1836 wurde Nikolai Gogols Komödie „Der Revisor“ in fünf Akten in St. Petersburg uraufgeführt. Nun wurde Gogols Prunkstück von Sebastian Hartmann am Schauspiel Frankfurt kleingehackt. Martin Lüdke berichtet von seinem Leiden an einer unausgegorenen Aufführung.

Theater

Ins Leere gelaufen

Im Leiden kommen sich die Menschen näher. Immerhin. Meine Nachbarinnen, zwei betagtere Damen, premierenmäßig aufgeputzt, litten hörbar, die ganze Zeit. Und am Ende, als einer der Darsteller auch noch mit seinem Schwanz wedelte, stöhnten sie entsetzt auf. Es war tatsächlich sehr viel los auf der Bühne, aber nichts ging voran. Keine Dialektik im Stillstand, sondern eher Klamauk durchgeknallter Typen. Von Alfred Kerr, dem berühmten Theaterkritiker, stammt der schöne Satz: Als ich um zehn auf die Uhr schaute, war es erst halb neun. Daran musste ich nun bei der Premiere von Nikolai Gogols „Der Revisor“ im Schauspiel Frankfurt, öfter als mir lieb war, denken. Denn der Anfang ließ lange auf sich warten. Es zog und zog und zog sich. Spannung entstand allein aus der Frage, ob die ungewöhnlichen Lacher aus den hinteren Reihen von bestellten Kicher-Kindern oder doch von einer unkontrollierten Gruppe mental versehrter Besucher kamen.

I

„Die Handlung des ‚Revisors’ ist ebenso wenig der Rede wert wie die der anderen Bücher Gogols. Puschkin soll Gogol den Stoff geliefert haben, als er ihm erzählte, dass man ihn bei einem Aufenthalt in einem Gasthof in Nishnij Nowgorod irrtümlich für einen hohen Beamten aus der Hauptstadt gehalten habe.“ Dieser Einschätzung von Vladimir Nabokov folgt Sebastian Hartmanns Inszenierung dieses Stücks. Und liegt damit falsch. Denn Gogol ging es fraglos auch um die Beschreibung eines durch und durch korrupten Systems, das er durch dessen komische Seiten bloßstellen wollte. Natürlich verfügt „Der Revisor“ über die Nabokov allein interessierende „poetische Essenz“, allerdings ohne dabei an Realitätsgehalt zu verlieren. Auch deshalb hat sich Gogol wiederholt auf seinen Gewährsmann Puschkin berufen. Hartmann hingegen wirbelt das Stück durcheinander, er streicht angeblich, wie die Schauspieler verkünden, den fünften Akt, zitiert aber weite Passagen daraus. Er wirbelt das Personal durcheinander. Jeder der neun Schauspieler, die ausnahmslos virtuos agieren, muss mehrere Rollen übernehmen und zudem noch die Rolle wechseln. Kabinettstück dabei: der Auftritt von Holger Stockhaus, der gleich eine ganze Reihe von verschiedenen Personen, signalisiert durch leichte Drehung zur Seite, durch einen Schritt nach vorn, und vor allem durch die Verwendung verschiedener Dialekte, verkörpert. Dadurch wird zwar klar, dass alle ausnahmslos auf gleiche Weise in das System verstrickt sind, doch in der Hysterie, die sie alle bewegungsstark ausstellen, verschwindet die Ursache ihres Irrsinns. Sebastian Hartmann hat sicher ein Konzept für diese Inszenierung gehabt. Durchdacht hat er es nicht.

II

Am 19. April 1836 wurde Nikolai Gogols Komödie in fünf Akten in St. Petersburg uraufgeführt. Der anwesende Zar Nikolaus I. (1796 – 1855) war von dem Stück schon deshalb so angetan, weil er sich davon eine Unterstützung für seine Kampagne gegen die im Zarenreich flächendeckend verbreitete Korruption versprach. Gogol hingegen war mit der Aufführung äußerst unzufrieden, vor allem, weil eine seiner Hauptfiguren, der vermeintliche Revisor, Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, ein unscheinbarer, kleiner Beamter aus Petersburg, nicht in seinem Sinne dargestellt worden war. Nämlich als ein ganz normaler Zeitgenosse, der, für ihn selbst völlig überraschend, von den Honoratioren der kleinen russischen Provinzstadt für einen brieflich angekündigten Revisor der Regierung gehalten wird und damit für gehörige Aufregung unter ihnen sorgt. Denn jeder hat Dreck am Stecken und keiner ist frei von Schuld. Das hält sie zusammen und bringt den jungen Chlestakow, der sein letztes Reisegeld beim Spielen verloren hatte, unerwartete Avancen ein. Gerade deshalb betont Gogol in seiner Nachbetrachtung der Uraufführung: „Nichts an Chlestakow darf überzeichnet sein“. Er sei ein junger Mann, der sich offensichtlich „in nichts von anderen jungen Leuten abhebt.“ Widersprüchlich, auch blass, doch mit Anlagen, die sich in die eine oder andere Richtung noch entwickeln können. Andere Charaktere, wie etwa die des Stadthauptmanns, sind deutlich schärfer konturiert. Um die von Gogol auch gewünschte komische Wirkung zu erzielen, bedarf es keiner karikierenden Verstärkung. Im Gegenteil. Je normaler Chlestakow auftritt, desto stärker seine Wirkung.

