In „Der Himmel über Paris“, dem Debütroman der jungen niederländischen Autorin Bregje Hofstede, geht es um die Liebe in all ihrer wundersamen Eigenmächtigkeit. Der Roman ist durchweg gut erzählt, vorzüglich übersetzt und spart nicht mit feiner Ironie, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Eine unmögliche Liebe

Wer die Liebe liebt, kann von ihr gar nicht genug bekommen. Eigentlich möchte man immer verliebt sein, was aber irgendwie nicht geht, zumal der Mensch auch eine Zeit hat, die manches wegräumt. So kommt es, dass eine Liebe nicht immer lichterloh brennt, sondern zurückgefahren wird und manchmal nur noch unansehnlich vor sich hin glimmt, bis sie dann ganz erlischt. Wer dieses Spiel nicht mitmachen will, kann eine Liebesvariante aufmachen, bei der einem das Realitätsprinzip nicht mehr so ganz viel anhaben kann: Man erklärt eine Liebe zum hohen Vergangenheitsgut, nimmt sie zu den Erinnerungen und platziert sie an bevorzugter Stelle, wobei die Gefahr besteht, sich in einem Privatkosmos einzuhausen, der irgendwann keine begehbaren Türen zur Wirklichkeit mehr hat, die ja, ob man nun Liebender ist oder nicht, durchstanden werden will. In „Der Himmel über Paris“, dem Debütroman der jungen niederländischen Autorin Bregje Hofstede (Jg. 1988), geht es um die Liebe in all ihrer wundersamen Eigenmächtigkeit, ihrer listigen Verzögerungstaktik und Dosierung jenseits gängiger Erwartungen und Verhaltensmuster. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Olivier und Sofie. Er ist ein nicht mehr ganz junger Professor der Kunstgeschichte, sie eine niederländische Austauschstudentin, die in seinen Vorlesungen sitzt und dort zunächst eher unauffällig wirkt. Ein Blickfang ist Sofie, die es vorzieht, Fie genannt zu werden, dennoch; warum, vermag Olivier, der sich zunehmend irritiert zeigt, zunächst nicht zu sagen. Dann aber fällt es ihm ein: Fie sieht aus wie seine große Liebe Mathilde, mit der er, sagt seine veredelte Erinnerung, so lange glücklich war, bis er seinerzeit eine zwar gut gemeinte, aber falsche Entscheidung traf. Nun also ist Mathilde in Gestalt von Fie zurückgekehrt. „Immer wenn er zu ihr hinschaute, verlor er kurz den Faden und musste seine Gedanken mühsam wieder in die richtige Bahn lenken. Sie saß etwas abseits mit hochgezogenen Schultern, als wolle sie möglichst wenig Platz einnehmen.“ Oliviers Erinnerungen, die er über die Jahre hinweg gebändigt zu haben glaubt, drängen sich auch in sein Tagesgeschäft, das er ansonsten versiert betreibt; der Blick auf Fie führt ihn, mitten in der Vorlesung, zu Mathilde zurück: „Wie hatte sie denn eigentlich gesessen? – entspannter, ja, und sie hatte immer mit dem Fuß gewippt. Und wenn er dann den Fuß festhielt, zuckte es an einer anderen Stelle bei ihr. Ihre Nasenflügel vibrierten beim Lachen. Ihre Nase, hatte die auch so ausgesehen? Er schaute wieder weg.“

Wegschauen aber hilft nicht mehr; Fie nistet sich bei ihm ein. Zunächst, wie das so ist, wenn man sich gegen eine eigentlich unmögliche Liebe sträubt, in Gedanken, die man abschotten kann, was aber auf Dauer nicht viel nützt, denn Olivier hat ja auch leibhaftig mit der jungen Niederländerin zu tun, die anfänglich von bemerkenswerter Sprödigkeit ist und sich so maulfaul gibt, dass der Leser schon mal ein wenig ungeduldig wird. Olivier sitzt zudem in einer Art beruflichen Falle: Als Professor muss er sich um alle seine Studenten kümmern und darf dabei keine Bevorzugung zu erkennen geben; allerdings ist Fie auch Austauschstudentin, für die, so wollen es die Bestimmungen des Fachbereichs, eine besondere, an universitärer Gastfreundschaft orientierte Behandlung vorgesehen ist. Hofstedes sehr zu lobender Roman, der durchweg gut erzählt ist und mit feiner Ironie nicht spart, nimmt Fahrt auf: Man erfährt, wie das wohl so mit Mathilde gewesen sein könnte, der Olivier, aus Bequemlichkeitsgründen, für die sich auch im Nachhinein keine Rechtfertigung finden lässt, eine Abtreibung zugemutet hat, an der die große Liebe stillschweigend zerbrach. Mathilde verschwand aus seinem Leben, er trauerte, fand es danach aber zu mühsam, um sie zu kämpfen. So ging es seinen Gang; inzwischen hat eine leicht nervige Frau namens Sylvie in seinem Leben Platz genommen. Eigentlich könnte der Weg frei sein für Fie; ist er aber nicht, denn es gibt noch die eine oder andere Verwicklung sowie eine finale Überraschung, auf die man nicht unbedingt kommen konnte. Am Ende zeigt der (von Heike Baryga vorzüglich übersetzte) Roman fast kriminalistische Qualitäten, was der Liebesgeschichte, um die es ja geht, zugute kommt; das Wesentliche ist gesagt, von nun an darf man schon mal Glück haben: „Als die Sonne wie ein Tintenfleck am Himmel verläuft, liegt Paris hinter ihnen. Olivier fährt ohne Blick auf eine Karte. Wenn Fie aufwacht, muss sie ihn lotsen. Dann wird sie ihm sagen, wie es weitergeht. (…) Bis dahin fährt er einfach geradeaus … Alles, wovor er Angst hatte, ist endlich passiert.“

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erstellt am 08.3.2016

Bregje Hofstede
Bregje Hofstede

Bregje Hofstede
Der Himmel über Paris
Roman
Gebunden, 224 Seiten
ISBN 978-3-406-68343-5
C.H. Beck, München 2015

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