Seit 2002 leitet der Kunsthistoriker Thomas Röske die Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Der historische Bestand der Sammlung wurde vom Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn (1886-1933) in den frühen 1920er Jahren zusammengetragen. Seit 1980 kamen etwa 17.000 weitere künstlerische Werke von Psychiatrie-Erfahrenen hinzu. Eugen El hat mit Thomas Röske über die aktuelle Ausstellung „Dubuffets Liste“ und über die Arbeit der Sammlung gesprochen.

Gespräch mit Thomas Röske

»Ich hätte es nicht zu träumen gewagt«

Eugen El: Mit welcher Motivation besuchte der Maler Jean Dubuffet 1950 die Prinzhorn-Sammlung? In welchem Zustand fand er die Sammlung vor?

Thomas Röske: Dubuffet kam fünf Jahre, nachdem er mit der Schöpfung des Begriffs Art brut Stellung gegen das bezogen hatte, was er „Art culturel“ nannte, die für ihn korrumpierte Ausstellungskunst seiner Zeit. Er wollte offenbar seine Auffassung von authentischer Kunst an der wichtigsten Vorläufer-Sammlung seiner eigenen Collection de l’art brut überprüfen. Die Sammlung war damals in zwei großen, eigens angefertigten Schränken der psychiatrischen Universitätsklinik gelagert und weitgehend vergessen.

Dubuffet hatte Prinzhorns 1922 publizierte Studie „Bildnerei der Geisteskranken“ gelesen. Welche Rolle spielte das Buch für ihn?

Das Buch, so sagte er 1976 in einem Interview mit John M. MacGregor, hatte ihm bereits in den 1920er Jahren die Augen geöffnet für die Möglichkeiten der Kunst. Es hatte ihn genauso erschüttert wie die Pariser Surrealisten. Allerdings zog er erst später Konsequenzen daraus, für seine eigene Kunst wie für sein Sammeln.

In einer Liste protokollierte und bewertete Dubuffet die von ihm gesehenen Werke aus der Sammlung. Was waren dabei seine Kriterien? Welches Künstlerbild spricht daraus?

Dubuffets Kriterien waren rein ästhetisch. Ihn kümmerten nicht die Schicksale und besonderen Erfahrungen hinter den Werken.

Hans Prinzhorn hatte seine Lieblinge in der Sammlung, die sogenannten „Meister“. Hast Du ebenfalls persönliche Favoriten in der Sammlung?

Ja, ich glaube, die hat schnell jeder, der sich auf die Werke einlässt. Manches von Prinzhorn und Dubuffet Herausgestellte gefällt mir auch sehr. Aber da ich mit heutigen Augen auf die Sammlung blicke, stechen für mich daneben andere Werke heraus. Zum Beispiel ein Buch, das der Regensburger Anstaltspatient Franz Kleber zwischen 1898 und 1908 aus Marginalspalten von Zeitungen zusammengeklebt und dann mit ebenfalls aus Zeitungen gerissenen Buchstaben mühevoll beschrieben hat. Er wollte wohl mit seinen Äußerungen genauso ernst genommen werden wie gedruckte Autoren außerhalb der Anstalt. Das finde ich bewegend, weil es viel über die Situation von damaligen psychisch Kranken sagt.

Ist es ein Privileg oder eine Bürde, eine Institution zu leiten, die so stark von ihrer Sammlung lebt?

Eher ein Privileg. Die Sammlung ist ja sehr reich. Selbst von den mehr als 5000 Werken, die Prinzhorn zwischen 1919 und 1921 durch einen Aufruf an sämtliche psychiatrischen Institutionen im deutschsprachigen Raum zusammenbekommen hat, sind erst ca. 50 % ausgestellt und publiziert worden. Es gibt darin noch sehr viele spannende Werke, die auf ihren Auftritt warten. Und das trifft ebenfalls auf die übrigen ca. 17.000 Werke der Sammlung zu, von denen das Publikum erst einen Bruchteil kennt.

Die Sammlung entwickelt sich kontinuierlich über den von Prinzhorn zusammengetragenen Kernbestand hinaus. Woher kommen die Neuzugänge?