III

Liest man heute den Text des Stückes, gute hundert Seiten, steht man sofort vor der Frage, wie sich dieser Stoff noch auf die Bühne bringen lässt. Die Situationskomik, auf die Gogol zurückgreift, wirkt doch mittlerweile arg abgestanden. Die Herren Bobtschinski und Dobtschinsky, zwei Gutsbesitzer, die ihren Lebenszweck in der Verbreitung von Neuigkeiten sehen, die meist keine sind, aber als Klatsch präsentiert, immer auf Interesse stoßen, sind schlichte Hohlköpfe. Der Kreisrichter Ammos Fjodorowitsch Ljapkin-Tjapkin wird bereits durch seinen Namen desavouiert. Kräftige Streichungen, eine Straffung der Handlung sind deshalb unvermeidlich.

Ob deshalb aber auch das Gewicht des Stückes verlagert werden sollte, scheint mir äußerst fraglich. Das Theater, das gegenwärtig bei der FIFA und bei der UEFA, beim Leichtathletikweltverband, dem Olympischen Komitee, um von der Deutschen Bank, ja der Wirtschaft überhaupt und der (auch russischen) Politik ganz zu schweigen, aufgeführt wird, dieses Schmierentheater zeigt doch deutliche Bezüge zu Gogols „Revisor“. Der Unterschied, dass heutzutage kaum jemand noch ein schlechtes Gewissen zu haben scheint, lässt sich ebenfalls darstellen. (Nebenbei gesagt: Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ hatte, knappe hundert Jahre später, ja auch schon Gogol’sche Motive, gleichsam spiegelverkehrt, aufgenommen.)

IV

Gogol hatte seinen „Revisor“ 1835 beendet. Danach ging er für mehrere Jahre nach Westeuropa. Hier schrieb er sein wohl berühmtestes Buch, den Roman „Die toten Seelen.“ Danach arbeitete er sieben Jahre lang an einer Fortsetzung des Romans. Er fragte sich, ob er nicht Menschen darstellen könne, „die Gottes Gebot nacheifern? Ich sage Ihnen“, schrieb er in einem Brief, „dass dies, nicht aber Geld und Ruhm, die eigentliche Triebfeder meines Schreibens ist.“ In einem, wie es so hübsch heißt, Zustand mystisch-religiöser Entrückung verbrannte er schließlich das Manuskript. Anschließend verweigerte er jegliche Nahrungsaufnahme – bis er starb, 1852.

Im Frankfurter Schauspielhaus nehmen wir nun seltsamerweise teil – an der Beerdigung, nicht der Gogols, zum Glück, sondern nur der (s)eines Manuskripts. Das agierende Personal steht um einen Haufen aufgeschütteter Erde herum, wirft mit entsprechender Trauermiene eine Häufchen Erde auf die Papierrolle, und wäscht sich dann die Hände in, sagen wir, Unschuld. Dieser skurrile Gedanke, den Wahnsinn des Autors mit dem Irrsinn der russischen Verhältnisse zusammenzubinden, geht natürlich nicht auf. Die Entlarvung eines korrupten Systems aus Adel und Bürokratie hat nichts, aber auch gar nichts zu tun, mit dem religiösen Wahnsinn, in dem der Autor dieses Stückes versunken ist.

Kurz gesagt: schade, dass die ganze, wunderbar leichte Virtuosität des Ensembles, großartigste Einzelnummern dabei, auf diese Weise ins Leere gelaufen ist.

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erstellt am 23.2.2016

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Theater

Der Revisor

Nach Nikolai Gogol

Regie/Bühne Sebastian Hartmann

Besetzung Katharina Bach, Franziska Junge, Linda Pöppel, Jan Breustedt, Isaak Dentler, Max Mayer, Sascha Nathan, Holger Stockhaus

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld