Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Der Dirigent, Musikologe und Schriftsteller Peter Gülke denkt Musik nie ohne ihre historischen, kulturellen und sozialen Kontexte. Und er überzeugt mit argumentativer Intelligenz. Sein Buch „Musik und Abschied“ behandelt die letzten Dinge und hat Hans-Klaus Jungheinrich bewogen, es zu empfehlen.

Buchkritik

Zurückbleiben. Und kein Trost

Ein Leben lang Musik hören, Musik machen, darüber nachdenken und schreiben. Allmählich wird man, lernend und lebhaft wahrnehmend auch noch mit über 80, zum Kenner, zum Wissenden, der, immer auch der täglichen Welterfahrung zugewandt, ein ungeheures geschichtliches Panorama überblickt, es durchmisst, durchforscht, ja, auch genießt. Und dann auf einmal brechen die kontinuierlich gewachsenen Beziehungen zwischen dem Ich und der geliebten Werk-Welt zusammen; ein tödlicher Schlag hat die Perspektiven ver-rückt, die vertrauten Proportionen und Ansichten ins Schiefe, Fremde, Finstere verwandelt. Ein einfaches Zurechtfinden geht nicht mehr. Mühsam sammelt man die Scherben des Gewussten, Geliebten und versucht, sie neu zusammenzusetzen im Schatten des Todesengels. Sinnreste, zu keinem Ganzen zusammenfügbar.

Der aus Weimar stammende Dirigent und Gelehrte Peter Gülke, Jahrgang 1934, hat wie kaum ein anderer Deutscher seiner Generation (außer vielleicht Martin Geck) Musikbücher höchsten Ranges geschrieben, in denen profunde Detailkenntnisse mit enflammierend subjektiven An- und Einsichten wetteifern. Nirgendwo erlebte der Leser da den behäbigen Gestus „gesicherter“ positiver Wissenschaftsresultate, immer das Um- und Umwenden von Fakten und eigenwilligen Ideen, das Neuinterpretieren scheinbar bekannter Sachverhalte. Musik und ihre Rezeption, ständig im Fluss. Und da die – zumeist auch für Laien verständlichen und ergiebigen – musikologischen Erkundungen Gülkes (oft philosophisch unterfüttert, manchmal auch anekdotisch gefärbt) stets einen sehr persönlichen Zug hatten, mochten sie wohl auch auf einen besonders engen Zusammenhang zum Leben des Autors hindeuten. Radikale Brüche in diesem Leben würden sich unweigerlich in dieser literarischen Produktion niederschlagen. Ein Schicksalsschlag hätte Anlass zu dauerhaftem Schweigen werden können. Bei Gülke war es, zum Frommen des Lesepublikums (von „Glück“ zu sprechen, verbietet sich) anders. Nach 60 Jahren des Zusammenlebens erkrankte seine Frau schwer und starb. Gülke hatte die Kraft und den Mut, danach und darüber ein Buch zu schreiben. Eines von einer Wucht und Tiefgründigkeit, wie es sie anlässlich dieser Thematik noch nie gab.

Eine Reminiszenz an Caspar David Friedrich

Gülke ist ein Meister der Genauigkeit. Gedanke und Formulierung erlauben sich kein Ungefähr, es sei denn, die belassene Unbestimmtheit sei das genaueste Merkmal der Darstellung. Genauigkeit ist Treue. Und so heißt der Buchtitel nicht „Musik und Tod“, sondern „Musik und Abschied“. Den imaginären Hauptfiguren – dem undenkbaren Tod, der in die Unerreichbarkeit hineingestoßenen Toten – steht der Zurückgebliebene, Hinterbliebene (wie schmerzhaft reflektiert Gülke auch über diese Vokabel!) gegenüber – als ein noch Lebender, aber von unwiderruflichem Abschied Gezeichneter. Ein Trostsuchender, der (da nicht von jenseitigen Wiedersehenshoffnungen aufgefangen) Trost nicht findet, wahrscheinlich sogar nicht finden will. Obwohl – wie jemand solch einer Situation begegnet, ist allein seine Sache und keinesfalls „rezensierbar“, auch nicht ein scheinbar kruder Verarbeitungsmechanismus à la Vaclav Havel, der, aus welchen Verzweiflungs- oder Betäubungsmotiven auch immer, den geliebten Partner umgehend durch einen anderen ersetzt. Gülke, beim Schreiben des Buches: allein; ganz allein. Das Umschlagsfoto zeigt ihn in Rückansicht an einem dämmrigen Seeufer hockend – eine Caspar David Friedrich-Reminiszenz. Doch wenn die Betrachtung nicht täuscht, gibt es einen Hund zu seinen Füßen. Er kommt im Buch nicht vor.

Die lebenslang Geliebte, Vertraute ist fort, aber die andere Vertraute, die Musik, ist noch da. Wie könnte sie auch als Lebenselement ganz verloren sein! Und dennoch: Die notdürftige Überlebens-Strategie, sich neuerlich und immer wieder in die musikalische Materie zu vertiefen, hineinzugraben, kann kaum auf Trost bauen. Schon gar nicht solchen, der sich der einfältigen Formel von der „Trösterin Musica“ verdankt. Eher empfindlicher reagiert der Geschlagene auch auf unauffälligere Abschiedszeichen in der Musik, erkennt die mächtigen Umrisse des „großen“ Todes hinter den „kleinen Toden“ der vielen Adieus mitten im Leben – dem erotischen Sitzengelassenwerden, den Fado-Melancholien der Seemanns- und Handlungsreisendenbräute. Wenn es in der Musik ernst und abgründig wird, ist auch Abschied vorgezeichnet wie in Schuberts C-Dur-Quintett, dem Eingangsportal des Buches. Und nach der Mitte zu beschreibt Gülke den ersten „Rosenkavalier“-Aktschluss, als sei er der Dramaturg der Frankfurter Inszenierung von Claus Guth (Mai 2015) gewesen (die er wohl noch gar nicht kennen konnte): den plötzlichen Riss, der das Illusionäre einer Glückserfüllung zeigt, die unwiderrufliche Entfremdung zwischen der älteren Marschallin und dem Jungen Octavian, gleichsam eine unausgesprochene, unaussprechliche Todesverkündung, womit das immense Stück quasi schon zu Ende ist, so dass die beiden folgenden voluminösen Akte für Gülke nur mehr eine „Ausfaltung“ des fixierten motivischen Beweggrunds sind.

Ganz alte und ganz neue Musik

Orpheus natürlich und Haydn. Deren Abschieds-Schwerpunkte wurden jüngst ja auch von dem französischen Philosophen Michel Serres hervorgehoben in seinem großen dreiteiligen Essay „Musique“ (deutsch: „Musik“, 2015 bei Merve) mit der vielleicht schönsten, perspektivenreichsten Neuerzählung des griechischen Mythos und einer „ökologischen“ Deutung der „Abschiedssymphonie“, deren Dramaturgie mit dem Artensterben ineins gesetzt wird. Von Mahlers vielen Abschieden wird das Adagio der 10. Symphonie mit wunderbarer Ausführlichkeit untersucht (die rätselhaft im tonalen Nirgendwo schweifende Bratschenmelodie, Chiffre einer zwischen Ruhelosigkeit und Ankunft oszillierenden Suchbewegung). Immer wieder Durchblicke auf andere Künste: Rilkes Todeserfahrung, die Vanitas-Gefühle von Gryphius. Sterbeprotokolle bei Janácek und Hodler. Todesnähe bei Brahms und Berg. Ein Nachruf auf Dietrich Fischer-Dieskau. Ganz alte und ganz neue Musik. Gülkes Musikerfahrung kennt keine Tabus. Strauss, Britten und Schostakowitsch gehören im Zusammenhang mit seinem Thema ebenso zu den „authentischen“ Thanatos-Wahrnehmungen wie die „kanonisierten“ Exempel, etwa Isoldes Liebestod oder das leise Hingehen von Melisande (das doch lange begleitet wird von den Giftpfeilen der begehrlichen „la veritè“-Attacken Golauds). Ein nicht unerhebliches Bekenntnis zur Richtigkeit „zu langsamer“ Tempi knüpft Gülke an Furtwängler-Erinnerungen; er hätte auch Celibidache erwähnen können, der nach dem Ende zu immer noch langsamer und langsamer wurde, ohne dass die orchestrale Diktion an Präzision einbüßte. Ein Musikgeschehen hin zum Tode.

Und was soll das alles? Sind all diese musikalischen Einsichten, grandiose und subtile, dabei immer ganz heutige und eigensinnige und ohne die Ranzigkeiten des routinierten gewohnheitsmäßigen Redens über Musik – sind sie nicht wertlos angesichts des nicht zu bewältigenden, durch nichts gnädig zuzudeckenden Verlustschmerzes? Wahrscheinlich; und dennoch helfen sie, wenn auch womöglich nicht so sehr dem Autor als dem Leser. Nicht, dass dieser sich damit für alle Fälle gewappnet sähe. Immerhin können wir aber wissen, dass größtes Leid immer von vielen geteilt wird. Auch von der Musik, selbst dann, wenn ihre Autoren (Strauss bei „Tod und Verklärung“) sich im Bewusstsein der Ahnungslosigkeit „letzten Dingen“ näherten. Musik kann an Klugheit ihren Erfindern voraus sein.

Gülkes Buch schont nicht, und es schont ihn selbst nicht. Es bleibt nicht bei der Musik und den anderen schönen Phänomenen der ästhetischen, wenn auch ins Existentielle hineinreichenden Wahrnehmung. Die Musik reflektierenden Textgruppen werden demnach immer wieder unterbrochen durch „Selbstgespräche“, in denen es nur um den Autor und die Verstorbene geht, grüblerische Monologe, die insgeheim (oder auch ganz offenbar) an der Unmöglichkeit des Dialogisierens über die Todesgrenzen hinaus rütteln. Da gibt es keine Glockenklänge eines ideal-immateriellen Requiems. Sondern nur noch die schroffe Sachlichkeit immer wieder neuer Schmerzprotokolle. Das Sterben: der Schlusspunkt. Der aber keine Ruhe schafft. Treue ist Genauigkeit.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.3.2016

Peter Gülke
Peter Gülke

Peter Gülke ist Träger des Ernst von Siemens Musikpreises und des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. Er war Kapellmeister unter anderem an der Staatsoper Dresden und Generalmusikdirektor in Weimar und Wuppertal und lehrte von 1999 bis 2004 an den Universitäten Zürich und Basel.

Peter Gülke
Musik und Abschied
Gebunden, 362 Seiten
ISBN: 9783761824016
Bärenreiter-Verlag, Kassel 2015

Buch bestellen