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Im Februar 2007 wurden in Valdaro, einem Vorort der italienischen Stadt Mantua, zwei Skelette aus der Jungsteinzeit gefunden, die eng umschlungen in einem Grab lagen: „Die Liebenden von Mantua“ oder auch „Die Liebenden von Valdaro“. Darauf basiert Ralph Dutlis neuer Roman, und er steckt voller Überraschungen, meint Harry Oberländer.

Buchkritik

Göttliche Eiscreme

Im Mai 2012 erschütterte ein schweres Erdbeben den Norden Italiens, besonders betroffen waren die Städte und Provinzen Modena, Ferrara, Bologna und Mantua. Die maledetta primavera, der verfluchte Frühling, führte zu 24 Todesopfern, Tausende von Menschen wurden verletzt. Die Gebäudeschäden waren beträchtlich. Der Renaissancepalast der Herzöge von Mantua mit dem Castello San Giorgio wurde schwer beschädigt. Das Hochzeitszimmer, die Camera degli Sposi, blieb bis zum Juli 2014 geschlossen. Durch eines der Gemälde des Frührenaissancemalers Andrea Mantegna (1431 – 1506), durch das Familienportrait der Herrscherfamilie Gonzaga, ging ein Riss.

Fünf Jahre vorher hatte Mantua für eine archäologische Sensation gesorgt. Am 5. Februar 2007 wurden in dem Vorort Valdaro, zwei Skelette aus der Jungsteinzeit gefunden, die einander zugewandt und eng umschlungen in einem Grab lagen. Ihr Alter wurde auf etwa 6000 Jahre geschätzt. Der gute Zustand ihrer Zähne stützte die Vermutung, dass die beiden Menschen jung gestorben waren, wahrscheinlich waren sie Mann und Frau. Sie heißen seither „Die Liebenden von Mantua“ oder auch „Die Liebenden von Valdaro“.

Große Leichtigkeit und spielerische Eleganz

Auf dieser reale Basis setzt Ralph Dutli das Konstrukt seines neuen Romans, der sich nicht wirklich einem Genre zuordnen lässt, sondern ein komplexes Gebäude ist, das wie das Landhaus des Conte Ignoto vom Keller bis zum Dach voller Überraschungen steckt. Der Conte spielt die Rolle des zwar ausgeflippten, aber auch hochgelehrten Bösewichts. Er sorgt dafür, dass aus einem poetischen Roman über die Liebe, die Religion und das geistesgeschichtliche Erbe der Renaissance auch ein Krimi wird. Dessen bizarre Handlung ist der dickste aller roten Fäden, mit dem der Autor durch ein mit großer Leichtigkeit und spielerischer Eleganz geknüpftes Wunderwerk führt. Er setzt den staunenden Leser auf einen fliegenden Teppich.

Ein Jahr nach dem Erdbeben finden sich in Mantua zwei alte Freunde wieder, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben, Manu und Raffa. Raffa hat den Auftrag über die Folgen des Erdbebens zu berichten, Manus träumerisches Interesse gilt den Liebenden von Mantua, er will herausfinden, welche Geschichte hinter dem Bild der zeitlos gewordenen Liebe steckt, hinter der Liebesutopie, die die Skelette verkörpern. Der Pragmatiker Raffa hält das für ein überspanntes, spekulatives Projekt. Vielleicht waren auch diese beiden Toten Opfer eines Erdbebens. Das Gespräch findet keine Fortsetzung. Ein verabredetes Treffen am folgenden Tag kommt nicht zustande, Manu ist spurlos verschwunden: vor seinem Hotel in einen Cadillac gestoßen, in ein „Auto aus einer anderen Zeit“, wacht er nach der Entführung im karg möblierten Zimmer eines Landhauses aus der Narkose auf. Ohne Uhr, ohne Handy, ohne Ahnung, wie lange er geschlafen hat, findet er sich in die Zeitlosigkeit eines Hausarrests verbannt, bewacht von Wächtern, die ihm höflich, aber ohne Widerspruch zu dulden, die Anweisungen ihres exzentrischen Herrn übermitteln.

