Nachdem das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt bereits 2014 Einblick in Ferdinand Kramers gestalterisches Werk gegeben hatte, widmet sich das Deutsche Architekturmuseum noch bis zum 1. Mai 2016 den Bauten des „Architekten der Kritischen Theorie“. Geboten wird eine schlüssig aufbereitete Ausstellung und ein lesenswertes Begleitbuch in Deutsch und Englisch mit Werkverzeichnis der Entwürfe und Bauausführungen Kramers, berichtet Isa Bickmann.

Der Architekt Ferdinand Kramer

»Wenn es allen gefällt, ist etwas falsch«*

In den 12 Jahren als Leiter des Bauamts der Hochschule hat Ferdinand Kramer die Außenwirkung der Frankfurter Goethe-Universität maßgeblich beeinflusst. Schon während der Bauzeit gab es reichlich kritische Stimmen, aber auch heutzutage hadert manch einer mit den Gebäuden. Zum schlechten Image der Gebäude kommt hinzu, dass deren Pflege und Instandsetzung über die Jahrzehnte sträflich vernachlässigt worden sind. Der Reiz der Universitätsgebäude in Frankfurt-Bockenheim erschließt sich noch am ehesten über die Fotografien, die Norbert Miguletz für die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum aufnahm. Wer diese Bilder aufmerksam betrachtet, wird nun vielleicht den wehrhaften Charme der Kramer-Gebäude erkennen – kurz bevor es zu spät ist.

Andererseits: Erleben diese Bauten nicht jetzt das, was ihr Erschaffer 1953 dem Hauptportal des Jügelhauses angetan hatte, indem er den neobarocken Portal aufbrechen ließ und fremdkörperartig etwas Neues hineinsetzte? Kramers heute ohnehin sanierungsbedürftige Universitätsbauten stehen vor dem Abriss oder einer Umnutzung. Also: das Alte zerstören, weil eine dem Bedürfnis der Zeit angemessene Funktion als vorrangig angesehen wird? Ein Wiederaufbau jedenfalls, wie er heute in der Frankfurter Altstadt praktiziert wird, war Kramers Sache nicht: Das hielt er für eine „Schnapsidee“. (Zit. Kat. S. 28)

Das Unbehagen

Dekorlosigkeit und Funktionalität sollten Teil einer „universalen Erziehung“ sein. (Kat., S. 38) Zudem standen Kramers Universitätsbauten im Zeichen der Massenuniversität, der Demokratisierung des Hochschulbetriebs. Weniger raumsensiblen Geschöpfen war das egal, andere wie Martin Mosebach, der in den siebziger Jahren in Frankfurt Jura studierte und die „erstickende Hässlichkeit“ der Räume, „klaustrophobischen“ Treppenhäuser und das Beschmierte und Beklebte als „überwiegend unbewusste[n] Versuch, diese Produktionshallen des Geistes irgendwie zu vermenschlichen“, auffasste (Kat., S. 107). Der Nihilismus der Optik, die Kälte der Bauten bewegen noch heute Mosebach, wenn er im Interview über sie spricht. Sein Fazit: „Kramers Architektur gehört in eine geistig und politisch sehr schwierige Übergangszeit, in der etwas anderes vielleicht auch gar nicht möglich gewesen wäre, die aber abgeschlossen ist und keine Sehnsucht nach ihr erweckt.“ (Kat., S. 110)
Lore Kramer, Witwe des Künstlers, Hüterin des Kramer-Archivs und Verteidigerin seines Werkes, berichtet, dass es ihrem Mann wehgetan habe, wie wenig die Universität die Gebäude gepflegt hat. Und die Resultate dieser mangelnden Fürsorge sind auch ein Grund für das Unbehagen, das sie bei manchen hervorriefen und noch immer hervorrufen.
Der Ausstellung im Architekturmuseum, mit fünfmonatiger Dauer sehr lang angesetzt, gelingt es, Kramers Werk mit Sympathie vorzustellen, ohne kritischen Fragen auszuweichen. Die Präsentation ist gegliedert nach Tätigkeitsorten.

