27.04.2017

Triebenthemmung, die

Früher hatte ich auch Freunde, die nicht klug waren. Die haben sich betrunken, rumgeschrien, laut Musik gehört und sich in den Armen gelegen. Die haben sich irgendetwas über Frauen erzählt, was auf vollständige Unkenntnis schließen ließ und – offen gesagt – verachtend und entwürdigend war. Und die sahen dabei natürlich auch wie irgendwelche Arschgeigen aus, mit denen die Erziehung durchgeht und die jetzt gerade machen müssen, was man macht, wenn man so richtig enthemmt und ungebunden sein möchte, wenn man seine Freiheit so richtig auslebt. Dieses Glühen im Gesicht und dieser Blick, der plötzlich schräg wird und dann dieses blöde Grinsen.
Ich will das gar nicht verteidigen, aber diese alten Freunde von mir, die waren zumindest gestört, die hatten einen Dachschaden, das wussten die auch und so haben sie sich benommen. Da konnte man wenigstens immer sagen, na gut, das mag jetzt sexistische Kackscheiße sein, aber wenn ich die deswegen blöd anmache, ist es zumindest behindertenfeindlich oder sowas. Das war so eine Enthemmung, die war Ausdruck ihres Wahnsinns.
Ja, und heute benehmen sich alle so, nur ohne dieses Glühen im Gesicht und der Blick wird auch nicht mehr schräg. Es ist auch nicht unbedingt Alkohol im Spiel, aber diese Enthemmung, die ist genau die gleiche, es geht moralisch ganz nach unten und irgendjemand denkt, das sei jetzt seine private Befreiung und nicht der totale Tod oder das macht mir eben Spaß oder was man sich sonst so an bescheuerten Sachen ausdenkt, um das Falsche zu tun. Denn, wenn man sich richtig benimmt, dann braucht man keine Gründe und keine Rechtfertigung oder sowas, dann macht man das einfach. Aber wenn es plötzlich darum geht, Bindungen aufzulösen und richtig loszulegen mit dem sogenannten Leben, dann stellt sich die Frage, warum bist du eigentlich so ein dummes Arschloch und dann braucht man Gründe und eine Diskurstheorie und wie dieser ganze intellektuelle Tod heißt, der den moralischen Tod begleitet.
Tja und die Gründe, die hat man dann natürlich nicht und deswegen schimpfen heute alle auf die Institutionen, auf die Kirche oder die Moral und darauf, wie die Menschheit früher gelebt hat, um sich einzureden, dass diese Scheiße heute normal ist, dass sie selbst und ihre Triebenthemmung irgendwie okay sind, aber das ist sie nicht. Das ist Schmutz, und das wissen sie auch. (ae)

20.04.2017

Backstube, die

(1) Teigmanufaktur
(2) Ort von Zeitenwenden
(3) Schauplatz einer handwerklichen Verfertigungsweise, der aufgrund des ausufernden ökonomischen Erfolges von Systembäckereien und einer weit verbreiteten (—>) Geschmacklosigkeit transformiert wurde in eine
(4) Projektionsfläche für: durch die Morgensonne angestrahlte und aufsteigende Mehlschwaden; das (—>) Kneten als Arbeit am Material; die Rede vom allgemeinen Bäckermützenmangel, etc.
(5) In neuester Gebrauchsweise zugleich Basis und Überbau der Bäckerei und damit
(6) einer nachträglichen Ausstreichung erlegen (mw)