Wir erhalten zumeist Schenkungen angeboten und wählen aus. Leider komme ich kaum dazu, mich selbst auf die Suche nach sinnvollen Ergänzungen der Sammlung zu machen. Manchmal kaufen wir auch Werke an, müssen dafür allerdings Drittmittel einwerben. So sind zum Beispiel die sehr wichtigen 44 Zeichnungen zu uns gekommen, auf denen der Wernecker Patient Wilhelm Werner zwischen 1934 und 1938 seine Fantasien über die eigene Zwangssterilisierung festgehalten hat, oder zwei große frühe Blätter von Adolf Wölfli, dem sicherlich bekanntesten Anstaltskünstler des 20. Jahrhunderts. Bei diesem Ankauf haben uns sogar die Kulturstiftung der Länder und die Ernst von Siemens Kunststiftung geholfen.

Inwieweit sind Gegenwartskünstler an der Prinzhorn-Sammlung interessiert? Wie nehmen sie darauf Bezug? Was motiviert sie, sich auf die Sammlung einzulassen?

Künstler waren von Anfang an von der Sammlung fasziniert und haben sich, wie die Surrealisten, daran orientiert. Heute interessieren sich Künstler stärker als frühere für die Kontexte, in denen die Werke entstanden sind, für biographische und psychologische Hintergründe, aber auch für die Situation in der Psychiatrie zur Zeit ihrer Entstehung. Außerdem ist Künstlern heute oft am Bezug der Werke zu unserer Gegenwart gelegen. Dadurch gibt es immer wieder Bezüge zur Strömung der künstlerischen Forschung. Auf einer anderen Ebene lässt sich jedoch auch beobachten, dass Künstler früher wie heute die Werke der Sammlung Prinzhorn als Katalysatoren nutzen, um künstlerische Aufgabenstellungen, die sie momentan ohnehin beschäftigen, in anderer Weise anzugehen und dadurch ihre eigene Entwicklung zu befördern.

Wie stellt sich die akademische Kunstgeschichte zur Kunst aus psychiatrischem Kontext? Gibt es Berührungsängste?

Viele Kunsthistoriker denken noch immer, dass sie psychiatrische Kenntnisse haben müssten, um Kunst aus psychiatrischem Kontext zu interpretieren. Ich glaube aber, dass man mit kulturgeschichtlicher Kontextualisierung der Werke schon sehr weit kommt. Zudem ist das Methodenspektrum der Kunstgeschichte ja heute schon sehr weit. Gebräuchlich und sinnvoll in diesem Zusammenhang sind etwa auch psychoanalytische Ansätze oder der Ansatz der Disability Studies, die nach Tendenzen und Unterstützung der Selbstermächtigung von Patienten fragen.

Welche Rolle spielt Kunst aus psychiatrischem Kontext im gegenwärtigen Kunstmarkt?

Der Kunstmarkt für sogenannte Outsider Art, unter der viele Werke von Psychiatrie-Erfahrenen heute firmieren, ist groß und divers. Es gibt viele spezialisierte Galerien und eine Messe, die jährlich in New Work und seit wenigen Jahren auch in Paris stattfindet. Mittlerweile nehmen viele andere Galerien, die sich für moderne und zeitgenössische Kunst einsetzen, auch Outsider Art in ihr Programm. Man könnte von Ansätzen einer Inklusion im Kunstmarkt sprechen.

Wann und wie kam Dein Forschungsinteresse dafür auf?

Ich habe bereits in der Schulzeit begonnen, mich für das Gebiet zu interessieren. Vor allem hat mich damals die erste große Wanderausstellung der Sammlung Prinzhorn beeindruckt, die 1980 organisiert wurde und auch im Kunstverein meiner Heimatstadt Hamburg zu sehen war. Damals hätte ich allerdings nicht zu träumen gewagt, dass ich diese Sammlung einmal leiten würde.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 26.2.2016

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Hans Prinzhorn, Fotografie um 1925
Hans Prinzhorn, Fotografie um 1925 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg