Vlado Kristl hat in seinen Filmen bereits alles verwirklicht, was heute auf den Bühnen als zeitgenössisch gefeiert wird. Nun kümmert sich eine DVD-Reihe des Münchner Filmmuseums um sein Werk. Auf der jüngsten Doppel-DVD findet man neben „Der Brief“ von 1966 auch den „Obrigkeitsfilm“ von 1971 sowie mehrere Kurzfilme, berichtet Thomas Rothschild.

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Vor Castorf

Unter Theaterkritikern scheint ein Konsens zu bestehen, dass Frank Castorf und seine Mehr-oder-weniger-Epigonen das Theater revolutioniert, etwas ganz Neues geschaffen hätten. Dieser Eindruck mag stimmen, wenn man ausschließlich das vorausgegangene Theater im Auge hat. Schaut man aber über den Tellerrand der Bühne hinaus, entdeckt man Vorbilder, die die These vom Avantgardismus der Castorf-Methode in Frage stellen.

Vlado Kristl hat in seinen Filmen, insbesondere in „Der Brief“ von 1966, also vor einem halben Jahrhundert, bereits alles verwirklicht, was heute auf den Bühnen als zeitgenössisch gefeiert wird: die Aufhebung der kausalen und zeitlichen Logik in einem weitaus radikaleren Zugriff als es das surrealistische oder so genannte absurde Theater getan hat. Wolf Wirth hat mit seiner Kameraführung weitgehend die Eigenheiten des Videos vorweggenommen, das Castorf und viele seiner Nachfolger so sehr lieben. Vlado Kristl war ein Verächter der Fabel. Was im gegenwärtigen Theater erst durch Zertrümmerung vorhandener Stoffe hergestellt wird, die Autonomie einzelner Bilder und deren nicht narrative Wechselbeziehung durch Montage, was auf der Bühne mühsam imitiert wird, indem Zusammenhänge scheinbar provokant desavouiert werden, ist bei ihm Ausgangspunkt. Das Theater gibt sich auf, um nachzuahmen, was der Film besser leisten kann.

Zugegeben: Vlado Kristls anarchische Versuche sind auch in der Filmgeschichte, jedenfalls im Mainstream, der in die Kinos kommt, ohne Folgen geblieben. Der 2004 verstorbene Pionier ist ein Geheimtipp geblieben. Die Popularität eines Castorf hat er nie erlangt. Jetzt kümmert sich die verdienstvolle DVD-Reihe des Münchner Filmmuseums um sein Werk. Auf der jüngsten Doppel-DVD findet man neben „Der Brief“ den „Obrigkeitsfilm“ von 1971 sowie mehrere Kurzfilme, die entfernt an die frühen Filme von Roman Polanski erinnern, diese aber an Kompromisslosigkeit weit übertreffen. Bei Kinogängern dürften sie kaum Chancen haben. Vielleicht aber beim Publikum der Berliner Volksbühne?

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erstellt am 22.2.2016

Vlado Kristl
Vlado Kristl

Vlado Kristl
Der Brief & Obrigkeitsfilm
Edition filmmuseum 73 (2 DVD)

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