Ein Familienvater stirbt, und die erwachsenen Kinder versammeln sich am Totenbett. Die Ausgangssituation des neuen Romans von Karl-Heinz Ott ist nicht ganz ungewöhnlich. „Die Auferstehung“ ist ein kluger, manchmal auch witziger Roman, der die Freunde philosophischer Höhenflüge ebenso bedient wie die Verehrer salopper Streitkultur, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Heile Familien und ihre Abgründe

Die Ausgangssituation von Karl-Heinz Otts Roman „Die Auferstehung“ ist so ganz ungewöhnlich nicht: Man findet sich am Bett eines Toten ein, der einem nahestand, nun aber, obwohl noch leibhaftig präsent, in kalte Ferne entrückt wurde, von der, sehr zurecht, niemand weiß, ob sie die Fortsetzung des irdischen Betriebs mit anderen Mitteln bedeutet oder eine Dunkelkammer ist, aus der keiner mehr rauskommt. Der Verstorbene Dr. Nido, um den es geht, war Vater von vier Kindern, die es, nach diversen Termin- und Anreiseschwierigkeiten, immerhin geschafft haben, sich zeitgleich im ehemaligen Elternhaus einzufinden. Der Vater allerdings, der da verblichen und mit abweisender Miene vor ihnen liegt, ist nicht mehr der Vater, an den sich die Geschwister, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, zu erinnern meinen. Noch zu Lebzeiten war er ihnen fremd geworden; auf den vergleichsweise frühen Tod der Mutter reagierte er mit knapp bemessener Trauer, um sich danach rigoros zu verändern. Der ehemalige Chirurg, von dem man sich vorstellen konnte, dass er seine ehelichen Pflichten als Dienst nach Vorschrift beging, beschließt sinnlich zu werden; er staffiert seine Zimmer mit pornographischen Billigbildwerken aus und holt sich eine deutlich jüngere ungarische Pflegerin ins Haus, von der seine erwachsenen Kinder Joschi, Jakob, Uli und Linda bereitwillig annehmen, dass es sich dabei nur um eine „Hure“ und „Erbschleicherin“ handeln kann. Auf Vorhaltungen, die man ihm macht, reagiert er schroff, seine Erklärung besteht nur aus einem einen einzigen Satz: “Mein Leben lang habe ich gedient, nun bin ich dran.“ Besonders Linda, die umtriebigste unter den Geschwistern, ist daraufhin alarmiert und stellt Überlegungen an, wie man einen solchen Vater entmündigen lassen kann. Der aber hat inzwischen ein Testament gemacht, das ausgerechnet bei Max hinterlegt wird, Lindas vom unscheinbaren Nachbarjungen zum schillernden Starjuristen aufgestiegenen Exfreund, den sie aufgrund tiefsitzender Kränkungen nur noch „das Schwein“ nennt. Vor allem um dieses Testament geht es den Geschwistern, die fürchten, am Ende leer auszugehen.

Alle haben ihre Macken

Karl-Heinz Ott führt sein Personal an der langen Leine, um es dann, mit boshaftem Vergnügen, loszulassen. Es zeigt sich, dass in der Familie Nido nichts mehr gestimmt hat: Die Geschwister können nicht viel miteinander anfangen und verstricken sich in schrägen Erinnerungen; außerdem haben sie alle ihre Macken: Joschi, der Älteste, ein bemerkenswert unbelehrbarer, in die Jahre gekommener Revolutionär mit krimineller Teilvergangenheit; Uli, genügsamer, in ländlicher Umgebung residierender Aussteiger, der sich zusammen mit seiner ansehnlichen Frau Franziska zwanghafte Zufriedenheit in allen Lebenslagen verordnet hat; Jakob, in Paris lebender Schöngeist, der anspruchsvolle Filme macht, die aber von der Menükarte der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten gestrichen werden, so dass ihm vage Existenzsorgen zusetzen; schließlich die bereits erwähnte Linda, Museumsleiterin in Memmingen mit resolutem Auftreten und kaum verbrämtem Hang zur Zickigkeit, der sich auch ihr Mann Fred zu fügen hat, dem als örtlicher Volkshochschulleiter ein kleiner Etat, aber großes Selbstbewusstsein zur Verfügung steht. Jakob scheint des Autors geheimer Liebling zu sein; ihn schreibt er treffliche Beobachtungen zu, die den Trübsinn der mittleren Jahre indes nicht verscheuchen können: „Wie jung sie damals noch waren, auch die John Lennons und McCartneys, fast noch Milchbuben, genauso wie Mick Jagger, während heutzutage fette, aufgedunsene, bierbäuchige Sechzig- und Siebzigjährige, die kaum noch Haare haben, aber ein eitles, dünnes, graues Schwänzchen zum Hinterkopf hinabhängen lassen, auf Dorfbühnen „I can’t get no satisfaction“ grölen. Jedes Mal, wenn Jakob einen derartigen Anblick ertragen muss, fragt er sich, ob es nicht wenigstens ein winzige Würde des Alterns geben sollte.“ Je länger die Geschwister am Totenbett verharren, desto spannender wird es. Die Gespräche borden über, Misstrauen kommt auf, man ahnt, dass diese Sache nicht mehr gut enden kann, wozu schließlich auch der langerwartete Max beiträgt, der, merkwürdig souverän, die letzten Illusionen beiseite räumt, ohne dass damit Klarheit gewonnen wäre.

„Die Auferstehung“ ist ein kluger, manchmal auch witziger Roman, der die Freunde philosophischer Höhenflüge ebenso bedient wie die Verehrer salopper Streitkultur. Dass sich Abgründe besonders dort auftun, wo heile Familien ihr Wirkungsfeld haben, weiß man inzwischen, hat es aber wohl selten so amüsant vorgeführt bekommen wie bei Karl-Heinz Ott, der sich überlegen könnte, ob aus dem Stoff nicht auch ein schmissiges Theaterstück zu machen wäre. Am Ende, das mit einer verstörenden Entgleisung Fahrt aufnimmt, wird übrigens eine Überraschung serviert, von der sich auch Leser, die immer noch daran glauben, dass der Titel eines Buches mit Bedacht gewählt sein sollte, irritieren lassen dürfen.

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erstellt am 26.2.2016

Karl-Heinz Ott
Die Auferstehung
Roman
Fester Einband, 349 Seiten
ISBN 978-3-446-24909-7
Carl Hanser Verlag, München 2015

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Karl-Heinz Ott liest aus »Die Auferstehung«