Der Architekt wird 1898 in Frankfurt geboren. Sein Vater führt ein bekanntes Hutgeschäft. Nach Notabitur und Kriegsdienst in Russland und Frankreich beginnt Ferdinand Kramer 1919 ein Architekturstudium in München, unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt am Bauhaus in Weimar. Nach Ende des Studiums erhält er 1922 seinen ersten Auftrag für ein Wohnhaus am Starnberger See. Doch es bleibt nach der Weltwirtschaftskrise schwierig, als Architekt zu arbeiten. 1925 wird er in das Team um Ernst May berufen und kommt in die Abteilung „Typisierung“ des Frankfurter Hochbauamts. Er entwirft Hausgeräte wie den „Volksofen“, genannt „Kramer-Ofen“ von 1926, ein praktischer Kleinofen, der sich durch eine hohe Energieausbeutung auszeichnete. Möbel werden entwickelt u.a. auch der bekannte Kramer-Stuhl, ein Vielzweckstuhl, der in Heerscharen die späteren Unigebäude bevölkerte und heute noch vielerorts zu finden ist.

Kramer verlässt nach Fertigstellung der Siedlung Westhausen in Frankfurt-Praunheim – ein „durch und durch soziales Projekt“, das zu 75 Prozent an Arbeiterfamilien vermietet wurde und ganz dem Thema „Licht, Luft, Sonne“ verschrieben war – das Hochbauamt und arbeitet als selbstständiger Architekt. 1933 tritt er aus dem Deutschen Werkbund aus wegen des Ausschlusses der jüdischen Mitglieder. Um seinen Beruf weiter ausüben zu können, sieht er sich allerdings gezwungen, in die Reichskammer der bildenden Künste einzutreten. Da seine erste Frau, Beate Feith, eine Designerin, die er 1930 heiratete, jüdische Wurzeln hat, wird er 1937 aus der Reichkammer ausgeschlossen. Seine Frau verlässt Deutschland, er folgt ihr 1938 nach.

Praktikabilität

Nicht einfach ist der Neuanfang in den USA. Er entwirft Designobjekte wie die Knock-Down-Faltmöbel, die das IKEA-Konzept vorwegnehmen und eine Reihe von „County-Houses“, Typenhäuser, die in einfachem, sehr amerikanischem Stil erbaut werden. Die Mobilität von Leben und Wohnen bestimmt seine Entwürfe.

Die engen Kontakte zum Institut für Sozialforschung, das sich seit 1934 in amerikanischer Emigration befindet und 1951 nach Frankfurt zurückkehrt, helfen Kramer, wieder in seinem Heimatland Fuß zu fassen. Max Horkheimer, nun Rektor der Goethe-Universität, beruft ihn nach Frankfurt, das Ehepaar Adorno zählt er zu seinen Freunden. Ferdinand Kramer sei mit „Leib und Seele Frankfurter“ gewesen, berichtet Lore Kramer. Sie selbst erinnert sich an Autofahrten mit Kramer, Teddy und Gretel Adorno. Alle drei seien voller Freude gewesen, wieder in der Heimat zu sein, das „wunderschöne Land mit den bösen Menschen“. Für Kramer bedeutet die Rückkehr Anerkennung und Respekt, doch trübt das Menschliche sein Wohlbefinden. Er findet die Deutschen „zynisch, böse und hässlich“ (Kat., S. 33).

Die Arbeit als Baudirektor und Leiter des Bauamts der Universität Frankfurt macht ihm Spaß. Zuerst erstellt er einen Generalbebauungsplan. Im Hauptgebäude, dem Jügelhaus, erweitert er den schmalen, gerade instandgesetzten Eingang, was der Öffnung und Transparenz des Lehrbetriebs Form gibt. Das Fernheizwerk an der Gräfstraße mit markanter Klinkerfassade und das Amerikahaus am Kettenhofweg entstehen 1953/54. Die Naturwissenschaften erhalten Gebäude, hinzukommen u. a. das fensterlose Hörsaalgebäude (1956/58), das Philosophicum (1958/60), das heute zu einem Studierendenwohnheim umgebaut wird, die Mensa (1962/63) und die Stadt- und Universitätsbibliothek (1959-64). Die Stahlskelettbauweise mit Sichtbeton und Fensterrahmungen aus Stahl, unter Beibehaltung der schon unter May praktizierten Rechtwinkligkeit, macht tragende Wände oder Stützen im Inneren der Gebäude überflüssig. Wände können versetzt werden. Alles in allem unterliegen alle Gebäude einer Konstruktion, die der Praktikabilität unterworfen ist. Der Aufenthalt im Gebäude zum Zwecke des Studiums und der Wissenschaft braucht Licht, Raum, freien Zugang.

Kramer verliert seine amerikanische Staatsbürgerschaft, was seine erste Frau nicht riskieren will und daher den Nachzug verweigert. Sie trennen sich, er heiratet Lore Koehn, Dozentin an der Werkkunstschule Offenbach, der heutigen Hochschule für Gestaltung. 1964 erfolgt die Pensionierung, er arbeitet wieder als selbständiger Architekt und baut einige Privathäuser. 1985 stirbt er in Frankfurt.

Der menschliche Gebrauchswert

Die Frankfurter Ausstellung würdigt Ferdinand Kramers Lebensleistung, spart allerdings auch nicht die kritischen Stimmen aus, wie man im Katalog nachlesen kann. Um den „Architekten der Kritischen Theorie“ geht es im Gespräch mit Alexander Kluge, 1956 bis 1958 Referendar im Universitätskuratorium, und um Kramers Uni-Räume als die „Gefilde“, in denen sich jetzt die Protestbewegung entfaltete.“(Kat., S. 100) 1968 passten die Räume Kramers „eigentlich auffällig zu den Bedürfnissen des studentischen Protests.“ Das aufgebrochene neobarocke Portal wurde zu einem Portal durch das mehrere Menschen gleichzeitig gehen konnten. Das Rektoratszimmer lag nach Willen Kramers im Erdgeschoss, nicht über den Köpfen der Studierenden. Alexander Kluge differenziert im Kataloginterview: „Es ist eine für Menschen gebaute Architektur. Insofern beharrt er gegenüber einem bloßen Funktionalismus, was immer das auch wäre, stets auf dem explizit menschlichen Gebrauchswert. Das ist eigentlich das, was man das Pathos seiner Bauweise nennen könnte. Das heißt, es gibt ein Aufsteigen von der Abstraktion zur Konkretion. Und die Konkretion, der Wahrheitsbeweis für gute Baukunst, erweist sich, wenn Leben im Bau ist.“ (Kat., S. 98)
Beschäftigt man sich länger mit der Person Kramers, wird deutlich, wie menschlich doch seine Architektur sein wollte. Und dann blickt man auf die offenen, oftmals variablen Formen mit einem neuen Blick. Dass die alte Mensa, deren Abriss schon geplant ist, Geflüchtete beherbergen soll, hätte Kramer, der selbst Flüchtling war, sicher gefallen, bemerkte einer der Ausstellungskuratoren, Philipp Sturm, angesichts der Zwischennutzungspläne.

* so zitierte ihn Lore Kramer im „Erzählcafé“, Veranstaltung im DAM, 20.1.2016

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erstellt am 23.3.2016

Porträt Ferdinand Kramer, 1970
© Privatarchiv Kramer; Foto: Horst Trebor Kratzmann

Ausstellung

Linie Form Funktion. Die Bauten von Ferdinand Kramer

28. November 2015 – 1. Mai 2016

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Siedlung Westhausen in Frankfurt-Praunheim mit Ferdinand Kramer (1929-31), Foto: 1929
© Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt. Foto: Paul Wolff

Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum
© Foto: Fritz Philipp

Ferdinand Kramer: Hörsaalgebäude I (1958) Goethe-Universität Frankfurt, Foto: 2015
© DAM, Foto: Norbert Miguletz

Biologisches Camp, Goethe-Universität Frankfurt
© Privatarchiv Kramer, Foto: Herbert Schwöbel, 1956

Ausstellungskatalog:

Wolfgang Voigt, Philipp Sturm, Peter Cachola Schmal (Hrsg.)
Ferdinand Kramer. Die Bauten
The Buildings of Ferdinand Kramer
Text: deutsch/englisch
176 Seiten mit 306 meist farbigen Abbildungen
ISBN: 978 3 8030 0797 1
Wasmuth Verlag, Tübingen 2015

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