nach Genüssen der allergewöhnlichsten Art. Ich dachte vielmehr über deine Worte zur Glückseligkeit nach, die du uns jüngst …“ „Was sagte ich denn?“ meinte Aristoteles lächelnd und blieb stehen. Proklos Diadochos kratzte sich am Kopf. „Wenn ich mich recht entsinne, gabst du uns die Einsicht mit auf den Weg, dass die Glückseligkeit sich als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes darstellt, da sie das Endziel allen Handelns sei.“ „Wohl wahr“, sagte Aristoteles, „aber ich habe noch weit mehr in diesem Zusammenhang gesagt, und das wiederum scheint dir entfallen zu sein …“

,,Ich dachte darüber nach, Meister“, gab Proklos Diadochos zur Antwort. „Am gestrigen Abend, wie ich schon sagte. Ich grübelte und grübelte, und manchmal blitzten die Gedanken, die du uns mit auf den Weg gegeben hattest, Größter der noch lebenden Philosophen, in meinem Kopfe auf, und ich suchte sie festzuhalten, aber da war dieser Lärm um mich herum und die Düfte, und die Luft wurde immer trockener. Als meine Zunge sich schon zusammenrollte, als sei sie über und über mit hartem Meersalz belegt, da musste ich ganz einfach etwas – trinken, Meister.“ „Versteht sich“, sagte Aristoteles. „Und vermutlich gab es kein Wasser mehr in diesem Etablissement, sondern nur noch Wein …“ „In der Tat“, rief Proklos Diadochos aus. „Woher weißt du? – Stell dir vor, der Wirt, ein an sich verlässlicher Mensch, hatte es versäumt, genügend Wasser zu besorgen, obwohl er wußte, dass ich kam, und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als mit seinem Hauswein vorliebzunehmen, einem eher säuerlichen Tropfen, den ich zuweilen verdächtigen muss, an meinem anhaltenden Bauchgrimmen mit schuldig zu sein …“ „Da zumindest könntest du recht haben“, meinte Aristoteles. „Gehen wir weiter …“ Sie kamen in den Garten des Lykeion, wo sie ihren Spaziergang unter gelichteten Bäumen fortsetzten. „Weißt du, mein Meister“, sagte Proklos Diadochos. „Als ich dann mein erstes Glas Wein getrunken hatte an jenem Abend, da kamen sie mir ja wieder in den Sinn, deine Gedanken …“ „Welche zum Beispiel?“ fragte Aristoteles. „Sie sind mir im Moment nicht mehr recht gewärtig“, murmelte Proklos Diadochos. „Aber vielleicht bei einem Glas Wein …?“ – Der Philosoph gähnte. Er steuerte auf eine Ruhebank am Rande des Gartens zu, und seine Schüler wussten, was jetzt auf dem Programm stand. „Der Schlaf, meine Freunde“, sagte Aristoteles und gähnte abermals, „der Schlaf ist eine Erscheinung an dem wahrnehmenden Teil der Seele, gleichsam eine Gebundenheit und Bewegungslosigkeit, und daher muss alles, was schläft, auch den wahrnehmenden Teil haben …“ Er ließ sich auf die Bank plumpsen, neben der sich ein Gefäß befand, in das der Philosoph hineingriff und eine Kugel herausholte. Die Schüler des Meisters sahen einander an; das Schauspiel, welches nun bevorstand, kannten sie zur Genüge, und doch brachte es sie noch immer zum Lächeln. Aristoteles schloss die Augen; der Kopf sank ihm auf die Brust, und schon stieß er ebenso regelmäßige wie diskrete Schnarchlaute aus. In der rechten Hand hielt er die Kugel; der dazugehörige Arm des Philosophen hing, ausgestreckt und einem zur Erde weisenden Zeigestock ähnlich, direkt über dem Gefäß. „Wie lange er diesmal wohl brauchen wird?“ flüsterte Proklos Diadochos. „Nicht länger als zehn Minuten“, wisperte einer der Schüler. „Nach der Zeit seines Mittagsschlafes kann man jede Weltuhr stellen …“

Aristoteles schlief; seine Schüler schwiegen. Sogar die Vögel in den Bäumen mochten da nicht stören und hielten den Schnabel. Es war eine nahezu vollkommene Stille; auf einmal jedoch tat es einen Schlag, als habe sich ein Götterbote auf der Dienstreise durchs Himmelsgewölbe Erleichterung verschafft: die Kugel war der Hand des Philosophen entglitten und auf den Boden des Gefäßes gefallen. Aristoteles schreckte hoch, und die Vögel begannen zu zetern. Der Philosoph gähnte herzhaft und stand auf. „Meine Freunde“, sagte er, „ihr seid noch da, und das ist schön. Wir wollen, wie immer, weiterdenken. – Und für dieses Mal merkt euch: Alles Wachende muss notwendig schlafen, und woran wir den Wachenden erkennen, daran erkennen wir auch den Schlafenden. – Deshalb muss es aus jedem Schlaf ein Erwachen geben.“

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erstellt am 30.3.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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