Die beiden Kontrahenten der österreichischen Gegenwartsliteratur, Peter Handke und Thomas Bernhard, stießen unmittelbar aufeinander. Die Premieren von Handkes neuestem Stück in einer Inszenierung von Claus Peymann und Oliver Reeses Dramatisierung von Bernhards „Auslöschung“ fanden im Abstand von einem Tag statt. Thomas Rothschild berichtet aus Wien.

Handke, Bernhard und Grieg in Wien

Die Macht der Kunst

Auf die Frage, ob ihn sein Regisseur Claus Peymann verstehe, antwortete Peter Handke in einem Gespräch mit dem österreichischen Fernsehen: „Nein. Ich möcht auch nicht verstanden werden. Vor allem von ihm nicht. Ich möcht aus vielen Gründen nicht verstanden werden. Ich möcht begriffen werden, ich möcht, dass der andere sich selber begreift…“

Entweder will Handke seine Interviewerin verschaukeln, oder aber er redet dummes Zeug. Für die zweite Annahme spricht die Tatsache, dass er seine eigenen Ausführungen abwinkt mit einem mürrischen: „Ach Blödsinn, was ich sag…“ Der Zweifel aber bleibt auch bei seinem jüngsten Stück „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“: Ist das nun ein Geniestreich zeitgenössischer dramatischer Poesie oder lediglich prätentiöses Geschwätz, hinter dessen philosophischem Gestus sich das pure Nichts verbirgt? Schillernd mehrdeutig wie das ganze Stück ist ja schon der Titel. Bezieht sich die Ortsangabe „am Rand der Landstraße“ nur auf die Unbekannte (im Personenverzeichnis figuriert sie als „Die Unbekannte von der Landstraße“) oder auf die Gesamtheit der Genannten („Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte“)?

Eine Konstellation, die Seltenheitswert hat: Die beiden Kontrahenten der österreichischen Gegenwartsliteratur, Peter Handke und Thomas Bernhard, stoßen unmittelbar aufeinander. Nur ein Tag trennte die Premieren von Handkes neuestem Stück und der Dramatisierung von Bernhards Roman „Auslöschung“ voneinander. Und der bewährte Handke-Regisseur Claus Peymann stieß auf Oliver Reese, der ihn am Berliner Ensemble ablösen wird. Ort des Showdowns war Wien, das Burgtheater, an das der viel geliebte und gescholtene Peymann zu diesem Anlass zurück gekehrt ist, und das Theater in der Josefstadt, das sich zu einem Fixpunkt für Thomas Bernhard entwickelt hat.

Hermetischer, aber durchaus poetischer Text

Ort der Handlung ist bei Handke der bereits im Titel angekündigte Rand der Landstraße. Sie ist im Bühnenbild von Karl-Ernst Hermann durch einen Lichtstreifen markiert, die sich von hinten in Kurven bis in den Vordergrund erstreckt. Hier stellt sich „Ich“ (Christopher Nell) zunächst in einem langen Monolog vor. Danach begegnen ihm die ebenfalls im Titel annoncierten Unschuldigen, allen voran „Der Wortführer“ (Martin Schwab) und „Die Wortführerin“ (Maria Happel), sowie „Die Unbekannte“ (Regina Fritsch). Claus Peymann, der Peter Handke über mancherlei Fährnisse die Treue gehalten hat, spickt den hermetischen, aber durchaus poetischen Text mit mancherlei szenischen, auch komischen Einfällen, die der nicht unbedingt bühnenwirksam gedachten Vorlage zu physischer Präsenz verhelfen. Insbesondere die Gruppe der Unschuldigen wird in immer neuen Formationen und auch akustischen Varianten choreographiert, die mit dem Gezappel oder der statischen Gegenwart des Ich wohltuend kontrastiert.

Die Problematik ist Handke durchaus bewusst. Das offene Ende des neuen Stücks, das mehrfach ansetzt und zugleich Licht wirft auf die vorausgegangenen Stücke, eigentlich auf Handkes gesamtes dramatisches Werk, ist nichts anderes als eine wiederum dramatisierte Reflexion über den Gegensatz von Dramatik und Epik, der ja im Theater der Gegenwart obsolet geworden zu sein scheint. Man kann in der Wortlastigkeit von „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ auch einen Gegenentwurf sehen zu Handkes eigenen wortlosen Stücken „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ und „Das Mündel will Vormund sein“ (beide von Claus Peymann uraufgeführt).

