Eine Tagung in Frankfurt beschäftigte sich kürzlich mit der digitalen Verbreitung von extremistischer Propaganda und Hasskommentaren. Nicht zuletzt seit der Kölner Silvesternacht brodeln auf den Social-Media-Plattformen allerlei Gerüchte über Geflüchtete. Auch islamistische Propaganda findet sich im Netz. Der Ton ist rauer geworden, berichtet Doris Stickler.

Tagung in Frankfurt

Gerüchte und Gewalt

Von Doris Stickler

Sie sollen Schwäne und Pferde schlachten, mit dem Verweis, das bezahle Deutschland, Berge von Lebensmitteln aus Supermärkten schleppen, Wohnungen verschmähen und stattdessen Villen fordern oder sich vor Autos werfen, um Geld von der Versicherung zu kassieren. Seit Karolin Schwarz Gerüchte über Geflüchtete sammelt, kommen ihr die abstrusesten Behauptungen unter.

Ihre „Lieblingsgeschichte“ ist die von der Afrikanerin, die sich beim Friseur stundenlang Zöpfchen flechten ließ, auf Kosten der Behörde, die dafür 720 Euro gezahlt haben soll. Derlei Ammenmärchen erscheinen eigentlich zu abwegig, als dass sie jemand ernst nehmen könnte. Karolin Schwarz lehren Internetplattformen wie Facebook, Youtube oder Twitter jedoch das Gegenteil. Wie die Social-Media-Redakteurin bei der Tagung „Hass und Hetze. Zum Umgang mit Demokratiefeindlichkeit im Netz“ berichtete, verzeichne sie seit vergangenem Sommer einen „massiven Anstieg von Gerüchten“. In den meisten Fällen würden Geflüchtete und Asylsuchende des Diebstahls, des Raubes oder der Vergewaltigung bezichtigt.

Website hoaxmap.org

Der Ton ist rauer geworden

Seit der Kölner Silvesternacht sei der Damm endgültig gebrochen. „Danach hat sich die Zahl der Gerüchte vervierfacht und der Ton ist erheblich rauer geworden“, so Karolin Schwarz, die nicht länger tatenlos zusehen wollte, wie Rechtspopulisten mit erfundenen Vorfällen Stimmung machen. Die in einer Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung ehrenamtlich engagierte 30-Jährige stellte deshalb die Website hoaxmap.org – hoax bezeichnet im Englischen Falschmeldung oder Zeitungsente – auf die Beine. Seit Anfang Februar online, kann man nun auf einer Deutschlandkarte nachverfolgen, wann und in welcher Region welches Hirngespinst in die Welt gesetzt wurde.

Jedes Gerücht hat Karolin Schwarz mit einem Link zu den Widerlegungen seitens etablierter Medien oder Polizeiberichten versehen. Sie ist froh, mittlerweile aus der ganzen Republik Hinweise auf neue Gerüchte und entsprechenden Klarstellungen zu erhalten. Wie sich zeige, sind die Gerüchteküchen in Nordrhein-Westfalen und Bayern besonders produktiv. Dass sie für Hoaxmap enorm viel Zeit investiert, nimmt die Social-Media-Expertin gern in Kauf. „Ich will Gerüchte als Gerüchte entlarven, einen Beitrag zur Versachlichung leisten und Argumentationshilfen liefern“, sagte Karolin Schwarz auf der von der Evangelischen Akademie Frankfurt und dem Hessischen Jugendring organisierten Tagung.

Die wurde anberaumt, um die bedenkliche Zunahme von extremistischer Propaganda und Hasskommentaren im Netz unter die Lupe zu nehmen. Die Akademie-Studienleiterin für Europa und Jugend, Stina Kjellgren, wies in ihrer Einführung darauf hin, dass nicht nur von der rechtsextremen Szene zu Diskriminierung und teilweise sogar zu Gewalt angestachelt werde. Unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit und gesellschaftlichem Protest seien demokratiefeindliche Inhalte inzwischen in alltäglich genutzten Bereichen des Netzes zu finden – nicht selten mit Humor oder Mitmachmöglichkeiten verbrämt – und umfassten beispielsweise auch islamistische Propaganda. Für Stina Kjellgren hängt dieser Sachverhalt mit der Anonymität des Netzes zusammen, die die Hemmschwelle für negative Äußerungen sinken lasse. Diesem Phänomen zu begegnen sei allerdings schwierig, denn: „Das Recht auf Anonymität und freies Internet steht gegen den Wunsch, Personen, die mit ihrem Verhalten zur Bedrohung anderer Menschen beitragen, rechtlich verfolgen zu können.“

