Der 1983 im ukrainischen Charkow geborene, in Israel lebende Street-Art-Künstler Klone genießt internationales Ansehen. Bei einem Aufenthalt im russischen Nischni Nowgorod sprach er mit dem dortigen Internetportal Culture in the City über seine Herkunft und seinen künstlerischen Weg, über Subkultur und Street-Art in Israel. Eugen El hat das Gespräch für Faust-Kultur übersetzt.

Gespräch mit dem Street-Art-Künstler Klone

»Mein Zuhause ist in meinem Kopf«

Anna Kosonina: Sie wurden in der Ukraine geboren und zogen als Kind nach Israel. Wie alt waren Sie damals?

Klone: Ich war elf Jahre alt.

Welche Kindheitserinnerungen verbinden Sie besonders mit der Ukraine?

Etwas Besonderes? Ich weiß nicht, da gibt es vieles. Es war eben noch die Sowjetunion.

Haben Sie zu der Zeit Malereien oder Tags auf den Straßen gesehen?

In den Hinterhöfen las man „Zoi lebt“ [Viktor Zoi war ein legendärer sowjetischer Rockmusiker, der 1990 im Alter von 28 Jahren bei einem Autounfall starb – Anm. d. Red.] und dergleichen. Ich wanderte 1994 aus. Damals war von Street-Art keine Rede. Selbst Graffiti steckten in Russland noch in den Anfängen.

Soweit ich weiß, war die Situation in Israel, als Sie dorthin zogen, ähnlich. Wie kam es, dass sie mit Graffiti angefangen haben, ohne dass es eine Umgebung gab, die dies förderte?

Ich habe angefangen zu sprühen, nachdem ich Graffiti irgendwo im Fernsehen gesehen hatte. Es war interessant, was ist das überhaupt, fragte ich mich. Ich bin einfach mit einem Freund rausgegangen, und wir haben es ausprobiert. Der Freund hatte entschieden, dass es ihm reicht, ich habe weitergemacht. Da war ich 16 Jahre alt. Wenn du an einen neuen Ort kommst, ist Graffiti eine Art und Weise, sich diesen Ort anzueignen. Du fängst an, Straßen anhand eigener Malereien zu erkennen. Man fühlt sich wie ein Oberbürgermeister! Noch bevor die Leute deinen Stil zu erkennen beginnen, sprühst du in den Straßen für dich selbst.

Hatten Sie zu dieser Zeit Gleichgesinnte?

Ja. Interessanterweise kamen die meisten Underground-Bewegungen erst mit den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel. Alle Punks und viele andere Bewegungen – das waren Menschen aus der Ex-UdSSR. Bis heute gibt es viele von ihnen. Das ist meine Generation.

Konnte sich in Israel keine eigene Subkultur entwickeln?

Es gab eine Subkultur, aber in begrenztem Maße. Israel ist darauf aufgebaut, dass die Menschen einwandern und ihre Kultur mitbringen.

Gab es zu der Zeit eine Szene von Graffiti- und Street-Art-Künstlern? War sie im Entstehen?

Damals waren wir vielleicht zehn Leute im ganzen Land. Wir kamen manchmal zusammen, um uns auszutauschen, aber es war nicht so leicht, da das Internet noch kaum entwickelt war. Der Austausch kam mit dem Fortschritt der Kommunikationstechnologie. Die Szene begann vor 8 bis 9 Jahren zu wachsen.

Ein häufiger Protagonist Ihrer Bilder ist ein Mischwesen aus Mensch und Tier. Ihren Figuren ist die Kombination menschlicher und tierischer Elemente eigen. Könnten Sie mehr dazu erzählen?

Ich hatte anfangs Menschen und Tiere „vermischt“, um den nächsten Schritt in der Evolution zu entdecken. Es hatte damit zu tun, wie und was wir konsumieren. Die Menschen wollen stets mehr, als sie zum Überleben brauchen. Tiere hingegen töten nur aus Not, fressen und sind erst einmal satt. Mensch und Tier zu vermischen wäre der nächste Schritt. Es muss früher oder später passieren, dass es keine Wahl mehr gibt. Entweder werden die Menschen aussterben oder sie werden begreifen, dass sie schonender mit der Umwelt umgehen müssen, anstatt immer zu konsumieren.

Das heißt, dass das Tierische in diesen Figuren positiv konnotiert ist, den Menschen an die Zügelung seines großen Hungers, seiner Gier erinnernd?