Bernhards Suaden

Zu den Paradoxen des Theaterbetriebs gehört es, dass man Thomas Bernhard einerseits vorwirft, er habe immer das Gleiche geschrieben, lebenslang an einem einzigen Roman, einem einzigen Theaterstück weitergebastelt, dass man aber andererseits mit den rund 30 Dramen, die er hinterlassen hat, nicht genug zu haben scheint und daher auch seine Erzählprosa für die Bühne bearbeitet. Nun ist das bei Bernhard sogar plausibler als bei vielen Romanadaptionen, die zurzeit die Spielpläne überschwemmen. Einerseits bestehen Bernhards Theatertexte vielfach und über weite Strecken aus Monologen, die sich der Erzählung annähern, andererseits haben viele seiner Erzähltexte den Charakter einer Suada, die sich für den mündlichen Vortrag anbietet.

Gerade diese Suaden aber sind Ausfluss eines extrem subjektiven, an ein zwangsneurotisches Subjekt gebundenen Bewusstseins. Es stellt sich also die Frage, ob Oliver Reese gut beraten war, als er den Ich-Erzähler von Bernhards Roman „Auslöschung“ auf vier Personen aufteilte, ganz offensichtlich aus dem einzigen Grund, dass er einen zweieinhalbstündigen Monolog eines einzigen Schauspielers vermeiden wollte. Es nützt freilich nichts. Was im Roman so wunderbar funktioniert, die Sogkraft eines manischen Berichts von einer Rede an den Schüler Gambetti, stellt sich auf der Bühne nicht ein. Und es will sich erst recht kein Bühnengeschehen entfalten. Alle Versuche, die Erzählung durch teils imitatorische, teils läppisch komische Spielformen aufzulockern, gehen in die Hose. Es bleibt unbeantwortet, was Bernhards großartiger Roman, den sich der des Lesens Kundige in jeder Buchhandlung besorgen kann, durch diese „Dramatisierung“ gewonnen hat.

Die einzige denkbare Antwort wäre: die Präsenz von vier Schauspielern. Ja, man sieht und hört der differenzierten Kunst Udo Samels gerne zu. Man sieht und hört ihm ja immer gerne zu. Es müsste nicht die „Auslöschung“ sein. Auch Wolfgang Michaels mümmelnde Artikulation ist stets ein Vergnügen. Manchmal wünschte man sich freilich, dass er mit der linken Hand mehr anzufangen wüsste, als sie in die Tasche zu stecken, während die Finger der rechten Hand nervös zucken. Und Christian Nickel und Martin Zauner lassen sich von der kunstvollen Monotonie der Sprache dazu verführen, auch im Tonfall nur ein Register zu ziehen. Udo Samel stiehlt ihnen dann mit einem einzigen Satz die Schau.

Ein großer Teil des Reizes von Bernhards Roman geht aus vom geballten Hass, vom Ekel und Abscheu des Erzählers, dessen Übertreibung, wie in fast allen Werken Bernhards, zwar komisch wirkt, dessen Berechtigung aber zugleich erkennbar wird, sowie von der insistierenden Wiederholung der Rahmungen von indirekter Rede. Diese geht beim – zumal stark gekürzten – Bühnentext verloren.

Der Schluss der „Auslöschung“ ist mehrdeutig und nicht frei von Zynismus. Nachdem der Erzähler Murau ohne Unterlass davon berichtet hat, wie seine ihm verhasste Familie auf dem oberösterreichischen Schloss Wolfsegg mit den Nationalsozialisten und dem Nationalsozialismus im Verbund mit einem bornierten Katholizismus verbandelt war, vermacht er das ihm als Erbe zugefallene Anwesen der Israelitischen Kultusgemeinde. Ausdruck der Scham für all das, wofür sich die Eltern nie geschämt haben, oder der perfide Versuch, den Opfern die Sünden der Täter aufzubürden wie dem legendären Sündenbock?

