Am Zürcher Opernhaus inszeniert Herbert Fritsch Henry Purcells „King Arthur“. Fritsch konzentriert sich auf die gesprochenen Teile mehr als auf die gesungenen. Für die jüngsten Stuttgarter Kammerballette ist auf der Bühne die Körpersprache zumindest ebenso bedeutsam ist wie das Wort. Thomas Rothschild berichtet aus Zürich und Stuttgart.

Theater und Ballett

Die Sprache der Körper

Es ist bereits die zweite Arbeit von Herbert Fritsch am Zürcher Opernhaus. Nach den „Drei Schwestern“ von Péter Eötvös, nach einer zeitgenössischen Oper also, probiert er seine Methode diesmal an einem alten Werk, an Henry Purcells „King Arthur“ aus. Dabei nützt er den Mischcharakter einer Semi-Opera und konzentriert sich auf die gesprochenen Teile mehr als auf die gesungenen. Schon Dryden und Purcell stellen ja zwischen der Musik und dem gesprochenen Text einen eher lockeren Zusammenhang her. Die Instrumental- und Gesangspartien wirken oft wie Einlagen, wie eingeschaltete Nummern, nicht wie ein organischer Bestandteil der Handlung.

Fritsch, der aus seiner Affinität zur Schmiere, zum Laientheater kein Geheimnis macht, inszeniert das frühromantische Märchenspiel als Komödie. Dabei kostet er alle Techniken aus, die die Bühne anbietet. Fast könnte man seinen „King Arthur“ als Enzyklopädie theatralischer Möglichkeiten klassifizieren. Er nützt Inspirationen des Schattentheaters, fernöstlicher Darstellungsformen, spielt auf der Klaviatur der Gänge, schwelgt in Parallelgesten der Figuren und spart an Gags ebenso wenig wie an Kalauern. Ein Sänger etwa wartet vergeblich auf ein Zeichen des Dirigenten für den Einsatz und verschwindet plötzlich, als ihm das Scheinwerferlicht entzogen wird. Die meisten Einfälle sind nicht neu, aber sie werden funktional und mit einem ausgeprägten Gefühl für Rhythmus eingesetzt, vom Zitat trivialer Comicstrips gleich zu Beginn bis zum parodierten Military Tattoo am Ende.

Gespielt wird vor einem Hintergrund, auf dem sich kleine Flächen und ihre Farben kontinuierlich und in veränderlichem Tempo verwandeln wie die Glasscherben in einem Kaleidoskop. Zwar wird oft frontal an der Rampe gesprochen und agiert, aber es ist ständig Bewegung auf der von Fritsch selbst entworfenen Bühne, die ergänzt wird durch die knalligen Kostüme von Victoria Behr.

Am Schluss zieht Emmeline Arthur die Rüstung aus, Fahnen werden geschwenkt und alle singen das Lob auf „Old England“. Dabei beweisen auch die Schauspieler ein erstaunliches Gesangstalent.

Überhaupt: diese Schauspieler! Fritsch hat sich bei der Besetzung nicht lumpen lassen: Wolfram Koch, Jean-Pierre Cornu, Carol Schuler, Corinna Harfouch, Florian Anderer, Annika Meier, allen voran aber, köstlich komisch und ergreifend zugleich, Ruth Rosenfeld als die sehend gemachte Emmeline dürfen die Sau rauslassen. Dazu gesellt sich ein munterer Chor, etwa in Gestalt von Schäfern mit glockenförmigen Filzhüten in abgestimmten Farben. Mit der Orchestra La Scintilla unter dem exakten Dirigat von Laurence Cummings stehen dem Ensemble bewährte Spezialisten für alte Musik zur Seite.

Zuneigung, vielleicht auch Kritiklosigkeit

Ebenso gut wie von Regie könnte man bei Herbert Fritsch von Choreographie sprechen. Von seinem Theater zum Ballett ist es nur ein Schritt. Wenn Corinna Harfouch, die hier ihr Talent für psychologische Feinzeichnung eher vergessen muss, als Merlin mit durchgedrücktem Kreuz und ausgestreckten Armen über die Bühne schreitet – ja, schreitet, nicht geht –, gleicht das aufs Haar jenen Auftritten, die sich ununterbrochen im Hintergrund bei Katarzyna Kozielskas „Neurons“ vollziehen. „Neurons“ ist eins von drei Kammerballetten, mit denen die Stuttgarter Compagnie wieder einmal vom Opernhaus ins intimere Schauspielhaus gezogen ist, wo man freilich auf einen Orchestergraben und live gespielte Musik verzichten muss.

Die junge Polin konkurriert hier mit zwei alten Hasen, mit Hans von Manen und Glen Tetley, die in Stuttgart längst eine zweite Heimat gefunden haben. Komisch ist bei allen drei allerdings kaum etwas. Was sie mit dem Theater eines Herbert Fritsch verbindet, ist die Überzeugung, dass auf der Bühne die Körpersprache zumindest ebenso bedeutsam ist wie das Wort. Und gerade die Kombination der drei Choreographen führt vor, wie variationsreich die Sprachen der Körper, ihre „Dialekte“ sein können: bei van Manen streng und klar, fast minimalistisch, bei Glen Tetley und seinem reinen Männerstück „Arena“ geladen mit homoerotischen Signalen und gelegentlich bedenklich an die Ästhetik eines Arno Breker erinnernd, bei Katarzyna Kozielska eher komplex und verwirrend, zumal der Anspruch, der durch den Titel vorgegeben ist, noch schwerer nachzuvollziehen als zu bewältigen ist. Das Stuttgarter Publikum spendete allen drei Balletten begeisterten Applaus. Mehr Zuneigung, vielleicht auch Kritiklosigkeit dürften Tänzer kaum wo empfangen.

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erstellt am 05.3.2016

Szenenfoto King Arthur, Opernhaus Zürich © Hans Jörg Michel

Theater

King Arthur

Semi-Oper von Henry Purcell

Musikalische Leitung Laurence Cummings
Inszenierung und Bühne Herbert Fritsch
Kostüme Victoria Behr

Opernhaus Zürich

Szenenfoto King Arthur, Opernhaus Zürich © Hans Jörg Michel

Ballett

Kammerballett / Arena / Neurons

Choreographien von Hans van Manen, Glen Tetley und Katarzyna Kozielska

Stuttgarter Ballett

Szenenfoto Kammerballett © Stuttgarter Ballett