Noch bis zum 8. Mai 2016 präsentiert das Noordbrabants Museum in ‘s-Hertogenbosch die Ausstellung „Hieronimus Bosch – Visionen eines Genies“. Im Anschluss übernimmt der Prado in Madrid die Ausstellung. Anlass ist der 500. Todestag des Malers. Mit neunzehn Zeichnungen und zwanzig Gemälden, die aus aller Welt zusammengetragen wurden (darunter der berühmte „Heuwagen“, „Die Versuchung des Hl. Antonius“, „Das Jüngste Gericht“) handelt es sich hier um die größte Bosch-Ausstellung aller Zeiten. Viele der Bilder sind erstmals in die Stadt zurückgekehrt, in der sie einst, vor über fünfhundert Jahren, entstanden waren. Entsprechend der Andrang. Martin Lüdke empfiehlt daher, vor jeder Reise in das auch sonst ansehnliche Städtchen, Karten vorzubestellen.

500. Todestag von Hieronymus Bosch

Finstere Zeiten

Geboren wurde Jheronimus van Aken (das heißt und meint: aus Aachen) um 1450 herum in ‘s-Hertogenbosch, im Brabant. Er entstammt einer Handwerker- und Malerfamilie, heiratete in eine vermögende Familie und wohnte im siebten Haus auf der rechten Seite des Tuchmarkts, einer der besten Adressen der Stadt. Er gehörte zum engeren Zirkel der Liebfrauenbruderschaft und damit zu den einflussreichsten Bürgern seiner Stadt. Zu seinen Auftraggebern gehörte unter anderem Philipp II. von Spanien.

Er signierte seine Bilder mit dem Namen seiner Heimatstadt: Bosch. Als er starb, war er ein berühmter Mann. Am 9. August 1516 wurde er, auf Kosten seiner Liebfrauenbrüder, in der Sint-Jans-Kathedrale von ‘s-Hertogenbosch mit erheblichem Aufwand zu Grabe getragen. In den Rechnungsbüchern der Bruderschaft sind, wie in der Ausstellung dokumentiert ist, die Kosten detailliert aufgeführt.

Wenn uns der Himmel auf die Füße fällt

„Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne erhellt. Alles ist neu für sie und dennoch vertraut, abenteuerlich und dennoch Besitz. Die Welt ist weit und doch wie das eigene Haus, denn das Feuer, das in der Seele brennt, ist von derselben Wesensart wie die Sterne; sie scheiden sich scharf, die Welt und das Ich, das Licht und das Feuer, und werden doch niemals einander für immer fremd.“

Dieser (legendäre) Anfang der „Theorie des Romans“ von Georg Lukácz bezieht sich zwar auf die Welt der homerischen Epen, meint aber doch erst einmal jedes geschlossene Weltbild, also auch das des ausgehenden Mittelalters. Der Platz alles Irdischen im Weltgefüge ist wohlbestimmt. Es herrscht Harmonie allüberall. So wie sich die Sonne um die Erde dreht, Tag und Nacht geschieden sind, Unten und Oben nicht in Frage steht, so hat alles seine Ordnung. Erst das Christentum mit seinem Heilsversprechen, das allem Elend dieser Erde dereinst die Erlösung im Himmel verkündete, brachte da Bewegung ins Spiel. Mit der zeitlichen Dimension wurde die Hoffnung auf eine utopische Zukunft geweckt. Zwischen Anfang und Ende entstand ein breiter Graben.

Auf solchen Vorstellungen gründet das schöne Wort von Karl Kraus: Ursprung ist das Ziel, wovon die Kritische Theorie der Frankfurter Schule wie alle ihr vorangegangenen geschichtsphilosophischen Visionen von einer besseren Welt bis zu ihrem (vorerst?) sang- und klanglosen Ende zehrten.

Werch ein Illtum, hat Ernst Jandl diese Verwechslung von lechts und rinks treffend genannt.
Denn das Versprechen einer Erlösung im Himmel musste, seit sich die christliche Botschaft verbreitet hatte, mit der Drohung höllischer Qualen bezahlt werden. Von oben herab waren in voller Mannschaftsstärke die himmlischen Heerscharen aufmarschiert, sondern auch viele kleine Teufelchen, die den Christenmenschen (nicht nur) auf die Füße traten. Genau davon erzählen uns die Bilder von Hieronymus Bosch.

Der Heuwagen

Dieses Triptychon ist wohl das berühmteste von Boschs Werken. Es hängt normalerweise im Prado von Madrid und beschreibt, kurz gefasst, die Geschichte der sündigen Menschheit. Von der Schöpfung und der Vertreibung aus dem Paradies, über das Leben als Streben nach Besitz. Im Mittelteil werden von dem Wagen, hinter dem die Reichen und Mächtigen dieser Welt, Kaiser, Papst, König und Herzöge herziehen, die Armen und Elenden von den Rädern überrollt. Immer mehr Menschen drängen, aus einer Art von Höhle kommend, auf den Wagen zu. Im Vordergrund bedienen sich fette Nonnen aus – mit was immer auch reich gefüllten – Säcken.

Schließlich, auf der rechten Seite, sehen wir den Abmarsch der Menschheit in die Hölle.

Bosch präsentiert hier das ganze Bestiarium seiner teuflischen Gestalten: ein Karpfen, gestiefelt und gespornt, mit einem Degen bewaffnet, Vogelmenschen, Bären und Affen mit Schild und Schwert, kleine Monster und dazu eine Gestalt, aus deren Arm Zweige herauswachsen. Von dieser Meute wird der Heuwagen vorangezogen. Was sich in den Weg stellt, wird überrollt. Es zeigt sich kein Ausweg, nur ein Abgrund. Von oben, halb in Wolken gehüllt, blickt der Heiland höchstselbst auf das grausige Geschehen, die Arme leicht ausgebreitet, ganz so als wollte er sagen: Da kann ich auch nichts machen.

Auf den ersten Blick ließe sich „Der Heuwagen“ sozialkritisch und natürlich auch kirchenkritisch deuten. Diese Deutung geht aber meines Erachtens fehl. Denn vor allem macht das Bild ja wohl Angst. Was mit der Vertreibung aus dem Paradies schon ungut begonnen hatte, geht im Mittelteil dann, am Heuwagen, übel weiter. Der Versuch, sich einen Anteil an den irdischen Gütern zu ergattern, zeigt nur die ganze Vergeblichkeit redlichen Strebens. Und alles endet, schlicht gesagt, böse. Niemand außer Gott war im alltäglichen Leben jener Zeit so gegenwärtig wie der Teufel. Er lauerte buchstäblich hinter jeder Ecke. Der ebenso stets präsente Aberglaube tat das seinige dazu, die Menschen in dauernder Unruhe zu halten.

Der arme Ritter, der nackt, nur noch mit einem Helm bekleidet, von einem Speer durchbohrt, auf einem Stier zur Hölle reitet, von einer Vielzahl gruseliger kleiner Teufel umringt, zeigt den sündigen Zeitgenossen, was sie dereinst zu erwarten haben. Hinter dem Ritter schleift ein geflügeltes Wesen, halb Riesenschmetterling, halb Menschenaffe eine nackte Frau in die gleiche Richtung. Oben, am Bildrand, brennt eine Ruine, die einmal eine Kirche war. Der ganze Himmel steht in Flammen: Es droht die Apokalypse.

Diese Angst vor der Hölle, von der Kirche geschürt und von ihr genutzt, lässt uns den Ablasshandel verständlich erscheinen. Die Gefahr der Hölle, die Aussicht auf das ewige Fegefeuer, schien den Menschen des ausgehenden Mittelalters nur zu real.

Nooteboom und Bosch

Pünktlich zur Ausstellung in ‘s-Hertogenbosch, aber völlig unabhängig davon, hat der holländische Erzähler und Essayist Cees Nooteboom einen schmalen (Bild-)Band „Reisen zu Hieronymus Bosch. Eine düstere Vorahnung“ herausgebracht. Das Buch enthält viele kleine Abbildungen, Vignetten gleich, Ausschnitte also, kaum vollständige Bilder. Das erweist sich dann, wenn man Nootebooms Büchlein zusammen mit dem (preiswerten) Katalog der Ausstellung selbst betrachtet, sogar als ein Vorteil. Denn in den Details zeigen sich die Skurrilitäten Boschs, seine bizarren Gestalten und all die kleinen Schreckgespenster um so deutlicher. Was in dem Bild selbst, „Die Versuchung des Heiligen Antonius“, schwer zu erkennen ist, etwa der Baum, der mit dünnen Geäst einer nackten Frau zwischen die Beine greift, beobachtet von einer kleinen grünen, deutlich gehörnten Teufelsfratze, das steht auf diese Weise deutlich vor unseren Augen.

