Gila Lustiger hat die Pariser Terroranschläge am 13. November 2015 aus großer Nähe miterlebt. Die in Frankfurt am Main aufgewachsene Autorin hat nun einen großen Essay unter dem Titel „Erschütterung – Über den Terror“ veröffentlicht. Gila Lustiger gelingt eine kluge Analyse der Ursachen des Terrors, meint Harry Oberländer.

Buchkritik

Gegen die Ohnmacht

Es war der Abend des 13. November 2015, als ich zu Hause vor dem Fernseher saß. Das Fußballländerspiel Frankreich gegen Deutschland stand in der 17. Minute noch unentschieden null zu null, als ich die erste Detonation hörte. Das war 21:20 Uhr. Der Reporter Tom Bartels kommentierte: „Ich weiß nicht, ob Sie das laute Geräusch gehört haben. Wird einem mal kurz anders. Klang wie eine Explosion. Leute schauen sich um hier: nichts zu erkennen. Nach einer Bombendrohung gegen das Hotel der deutschen Mannschaft heute wird deinem da schon mal mulmig.“ Die Kamera schwenkte auf die Ehrenloge des „Stade de France“. François Hollande im Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier. Noch wusste niemand, was geschehen war. In der 20. Spielminute der zweite laute Knall. Reporter Bartels beschrieb die Situation später als die schlimmste seiner Karriere: „Das war eine perverse Situation. Ich war überfordert. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, dass Menschen sterben während eines Sportereignisses. Es war grausam, mit Worten nicht zu beschreiben und zu lösen.“

Die beiden Selbstmordattentäter vor dem Stadion rissen einen Passanten mit in den Tod. Es war ihnen nicht gelungen, wie geplant in das Stadion einzudringen. Um 21.25 eröffneten Angreifer das Feuer auf Gäste, die auf den Terrassen des Asia-Restaurants „Le Petit Cambodge“ und der gegenüberliegenden Bar „Le Carillon“ im 10. Pariser Bezirk saßen. Mindestens 15 Menschen wurden im Kugelhagel getötet. Um 21.32 Uhr schossen in der Nähe des „Le Petit Cambodge“ Attentäter mit Schnellfeuergewehren auf Gäste der Bar „Bonne Bière“. Fünf Menschen wurden getötet. In der weiter südlich gelegenen Rue de Charonne attackierten die Attentäter um 21.36 Uhr die Bar „La Belle Equipe“. Auf der Terrasse der Bar wurden mindestens 19 Menschen getötet. Am Boulevard Voltaire nahe dem Platz der Republik gab es gegen 21.40 Uhr einen weiteren Angriff: Ein Selbstmordattentäter zündete im Café „Le Comptoir Voltaire“ seinen Sprengstoffgürtel und verletzt einen Menschen schwer.

Nahezu zeitgleich stürmten um 21.40 drei Angreifer den nahegelegenen Konzertsaal Bataclan, in dem die US-Band Eagles of Death Metal vor rund 1500 Zuhörern ein Konzert gab. Die Angreifer eröffneten das Feuer und nahmen die Zuhörer als Geiseln. Um 21.53 Uhr gab es 400 Meter vom „Stade de France“ entfernt eine dritte Explosion, wenig später wurde der Leichnam des Selbstmordattentäters gefunden. Um 00.20 Uhr stürmte die Polizei das Bataclan. Zwei der Attentäter zündeten ihre Sprengstoffgürtel, der dritte wurde von einer Polizeikugel getroffen, auch sein Sprengstoffgürtel explodierte. Später stellt sich heraus, dass die Täter in der Konzerthalle 89 Menschen getötet hatten.

Informationen sammeln und ordnen

Anders als ich hat Gila Lustiger die Ereignisse aus großer Nähe miterlebt. Anders als ich telefonierte sie voller Angst als erstes in Paris herum, um in Erfahrung zu bringen, ob unter den Opfern des Terrors Freunde und Bekannte waren. Die in Frankfurt am Main aufgewachsene Autorin hat über die Ereignisse einen großen Essay unter dem Titel „Erschütterung – Über den Terror“ veröffentlicht. Die Buchpremiere fand am 11. März 2016 im Hessischen Literaturforum im Mousonturm statt. Seit 1987 lebt Gila Lustiger in Paris. Ihr Gesellschaftsroman „Die Schuld der anderen“ war im Januar 2015 erschienen, eine Woche vor den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt Hyper Cache.

