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In Stuttgart hat Christoph Marthaler „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach inszeniert. Dabei holt er sich Anregungen bei den Surrealisten und verweist auf Verwandtschaften zwischen diesen und dem Romantiker Hoffmann. Musikalisch ist der Abend ein uneingeschränktes Vergnügen. Nicht zuletzt deshalb lohnt sich Reise an den Neckar, meint Thomas Rothschild.

Oper

Eine Liebesheirat

Das darf man wohl als Liebesheirat klassifizieren: Christoph Marthaler inszeniert „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Die äußerst modern wirkende Skurrilität von E.T.A. Hoffmanns Figuren, der musikalische Schwung Offenbachs und Marthalers Bühnenästhetik – da kann eigentlich gar nichts schief gehen. Es handelt sich um eine Koproduktion der Stuttgarter Oper mit dem Teatro Real in Madrid, die noch von Gerard Mortier – von wem sonst? – angeregt wurde und nun in Stuttgart angekommen ist, bei der Premiere am Schluss leidenschaftlich umjubelt. Die meisten Rollen sind doppelt besetzt, aus Madrid wurden nur einzelne Interpreten übernommen.

Eine Liebesheirat, wie gesagt, aber Marthaler diszipliniert sich oder lässt sich, wir wissen es nicht genau, vom Dirigenten Sylvain Cambreling disziplinieren, der die vierstündige Fassung der den Rahmen einer Operette sprengenden, erst nach Offenbachs Tod im Jahr 1881 uraufgeführten „fantastischen Oper“ mit der komplizierten Entstehungsgeschichte und der undurchschaubaren Quellenlage hergestellt hat. Das Orchester darf, anders als bei Marthalers Basler „Großherzogin von Gerolstein“, bis zum Ende spielen, seine vertrauten fallenden, die Wände hochkletternden, zyklisch die Bühne durchschreitenden Irritationsfiguren kommen nur am Rande vor.

Die Inszenierung holt sich Anregungen bei den Surrealisten und verweist auf Verwandtschaften zwischen diesen und dem Romantiker Hoffmann. Das überzeugt. Sie verzichtet aber darauf, die Symbolik und gar deren ohnedies offensichtliche aktuelle Entsprechungen zu überstrapazieren, etwa die des entseelten Menschen im Automaten oder des Gegensatzes von Kunst und Leben.

Anna Viebrock hat wieder einen ihrer vieldeutigen Räume gebaut, ein hohes, neonbeleuchtetes Zimmer mit ausrangierten Kinostühlen unter einer zeigerlosen Uhr, einer Bar, zunächst als Studio für Aktzeichner mit wechselnden Modellen ausgestattet, später mit Billardtischen angefüllt. Einzelne Darsteller sitzen oder stehen, oft regungslos und mit Ausdauer, an einer Stelle wie in einem Bild der Neuen Sachlichkeit.

Musikalisch ist der Abend ein uneingeschränktes Vergnügen. Marc Laho gibt – in der Premierenbesetzung – einen strahlenden Hoffmann, souverän in der Intonation, differenziert in den Gefühlsschattierungen. Ana Durlovsky als Olympia, Mandy Friedrich als Antonia und Simone Schneider als Giulietta überbieten einander nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch in drei Rollen, die gelegentlich nur von einer einzigen Sängerin interpretiert werden, und Sophie Marilley als Muse/Niklas steht ihnen in nichts nach. Den Baritonpart von Lindorf/ Coppelius/ Mirakel und Dapertutto gestaltet Alex Esposito als vollwertige geheimnisvolle Gegenfigur zu Hoffmann. Den Wirt Luther, dessen historisches Vorbild bekanntlich Lutter heißt, singt der formidable Roland Bracht, ein Festposten des Stuttgarter Ensembles, auf das Intendant Jossi Wieler deklariertermaßen baut, um es nur ausnahmsweise durch Gäste zu ergänzen. Auch der Chor hält das hohe Niveau, das man in Stuttgart mit gutem Grund von ihm erwartet, und darf mit offenkundiger Spielfreude die unsinnigen Gesten wiederholen, die ihnen Marthaler und die Choreographin Altea Garrido, die zugleich die Stella spielt, abverlangen. Kurz vor dem Ende spricht sie einen Text von Fernando Pessoa. Der hat zurzeit Konjunktur. Erst neulich wurde er in die in Heidelberg uraufgeführte Oper „Pym“ von Johannes Kalitzke in den Kontext von Edgar Allan Poe eingebaut.

Christoph Marthaler hatte noch in der Riege der interessanten Regisseure gefehlt, die Jossi Wieler an die Stuttgarter Oper geholt hat. In der nächsten Spielzeit wird Frank Castorf folgen. Eine Reise an den Neckar lohnt sich. Wegen der Inszenierungen von Jossi Wieler und Sergio Morabito sowieso, aber zunehmend auch wegen der Gastregisseure.

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erstellt am 21.3.2016

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Oper

Hoffmanns Erzählungen

Von Jacques Offenbach

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling, Gregor Bühl
Regie Christoph Marthaler
Regie-Mitarbeit Joachim Rathke
Bühne und Kostüme Anna Viebrock

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer