Ein junger Mann, der als israelischer Jude aufgezogen wurde, erfährt mit 18 Jahren, dass seine leiblichen Eltern Palästinenser sind. Die Identitätsfrage wird zu einer politischen Problematik. Interessant ist am nun auf DVD vorliegenden Film „Der Sohn der Anderen“ das Thema. Künstlerisch ist er allenfalls Mittelmaß, meint Thomas Rothschild.

DVD

Die Stimme des Blutes

Ein Freund aus meiner Studentenzeit, inzwischen ein bekannter Psychoanalytiker und Ethnologe, erfuhr, als er dreißig Jahre alt war, dass sein vermeintlicher jüdischer Vater nicht sein leiblicher Vater war. Da stand er nun mit all den Attributen, die man gemeinhin als „jüdisch“ empfindet, und musste erkennen, dass kein Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern floss.

Eine katholische Schulkameradin, acht Jahre lang Zeugin der Auseinandersetzungen, die in unserer Klasse zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Schülern ausgetragen wurden – und die waren, nur wenige Jahre nach Kriegsende, manchmal recht massiv –, erfuhr, als sie schon erwachsen war, dass sie einen jüdischen Elternteil hatte und als Kleinkind in einem Versteck aufgewachsen war.

Solche Geschichten kommen vor. Im wirklichen Leben. Man muss sie sich nicht ausdenken. Und auf einmal befindet man sich vor der Situation, die eigene Identität in Frage gestellt zu sehen. Ist man, der man zu sein glaubte, als der man aufwuchs, oder ist man, als der man geboren wurde? Die Vernunft sagt uns, dass das kein so großes Problem sein müsse. Die Frage, wer man eigentlich sei, hat im alltäglichen Leben wohl nicht ganz so viel Gewicht, wie uns von Modephilosophen und Sachbuchautoren eingeredet wird. Aber wie man damit umgeht, ist Sache der Betroffenen.

Das gilt ebenso für Eltern, die – auch dies nicht gar so selten – durch einen Zufall entdecken, dass ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt vertauscht wurden. Der Blutmythos steckt selbst in aufgeklärten Zeiten tief in vielen Menschen. Die Logik von Lessings „Nathan dem Weisen“, in dem das scheinbare Happy End nur möglich wird, weil Recha nicht die echte Tochter des Juden Nathan ist (neuere Inszenierungen haben die Zwiespältigkeit dieses Schlusses thematisiert), entspricht nach wie vor eher einem verbreiteten Empfinden als die Logik von Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“, in dem der sozialen Mutter Grusche der Vorzug gegenüber der leiblichen Mutter gegeben wird, weil „da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, also/ Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen“. So einfach wie bei Brecht geht es freilich nicht immer zu. Was, wenn der mütterlichen Ziehmutter eine nicht weniger mütterliche leibliche Mutter gegenübersteht?

Politische Identitätsfrage

Das ist die Ausgangslage des Films „Der Sohn der Anderen“. Und sie kompliziert sich dadurch, dass der Sohn, der als israelischer Jude aufgezogen wurde, nun mit 18 Jahren erfährt, dass seine Eltern Palästinenser sind. Die Identitätsfrage wird somit von einer nur psychologischen zu einer politischen Problematik, wie in „Andorra“ von Max Frisch.

Interessant ist an diesem Film das Thema. Künstlerisch ist er allenfalls Mittelmaß. Die verknappten Dialoge rascheln wie Papier, und die deutschen Untertitel wurden mit einem offenbar fehlerhaften System eingegeben, die Schauspieler chargieren größtenteils, die Kamera ist einfallslos, die Regie bestenfalls routiniert, und die Montage folgt brav der Fernsehkonvention von Schnitt und Gegenschnitt. Wenn sich die beiden Elternpaare erstmals begegnen, betrachten sie sich mit klischeehaftem Befremden, nur damit die Mütter, im Gegensatz zu den Männern, wenig später eine weibliche Solidarität beweisen dürfen, die die Feindseligkeit des ersten Blicks überwindet. Wenn die Väter mit der Situation nicht zurecht kommen, spritzen sie wütend ihr Auto ab oder verstecken sich unter dem Autoboden. Und wenn sie sich endlich ein wenige vertrauen, nesteln sie sprachlos an ihren Kaffeetassen herum. Das absolute Stereotyp des hasserfüllten Fanatikers aber gibt Bilal, der arabische Bruder des als Jude decouvrierten Yacine ab.

„Der Sohn der Anderen“ ist ein französischer und – charakteristischerweise? – nicht ein israelischer Film. Er bemüht sich um Ausgewogenheit, nimmt für keine Seite Partei. Freilich lässt sich nicht verheimlichen, wer im Wohlstand und wer in Armut lebt, wer sich frei bewegen kann und wer Schikanen unterworfen ist. Das Drehbuch wurde so hingebogen, dass größtenteils französisch gesprochen werden kann, ohne gegen den Realismus zu verstoßen. Die jüdische Mutter stammt aus Frankreich, der „arabische“ Sohn, den sie geboren, aber nicht aufgezogen hat, ist in Paris zur Schule gegangen. Die beiden finden auch, dank der „Stimme des Blutes“, als erste zu einander.

Der Film geht versöhnlich aus. Selbst Bilal berechtigt zu einem optimistischen Ausblick. Im Film. In der Wirklichkeit sieht es, wie die Dinge liegen, leider weniger rosig aus.

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erstellt am 24.3.2016

Der Sohn der Anderen
Frankreich, 2012
Regie Lorraine Levy
Darsteller Emmanuelle Devos, Pascal Elbe, Jules Sitruk, Mehdi Dehbi, Areen Omari
DVD, Original mit dt. Untertitel
filmkinotext good!movies, 2016

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Filmtrailer »Der Sohn der Anderen«