Aus Erschütterung und um gegen ihre Ohnmacht anzugehen, versuchte sie in der Zeit nach den Anschlägen möglichst viele Informationen zu sammeln und zu ordnen. Ihr, die in Israel studiert und gelebt hatte, einem Land, in dem Attentate zum Alltag gehörten, war klar, dass es lähmend sein konnte, sich der enormen Informationsflut auszusetzen. Dennoch sammelte sie akribisch alle zugänglichen Informationen, vor allem auch die, die auf den ersten Blick nebensächlich erschienen. Sie trug sie in Listen ein, die sie wie ihre Einkaufsnotizen und Merkzettel an den Kühlschrank heftete und – wie es von ihrem Vater, dem Historiker Arno Lustiger kannte – schnitt sie Artikel aus Zeitungen aus und legte sich Bücher bereit. Ihren Vater hat sie in dem 2005 erschienenen Familienroman „So sind wir“ liebevoll als einen Menschen beschrieben, der Dummheit und Unheil in der Welt nur in der destillierten Form der Zeitung ertragen konnte. Er hatte die Vernichtungslager der Nazis überlebt und sein großes Werk als Historiker räumte vor allem den Irrtum beiseite, dass es einen jüdischen Widerstand gegen den Holocaust gar nicht gegeben habe. Ganz offensichtlich hat sein Vorbild ihr geholfen, im November 2015 ihre Erschütterung in den Griff zu bekommen.

Bereits in dem 2015 erschienenen Roman „Die Schuld der anderen“ hat Gila Lustiger kenntnisreich über die französische Gesellschaft geschrieben. Ein hartnäckiger Journalist recherchiert einen 27 Jahre zurückliegenden Mord an einer Prostituierten, der scheinbar durch einen DNA – Abgleich aufgeklärt zu sein scheint. Die Recherchen führen den Journalisten in der französischen Provinz auf die Spur eines vertuschten Chemieskandals, aber auch in die Pariser Vorstädte, die Banlieues, in das Rotlichtmilieu ebenso wie in die höchsten Etagen der französischen Politik. Die fiktiven Recherchen des investigativen Journalisten beruhen auf den wirklichen der Autorin und berühren zum Teil die gleichen Themen, die auch den Kern des politischen Essays „Erschütterung“ bilden: Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Korruption und sexuelle Ausbeutung und das Versagen der gesellschaftlichen und politischen Eliten.

Taumel der Zerstörung

Die meisten der islamistischen Attentäter der letzten Jahre kamen aus den Banlieues der Großstädte wie Ismaël Omar Mostefaï, der seine Sprengstoffweste im Bataclan zündete, wie Amedi Coulibaly, der am 9. Januar 2015 im jüdischen Supermarkt 4 Kunden hinrichtete, wie Mohamed Merah, der im März 2012 eine jüdische Schule in Toulouse stürmte und drei Schulkinder und einen Lehrer erschoss. Coulibaly und Merah hatten zuvor schon Polizisten und Soldaten mit Migrationshintergrund umgebracht, die sie als Verräter ansahen. Diesen Taten wie auch den zahllosen gewaltsamen Krawallen seit den 1980er Jahren ist gemeinsam, dass die angegriffenen öffentlichen Einrichtungen nie zentrale Institutionen des Staates waren, sondern Schulen, U-Bahnstationen, Polizeiwachen, Postämter und Rathäuser. Die Aktionen zielten nicht darauf ab, das politische System anzugreifen, sondern auf den Kick, den Taumel der Zerstörung. „Wieso kam es nie zu einem Sturm auf die Bastille?“ fragt Gila Lustiger und antwortet: „Schwindelerregend an den Krawallen war, dass die Jungendlichen der Cités ihre Cités nie verlassen hatten. Sie rebellierten gegen Ausgrenzung, waren aber stets innerhalb der Grenzen ihrer Viertel geblieben. Es gab dort doch keine Zäune. Aber was erzähle ich, es gab sie – sie befanden sich in ihren Köpfen.“

Ein besonderes Augenmerk hat Gila Lustiger auf den antisemitischen Charakter zahlreicher Gewalttaten und Verbrechen gerichtet, etwa dem bestialischen Foltermord an dem 23jährigen Handyverkäufer Ilan Halimi, der im Januar 2005 von einer Bande aus der Vorstadt Bagneux entführt wurde, um eine Lösegeld von 450 000 € für ihn zu erpressen. Sie glaubten an die „jüdische Weltverschwörung“ und daran, dass alle Juden unermesslich reich seien. Als das Lösegeld ausblieb, ließen sie ihr Opfer verbluten. Der Anführer der Mörderbande, dessen Eltern von der Elfenbeinküste stammten, sagte später aus, er habe sich von den Filmaufnahmen der Amerikaner aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib inspirieren lassen. „Ich hatte gedacht ,“ schreibt Gila Lustiger, „hier haben wir einen, der die gesamte gewalttätige Geschichte seines Landes, durchzogen von Sklavenhandel und Ausbeutung, kultureller Enteignung und Usurpation, Despotismus, Willkür und Demütigung, Bürgerkrieg und Korruption, in sich aufgenommen und direkt in die französischen Vororte verpflanzt hatte. (…) Warum ein Jude die Folgen tragen musste? Ganz einfach, weil die Machtlosen eine leichtere Beute abgeben, als die Mächtigen.“