12.04.2017

Mahlzeit, die

(1) Zeit, die man in der Mühle verbringt, um sein Getreide zu mahlen. Da Getreide ungemahlen schwer verdaulich und wenig schmackhaft ist, wird es einem Mahlverfahren unterzogen, bevor es zur (2) Mahlzeit kommt. Diese Mahlzeit bezeichnet die Konsumtion des unter (1) zustande gebrachten Produkts, das in der Zwischenzeit weiter verarbeitet werden muss, meist in einer (—>) Backstube. Die (2) Mahlzeit lässt sich nicht auf ihren konsumtiven Anteil reduzieren, sondern impliziert immer auch einen kulturellen Austauschprozess (—> symbolische Ordnung). Jede (2) Mahlzeit knüpft an eine unhintergehbare Reihe von früheren (1 & 2) Mahlzeiten an, in denen die Möglichkeit der aktuellen (2) Mahlzeit physisch und kulturell vorbereitet wurde. (3) ist Mahlzeit in Regionen mit geringem allgemeinem Bildungsniveau als Grußform gebräuchlich, insbesondere unter (—>) Idioten. Zudem verlängert sich mit der allgemeinen Unsicherheit in orthographischen Fragen auch die Dauer, die Schüler zum Multiplizieren benötigen, die (4) Mahlzeit. In verschiedenen Sprichwörtern wird auf Mahlzeiten Bezug genommen, z.B. in: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. In visuell-begabten Regionen auch: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Neuerdings in Mitteldeutschland gebräuchlich: Wer mahlt, malt zuerst. (Wobei einzelne Forscher, die das Sprichwort auf Grimm zurückführen, glauben, es könnte auch heißen: Wer malt, mahlt zuerst oder wer malt, malt zuerst oder wer mahlt, mahlt zuerst oder, aber weniger gut belegt, werner malt zuerst.) (ae)

05.04.2017

Tod, niemandes

Niemand stirbt, die Bauern nicht, / die Freiheit nicht, nicht Träume. / Keiner oder Alles stirbt, / im Rot des Horizonts. / Seit Francos Tod, oh Barcelona, / Löcher in der Wand / und Splitter auf dem Boden. / Niemand stirbt, die Bauern nicht, / die Freiheit nicht, nicht Träume. / Der Lauf nach Osten, himmelwärts, / umschließt mit harten Händen. / Seitwärts, seitwärts! Kameraden, / Rot trocknet auf den Feldern. / Niemand oder alle sterben, / der Regen rinnt / Nicht aufwärts noch aus Freiheit. (ak)

29.03.2017

Eiland, das

Als ich am Morgen in die Küche trat, hatten sich meine Studenten schon um den Herd geschart. Wie am Abend zuvor vereinbart, waren sie früh und beschwingt aufgestanden und kochten Bohnen – das beherrschten sie, ja das konnten sie, denn sie taten es immer. „Bohnen, Bohnen!“, riefen sie immer wieder laut und fröhlich aus. Einer unter ihnen aber war unzufrieden, wandte sich zu mir und sprach traurig: „Alle Tage, Immer nur Bohnen. Ich wünschte es gäbe auch einmal ein Spiegelei.“ Das musste ein wahrhaft kluger Kopf sein, denn er hatte erkannt, was alle brauchten. Die anderen Studenten nämlich hörten seine Worte und waren vor Begeisterung ganz berauscht, dass sie das ganze Haus von unten bis oben zusammenbrüllten. Es herrschte ein wildes und erwartungsvolles Treiben, und die aufgeregte Morgengesellschaft erkor in einer kurzen Abstimmung den Studenten, der erst so traurig gewesen war, dazu aus, allen ein Ei zu braten. Alle aber tummelten sie sich um die Feuerstelle und beratschlagten, wie es anzugehen sei. Es war eine so schwere Arbeit, die nur wirklich befriedigend gemeinsam gelöst werden konnte, auch wenn einer hauptverantwortlich sein musste. Vor allem im Vorfeld war vieles zu klären und noch das meiste nur ein heilloses Durcheinander. Von hinten rief einer dies und vorne wollte ein anderer jenes einbringen. Man merkte, sie wollten etwas ganz Neues schaffen, das nur den Fleißigsten und Gewissenhaftesten gelingen würde. Sie waren fest entschlossen, obwohl die praktische Erfahrung noch zu wünschen übrig ließ. Als gleich zu Anfang ein Ei zu Boden fiel – das konnte auch den beharrlichsten und lernwilligsten Anfängern stets passieren – waren gleich zwei oder drei mit reichlich Papier zur Stelle, um es aufzuwischen. Natürlich wollte dann auch ausnahmslos jeder mal ein Ei in die Pfanne schlagen und zumindest kurz den Kochlöffel halten. So lernten sie gemeinsam dazu – alle von allen. „Den Pfannenheber halte ich am liebsten in der linken Hand“, gab einer zum Besten. Ein anderer aber wusste: „Man muss die Schale ganz behutsam mit einem Messer bearbeiten, dann kommt es raus!“ Alle leisteten einen gewichtigen Beitrag zum gemeinsamen Werk. Wenn es manchen von ihnen weniger gut gelang als anderen, dann gaben sie nicht auf, sondern trösteten einander und versprachen sich, stets zusammenzuhalten, auch wenn nicht alle Eier gleich schön würden. Denn die Hauptsache war: Jeder isst ein Ei. (mw)

22.03.2017

Suche nach Gottfried Jones, die

Triff mich im Club in Denkerpose,
Finger um die Coca-Cola
gekrümmt zum Gnadenschuss
Kusch Kusch Gedankenfetzen
langen dort in Flattersätzen
von der einen Nacht zur nächsten
mach' Wasser zu Schnaps
tanz' mit dem Alp auf den Gehirnen
bis sie fluchen nach Visionen
soll' Poesie der Zukunft suchen
doch ich hab bloß neue Sneakers
und die Nummer eines Dealers
(ac)

15.03.2017

Aale, die

Nicht zu viel am Anfang, nicht zu viel zwischendrin. Nicht zu viel mit nicht zu vielen Huren oder Hunden, Hunde sind männliche Huren, und nicht zu viel zwischendrin. Warte x Jahre und tue oder tue nichts. Ich denke an ein Mädchen, dass sich einen Eimer mit zwanzig Aalen wünscht, bevor sie groß ist, damit sie darin baden kann, solange sie noch klein ist, weil sie denkt, dass es zwanzig Jahre braucht, bis der Aalfang vorbei ist. Das Vögeln der Aale ist unser letztes Geheimnis. Kein Mensch hat Aale jemals dabei gesehen. Sie werden im Meer geboren, wandern in Süßwassern und wenn sie zurück ins Meer kommen, kommen sie ein einziges Mal und sind tot. Zwischendrin fallen Menschen wie Fliegen. Man sagt, es liegt kein Geheimnis darin, es gibt nur Uneingeweihtheit aller Grade, umso mehr man weiß, umso mehr wünscht man sich Aale. Zwischendrin bestellen wir das x-te Bier. Ich suche ein Feuerzeug, genau eins fehlt, und finde fünf in meiner Tasche. Im Fernsehen steht es 2:1 oder 1:2. Wie auch immer es ausgeht, ich wünschte, das Spiel wäre zu Ende.

Es ist zu laut, um in langen Sätzen zu sprechen. Das ist gut. Das macht es einfacher. Gespräche brennen in den Augen. Wir müssten uns für die Windungen unserer Gehirne entschuldigen, ständig. Aber am Ende des Abends ist es kurz egal. Zu viele Tische. Zu viel zwischendrin. Geheimnisse schreit man nicht, Geheimnisse schreibt man nur in Nebensätzen. Vielleicht war es auch andersherum. Ein Mädchen in einem Eimer hofft, dass Aale nicht aussterben. Ein Aal versucht sein bestes, aber es ist kein Platz zwischen ihren Schenkeln. Zu viele Aale verderben den Brei. Wir gehen alleine nach Hause und sind selber Schuld. (sch)

08.03.2017

Obstpole, der

Der Obstpole gehört zur Kategorie der praktischen Ausländer: er braucht wenig Zuwendung, auch finanzieller Art (Polen sind zwar nicht mehr so arm wie früher, aber doch noch ärmer als wir); er arbeitet hart auf den Feldern und belastet das Ausländerkontingent nicht (da nur saisonal anwesend oder gleich schwarz). Letzteres ist nämlich für Hochqualifizierte reserviert – baumhoch reicht nicht. Genausowenig belastet der Obstpole die Altervorsorge (er pensioniert nicht ohne Radio Maria!), die Krankenkassen (Arbeit an der frischen Luft hält gesund!), oder die Arbeitslosenkasse (weil schwarz oder weil er nicht genügend lange einbezahlt). Dass dem Staat dabei etwas entgeht, ist zu vernachlässigen – der Obstpole arbeitet sowieso unter dem Minimallohn und käme so um die Steuern herum. Auch die Integration ist hinfällig – er geht ja wieder! Gleichzeitig kann er in einer Obstsaison alle für ihn notwendigen Begriffe unserer Sprache lernen (dies beinhaltet: grundlegende Befehlsformen sowie einige Obstsorten) und kann so ohne weitere Investitionen im nächsten Jahr wieder verwendet werden. Unter all diesen Gesichtspunkten steht zu hoffen, dass sich andere Gattungen an diesem praktischen Ausländer ein Beispiel nehmen. (David Atwood)