Eine neue Religion der Liebe und der Erotik

Schon im ersten Gespräch mit Manu erweist sich der Conte Ignoto als hochgebildeter kultivierter Mensch. Dieser „Graf Unbekannt“, dessen philosophische Hausgötter Schopenhauer und Nietzsche sind, teilt Manus Faszination für die Skelette von Mantua und hat sich in den Kopf gesetzt, sie zum Symbol einer neuen Religion der Liebe und der Erotik zu machen. Das Christentum hat für ihn ausgedient, die Evangelien sind für ihn Märchen und Legenden, ein Roman, der die Welt nicht erklären kann. „Am meisten“, sagt er, „ hat mich dieses Kreuzessymbol angewidert … eine Religion, deren Hauptakteur ein gefolterter, blutender, geopferter Gottessohn sein soll.“ Die Ikone des Schmerzes, das düstere Symbol des gekreuzigten Christus, sollen die Liebenden von Mantua ersetzen und Manu ist dazu ausersehen, die PR-Arbeit dafür zu übernehmen, erster Evangelist einer Religion ewiger Liebe zu werden. Die Skelette hat der Conte deshalb in seinen Besitz gebracht, Manu wird sie später finden.

Eine Religion ohne Gott, damit hat der Conte kein Problem. Für Schopenhauer war sie die Wahrheit im Gewande der Lüge und Nietzsche hatte einen der Abschnitte in der „Fröhlichen Wissenschaft“, der vom Tod Gottes handelte, mit der Überschrift versehen: „Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat“. Ralph Dutli hat bei aller Gewichtigkeit der Themen und der frappierenden Genauigkeit der Details einen Roman geschrieben, dem der Geist der Schwere fremd ist. „Warum nicht ein frohgemut-halluzinatorischer Realismus? Ein Realismus des Unwahrscheinlichen?“ fragt sich der enthusiastische Schriftsteller Manu. Der Conte hingegen verfolgt das Projekt Religionsgründung mit Leidenschaft und Besessenheit und geht dafür über Leichen. Die erlegt er mit dem Pfeil und gleicht damit Apoll, dem Gott, der aus der Ferne trifft.

Merkwürdige Dinge geschehen

Zunehmend entgleiten Manu die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins in seiner Haft. Zwar hat er hier Bedingungen, die für einen Schriftsteller ideal sein könnten, aber zugleich geschehen merkwürdige Dinge, die rational nicht zu erklären sind. Die Grenzen zwischen der Wahrnehmung der Außenwelt und dem Traum verschwimmen. Wird er unter Drogen gesetzt, gibt es in der Bibliothek des Conte gar einen Traumgenerator? Ein toter Wächter, von einem Pfeil getroffen, steht wieder auf und wandelt. Eines Tages beginnt es im Zimmer zu schneien, Manu sieht Raffa auf einem Stuhl sitzen und fragt ihn, warum der Tod in seinen Romanen eine so große Rolle spiele. „Ich habe soviel geschneit, damit du schlafen kannst Georgette“ steht auf dem Grab César Vallejos auf dem Friedhof Montparnasse zu lesen und manche Erinnerungen sind auch für Manu traurig und süß zugleich, wofür Vallejo das Wort Trilce erfand, aus triste und dulce.

Die schräge Dreifaltigkeit Manu, Raffa und Conte Ignoto kennt jedenfalls die Trauer und Melancholie, wie sie nur die Liebe auslösen kann. Ignoto, der mindestens im Verdacht steht als Blaubarts Wiedergänger seine vier Gemahlinnen eine nach der anderen umgebracht zu haben, beweint eine Frau, die zuletzt seine Geliebte war. Ihrer Kanonisierung in der neuen Liebesreligion dient sein sakrales mörderisches Witwertum. Luisa fiel der Wut ihres eifersüchtigen Ehemanns zum Opfer und bleibt also stumm – wie die Jungfrau Maria, die schon in der Bibel auch nur wenig zu sagen hatte. Raffa erlebt, während Manu in Haft gehalten wird, eine ebenso heftige wie auch kunsthistorisch und philosophisch ertragreiche Liebesbeziehung, die sich schließlich als tragisch komisches Verwechslungsdrama erweist. Manu trauert seiner Liebe zu Laure nach, der Frau, mit der er einst in Paris zusammenlebte und die ihn verließ, als er kein Kind mit ihr zeugen wollte. Lorena und Laure bleiben keineswegs stumm. Laure war es, die Manu erzählte, dass Jahwe, der einzige und namenlose Gott, bis zur babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes eine Frau an seiner Seite hatte, die gleich ihm und mit ihm verehrt und angebetet wurde. Laure war es auch, die darauf aufmerksam machte, das Manu und Raffa mit der Endsilbe el Gott aus ihren Namen gestrichen haben. Lorena verfügt nicht über die besten Kenntnisse, was den archäologischen Fund des rätselhaften Steinzeitpärchens betrifft. Sie hütet auch Geheimnisse, über die sie bestenfalls in Orakeln spricht, bevor sie den Finger auf die Lippen legt, wie ein Engel des Vergessens. Noch rätselhafter bleibt ihre Zwillingsschwester Elea, die am Ende die Pfeile des Conte zum Stillstand bringt.