Bei aller Bereitschaft, die Ursachen des Terrors zu ergründen und zu beschreiben, insistiert Gila Lustiger zu Recht darauf, dass jeder Täter eine Verantwortung für sein Handeln hat. Derjenige, der sich mit Todesverachtung selbst in die Luft jagt und möglichst viele Opfer mitnimmt, kann sich nicht auf die koloniale Geschichte, die persönliche Demütigung oder die höhere Moral eines Märtyrers des Dschihad berufen. Sie verweist auf Umberto Eco, der als eines der Kennzeichen des urfaschistischen Helden dessen Suche nach dem heroischen Tod ansieht, nachdem zuvor gern andere in den Tod geschickt hat.

Geschichte der verpassten Chancen

Die Stärke von Gila Lustigers Buch über den Terror liegt darin, dass sie einen Versuch unternimmt, einen Essay im engsten Sinne des Wortes geschrieben hat. Sie stellt vor allem Fragen, deren Beantwortung dem Leser überlassen bleibt. Dieser Versuch, ihre eigene emotionale Erschütterung zu überwinden, denkend, schreibend und auch lesend, führt zu einer klugen Analyse der Ursachen des Terrors, zu einer Beschreibung auch der sozialpolitischen und technokratischen Versuche, die Situation in den Banlieues zu verbessern. Angesichts der Hauptursache der gescheiterten Integrationsversuche, der Arbeitslosigkeit, wirken sie oft aufgesetzt, die Überschriften der inflationär verordneten Programme wirken auch durchaus komisch.

Es ist aber nicht nur die Geschichte einer Gesellschaft, die mit ihren Angeboten scheitert. Es ist auf der anderen Seite auch die Geschichte der verpassten Chancen. In Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ kommt ein Mann vom Lande zum Türhüter und bittet um Eintritt in das Gesetz. Der Türhüter vertröstet ihn auf später und lässt in viele Jahre lang auf einem Schemel vor dem Eingang warten. Als es mit ihm zu Ende geht, fragt er den Türhüter, warum er der einzige blieb, der Einlass verlangte und erfährt, dass die Tür für keinen, als für ihn allein bestimmt war. Niemandem wird die Verantwortung für das eigene Handeln abgenommen.

Gegen Ende des Buches schreibt Gila Lustiger auch über die Flüchtlingskrise, über die Situation in Deutschland und Europa und über die Silvesternacht in Köln, die die Stimmung der Aufnahmebereitschaft und Willkommenskultur umschlagen ließ. Gila Lustiger plädiert entschieden für den Wertekanon der westlichen Demokratie, der in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung am 26. August 1789 grundlegend verkündet wurde. Es sind Freiheit und Gleichheit aller Bürger, die Meinungsfreiheit als eines der kostbarsten Menschenrechte und die Erklärung der Rechte der Frau, die frei geboren ist und dem Mann an Rechten gleich bleibt. Ebenso entschieden wie für die Werte der Aufklärung plädiert Gila Lustiger für die Aufnahme der Bürgerkriegsflüchtlinge, wie sie es schon am 21. September 2015 in Frankfurt bei der Entgegennahme des Robert-Gernhardt-Preises getan hatte:

„Nach Kriegsende irrten zehn Millionen Displaced Persons durch Europa: Zwangsarbeiter, Kommunisten, Widerständler, Homosexuelle, Sinti, Roma und Juden, die inhaftiert und deportiert worden waren und meistens auch die Lager und Todesmärsche überlebt hatten. Ich möchte nun keine direkten Parallelen ziehen und doch muss folgendes betont werden: Ohne die Entscheidung der Alliierten, diese Menschen zu versorgen, ihnen ein Dach, Kleidung und Nahrung zu verschaffen, ihre Familien zusammenzuführen, Schulen, Waisenheime und Camps zu errichten, ohne ihre Einsicht, dass der Krieg nach Kriegsschluss noch lange nicht zu Ende war, dass man sich als Sieger und als Mensch um die Opfer zu kümmern habe und um die Verlierer, wären die Überlebenden, darunter meine Familie, wohl gestorben. Dieser Gemeinschaftsgeist soll und kann uns allen heute in Europa ein Beispiel sein.“

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erstellt am 16.3.2016

Gila Lustiger
Erschütterung. Über den Terror
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1332-3
Berlin Verlag, 2016

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