08.06.2016

Miteinander, das

(1) Wir denken, wir sprechen, wir schreiben, wir lesen; wir vergessen allzu oft, vielleicht auch allzu gerne, dass wir Menschen unter Menschen sind. Wir reden mit und über Literatur, setzen uns mit ihr und Anderen auseinander, weil wir es wollen und sprechen mit und übereinander, während wir das denken, von dem wir denken, dass es gedacht werden muss, zumindest nach den Regeln unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten. Für die Kohärenzen und Konsequenzen unseres Miteinanders bleibt das Gespräch irgendwo unverzichtbar. Wir können uns selbst nicht alles sein und bieten. Das Miteinander-Sprechen, dieses Miteinander-Schauen ins Irgendwo, geht, wenn es gut läuft, ins immer Weitere; wie ein Blick in die Sterne, der die Sternbilder noch nicht kennt, aber sich einen hellen Punkt in der Ferne sucht, um das große Bild von dort aus Punkt für Punkt mit dem eigenen Finger zu zeichnen; als ein Suchen oder Finden vor und hinter fremden Stirnen, wo Begriffe und Worte sich die Spannung halten zwischen ungesucht und unauffindbar.

(2) Das Zusammendenken verbundener Blicke trotz unterschiedlicher Perspektive: Schau, dort! Jemand zeigt mit dem Finger, dort ist was, das ich sehen kann oder vielleicht auch noch nicht. Ich versuche, die Punkte nachzuvollziehen, die einander bedingen und einander folgen: […] Drei Punkte im Gespräch, die mehr sagen können als eine Pause zwischen Sprechenden. Sie sind Markierungen des unbestimmten Miteinander-Suchens – ohne Punkt eins hier nicht Punkt zwei, ohne Punkt zwei nicht drei, – sie sind Marksteine einer Gedankensuche, die sich nicht als philosophische Abhandlung präsentiert, sondern als ein Ereignis des gemeinsamen Suchens und Erfindens von Gedanken und Worten innerhalb des Miteinander.

(3) Vielleicht brauchen wir uns nicht, aber wir gebrauchen uns ständig, wenn wir etwas voneinander wissen wollen, das wir selbst nicht wissen, oder wir eine Sichtweise erfragen, die wir schlicht nicht kennen, während wir nicht unbedingt anders, aber jeweils Anderes denken, Anderes sprechen, Anderes schreiben, Anderes lesen und Anderes träumen. Zwischen Geben und Nehmen teilt sich uns die Intention des Gesprächs mit, wenn man sich aus unterschiedlichen Richtungen in derselben Mitte trifft. Unterwegs die Initiative eines Einzelnen: Dazu möchte ich noch ein Wort sagen! Wiederholt das Abbrechen und Ansetzen eigener und fremder Gedanken; das Gespräch und die eigene Rede in Gang halten, Gedanken laufen lassen; die Stirnbilder eines Kopfes im Dialog mit fremden Zeichnern als gemeinsames Spiel mit bunten Stiften: ein Happening ohne Furcht vor Stolpersteinen oder Farbenblindheit. (sch)

Geänderte Fassung eines Textes aus dem OTIUM-Buch »Bildungsnähe(n)«
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18.05.2016

Romantiker, verfluchter

Wiese am Rand einer Kulturlandschaft (AUSSEN/TAG)

- Fertigt eine Liste meiner Gliedmaßen! Ein Inventar meiner Charakterstücke! Reiht auf, was ich gesagt habe und setzt mich dann wieder zusammen. Es ist genug gesucht. Eine hohe Stirn, vorstehende Augen, Haut. Vielerlei Epidermes. Eine Liste! Ein Schuh, ein Hut, ein Auto. Bulletpoints! Was habe ich gesagt? Es ist schon wieder weg.

- Du willst erkannt sein. Der Liste erster Punkt: Er will erkannt sein.

- Anerkannt.

- Wofür?

- Eine Auflistung meines Zukurzkommens: Ich wäre gerne einsam. Ich wäre gerne grausam. Ich wäre gerne billig.

- Wir erkennen an, dass du's gern wärst. Zweiter Punkt: Er ist nicht einsam. Drittens: Er bildet sich Sanftheit ein. Viertens: Er ist sich zu teuer.

- Ihr sollt ein langsamer Spiegel sein. Damit ich in euch sehe, was hinter mir liegt. Wem dient ihr?

- Wir dienen deiner Scham. Da ist nichts, das uns anerkennt. (ab.)

- (zu sich/dem Publikum) Schon wieder weg. Mir ist, als gingen sie ihren letzten Weg oder ich meinen, oder aber, denn das stimmt eh, eher noch, als kreuzten sich diese unsere letzten Wege nie wieder. Was habe ich gesagt? Kein Wort zum Abschied? Wer ohne Gründe ist, wird den letzten Gruß werfen. Sie werden wiederkommen und ich werde nicht gehen können. Es bleibt beim Alten. Morgen in die Hosenbeine und dasselbe.

Aussen, Tag. Gräser, leichter Wind, Schlick zwischen den Halmen. Nebenan: Kartoffelfelder, frisch gepflügt. Nirgends ist man allein. (oha)

27.04.2016

Frühling, der

Letzte Woche habest du dich gegen einen Kollegen durchgesetzt, erzählst du. Du sprichst vom Urlaub, deinem letzten Besäufnis, deiner Mutter und davon, dass du Frauen respektierst. Es ist meine Möglichkeit, ein normaler Mensch zu werden, ein dankbarer. Deine Augen lachen, wenn ich sage: ich mag Stalin und das Geräusch von splitterndem Glas. Sie glauben nicht an meine Worte oder daran, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Imitation der Imitation und der Imitation. Wahr sind ihnen nur die Blumen, die platt auf dem Tisch liegen. Sie sind einfach, wie du mich willst. (ac)

20.04.2016

Nacht uns Akademikern!, letztens

War mitunter Nachtakademiker
– Alien hinter der Theke
Brötchen zählen für die Retoure
gebacken für die Retoure.
Gelandet in der Retoure.
Dabei im Hinterzimmer
über Mäuse geschrieben (Kafka)
und kaum welche gemacht (Kafka),
aber darüber nachgedacht, dass…

Josefine pfeift nicht mehr.

Vor der Theke spoilern
für die Nachgeborenen:
Bei der Arge hat sich einer gefreut
über Kafka, er liest gern. (Mhm)
Manchmal lerne ich was,
das monumental basic ist,
darin Momente innerer Stille,
der Mittelfinger der Einsicht.
Farewell, Akademie.
Zurückgesandt, wo ich herkam,
aber das Hirn irgendwo dazwischen. (sch)

13.04.2016

Nacht uns Akademikern!, fünftens

Zwei Sterne noch am Himmel.
Drei Menschen im Westend.
Come join me, finstrer Campusrasen.
Löwenzahn, Grasnarben, dunkles Wissen.
Gleißende Nacht, Sterne, die uns glimmen.
Jenseits dem Firnis der Großstadtleuchten.

Blickkreuzungen, Straßenwirrwarr, Blende.
Da ist kein Ort, der uns Folge leistet.
Ich bin Clacqueur der eigenen Vorstellungskraft.
Voyage au bout de la tête.
Buch raus, Streichholz an.
M’illumino d’immenso.
Dìa de Muertos ist nur ein Spiel, das sie woanders feiern.
Hinter der Maske (keine Luft mehr, irgendwann eingeschlafen):
Ich kenne so viele Sprachen.
Ich habe die besten Sprachen. (oha, vif)

29.03.2016

Gesetz, das

Ist es nicht so, daß wir, sagen wir, zu nichts kommen? Daß wir gelangweilt sind, uns zu Opfern machen, den Streß nicht mehr ertragen, uns zu Opfern machen und dann – tada – zu nichts kommen? Der Streß hat nicht geholfen, unsere Opferrolle hat nicht geholfen, das Surfen, das Kaffeetrinken, die Erinnerungsmail, die Notiz auf dem Bildschirm. All das hat nicht geholfen. Und wäre es nicht besser, wenn da einfach jemand hinter dir stünde, der dafür sorgt, daß du nicht noch einen Kaffee trinkst, nicht noch eine Erinnerungsmail löschst, nicht weitersurfst auf der Suche nach einer Modifikation deiner Opferrolle, sondern einfach, sagen wir, ganz stalinistisch wirst? Du tust, was du zu tun hast, und fertig. Mir leuchtet das sehr ein…

– Mir leuchtet es auch ein. Das ist ja, was mich traurig macht. (ae)

1.3.2016

Nacht uns Akademikern!, viertens

Falltu?ren ins Sentimentale etc.,
mit dem Fahrrad die Flure runter
eine große Geste.
Den Debu?troman in Dropbox
vero?ffentlicht, er musste
einfach raus.

