Dass wir am Ende dort ankommen, wo wir begannen, gehört zu den mystischen Einsichten, die die „Vier Quartette“ von Thomas Stearns Eliot als ‚Summa’ kennzeichnen, als Schlussstein seines poetischen Schaffens. Jan Volker Röhnert hat sich in das kunstvoll gebaute, von Norbert Hummelt neu übersetzte Werk vertieft und preist es wegen seiner Aktualität.

Lyrik

Der Tanz um den stillen Moment

Ich weiß nicht, wie oft ich schon in den „Four Quartets“ geblättert habe. Ich erinnere mich an einen Transatlantikflug von Mexiko City nach Amsterdam, die Düsentriebwerke dröhnten, dass die Kabinenverkleidung vibrierte, die Leute suchten mit Schlaf, Bildschirmen und Kopfhörern die Monstrosität eines Gedankens zu verscheuchen, der jeden einmal beim Fliegen heimsucht – in 10.000 Metern Höhe an ein Geschoss ausgeliefert zu sein, das die Elemente gegen sich aufpeitscht:

„Oder wenn eine Untergrundbahn, im Tunnel, zu lange zwischen Stationen hält / Und sich Gemurmel erhebt und dann langsam verebbt, in die Stille / Und du siehst, wie hinter jeder Stirn die Leere tiefer wird / Die nichts mehr übrigläßt als den wachsenden Schrecken, daß nichts mehr übrig ist woran man denken kann“.

Wegen solcher konkreter Beobachtungen, die plötzlich aus dem Strom gedanklicher Meditation treten und ganz für sich stehen, um dann wieder unvermittelt die Meditation in eine neue Richtung zu lenken, liebe ich die „Vier Quartette“. Zu Unrecht haben sie bei uns immer im Schatten von „The Waste Land“ gestanden, dem ungleich durchschaubareren, kalkulierteren der beiden Langgedichte, wegen der die Literaturgeschichte T. S. Eliot erinnert: In „The Waste Land“ die zwar avantgardistisch montierte und collagierte, doch letztlich für heutige Ohren mit mythologischer Symbolik stark überhäufte Deutung der Moderne als kulturellem Verfallsprozess ohne schöpferisches Eigenkapital; in den „Four Quartets“ die fortgesetzte, aus vier mit der Biographie des Dichters verknüpften Orten gespeiste Meditation, die doch immer wieder ihre Fixpunkte in Raum und Zeit hinter sich lässt, um sich dem Leben als elementarer Erfahrung hinzugeben. Nicht umsonst rücken eindringliche Natur- und Landschaftsreflexe an die Stelle der die frühen „Prufrock“-Gesänge und das „Waste Land“ prägenden urbanen Observationen:

„Jetzt fällt das Licht / Quer übers offene Feld, verläßt den Hohlweg / Mit den Rollos aus Astwerk, dunkel am Nachmittag, / Wo sie sich gegen die Böschung lehnen, während ein Lieferwagen vorbeifährt. / Und der Hohlweg besteht auf der Richtung / Ins Dorf, in der elektrisch geladenen Hitze / Mit Bann belegt. Im warmen Dunst wird schwüles Licht / Geschluckt, nicht gebrochen, von grauem Stein. / Die Dahlien schlafen in der warmen Stille. / Warten auf die frühe Eule.“

Nicht aus Bildungshuberei beginnen die „Four Quartets“ mit einem der ältesten philosophischen Schriftzeugnisse („Obwohl der Logos allen gemein ist, leben die meisten Menschen, als besäßen sie eigene Weisheit“ und „Der Weg aufwärts und der Weg abwärts sind derselbe“), denn aus diesen heraklitischen Paradoxien – sie schützen Eliot zugleich vor dem ihm andernorts attestierten Platonismus – schöpft der ganze Duktus des Langgedichts: „In my beginning is my end.“ Indem Eliot an der Kette seiner vier Orte mit ihren jeweils fünf eigentümlich strukturierten Teilen voranschreitet und sich aus Gegenwart und Vergangenheit in Richtung Zukunft begibt, entwerfen die Orte selbst ein alternatives Beziehungsgeflecht korrespondierender Momente. Von der so irdischen wie beinah pfingstlichen Erscheinung „am stillen Mittelpunkt der bewegten Welt“ (der „Little Gidding“ am Schluss antwortet) in „Burnt Norton“ – ein verlassenes Landhaus in Gloucestershire, das Eliot mit seiner Jugendfreundin Emily Hale im Sommer 1934 entdeckte – über das in Somerset gelegene „East Coker“, dem ursprünglichen Stammsitz der im 17. Jahrhundert nach Amerika aufgebrochenen Eliot-Vorfahren, wo zugleich der Grundriss einer römischen Villa Spuren antiker Zivilisation offenbart, und die Felsgruppe der „Dry Salvages“ vor der Küste eines anderen Gloucester von Massachusetts, welche Eliot als Jugendlicher zu umsegeln pflegte, bis hin zur Anglikanerabtei von „Little Gidding“ nordwestlich von Cambridge, wo Eliots Asche seinem Wunsch gemäß bestattet werden sollte, spannt sich der Bogen seines Logos, der mit seinen je fünf, einer Beethoven-Partitur nachempfundenen Sätzen tatsächlich das Ungerade, nicht Zähmbare, Un-Endliche einer Rede demonstriert, die ihren Anfang und Ende nur wie eine Fährte von etwas umkreisen kann, dessen sie nie habhaft wird. Die Bewegung dazwischen ist das eigentliche Thema des Langgedichts, das trotz der formalen Symmetrie seiner Teile eine Offenheit und proteische Vielgestaltigkeit ausstrahlt, die genau dort den Boden für eine neue Art von Langgedichten bereiteten, wo Eliot verbrannte Erde hinterlassen hatte: in Nordamerika, wo sich nach dem Krieg in New York und Kalifornien eine lyrische Postmoderne formierte, deren Langgedichte die Poesie der letzten 50 Jahre mit den stärksten Impulsen befeuerte, wie etwa John Ashberys „Flow Chart“, Allen Ginsbergs „Kaddish“, Lawrence Ferlinghettis „Coney Island of the Mind“ oder Gary Snyders „Rivers and Mountains without End“ – nicht zu vergessen die maßgeblich von Eliot inspirierten Langgedichte Octavio Paz' in Mexiko. Sie alle konnten, wie etwa in Deutschland Jürgen Becker, an die verschlungenen Gedanken-Gänge der „Vier Quartette“ umso leichter anknüpfen, als sie (wie schon Wallace Stevens und W. C. Williams) „The Waste Land“ komplett ignorierten. Dazu passt die Prominenz der „Four Quartets“ in der Popkultur, deren Spur sich dort u.a. von Bob Dylan und den Doors über Willem Dafoe bis zu Cornelia Funkes „Tintentod“ oder Lana del Reys jüngstem Album „Honeymoon“ zieht.

Norbert Hummelt gelingt es mit seiner Neuübersetzung, viele Facetten dieses bewegten, auf das Vergehen der Zeit mit dem Tanz der Wörter antwortenden Opus gerecht zu werden; manche Entscheidungen verfeinern den Anspielungsreichtum des Originals, etwa dort, wo statt „spring“ der „April“ auf Deutsch erscheint; andere wirken in der Konsequenz, die sie nach sich ziehen, nicht immer glücklich, vor allem dort, wo das doch die Selbstansprache des Sprechers reflektierende „you“ mit dem distanzierteren „Sie“ wiedergegeben ist. Dass er die Frische und Vitalität des Eliot'schen Materials mit großem Gespür für die Verschiedenartigkeit der angestimmten Tonlagen vielleicht zum ersten Mal überhaupt auf Deutsch vor Augen zu führen vermag, steht außer Frage. Dafür muss man ihm, nach seiner Neuübersetzung des „Waste Land“ vor sieben Jahren, wiederholt dankbar sein: „Das alltägliche Wort, exakt, nicht vulgär, / Das förmliche Wort, präzis, nicht pedantisch, / Das ganze Ensemble zum Tanzen gebracht / Jede Phrase und jeder Satz ist ein Anfang und ein Ende“.

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erstellt am 25.2.2016

T. S. Eliot
Thomas Stearns Eliot, 1934

T. S. Eliot
Vier Quartette / Four Quartets
Englisch und deutsch
Übertragung und Nachwort von Norbert Hummelt
Gebunden, 93 Seiten
ISBN: 978-3-518-22493-9
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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