T. S. Eliots Langgedicht „The Waste Land“ gehört zu den Marksteinen der literarischen Moderne. Es zu übersetzen zählt zu den schwierigsten Vorhaben. Der Lyriker und Essayist Norbert Hummelt hat das Gedicht sprachlich in die Gegenwart transponiert und dabei verflacht, meint Stefana Sabin.

»The Waste Land« von T. S. Eliot

Ein Urort der modernen Poesie

Es war nicht zuletzt der Konflikt zwischen dem idealen Dasein als Dichter und dem realen Alltag als Bankangestellter, der T. S. Eliot gegen Ende 1921 in eine depressive Krise stürzte. Bei einer Kur am Genfer See versuchte er, expatriierter Amerikaner aus England, sich zu erholen, und bastelte dabei an einem angefangenen Gedicht weiter: Schon Geschriebenes setzte er neu zusammen und neue Passagen fügte er hinzu, um aus dem mitgebrachten lyrischen Material ein Ganzes zu machen. Es entstand ein Manuskript von etwa 50 Seiten, das er seinem Freund Ezra Pound, mit dem er sich auf dem Rückweg nach London in Paris traf, überließ. Pound, der Aktivist der modernen Lyrik, kürzte, änderte, stellte um. Weihnachten 1921 schrieb er an Eliot: „Es sind 19 Seiten, und wir können sagen, es ist das längste Gedicht in der englischen Sprache. Versuch nicht, alle Rekorde zu brechen, indem Du es um drei Seiten noch länger machst.“ Eliot nahm alle inhaltlichen, formalen und sprachlichen Änderungsvorschläge an und widmete das fertige Gedicht mit einem Dantezitat dem Freund als dem „miglior fabbro del parlar materno“, dem besseren Schmied der Muttersprache.

Unter dem Titel „The Waste Land“ erschien Eliots Gedicht in Oktober 1922 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „The Criterion“ in London und gleich danach im November in der New Yorker Zeitschrift „The Dial“; dann kam es im Dezember – ergänzt durch umfangreiche Anmerkungen, die die literarischen Zitate und Anspielungen entschlüsselten – im amerikanischen Verlag Liveright und schliesslich in September 1923 im Verlag „The Hogarth Press“ von Leonard und Virginia Woolf in London heraus.

Der Titel spielte auf die fragmentierte moderne Welt an und implizierte, dass diese Welt die Wüste sei, die man durchwandern müsse, um zum Heil zu gelangen. Die „unwirkliche Stadt“ ist wie schon in Eliots vorangegangenen Prufrock-Gedichten der Hauptplatz eines zusammenhang- und sinnlosen Daseins. Symbolträchtig steht der blinde Seher Tiresias für das menschliche Leben und Leiden schlechthin: Er ist eine Art Hauptfigur in dem Gedicht, das Mythologisches mit Alltäglichem verbindet und mit einem hinduistischen Friedenssegen schliesst.

Dieses Gedicht, in dem Handlung, Beschreibung und Reflexion sich abwechseln, besteht aus fünf Teilen, die nach Umfang, Inhalt und Form verschieden sind, die aber durch den thematischen Faden (der undurchschaubar, werte- und sinnlos gewordenen Welt durch kulturelle Deutung einen Sinn zu geben) und die metaphorische Strategie (der unterkühlten Diktion durch religiöse, literarische und alltagssprachliche Konnotationen poetische Intensität zu geben) zusammengehalten werden.

Die englischsprachige Lyrik wurde durch Eliots Gedicht grundsätzlich verändert. Sie wurde formal freier und zugleich inhaltlich schwerer, spielerischer und zugleich ernster, traditionsbewusster und zugleich traditionszertrümmernd. Wie kaum ein anderes modernes Gedicht wurde „Waste Land“ geradezu populär und blieb dennoch hermetisch: Zeilen daraus gingen in die Alltagssprache ein, während die Entschlüsselung der Zitate, Entlehnungen und Hinweise die Philologen herausforderte.

Ein deutsches Sprachkleid

Ein akademischer Philologe war es denn auch, der als erster das Gedicht 1927 ins Deutsche übertrug: der Romanist Ernst Robert Curtius erkannte hinter Eliots modernistischem Gestus die klassische Versspur Dantes und ging mit den Baudelaire- und Verlainezitaten ebenso souverän wie mit Anspielungen aus der Artussage um. Sprachkundig, stilsicher und literaturgeschichtlich versiert, dabei bemerkenswert uneitel, verpasste Curtius dem englischen Gedicht unter dem Titel „Das Wüste Land“ ein gut sitzendes deutsches Sprachkleid.

1972 legte die renommierte Übersetzerin Eva Hesse, die vor allem Pound und E. E. Cummings im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hatte, eine zweite Übersetzung vor und unterlag dabei dem Eliotschen Manierismus, wenn sie ihn durch bemühte Archaismen wiederzugeben versuchte und wenn sie sich mehr um den philologischen Gehalt als um den Rhythmus kümmerte. War Curtius' Übersetzung unspektakulär gelassen, so war diejenige von Hesse angestrengt preziös.

2008 wollte der Lyriker, Essayist und Übersetzer Norbert Hummelt das Jahrhundertgedicht unter dem Titel „Das öde Land“ sprachlich auffrischen und setzte sich dafür immer wieder über Reim und Rhythmus hinweg, veränderte oder ignorierte die literarischen Schichten des Originals und wählte eine banale, manchmal geradezu triviale Diktion.

„April is the cruelest month“ lautet die berühmte Anfangszeile. „April ist der grausamste Monat“ hatte sprachlich und rhythmisch genau Curtius übersetzt, während Hesse das Prädikat zur Apposition machte: „April, der ärgste Monat“. Bei Hummelt dagegen ist April „der übelste Monat von allen“, womit er Metrum und Semantik missachtet, aber doch noch die Stimmung trifft. Hummelt pflegt den Gestus der Slam- und Gebrauchslyrik und verfehlt so immer wieder die subversive metaphorische Dichte der Eliotschen Verse. Aus einer der letzten Zeilen, einer Anleihe bei dem Shakespeare-Zeitgenossen Thomas Kyd, „Why then Ile fit you“ (Nun dann, ich werd’s Euch richten – Hesse: Nun dann richt ich’s Euch zu), wird bei Hummelt „Warum auch nicht, passt schon.“ Und so kommt diese Übersetzung daher: unbekümmert in ihren Fehlgriffen und selbstbewusst in ihren Fehldeutungen. So wird aus dem „wüsten Land“ als dem Urort der lyrischen Moderne ein „ödes Land“ als Unort eines modischen Lyrismus.

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erstellt am 01.3.2016

T. S. Eliot
The Waste Land / Das öde Land
Englisch und deutsch
Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Norbert Hummelt
Gebunden, 68 Seiten
ISBN: 978-3-518-42022-5
Suhrkamp Verlag, 2008

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