Dem ganzen Paket salutieren:
verwuscheltes Haar, Flu?chtigkeit.
Eine Hand justiert die Augenbinde:
Die andere ist zwischen den Beinen.

Feuerzeug im Seminarraum zwar noch erlaubt,
aber nichts damit anzufangen.
Und Oma entschied: Du wirst kein Feuerzeugmacher,
sondern Akademiker.

„Aber Oma, ich kriege
Spannungskopfschmerz beim Lesen
im Kerzenschein, wenn es na?chtelt.“

Und Oma sah, dass der letzte Krieg
schon etwas her war. (vif)

23.2.2016

Nacht uns Akademikern!, drittens

Da wir bloß noch als Ich-Form zu haben sind, habe ich eben im Schoß einer Anderen die Revolution gesehen. Bei Nacht hat sie sich durch den Beckenboden gefressen, ist rausgekrebst und ohne Ton verendet. Still wird im Knien gebetet: Alma Mater. (ac)

9.2.2016

Nacht uns Akademikern!, zweitens

War mitunter Neandertaler,
hab in Höhlen gemalt.
Dann kamen die Vögel.

Welt brechen gelernt,
vor allem brechen gelernt,
von allem brechen gelernt,
was sich ausgab wie

a rose is a rose is a rose.
Nachmittags müde werden
und Bürostühle essen
oder Müsli.

Abends vögeln oder
kommen oder nicht kommen.
Meist nicht kommen.

Sinn, fragst du.
Hat es gegeben.
Nacht
uns Akademikern. (ae)

3.2.2016

Nacht uns Akademikern!, erstens

Nightcrawling.
Spuckbrocken suchen:
Gebölk, Gespält,
befühlernd.

Ich fühl mich wohl in deiner Enge
Alma Mater

und kann den Kopf nicht drehen,
es fehlt das Wendeglied.
Doch wenn, ich würd kokett
nesteln am Brustansatz

und deinem Blick.
Komm in meinen Dreck –
Die anderen Asseln
hab ich im Griff. (oha)

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erstellt am 01.3.2016

Nichts weniger als eine G roße E nzyklopädie der W elt i n S prache und S inn (GEWISS) soll vor aller Augen in Faust-Kultur entstehen. Die Autoren sind Redakteure und Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift ‚OTIUM’, deren Texte und Dichtungen an allen Erwartungen vorbeilaufen, um sich jenseits des Bekannten und Erprobten zur Alphabetisierung der Gegenwart auf treibendem Grund anzusiedeln. Man kann wohl nicht abstreiten, daß wir seit der Erneuerung des Schrifttums bei uns den Wörterbüchern zum guten Teil jene allgemeinen Kenntnisse verdanken, die sich in der Gesellschaft verbreitet haben, und damit auch jenen Wissenskeim, der den Geist unmerklich auf tiefere Erkenntnisse vorbereitet. Zweifellos steht die Enzyklopädie in einer gewissen Tradition, die sie dazu verpflichtet, diese Tradition auf die neuen Erfordernisse hin zu überschreiten. Diese Erfordernisse werden von den Autoren definiert: „Von unseren Fähigkeiten haben wir unsere Kenntnisse abgeleitet. Die Geschichte verdanken wir dem Gedächtnis, die Philosophie der Vernunft und die Poesie der Einbildungskraft.“

Die Artikel des neuen Lexikons GEWISS erscheinen in loser Folge in Faust-Kultur, und nichts wird so sein wie vorher. Denn die Wörter in diesem Lexikon laufen ihrer Deutung zu.

Otium-Projekt auf faust-kultur

Redaktion

Alexandru Bulucz (ab), Alexandra Colligs (ac), Andreas Engelmann (ae), Viktor Fritzenkötter (vif), Ossian Hain (oha), Alexander Kern (ak), Sarah Schuster (sch), Marten Weise (mw); mit weiteren Beiträgen von Jakub Gawlik (jg), Florian Nickel (fn)

siehe auch

Zeitschrift OTIUM