Amor und Psyche, Romeo und Julia, Tristan und Isolde

Zur Geschichte Mantuas, die in diesem Roman vielstimmig erzählt wird, gehören die Liebenden aus dem Neolithikum und das Personal der sinnenfrohen Renaissance. Die Liebenden erscheinen immer wieder, als Amor und Psyche, als Romeo und Julia, als Tristan und Isolde, aus deren Grab Rose und Rebstock wuchsen, um in ewiger Wiederkehr ihre Zweige zu vereinen. Zur Mantua gehört Vergil als omnipräsenter Zuschauer wie eine Drohne über der Gegenwart schwebend als „antikes Beobachtungsschwälbchen“. Und natürlich gehört dazu der Maler Andrea Mantegna, der mit dem Oculus, dem Deckengemälde über der Camera degli Sposi ein bis dahin nie gesehenes Meisterwerk illusionistischer Kunst schuf. Mantuas Geburt in der Renaissance ist ein Triumph der Augenlust, von der Lorena sagt, auf ihr beruhe die ganze Menschheit. Das ist nichts weniger als ein gewichtigster Einspruch gegen das Bilderverbot, das die Offenbarungsreligionen des einen und einzigen Gottes über die Gläubigen verhängt haben: „Du sollst dir kein Bildnis machen“.

Das Bilderverbot war bereits ein zentrales Thema in Ralph Dutlis Roman „Soutines letzte Fahrt“. Es begleitet den Maler Chaim Soutine, der im frommen Milieu eines ostjüdischen Schtetls aufgewachsen ist als sein Verhängnis, noch nach seinem Aufbruch in die Moderne, nach Paris, wo er berühmt wird, und bis zu seiner letzten Fahrt in einem Leichenwagen durch das von den Nazis besetzte Frankreich. Auch dieser Roman hat Züge eines halluzinatorischen Realismus des Unwahrscheinlichen. Die Wirklichkeit ist mehr als das, was wir gemeinhin für sie halten. Darüber hat ein französischer Nobelpreisträger im 19. Jahrhundert ein philosophisches Werk verfasst, den „Essai sur les données immédiates de la conscience“, ein Titel, der 1911 völlig frei und doch nicht falsch mit „Zeit und Freiheit“ ins Deutsche übersetzt wurde. Denn die wahre Zeit ist für diesen Philosophen reine Zeit in unserem Inneren. Wir sind diese reine Zeit, die uns leben macht, die lebendige diskontinuierliche Zeit unseres bewegten Bewusstseins. Wir haben die Freiheit unserer Gedanken und Träume, unserer Ab- und Ausschweifungen, unserer Erinnerungen und Hoffnungen. Ralph Dutli hat diesem Philosophen eine ganzes Kapitel seines neuen Buches gewidmet: „Philosoph mit Melone“.

Das Zweitbeste, was man mit diesem Roman tun kann, ist ihn zu lesen, wo immer es sei. Das Beste: man packt ihn in einen Reisekoffer fährt damit nach Mantua. Man sollte dort unbedingt an der Piazza Broletto ein Eis essen, Pistacchio Sicilia oder Guianduia antica, und dazu das Kapitel über die Kabbalisten aufschlagen. Denn: „Wenn das Leben ein Roman aus Eiscreme ist, spielt er in Mantua.“

Zuerst erschienen in Heft 260 der Zeitschrift die horen, Dezember 2015

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erstellt am 08.3.2016

Ralph Dutli
Ralph Dutli

Ralph Dutli
Die Liebenden von Mantua
Roman
Gebunden, 276 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1683-6
Wallstein Verlag, Göttingen 2015

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Die Liebenden von Mantua
Die Liebenden von Mantua, Foto: Dada629 / Wikimedia Commons