Ja, ich habe ein bestimmtes Set an Tieren: schwarze Katze, Rabe, Fuchs … Sie alle sind Underdogs, in der westlichen Kultur begegnet man ihnen meist negativ. Sie gelten als hinterlistig und böse. Man sagt, sie bringen Unglück. In anderen Kulturen schützen diese Tiere hingegen oft Menschen und andere Tiere. Die meisten meiner Figuren sind Werwölfe. Sie ändern ihr Antlitz, wandeln sich vom Tier zum Menschen. Ich versuche mich auf andere Mythologien zu beziehen. So ändert der Fuchs in der japanischen Mythologie seine Gestalt, ist sehr klug und lebt Hunderte von Jahren, eine Fuchs-Hexe gewissermaßen. In einer anderen Mythologie schützt der Rabe andere Tiere und wandelt sich vom Vogel zum Menschen …

Warum möchten sie diese Tiere in einem neuen Licht zeigen?

Ich verbinde mich selbst mit ihnen. Oft stelle ich mir den Fuchs als mich selbst vor. Und wie ich lebe und arbeite, das hat etwas Werwölfisches. Oft arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen und Medien gleichzeitig. Ich mache Animationsfilme, male und sprühe im öffentlichen Raum, im Atelier, in Ausstellungsräumen. Ich versuche, mich nicht auf eine Sache zu beschränken. Und letztlich sind alle künstlerischen Arbeiten irgendwo Selbstporträts.

In Ihren Arbeiten verwenden Sie oft Texte in russischer Sprache. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Das ist die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin.

Welche Bedeutung hat in Ihrem Leben und ihrem Werk die russische oder die ukrainische Kultur?

Die Geschichten, die in meine Arbeiten einfließen, all diese Füchse und Raben stammen aus meiner Kindheit. Die russische Sprache verbinde ich immer mit meiner Herkunft. Ich denke nicht, dass ich irgendeine Sprache zu einhundert Prozent oder auch nur ausreichend beherrsche. Bei mir mischen sich immer Russisch, Hebräisch und Englisch. Wenn ich über etwas nachdenke, kann ich aus einer Sprache in die andere wechseln. Russisch bedeutet für mich eine bestimmte Richtung und ist im Grunde der Weg zu meinen Wurzeln.

Was empfinden Sie als Ihr Zuhause? Abgesehen von der Wohnung, dem Haus, in dem Sie leben.

Ich denke nicht, dass es ein bestimmter Ort ist. Mein Zuhause ist in meinem Kopf.

Sie malen und sprühen in vielen verschiedenen Städten und Ländern. Wenn Sie an einen neuen Ort kommen, beschäftigen Sie sich erst mit dem Kontext, bevor Sie zu arbeiten beginnen? Unterscheidet sich eine Wandmalerei in Nischni Nowgorod von dem, was Sie zum Beispiel in Deutschland machen?

Sehr oft. Als ich in Hessen malte, entstand ein monumentales Bild, mit Arbeiterklasse und so etwas. In Berlin war es ein eher internationales Thema, denn Berlin ist nicht mehr ganz Deutschland. Wenn ich Zeit habe, versuche ich den lokalen Kontext zu berücksichtigen. Oder die Arbeit ist schlicht eine spontane Reaktion auf den konkreten Ort. Oft arbeite ich ohne Vorskizzen, sondern mache die Skizze kurzfristig, einen Tag vor der eigentlichen Arbeit. Ich langweile mich, wenn eine Vorskizze eine oder zwei Wochen lang einfach nur herumliegt.

Wie wählen Sie die Untergründe für ihre Arbeiten aus?

Sehr oft sind es alte Oberflächen, deren Textur man erkennen kann. Ein weiterer, wichtiger Faktor: Die meisten Menschen, die diese Arbeit sehen werden, sind nicht unbedingt diejenigen, die daran vorbeigehen. Die Arbeiten existieren heute auf mehreren Ebenen – nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch als Abbildung im Internet oder in einem Buch.

Also versuchen Sie, alle möglichen Medien, in denen ihre Arbeiten existieren, zu berücksichtigen?

Ja, mich interessiert, wie die Arbeit als Foto erscheint, und wie ich sie im Vorbeigehen wahrnehmen würde. Sehr oft sind meine Arbeiten nicht viel größer als ein Mensch.

Artem Filatov: Wenn von man Street-Art aus Tel Aviv spricht, meint man einen charakteristischen Stil, eine bestimmte Anzahl von Künstlern und ihren Blick auf die Dinge. Wie ist diese Szene entstanden? Wie kam es dazu, dass die Street-Art-Künstler nun auch jenseits der Straße arbeiten und ausstellen?

Das passierte recht schnell. Als einige meiner Freunde und ich angefangen haben, überall bestimmte Figuren regelmäßig zu sprühen, wurde man auf uns aufmerksam. Wir wurden eingeladen, an Ausstellungen teilzunehmen. Eine Street-Art-Szene gab es in Israel bis vor wenigen Jahren nicht. Ab einem gewissen Zeitpunkt gehörten wir zur Welt der zeitgenössischen Kunst, der Sammlungen, Ausstellungen und Museen einfach dazu. Uns kam es ziemlich natürlich vor. Es gab keine Grenze zwischen Street-Art-Szene und dem Rest.

A.F.: Oft wird darüber diskutiert, ob Ausstellungen in Galerien einen Street-Art-Künstler zu etwas anderem machen.

Wir sind nicht in die Galerien abgewandert, sondern wir existieren in beiden Welten. Ich glaube, wenn man anfängt, in Galerien auszustellen, dann beschäftigt man sich zugleich mit der ganzen Geschichte des Ausstellens: Wie zeigt man etwas, wozu und warum. Dann fängt man an, sich diese Fragen auch auf der Straße zu stellen. Man arbeitet dann weniger und reflektiert umso mehr. Die Arbeit ist weniger spontan und besser durchdacht, was ich interessant finde. Man wird gewissermaßen erwachsen und bekommt eine andere, ernsthaftere Einstellung zur Straße, zum öffentlichen Raum. Wenn ich ausstelle, dann möchte ich daraus etwas Besonderes, ein Erlebnis für die Besucher machen.

A.F.: Ich hatte schon immer das Gefühl, dass sich die Street-Art in Tel Aviv und Nischni Nowgorod sehr ähnelt.

Ich glaube, es gibt eine Ähnlichkeit, weil ein nichtkommerzieller Geist herrscht. Hier in Nischni Nowgorod malen und sprühen die Leute für ihre eigene Stadt. In Tel Aviv ist das meistens auch so. Die Künstler lieben ihre Stadt und sie lieben ihre Arbeit.

A.K.: Ist Street-Art in anderen Städten etwa kommerzieller?

Das Gefühl hat man in Metropolen, die eine Street-Art-Szene haben, wie z. B. in London, New York, Los Angeles. Man macht dort, so könnte man es formulieren, Werbung für eigene Arbeiten, etwas Großes, das die Menschen in die eigene Ausstellung locken soll. In Tel Aviv hingegen, so glaube ich, gab es lange überhaupt keine kommerzielle Street-Art-Szene. Man malt und sprüht einfach so.

Machen Sie auch Auftragsarbeiten?

Ja, aber nicht mehr auf der Straße. Gerade habe ich die Fassade eines Theaters in Tel Aviv gestaltet. Auch eine Arbeit am Eingang zum Neuen Markt ist kürzlich entstanden. Es war ein Kompromiss: eine Arbeit in meinem Stil, aber auf eine freundlichere Art. Ich kooperiere nie mit großen Firmen, obwohl es schon mehrere Angebote gab. Von Coca-Cola zum Beispiel. Das ist nicht meins, ich stehe nicht dahinter.

Das Gespräch führten Anna Kosonina, Artem Filatov und Olesja Filatova

Aus dem Russischen von Eugen El
Lektorat: Ljubov Babenko

Das Gespräch erschien 2015 beim russischen Onlineportal cultureinthecity.ru

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erstellt am 10.3.2016

Der Street-Art-Künstler Klone. Quelle: http://cultureinthecity.ru

Weitere Informationen zum Künstler

kloneyourself.com

Wandbild von Klone in Nischni Nowgorod, Russland. Quelle: http://kloneyourself.com

Wandbild von Klone in Haifa, Israel. Quelle: http://kloneyourself.com

Siehe auch

Street Art: Klone

Collage von Klone, 2012. Quelle: http://kloneyourself.com

Wandbild von Klone. Quelle: http://kloneyourself.com

Ausstellungsansicht Klone in Tel Aviv, 2013. Quelle: http://kloneyourself.com