Jossi Wieler hat am Schauspiel Stuttgart ein Stück des Kollegen Fritz Kater inszeniert. „I'm searching for I.N.R.I“ spielt in der Zeit von 1941 bis 1989. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die einander fremder nicht sein könnten und sich doch lieben. Wielers Regie kann man am ehesten als minimalistisch kennzeichnen, meint Thomas Rothschild.

Theater

Katerstimmung

Das Stuttgarter Publikum hat in den zweieinhalb Spielzeiten der Intendanz Armin Petras viel Fritz Kater über sich ergehen lassen. Die beste Aufführung war „zeit zu lieben zeit zu sterben“, nicht etwa, weil das Stück so atemberaubend wäre – das erweist sich als eher bescheidener Rückblick auf eine DDR-Sozialisation mit geringem Informationswert –, sondern weil der Regisseur Antú Romero Nunes über etwas verfügt, woran es dem schreibenden Theaterleiter, der ansonsten gern selbst Regie führt, mangelt: ein ausgeprägtes Gefühl für Timing.

Jetzt hat auch der Intendant der benachbarten Oper, der, anders als Petras, bekanntgegeben hat, dass er seinen Leitungsjob über 2018 hinaus nicht verlängern wird, sozusagen als Vorgriff auf seine Rückkehr zur Sprechtheater-Regie ein Stück des Kollegen inszeniert. Dass ausgerechnet er, der am eigenen Haus nachdrücklich auf dem Ensembleprinzip und dem Verzicht auf Stargäste beharrt, sich seines Lieblingsschauspielers André Jung und der nur gelegentlich in Stuttgart gastierenden Fritzi Haberlandt versichert hat, deutet darauf hin, dass sein Vertrauen in Petras' Personalpolitik nicht grenzenlos ist.

Fritzi Haberlandt und mehr noch André Jung braucht Jossi Wieler freilich auch, um dem diffusen Text, der größtenteils aus Monologen oder vielmehr aus vorgetragenem Erzähltext besteht und nur an wenigen Stellen durch Dialoge unterbrochen wird, Leben einzuhauchen. Denn André Jung ist ein großartiger Schauspieler, der gerade in seinem Understatement, gerade in seiner äußerlichen, gestischen und sprechtechnischen „Durchschnittlichkeit“, in seinem Verzicht auf Mätzchen, zu fesseln vermag. Mit ihm konnte Wieler vor sieben Jahren auch mühelos eins der berühmtesten Ein-Personen-Stücke, Samuel Becketts „Letztes Band“ inszenieren.

Abenteuerliche Lebensläufe

Gespielt, streckenweise auch nur herumgestanden wird auf einer weit nach vorne gezogenen, mit zerborstenen weißen Gipsplatten übersäten Fläche (Bühne und Kostüme: Anja Rabes) und vor einer Breitleinwand, auf die zwischendurch, aber nicht modisch exzessiv aufgezeichnete oder synchron aufgenommene Videos (von Chris Kondek) projiziert werden, darunter eine an den Film noir und spezifisch – durch den zugespielten Jazz – an Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ erinnernde längere Szene. Das ist nicht bloß ein Gag, sondern verleiht auch Zeitkolorit. Denn Fritz Katers Stück mit dem enigmatischen Titel „I'm searching for I.N.R.I“ und dem Untertitel „eine kriegsfuge“, der einem Busoni-Zitat zum Trotz nur ungenau auf die Struktur des Stücks passt, spielt, die Chronologie durchbrechend, in der Zeit von 1941 bis 1989. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die einander fremder nicht sein könnten und sich doch lieben. In ihren konträren, bis zum Klischee abenteuerlichen Lebensläufen spiegelt sich die Kriegs- und Nachkriegsepoche, wie Fritz Kater sie sieht. (Das Geschichtsbild der Nachgeborenen wäre einmal eine eigene Untersuchung wert, etwa wenn ein Mannheimer Journalist bei Richard III als langhaarigem Massenmörder an „Kapitalismuskritik“ denkt – wie bei Theodor W. Adorno, bei Oskar Negt, bei Rudi Dutschke?)

Die Regie kann man am ehesten als minimalistisch kennzeichnen. Auch für sie gilt, was für Antú Romero Nunes gesagt wurde: das Timing, der Rhythmus stimmt. Das beginnt bei den Schriftprojektionen, mit denen Zeit und Ort der einzelnen Abschnitte angekündigt werden, setzt sich fort in der Übereinstimmung von Sprechtempo und schnörkelfreier Gestik und findet seinen Platz beim sparsamen Einsatz von Musik (Wolfgang Siuda). Ästhetisch ist diese Inszenierung im Kammertheater ein Gegenentwurf zu Frank Castorfs üppigem „Tschewengur“ auf der größeren Bühne des Schauspielhauses. Obwohl Aktionen weniger gezeigt werden, wie es dem Theater traditionell entsprochen hat, als von ihnen berichtet wird, wirkt sie nicht statisch. Freilich: das Wort steht im Vordergrund, ihm wird das Visuelle untergeordnet. Und wenn die Fabel auch, trotz oder vielleicht gerade wegen zahlreicher Kolportage-Anleihen, nicht eben überwältigend ist: Fritz Kater verfügt über eine poetische Sprache, die Jossi Wieler, wie er in einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ bekannte, sogar an Kleist erinnert.

Das Programmheft enthält Auszüge aus literarischen Texten, die, so der Dramaturg Jan Hein, neben Filmen der Nachkriegszeit „für das Stück eine Rolle gespielt haben“. In diesem Zusammenhang wird auch an die Erzählung „Der achte Tag der Woche“ von Marek Hlasko erinnert. Sie wurde 1956 und zwei Jahre später in der Verfilmung von Aleksander Ford mit dem polnischen James Dean Zbigniew Cybulski und mit Sonja Ziemann in den Hauptrollen zu einem Schlüsseltext der Gomułka-Ära. Solche Reminiszenzen sind lobenswert. Aber sie legen die Latte hoch.

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erstellt am 12.3.2016

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart: Thomas Aurin

Theater

I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)

Von Fritz Kater

Regie Jossi Wieler
Bühne und Kostüme Anja Rabes

Besetzung André Jung, Fritzi Haberlandt, Manja Kuhl, Lucie Emons, Matti Krause

Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart: Thomas Aurin