Das Stuttgarter Kleintheater tri-bühne hat den Nachwuchs eines renommierten ungarischen Theaters eingeladen, unter dem Titel „Fernweh“ eine Revue in losem Zusammenhang mit Märchen der Brüder Grimm zu schreiben und zu inszenieren. Thomas Rothschild erinnert daran, dass noch immer das Leben die schönsten Märchen schreibt.

Theater

Die Enten auf der Autobahn

Die Welt ist schlecht. Lehrer verführen ihre Schülerinnen, ein Zahnarzt aus Minnesota tötet in Simbabwe hinterhältig einen Löwen, und zwischen Kuba und Florida bedrohen Haie und giftige Quallen verwegene Schwimmer. Was zählt gegenüber so viel Ungemach ein putziger Märchenwolf, der eine Großmutter auffrisst?

Das Stuttgarter Kleintheater tri-bühne hat einmal mehr seine guten Beziehungen zu Ungarn genutzt und den Nachwuchs vom renommierten Katona József Theater – Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely – eingeladen, unter dem eher nichtssagenden Titel „Fernweh“ eine Revue in losem Zusammenhang mit Märchen der Brüder Grimm zu schreiben und zu inszenieren.

Es beginnt, begleitet vom zuverlässigen tri-bühnen-Musiker Sebastian Huber am E-Piano, am Schlagzeug und an der Melodica sowie später mit einer Schlagersänger-Einlage, mit einem Lied, mit dem man gemeinhin das Publikum eher verabschiedet als begrüßt, mit Brahms' „Guten Abend, gut' Nacht“, das alsbald, wie es sich heute gehört, rhythmisch aufgemöbelt und unter zuckenden Bewegungen vertanzt wird. Noch ehe Rotkäppchen bei ihrer Oma eintreffen kann, der sie sich mittels Handy angekündigt hat, übt sich das Ensemble – Natascha Beniashvili-Zed, Natascha Kuch, Sofie Alice Miller, Melchior Morger, Manoel Vinicius Tavares da Silva und Christian Werner – in Schulkritik unter Zuhilfenahme sehr unterschiedlicher musikalischer Quellen wie „Hurra, die Schule brennt!“ und „We don't need no education“, von Peter Alexander also bis Pink Floyd. Dazu darf es wiederum mehr oder weniger geglückte Tanzbewegungen exerzieren. We don't need no education? Ausgerechnet in der tri-bühne, die sich ansonsten so gerne pädagogisch gibt?

Bezugspunkt für satirisch oder parodistisch gemeinte Szenen ist längst nicht mehr die Lebenserfahrung, sondern deren trivialisierte Sekundärrepräsentation in den Medien. Und so bedient sich auch „Fernweh“ formal der Muster, welche die Fernsehunterhaltung bereitstellt: des Verhörs, des Wettkampfes, der Show. Auch der Humor dieses Theaterabends scheint sich das Fernsehen zum Vorbild genommen zu haben. Da stehen die Herren an einem angedeuteten Pissoir und halten einander wechselseitig jenes Organ, das an diesem Ort zum Einsatz gelangt. Dazu stöhnen Serge Gainsbourg und Jane Birkin ihr „Je t'aime…“

Männliche Rollenbilder gefährden die Gesundheit

Nach einer kurzen Reminiszenz an die dreizehnte Fee, die Dornröschen zu hundertjährigem Schlaf verdammt – da Brünhildes weniger heroische Märchenschwester nicht altert, eigentlich eine beneidenswerte Perspektive –, erlebt das gut gelaunte Publikum Don Carlos, der sich von Schiller zu Grimm verirrt hat, als Junkie und Hamlet, wie er, seine Zähne putzend und die Nasenhaare entfernend, in eine Videokamera über Sein oder Nichtsein reflektiert.

Weniger literarisch, aber doch ein bisschen unheimlich klingt die Erinnerung daran, dass Männer früher sterben und die gesungene Mahnung: „Männliche Rollenbilder gefährden die Gesundheit.“ Für die „männlichen Rollenbilder“ folgt auch alsbald eine Illustration: Ein Mann insistiert, dass der Kaffee seiner Frau Abwaschwasser sei, und freut sich, als ihn diese mit einem Gast verlässt. Dann simuliert die Bühne einen schnellen Rücklauf und die Szene wird in einer feministischen Variante wiederholt: Die Frau wehrt sich. Zwar erscheint der Zusammenhang mit Grimms Märchen nicht eben evident, dafür leitet das Stichwort „Kaffee“ über zu einem wirkungsvollen „I love coffee, I love tea“ von den Manhattan Transfers. Ehe das alles freilich allzu übermütig wird, verwandelt das Autorenpaar „Hänsel und Gretel“ in ein Flüchtlingsmärchen. Manchmal gehen ihm auch die Ideen aus. Da sitzen dann die Schauspieler, von unten mit Taschenlampen angestrahlt, an der Rampe und lauschen dem Märchen von dem Machandelboom. Und Natascha Beniashvili-Zed berichtet, dass ihr irgendwann einmal aufgefallen sei, was die Pädagogen eigentlich seit Jahrzehnten diskutieren: dass die Märchen der Brüder Grimm ziemlich brutal seien.

Die Welt ist schlecht, aber es gibt auch Hoffnung. Am Ende des Theaterabends wird eine Szene aus dem kanadischen Fernsehen an die Rückwand projiziert: Eine Entenfamilie überquert eine stark befahrene Autobahn und kommt heil auf der anderen Seite an. Die schönsten Märchen schreibt das Leben. Unsittlichen Lehrern und giftigen Quallen zum Trotz.

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erstellt am 07.3.2016

Szenenfoto tri-bühne Stuttgart: Michael Schill

Theater

Fernweh

Eine theatrale Expedition unter der Fremdenführung der Gebrüder Grimm

Regie Kriszta Székely
Dramaturgie Ármin Szabó-Székely
Bühne / Kostüme Nóra Patricia Kovács

Darsteller Natascha Beniashvili-Zed, Sebastian Huber, Natascha Kuch, Sofie Alice Miller, Melchior Morger, Manoel Vinicius Tavares da Silva, Christian Werner

Theater tri-bühne Stuttgart

Gespielt wird auf, vor und hinter einem gelben Steg, der ein flaches rechteckiges Atrium umrahmt. Foto: Michael Schill