Doch leider enthält das ganze Buch mehr Nooteboom als Bosch, mehr Empfindung als Deutung.

Der Autor beruft sich eingangs auf Roland Barthes, demzufolge sich keine Erinnerung „getreu“ wiedergeben lasse. Das mag so sein. Cees Nooteboom war wohl kaum über zwanzig Jahre alt, als er zum ersten Mal im Prado von Madrid vor einem Bild eines „Holländers“ stand, „Der Heuwagen“, ein Bild, das ihn nie wieder loslassen sollte. Einundsechzig Jahre später stand Nooteboom wieder vor diesem Bild von Hieronymus Bosch und er fragte sich, was er wohl damals, beim ersten Anblick dieses bis heute rätselhaften Gebildes, gedacht haben mag.

Hinter dieser mehr für den Autor als für den Leser interessanten Frage steht allerdings ein weiter reichendes Problem: „Sehe ich, weil sich meine Art zu schauen verändert hat, jetzt ein anderes Bild? Und falls das für mich gilt, was bedeutet das dann für meine Zeitgenossen? Sehen sie dasselbe Gemälde, das Hieronymus Bosch in seiner Werkstatt sah, nachdem er beschlossen hatte, es sei fertig?“ Das führt ihn zu einer weiteren Frage: „Was hat ein Schriftsteller aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert mit einem Maler aus dem fünfzehnten gemein?“

Nur: Ist das wirklich die Frage? Nooteboom konstatiert sogar noch, dass er, der Holländer, die Sprache, die seine Landsleute vor fünfhundert Jahren gesprochen haben, gar nicht mehr verstehen könnte und zitiert seinen Kollegen Harry Mulisch, der einmal gesagt hat, das Beste sei, „das Rätsel zu vergrößern“. Nur zieht er keine Konsequenzen aus dieser Einsicht. Denn es geht ja nicht um etwaige Gemeinsamkeiten, sondern darum, die Fremdheit in den Bildern von Hieronymus Bosch festzuhalten.

Man hat Bosch gern und oft mit den Surrealisten des 20. Jahrhunderts verglichen und ihn etwa als Vorläufer von Max Ernst oder Dalí begreifen wollen. Deuten Boschs Phantasien tatsächlich auf die Schrecknisse von Kafkas „Strafkolonie“ oder seiner „Verwandlung“ voraus? Projizieren wir da nicht genau das in die Bilder hinein, was wir aus ihnen herauslesen wollen? Sollten wir aber nicht eher zu begreifen versuchen, was uns von Boschs Welt trennt. Die Rätselhaftigkeit der surrealistischen Bilder ist der hoffnungslose Versuch, die von der Aufklärung eingeebnete Transzendenz mit ästhetischen Mitteln wiederzubeleben, während Boschs Bilder uns zeigen, was sich zwischen Himmel und Erde alles tummelt. Das heißt: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns inzwischen eine Hölle auf Erden geschaffen haben und dazu keinen Himmel mehr brauchten.

„Visionen eines Genies“

So lautet der Titel der großen und tatsächlich grandiosen Ausstellung des Malers Hieronymus Bosch in ‘s-Hertogenbosch.