Der Hass wird salonfähig

Die Gefahr, dass Online-Hass zu Offline-Hass mutiert, hält Anna Groß längst für keine abstrakte mehr. „Seit 2015 passiert das verstärkt“, hob die freiberufliche Referentin der Amadeu Antonio Stiftung im Haus der Jugend hervor. Durch die im Netz verbreiteten Hetztiraden sei auch in der Realität „so manches salonfähig geworden“. Seit etwa fünf Jahren verfolgt Anna Groß sehr genau, wie im Internet „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und offene Menschenverachtung“ immer mehr um sich greifen. „Auf Social Media sind nicht nur Menschenfreunde unterwegs.“ Inzwischen gebe es allein zum Thema Asylsuchende über 300 offen aufwiegelnde Seiten. Das sei eine „Verzehnfachung innerhalb der letzten zwei Jahre“. Hinzu kommen für die „no-nazi.net“-Referentin eine „hohe Dunkelziffer verdeckter Seiten“ sowie Frauen und Mütter aus der Neo-Nazi-Szene, die etwa Erziehungsratgeber- oder Flohmarktgruppenseiten unterwandern und mit subtilen, aber gezielt platzierten Bemerkungen Meinungsmache betreiben.

Als großes Problem stuft Anna Groß überdies so genannte „Echokammern“ ein. Darunter seien Websites zu verstehen, die via Links zu anderen Websites leiten, auf denen die gleichen Ansichten vertreten werden. Durch die gegenseitige Verstärkung würden die Nutzer quasi zum Spielball „selbstreferentieller Systeme“. Nach dem Motto „Wenn Sie diesen Artikel kaufen, interessiert Sie auch der folgende“, findet man sich in einer abgeschotteten Meinungswelt wider, der schwer zu entkommen ist. Menschen, die unsicher sind und hier hinein geraten, denken nach Anna Groß' Erfahrung dann schnell, dass alles stimmt und in Ordnung ist, was sie da lesen.

Internetkonzerne in die Pflicht nehmen

Das Entstehen von Echokammern wird nicht zuletzt durch personalisierte Filter verstärkt, wie sie etwa bei Google und Facebook üblich sind. Ähnliche Mechanismen tragen nach dem Urteil der 37-jährigen Sprach- und Kulturwissenschaftlerin auch zum Vormarsch von Verschwörungstheorien bei. Im Netz fielen sie auf einen überaus fruchtbaren Boden. Auf der an junge Erwachsene sowie Vertreter von Jugend- und Bildungseinrichtungen adressierten Tagung stellte Anna Groß allerdings auch klar: „Hass und Hetze sind keine neuen Phänomene, die Inhalte sind schon lange vorhanden.“ Durch das Netz ließen sich menschenfeindlichen Haltungen nur schneller und weiter verbreiten. Zumal zu ihrem Bedauern die „Internetwaffe der Polizei“ nur bedingt funktioniert. „Beim Verfassungsschutz hat nicht mal jeder Mitarbeiter einen Rechner“, weiß Anna Groß. Ginge es nach ihr, müssten deshalb Google und Co. viel stärker in die Pflicht genommen werden. So gehe Google erst nach Klagen und entsprechenden Urteilen gegen rechtspopulistische Propaganda vor, sei Facebook erst 2015 nach einem Angriff auf sich selbst aktiv geworden.

Um nicht nur Pessimismus zu streuen, erinnerte die Geschäftsführerin des politischen Musiklabels „Springstoff“ auch an die erfreulichen Seiten der digitalen Medien. „Die Nazigegner profitieren ebenfalls vom Netz.“ Da die Janusköpfigkeit letztlich zu dessen Natur gehört, würde es Anna Groß begrüßen, den Umgang mit Internet und sozialen Medien zum Gegenstand des Schulunterrichts zu machen.

Doris Stickler ist Ethnologin und Religionsphilosophin, arbeitet als Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.

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erstellt am 30.3.2016

Die „Hoaxmap” Gerüchte-Karte hinterfragt angebliche Straftaten von Flüchtlingen