In seinen Träumen, sofern er sich daran erinnere, treffe der Mensch „lauter wilde und abgeschmackte Chimären“ an, schrieb Immanuel Kant. Doch solche Träume können auch wahr werden. Otto A. Böhmer berichtet, wie der Königsberger Philosoph unter einem solchen prophetischen Traum litt.

Der Philosoph Immanuel Kant

Alte Zeitungen?

Der Philosoph Immanuel Kant schlug mit der Faust auf den Tisch, und seine Freunde, die mit ihm an der Mittagstafel saßen, zogen unwillkürlich die Köpfe ein. So kannten sie ihn gar nicht, den stets freundlichen und zuvorkommenden Kant, dem nun die Zornesröte im Gesicht stand und der sich die Hand rieb, mit der er wohl etwas zu fest auf den Tisch des Hauses geschlagen hatte. „Nein, nein und abermals nein!“ rief der Philosoph. „Ich bestreite entschieden, was Sie da sagen!“ „Aber, aber, mein Bester, warum so aufgeregt“, sagte Ruffmann, ein Königsberger Bankier, der zu den altgedienten Freunden des Philosophen zählte. „Wir haben doch nur über Träume gesprochen. Und darüber, dass es möglich sein kann, in ihnen eine uns seltsam vorkommende Wahrhaftigkeit auszumachen …“ „Träume sind Schäume“, sagte Kant. „Da hat der Volksmund ganz recht. Ich weigere mich, dem Traume auch nur einen einzigen Erkenntnisgewinn zuzugestehen.“ „Könnte es sein“, meinte Regierungsrat Vigilantius, der den Philosophen in Buchhaltungsfragen zu beraten pflegte, „könnte es sein, dass Sie in der letzten Nacht einen Alptraum gehabt haben, der Sie so erschreckt hat, dass sie die Träume nun in ihrer Gesamtheit mit dem Bannstrahl des Zornes versehen?“ „Es war kein gewöhnlicher Alptraum“, sagte Kant. „Ich wurde weder verfolgt noch erschlagen noch in heißem Wasser ersäuft. Nein, es war viel schlimmer …“ „Noch schlimmer? Wie mag das angehen?“ fragte Pörschke, ein noch junger Philosophiedozent, der an der Universität Königsberg lehrte. „Man hat mich lächerlich gemacht“, sagte Kant mit grimmiger Miene. „Ich wurde zum Gespött der Leute …“ „Erzählen Sie“, rief der englische Kaufmann Green, einer von Kants ältesten Freunden. „Das heißt, wenn Sie erzählen mögen und die Erinnerung an diesen Traum Sie nicht …“ „Und ob ich mich erinnere!“ knurrte Kant. „Jeder schändliche Satz, der in meinem Traum gesprochen wurde, klingt mir noch in den Ohren. “ „Sie machen uns neugierig“, sagte Ruffmann.