Der Titel impliziert einige Annahmen, darunter die, dass die seltsamen Gebilde, die Bosch auf Leinwand und Papier brachte, seiner Einbildungskraft entsprungen seien. Richtig daran ist, dass Bosch die zu seiner Zeit vorliegenden Bilder des Schreckens, die sich auf einzelne Motive stützten, bei Cranach oder Hans Baldung Grien zum Beispiel, in einer „Vision“ zusammengeführt hat. Dennoch lenkt uns diese Annahme in eine falsche Richtung. Denn, angenommen, all die käferartigen Menschen oder menschenartige Käfer, die Fische in Lederstiefeln oder die kleinen grünen Teufelchen gingen auf Boschs „Visionen“ zurück: Sicher hat der Maler über eine höchst originelle Phantasie verfügt, möglicherweise sogar mit krankhaften Zügen. Manche der Prozessionen, in denen er seine Figuren an uns vorbei defilieren lässt, können nicht nur Kindern noch immer einen Schauer den Rücken hinunterjagen. Vielleicht aber führt die umgekehrte Perspektive zu interessanteren Ergebnissen. Geht man davon aus, dass diese Bilder nicht als krankhafter etc. Auswurf einer armen Seele, sondern als präzises Abbild einer krankhaften Welt zu betrachten sind, dann erschließt sich vielleicht etwas mehr von dem Rätsel, vor das uns diese Bilder stellen. Der berühmte holländische Kulturhistoriker Johan Huizinga beschreibt in seiner großen Studie „Herbst des Mittelalters“ als Ausgangspunkt seiner Überlegungen: „Das späte Mittelalter ist nicht Ankündigung eines Kommenden, sondern ein Absterben dessen, was dahingeht.“ Das betrifft unter anderem auch unseren gesamten Gefühlshaushalt, unser Empfinden, nicht nur für Grausamkeit, auch das Rechtsempfinden. So haben die Leute von Mons, wie in einer „Chronique“ von Saint Denis noch zu lesen ist, einen gefangenen Räuberhauptmann für einen viel zu hohen Preis gekauft, nur um ihn öffentlich vierteilen zu lassen. Grausamste Härte und grenzenlose Rührseligkeit gehen noch eng zusammen. Huizinga resümiert: „Das Volk kann sein eigenes Los und die Ereignisse der Zeit nicht anders erfassen denn als eine unaufhörliche Abfolge von Mißwirtschaft und Aussaugung, Krieg und Räuberei, Teuerung, Not und Pestilenz. Die chronischen Formen, die der Krieg anzunehmen pflegte, die fortwährende Beunruhigung von Stadt und Land durch allerlei gefährliches Gesindel, die ewigen Bedrohungen durch eine unzuverlässige Gerichtsbarkeit und außerdem noch der Druck von Höllenangst, Teufels- und Hexenfurcht hielten ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit wach, das wohl dazu angetan war, den Hintergrund des Lebens schwarz zu färben.“

Die Frage, die sich uns heute stellt, sollte darum weniger auf die Originalität des Malers zielen als vielmehr auf die allgemeinen „Visionen“ seiner Zeit. Was hat Bosch aufgenommen von den Ängsten und Alpträumen, von denen sich seine Zeitgenossen geplagt sahen?
Anders, und zugegeben auch etwas (zu) allgemein gesagt, auf den Bildern des Hieronymus Bosch sehen wir ein Weltbild. Das Weltbild des ausgehenden Mittelalters, einer Zeit, die wir, ehrlich gesagt, kaum mehr begreifen können. Es ist uns unmöglich, die Ängste und Qualen, unter denen die Menschen damals gelitten haben, nachzuempfinden. Ebenso wenig können wir die Hoffnungen, die sie sich gemacht haben, noch verstehen. Es ist, mit einem Wort gesagt, der Unterschied ums Ganze.

Dafür gewinnen wir aber eine Vorstellungen von dem, was uns die Aufklärung gebracht hat: die Befreiung vom Glauben und dem dazugehörigen Aberglauben. Und den Verlust von Himmel und Hölle zugleich.

Es lohnt sich also, nach Holland zu fahren und im Original zu sehen, was uns Hieronymus Bosch hinterlassen hat. Es ist viel.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 24.3.2016

Hieronymus Bosch, Der Heuwagen, um 1516, Madrid, Museo Nacional del Prado. Quelle: Wikimedia Commons

Ausstellung

Hieronymus Bosch – Visionen eines Genies

13. Februar – 8. Mai 2016

Het Noordbrabants Museum ’s-Hertogenbosch

Hieronymus Bosch, Das Weltgericht, ca. 1495-1505, Brügge, Groeningemuseum
Foto: Rik Klein Gotink and image processing Robert G. Erdmann for the Bosch Research and Conservation Project

Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Fragment), ca. 1500 – 10, Kansas City, Missouri, The Nelson-Atkins Museum of Art, purchase William Rockhill Nelson Trust
Foto: Rik Klein Gotink and image processing Robert G. Erdmann for the Bosch Research and Conservation Project

Cees Nooteboom
Reisen zu Hieronymus Bosch. Eine düstere Vorahnung
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Gebunden, 76 Seiten
ISBN-13: 9783829607469
Verlag Schirmer/Mosel, München 2016

Buch bestellen

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, Mitteltafel des Tryptichons, Madrid, Museo Nacional del Prado. Quelle: Wikimedia Commons

Hieronymus Bosch, Death and the Miser, ca.1500 – 10, Washington, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection
Foto: Rik Klein Gotink and image processing Robert G. Erdmann for the Bosch Research and Conservation Project