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Elisabeth Borchers

Elisabeth Borchers wuchs auf in Homberg und lebte während des Krieges bei ihren Großeltern im elsässischen Niederbronn. Später floh die Familie nach Weißenau in Oberschwaben. Von 1945 bis 1954 arbeitete Borchers als Dolmetscherin bei der französischen Besatzungsmacht. Von 1958 bis 1960 hielt sie sich in den USA auf. Anschließend war sie Mitarbeiterin Inge Aicher-Scholls an der Ulmer Volkshochschule. Von 1960 bis 1971 wirkte sie als Lektorin im Luchterhand-Verlag. 1971 wechselte sie in gleicher Funktion zum Suhrkamp- und Insel-Verlag, bei dem sie bis 1998 blieb.
Elisabeth Borchers ist Verfasserin einiger Gedichtbände und zahlreicher Kinderbücher. Am bekanntesten geworden ist sie durch die Herausgabe einer Vielzahl von Anthologien mit Texten für Kinder und Erwachsene.
Elisabeth Borchers war Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.
Sie starb am 25. September 2013 in Frankfurt am Main.

Zuletzt erschienen:
Ihr Gedichtband
Zeit. Zeit
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Über dem Dach meines Hauses

sammeln sich die Wolken
besonders die grauen
besonders die schwarzen.
Ich halte Ausschau nach den weißen
wie Schiffe so stark und so schön.
Über dem Dach meines Hauses
liegt mal der Tag, mal die Nacht
der reißende Strom der Sterne
der versiegende Strahl des Mondes.

Eines Tages

Eines Tages stand ich am Ufer des Mississippi.
(Keine Erzählung.)
Das Hochwasser führte in dem ihm eigenen
beschleunigten Fließen
mit sich 1 gedunsene Kuh 1 gedunsenes Schwein
1 gedunsenen Baum 1 gedunsenen Strauch.
Nicht aber den Dampfer mit Rad.

Als ich mich unbeobachtet sah
tauchte ich eine Hand in das Kadaverwasser
meiner Kindheit.
Das ist keine Erzählung.
Das ist der Augenblick.

Niemand behaupte

Niemand behaupte
ich sei taub.
Allabendlich höre ich
die Unrast der Sterne.

Niemand behaupte
ich sei blind oder lahm.
Ich nehme Stock und Stein
bis zum jähen Ereignis.

Niemand behaupte
ich hätte zu träumen versäumt.
Ich werde nicht nach Tibet reisen
und auch nicht nach Tanger.
Mir träumte
ich fände den Weg
nicht zurück.

Zwei verlassene Stühle im Park bei Einbruch des Herbstes

Als alle im Haus waren
fielen meuchlings die Blätter
zerzauste der Wind das Gestühl
den Pelz des nahenden Wolfs
und sammelte unsre Bedenken.

An ein Kind

Wenn wir lange genug warten,
dann wird es kommen.
Heute noch, fragt das Kind.
Heut oder morgen. Ein Schiff,
mußt du wissen, braucht Zeit.
So weit und breit wie das Meer.
Dann bist du groß.
Dann steigen wir ein
und machen die Reise.
Zusammen. Wir beide.
Und jeder auf seine Weise.

Ende des Sommers

Wir haben uns lange genug
herumgetrieben
jetzt fällt die Sonne
in Ohnmacht
sie kann nicht mehr

Die Bäume hören auf
die Welle kommt nicht mehr
wie gewöhnlich sind die Dinge geworden
wie gewöhnlich

Die Wette war ich eingegangen
daß dieser Sommer bliebe

Gedichte © Elisabeth Borchers, 2011

erstellt am 04.3.2011

Elisabeth Borchers, fotografiert von Alexander Paul Englert
Elisabeth Borchers, fotografiert von Alexander Paul Englert