Kant nahm einen Schluck Wein. „Also gut“, sagte er. „Ich berichte. Vielleicht wird mir dann wohler … In meinem Traum wurde ich in das Jahr 1978 versetzt. Ein in dieser Zeit sehr bekannter Bühnenautor, dessen Namen ich aus Gründen der Dezenz vergessen habe, machte mich zur Hauptfigur eines Theaterstücks.“ „Was ist daran schrecklich?“ fragte Green. „Ein solcher Vorgang zeigt doch nur, dass man sich Ihrer auch noch in zweihundert und mehr Jahren erinnern wird.“ „Hören Sie zu“, sagte Kant. „Diesem Mann ging es nicht darum, mich und meine Philosophie zu würdigen, sondern er wollte sich einen Spaß mit mir machen. In seinem Stück saß ich als verschrobener Greis an Deck eines Überseeschiffes, das mich nach Amerika bringen sollte. Meine Frau …“ „Ihre Frau?“ sagte Pörschke. „Sie haben doch gar keine Frau …“ „In diesem Stück, das durch meinen Traum geisterte, hatte ich eine Frau“, sagte Kant. „Ein dumpfes, dienstfertiges Geschöpf, das sich andauernd nach meinem Wohlbefinden erkundigte und meine Beine mit einer Wolldecke umwickelte. Mit uns an Bord waren noch ein Papagei und ein tölpelhafter Diener namens Ernst Ludwig …“ „Ernst Ludwig?“ fragte Vigilantius. „Also nicht der gute Lampe?“ „Nein“, sagte Kant. „Lampe ist mir im Traum abhanden gekommen … Aber weiter: Ich saß also an Deck dieses Schiffes. Alle halbe Stunde erschien ein Steward und machte Meldung. ‚Guten Morgen, Herr Professor Kant’, brüllte er etwa, ‚Wind West, Nordwest, Herr Professor. Ausgezeichnete Wetterbedingungen. Volle Kraft voraus!‘ Ich nahm seine Meldung entgegen und redete wirr vor mich hin, was das Theaterpublikum schon nach den ersten Sätzen mit Heiterkeit quittierte.“ „Wirr haben Sie doch nie geredet“, meinte Pörschke. „Natürlich nicht!“ sagte Kant. „Ich wurde vorgeführt, und das Publikum lachte, – besonders dann, wenn der Papagei, ein Psittacus erithacus, meine Ausführungen mit krächzenden Zurufen wie ‚Imperativ, Imperativ‘ oder ‚Leibniz, Leibniz‘ begleitete … Kant, hieß es, sei krank; eine amerikanische Universität wolle ihm zwar die Ehrendoktorwürde verleihen, aber zuvor habe er sich dort noch einer Augenoperation zu unterziehen, denn er sei halb blind und auf die Hilfe seiner Frau angewiesen, die ihm ständig alte Zeitungen vorlesen müsse …“ „Alte Zeitungen? Warum das denn?“ fragte Green.“ „Weil der Autor dieses Theaterstücks es so wollte“, sagte Kant. „Für ihn und ein ständig angeheitertes Publikum musste ich sagen: ‚Ich lese grundsätzlich nur Zeitungen, die mindestens vier Wochen alt sind … Diese alten Blätter haben eine nützliche Wirkung; sie verursachen keinerlei Erregungszustand‘ …“ „Gar nicht so dumm“, sagte Pörschke, „ich meine, sich nicht der Hektik des stets Gegenwärtigen auszusetzen …“ „Ach was“, rief der Philosoph voller Zorn. „Alles war dumm an diesem Theaterstück. Sie hätten sehen sollen, wie das Publikum, eine wiehernde Meute, auf eine Feststellung meiner sogenannten Frau reagierte … ‚Mein Mann‘, sagte sie, ‚hält urplötzlich zu einem ganz bestimmten, unvorhergesehenen Zeitpunkt seine Vorlesung. In Würzburg hatte er nur einen Hund als Zuhörer!‘ Und sie fügte hinzu: ‚Mein Mann hat in seinen Schuhen Asbesteinlagen, er hat Angst, er verbrennt, wenn er bei seiner Vorlesung diese Einlagen nicht in seinen Schuhen hat‘ …“ „Wir wollen Ihren Ingrimm besänftigen“, sagte Ruffmann. „Geben Sie uns nur noch Mitteilung darüber, wie das Stück ausgegangen ist.“ „Schrecklich“, sagte Kant. „In Amerika wurde ich von einer Delegation erwartet, die ich für eine Abordnung der Columbia-Universität hielt. In Wirklichkeit waren es Pfleger und Ärzte eines New Yorker Irrenhauses, die mich in Empfang nehmen sollten …“ „Infam“, sagte Green. „Dieser Schluss ist infam und ehrenrührig dazu … Aber trösten Sie sich. Es war nur ein Traum. Ich bin sicher, dass kommende Jahrhunderte noch größer von Ihnen denken werden als das unsrige …“ „Da wäre ich mir nun nicht mehr so sicher“, sagte Kant. „Auch wenn Träume Schäume sind: Vor den Herren Schriftstellern ist keiner sicher, am wenigsten die Philosophen, über die ein jeder Dummkopf, so als wären wir alle nur ein einziges Philosophen-Kabinett, abgeschmackte Kuriosa verbreiten darf …“

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erstellt am 01.3.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Immanuel Kant
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