Zum Heulen schön

Wenn im Theater mehr und mehr an der Rampe monologisiert wird – wozu überhaupt noch die Illusion, es werde gespielt, es würden Darsteller, die andere als sich selbst verkörpern, in Maske und Kostüm einen Raum füllen und sich zu einander in Beziehung setzen? Warum nicht gleich eine szenische Lesung? Nicht Handke, ein anderer Peter, der wie jener sein Leben damit zubringt, in Erfahrung zu bringen, wer er eigentlich sei, Peer Gynt nämlich, ist bekanntlich der Held des Jahrhundertdramas von Henrik Ibsen. (Claus Peymann hat auch dieses, mit Ulrich Mühe in der Titelrolle, am Burgtheater inszeniert.) Weniger bekannt ist, dass Edvard Grieg eine Bühnenmusik geschrieben hat, die weit über die beiden ins Konzertrepertoire eingegangenen Suiten hinausgeht. Alain Perroux, der Dramaturg des Opernfestivals in Aix-en-Provence, hat dafür aus Ibsens Drama eine Version für zwei Schauspieler kondensiert.

Griegs komplette Bühnenmusik, die erst mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung als Partitur vorlag, wird nur selten aufgeführt. Wie bedauerlich das ist, konnte man jetzt im Wiener Konzerthaus erleben, wo die Wiener Symphoniker und die Wiener Singakademie unter Marc Minkowski für eine wunderbar differenzierte Wiedergabe dieser Partitur sorgten. Die Sprecherparts übernahmen der unter Hochdruck stehende Sven-Erich Bechtolf und die stimmlich wie artikulatorisch virtuose, sich selbst übertreffende Sunnyi Melles. Die kurzen, aber wichtigen Gesangssoli in der zweiten Hälfte interpretierten Johannes Weisser, Marianne Beate Kielland und Miah Persson zum Heulen schön. Und man mochte sich fragen, warum dem ausverkauften Konzert nur eine Wiederholung gegönnt wurde. Es hätte es verdient, in Konkurrenz zum Handke im Burgtheater und zum Bernhard in der Josefstadt auf dem Spielplan zu bleiben. Weniger dramatisch als diese ist es nicht. Im Übrigen findet die Entscheidung, Theater nicht zu spielen, sondern im Kopf des Zuhörers entstehen zu lassen, in Ibsens Drama selbst eine Entsprechung: wenn Peer seine sterbende Mutter Aase erzählend in eine Fantasiewelt entführt. Auch da möchte man heulen. Das ist die Macht der Kunst.

Kommentare


MICHAEL ROLOFF - ( 02-03-2016 06:37:04 )
ueber Handkes DIE UNSCHULDIGEN ist Ihnen ja enttaueschen wenig eingefalllen!
http://handke-drama.blogspot.com/2012/07/peter-handke-plays-in-english.html
http://handke-drama.blogspot.com/2014/10/die-unschuldigen-ich-und-die-unbekannte.html



http://handke-drama.blogspot.com/2016/01/comments-on-handkes-ich-und-die.html

?http://handke-drama.blogspot.com/2016/02/iv-of-innocent-comments-directors-take.html?

https://picasaweb.google.com/106505819654688893791/PEYMANNHANDKEBURGUNSCHULDIGENwie soll ich als amerikaner wissen die farbe eines oestreichischen post autos. tipp auf gelb.

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erstellt am 01.3.2016

Szenenfoto „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ © Georg Soulek / Burgtheater

Theater in Wien

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

Von Peter Handke

Regie Claus Peymann
Bühne Karl-Ernst Herrmann
Kostüme Margit Koppendorfer

Besetzung Christopher Nell, Krista Birkner, Fabian Stromberger, Franz J. Csencsits, Anatol Käbisch, Hans Dieter Knebel, Benedikt Paulun, Hermann Scheidleder, Martin Schwab u.a.

Burgtheater

Szenenfoto „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ © Monika Rittershaus

Szenenfoto „Auslöschung“ © Sepp Gallauer

Theater in Wien

Auslöschung

Von Thomas Bernhard

Regie Oliver Reese
Bühnenbild Hansjörg Hartung
Kostüme Elina Schnizler

Besetzung Wolfgang Michael, Christian Nickel, Udo Samel, Martin Zauner

Theater in der Josefstadt

Szenenfoto „Auslöschung“ © Sepp Gallauer

Konzert in Wien

Peer Gynt. Bühnenmusik op. 23

Von Ervard Grieg

Wiener Symphoniker / Marc Minkowski (Dirigent)

Wiener Konzerthaus