„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert. Und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten.“, schrieb der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg. Und tatsächlich hatte er, wie Otto A. Böhmer weiß, einmal Gelegenheit, diese Behauptung in einem privaten Kriminalfall in Anwendung zu bringen. Sogar noch vor der Drucklegung.

Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg

Die Klunker des Königs

Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg saß im Bett und konnte nicht schlafen. Neben ihm lag seine Haushälterin und Lebensgefährtin Margarete Kellner; sie schlief wie immer fest, und das beileibe nicht, ohne Laut zu geben: Sie röchelte und schnaubte, sie seufzte und ächzte und verfiel schließlich in das von Lichtenberg besonders gefürchtete gleichmäßige Schnarchen, das ihn regelmäßig vom Lager hob und an Flucht denken ließ. „Die erbarmungslosesten Schlachten finden im ehelichen Schlafgemach statt“, knurrte er. „Und es gibt kein Edikt, das den Schlafsuchenden dieser Welt Beistand gewährt, wenn der Schnarchhahn den Kamm aufstellt.“ Er stand auf und begab sich mit schlurfendem Schritt in sein Arbeitszimmer, wo er in seinem geliebten Ohrensessel Platz nahm. Die nahe Kirchturmuhr schlug Mitternacht; Geisterstunde, dachte Lichtenberg. Aber wenn heutzutage schon keine anständigen Geister mehr ihr Wesen und Unwesen treiben, dann sollte es wenigstens ein Einbrecher sein, der mal hereinschaut und einem eine gute Nacht wünscht. In diesem Augenblick hörte er Schritte im Garten; „da kommt er ja schon, mein Herr Einbrecher“, murmelte der Philosoph. „Ob er auch nur annähernd ermessen kann, welch merkwürdiges Risiko er mit mir eingeht?“ Lichtenberg saß wie ausgestopft in seinem Sessel; er war die Spinne, der man ins Netz ging oder aber mit einem Schlag den Garaus machte. Er sah, dass sein geheimnisvoller Besucher sich draußen ein Licht aufgesteckt hatte und näher kam – den Schritten nach ein großer, schwerer Mann, der sich nicht sonderlich geschickt darum bemühte, leise zu sein. Immerhin gelang es ihm, ohne Schwierigkeiten die Haustür aufzuhebeln; im Wohnzimmer wird er nicht viel finden, dachte Lichtenberg. Also wird er bald bei mir sein. Der Mann machte sich jetzt im Nebenraum zu schaffen; er schien sich sicherer zu fühlen, denn er wurde lauter und fahriger. Als er nicht fand, was er suchte, stieß er einen unterdrückten Fluch aus. Dann tappte er hinüber ins Arbeitszimmer und stand mit einem Mal vor dem Ohrensessel des Philosophen. „Guten Abend, mein Herr“, sagte Lichtenberg, „ich habe Euch schon länger erwartet. Nehmt doch unverbindlich Platz.“ Der Mann war, wie nicht anders zu erwarten, verblüfft; er starrte den im Halbdunkeln kauernden Philosophen an und tat, wie ihm geheißen. „Verzeihung“, meinte Lichtenberg. „Ich glaube, es wäre gemütlicher, wenn wir ein bisschen mehr Licht hätten.“ Von sympathischen Zügen keine Spur, dachte der Philosoph, als er seinen Besucher genauer betrachten konnte. Er hat die Visage eines veritablen Dummkopfs, dem ein einziger guter Gedanke sicher schon gewaltiges Schädeldrücken verursachen würde. Ich möchte ihm nicht im Dunkeln begegnen, diesem Herrn, denn er würde auch seine Mutter prügeln, um an einen Saufgroschen zu kommen. Irgendwo habe ich den Mann schon gesehen: wahrscheinlich einer meiner missratenen Studenten. „Mein Herr“, sagte Lichtenberg. „Wir sollten es uns noch ein wenig angenehmer machen. Seht Ihr die Karaffe dort und die Weingläser? Schenkt uns doch von dem Roten ein; es ist ein Buxdorfer Beamtenschlegel, falls Euch das etwas sagt. Ein vorzüglicher Tropfen.“

„Schluss jetzt!“ brüllte der Mann. „Ich will …“ „Mein Herr!“ sagte Lichtenberg streng. „Mäßigen Sie Ihre Stimme. In diesem Hause wird geschlafen.“ „Schluss jetzt!“ zischte sein Gegenüber. „Ich will die Klunker des Königs!“ „Sie meinen vermutlich die kleinen Preziosen, die ich seinerzeit die Ehre hatte, vom König von England geschenkt zu bekommen. Die aber kann ich Ihnen nicht geben.“ – „Und was ist das hier?“ rief der Mann und zog eine Pistole hervor. „Ja, was haben wir denn da“, sagte Lichtenberg. „Eine Pistole. Können Sie denn damit auch umgehen?“ „Und ob“, knurrte der Besucher. „Ich kann jederzeit einen toten Professor aus Ihnen machen.“ „Darf ich Ihnen einen besseren Vorschlag unterbreiten“, sagte Lichtenberg. „Da die von Ihnen so genannten Klunker nichts für Sie sind, möchte ich Ihnen etwas anderes zukommen lassen, etwas viel Wertvolleres, Besseres.“ „Und das wäre?“ fragte der Mann. „Trinken Sie Ihr Glas aus, schenken Sie nach, mir notabene auch, und dann hören Sie mir ganz einfach nur zu. Ich werde Ihnen etwas vorlesen, aus dem Ihnen ohne weiteres klar wird, wo die wirklichen Schätze in diesem Hause liegen. Dazu solltet Ihr Euch zweckmäßigerweise in meinen Sessel begeben, da sitzt es sich weitaus bequemer, während ich, mit Verlaub, an meinen Schreibtisch muss.“ „Ich warne Euch“, sagte der Mann, „versucht nicht, mich hinters Licht zu führen!“ „Ihr habt doch eine Pistole!“ sagte Lichtenberg. Das schien seinen Gast zu überzeugen, und er tat, wie ihm der Philosoph empfohlen. „Nehmt noch einen Schluck“, sagte Lichtenberg, „denn nun fange ich an.“ – Er hatte ein Manuskriptblatt zur Hand genommen, aus dem er mit sanftester Stimme vorzulesen begann: „Wenn man jung ist, weiß man kaum, dass man lebt. Das Gefühl von Gesundheit erwirbt man sich nur durch Krankheit. Dass uns die Erde anzieht, merken wir, wenn wir in die Höhe springen, durch Stoß beim Fallen. Wenn sich das Alter einstellt, so wird der Zustand der Krankheit eine Art von Gesundheit, und man merkt nicht mehr, dass man krank ist. Bliebe die Erinnerung des Vergangenen nicht, so würde man die Änderung wenig merken. Ich glaube daher auch, dass die Tiere nur in unseren Augen alt werden. Ein Eichhörnchen, das an seinem Sterbetage ein Austerleben führt …“

Aus den Augenwinkeln sah Lichtenberg, dass schon eingetreten war, was er erhofft hatte: Dem Mann waren die Augen zugefallen; der Kopf sank ihm auf die Brust, und er begann zu schnarchen wie ein Pferd. „… ist nicht unglücklicher als die Auster“, schloss der Philosoph. – Es lebe die Philosophie, besonders meine. Sie ist wirksamer als die stärkste Medizin. – Nun habe ich also zwei Schnarcher im Haus, von denen zumindest der eine ein Fall für die Gendarmerie ist.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 16.3.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg
Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg