Als Monika Plessner 1951 ihren späteren Mann, den Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner kennenlernte, entdeckte sie auf Long Island einen Dreh- und Angelpunkt des Exils. Ihre Aufzeichnungen vergegenwärtigen diese Welt, von Hannah Arendt bis Gershom Scholem, von Adorno bis Kracauer und Horkheimer. Detlev Claussen beleuchtet den ideengeschichtlichen Kontext der Aufzeichnungen.

Exilgeschichte

Unterschiedliche Blickwinkel

Für ihr Erinnerungsbuch hat Monika Plessner den schönen Titel „Die Argonauten auf Long Island“ gewählt. „Argonauten“ nannte Max Beckmann sein letztes großes Triptychon, das er, fern von Deutschland, in New York vollendet hat. Helmuth Plessner hatte Max Beckmann in seiner Amsterdamer Wohnung während der Naziokkupation der Niederlande getroffen. Von seinem „letzten Heller“, einem im Brustbeutel versteckten kleinen Brillianten seiner Mutter, so erzählt es Monika Plessner weiter, habe Plessner Beckmann unmittelbar vor der Befreiung drei Bilder abgekauft: „Mondlandschaft Cap Martin“, „Der Engländer“ und „Loge 2“. Beckmann brach kurze Zeit später nach St. Louis auf, zu einem geplanten Porträt Plessners kam es nicht mehr. „Long Island“ erreichten Plessner und seine Frau Monika erst 1962. Beim Anblick eines alten Emigranten, der sich auf eine Leiter stützte, fiel ihr das Bild von Beckmann wieder ein.

Erst in der Mitte des Buches erfährt der Leser den Namen des Emigranten: Siegfried Kracauer. Er aber kannte schon Monika Plessners Namen, hatte ihn von Adorno gehört, den ihr Mann 1952 am Institut für Sozialforschung vertreten hatte. Sie selbst hatte damals Gretel Adornos Funktion als Verwaltungsdirektorin übernommen. Monika Plessner wusste wahrscheinlich nicht, dass der jugendliche Adorno einst durch den wesentlich älteren Kracauer zur Philosophie gekommen war. Aber sie wusste von Kracauers prominenter Tätigkeit in der „Frankfurter Zeitung“, die ihre Eltern einst abonniert hatten. Inzwischen hatte er als einer der letzten aus Frankfurt im Gefolge des Instituts für Sozialforschung die rettenden Ufer New Yorks erreicht, trotz großer Schwierigkeiten im amerikanischen Forschungsbetrieb Unterschlupf gefunden und war durch seine Monographie „From Caligari to Hitler“ auch dort bekannt geworden. Vielleicht drückt sich die Ambivalenz seiner Lage in dem Gespräch mit Monika Plessner aus. Dieses ganze Land sei doch ein Long Island, soll er gesagt haben: „Oder meinetwegen auch ein Castrum Peregrini.“

Auf Long Island scheint sich 1962 ein Kreis zu schließen, den Monika Plessner kunstvoll arrangiert hat. Ihre Berichte von den Argonauten erzählt sie nicht chronologisch seit ihrer ersten Begegnung 1951 mit dem zurückgekehrten Emigranten Helmuth Plessner in Göttingen, sondern sie beginnt gut zehn Jahre später bei dieser Party auf Long Island, auf der ihr Mann als Argonaut unter anderen für sie sichtbar wird. In seiner Schrift „Mit anderen Augen“ hat Helmuth Plessner 1948 den veränderten Blick thematisiert, der die einst selbstverständliche Heimat nach erzwungener Abwesenheit neu anschaut. Die Reisen und Begegnungen an der Seite des Remigranten öffnen Monika Plessner die Augen, die Welt nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. Von dem Gesehenen und Gehörten legt sie in einer diskreten Form Zeugnis ab. Der Leser wird nicht einem permanenten name dropping ausgesetzt, obwohl es an berühmten Leuten in ihren Erinnerungen nicht mangelt. Man erfährt etwas über die durch die lange Reise veränderten Beziehungen der Argonauten zueinander. Monika Plessner liefert keine Einführung in die Philosophische Anthropologie Helmuth Plessners; sie macht aus wechselnden Blickwinkeln neugierig, mehr von Leben und Werk der Argonauten zu erfahren.

Individuelle Geschichten

Man könnte Monika Plessners Buch als Geschichte einer gelungenen Remigration lesen; aber viele der beschriebenen Argonauten kehrten höchstens besuchsweise nach Deutschland zurück. Adorno selbst hat sich dagegen nicht als Remigrant verstanden, sondern als ein aus dem Asyl Zurückgekehrter. Thomas Mann konnte gar nicht begreifen, warum sein kalifornischer Nachbar Horkheimer nach Deutschland zurückkehren wollte und Adorno ihm folgte. Thomas Mann wählte dann seinen europäischen Wohnsitz in der Schweiz, wo auch Horkheimer und Plessner begraben werden wollten. Monika Plessner lenkt den Blick auf die individuellen Geschichten, die in der Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts enthalten sind. Glückliche und unglückliche Zufälle, gute und schlechte Entscheidungen geben den Schicksalen der Argonauten eine unterscheidbare Gestalt. Kein Triptychon steht dem Leser nach der Lektüre vor Augen. Es ist eine Sammlung gekonnter Skizzen. Mit leichter Hand auf das Papier geworfen, geschickt zusammengestellt. Monika Plessner hat etwas zusammengefügt, was bei näherem Hinsehen zusammen gehört – aber sich als außerordentlich fragil darstellt.

Beckmann schätzte es gar nicht, wenn man seine Gemälde mit Interpretationen überfrachtete. Dennoch gab er ihnen Titel, die einen Assoziationshorizont öffneten. „Argonauten“ hatten als Arbeitstitel „Künstler“. Aber nachdem Beckmann drei Wochen vor seinem Tode 1950 einen Argonautentraum hatte, war er von dem neuen Namen des Bildes überzeugt. Die Argonautensage gehörte sicherlich zum festen Arsenal des humanistisch gebildeten Bürgertums. Aber die Umstände von Exil, Versteck und Okkupation inspirierten den Schriftsteller Wolfgang Frommel zu einer exzentrischen Neuinterpretation. Frommel, der Plessner 1945 heimlich in Amsterdam zu Beckmann während der deutschen Besatzung geführt hatte, verstand sich als ein Apostel Georges. Frommel will Beckmann den Hinweis auf die Argonauten gegeben haben und damit „uns“ gemeint haben – im ersten Verständnis hatte Beckmann für sein letztes Triptychon eben „Künstler“ anvisiert, aber nach dem Traum die Figuren als Argonauten gesehen. Wer sind „wir“?

Auf einem Künstlerbild von 1943 „Vier Männer um einen Tisch“ soll Beckmann sich mit den Malerkollegen Herbert Fiedler und Friedrich Vordemberge-Gildewart dargestellt haben. Als Vierten in der Runde hat Beckmann Wolfgang Frommel gemalt, der ihn mit seiner Interpretation der Argonautensage bekannt gemacht hat. Alle Künstler schauen auf dem Bild aneinander vorbei. In der Tat liegen auch Beckmanns Kunst und der Konstruktivismus Vordemberge-Gildewarts weit auseinander. Die freihändige Mythologie Frommels, die über Homer, Vergil und Dante zum castrum peregrini führt, mag Beckmann angeregt haben; aber er hat eine ironische Distanz zu ihr gehalten. Man muss weder Georgianer noch Kreuzritter sein, um sich im castrum peregrini entdecken zu können. Frommel hat seiner Amsterdamer Wohnung, in der er jüdische Jugendliche vor den Nazis versteckte und Besuche von Nazigegnern empfing, diesen Decknamen gegeben. Das Castrum sollte eine uneinnehmbare Festung in einem Meer der Barbarei sein. Die Niederlande sind für den Emigranten Plessner zu der Burg geworden, in dem Künstler ganz verschiedener Provenienz überleben konnten. Das Paradox, ausgefahren zu sein und stillhalten zu müssen, um nicht entdeckt zu werden, ist in der Kunst Beckmanns festgehalten. Erst 1962, angekommen in Long Island, werden die Argonauten als solche für Monika Plessner erkennbar. Kracauers lapidare Bemerkung „meinetwegen ein Castrum Peregrini“ macht auch die ironische Distanz zur Mythologisierung des Erfahrenen sichtbar.

Eine besondere Beziehung

Im small talk zwischen Brodersen, Kracauer und Plessner kommen pointiert die Motive des Erinnerungsbuches zusammen. Persönliche Bezüge werden sichtbar gemacht, die nicht auf der Hand liegen. Die gemeinsamen Erfahrungen der Argonauten reichen bis in die frühen zwanziger Jahre zurück – ein unterirdisches Beziehungsgeflecht, das in Plessners Buch unprätentiös und dezent präsentiert wird. Die Kernzeit ihrer Erinnerungen beleuchten die langen fünfziger Jahre, in der sich die Nachkriegsordnung zur Zeit der deutschen Teilung etablierte, auf die sie 1995 zurückblickt. Zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen ihres Berichts ist vieles ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, was damals nur Eingeweihte wussten. Das macht Monika Plessners Erzählung nur noch evidenter. Das besondere Verhältnis von Kracauer zu Adorno, das bei Plessner nur angedeutet ist, wird durch den inzwischen veröffentlichten Briefwechsel belegt. Die Intimität zwischen den beiden findet sich in einem – man kann ihn nicht anders nennen – Liebesbrief vom 5. April 1923 des vierunddreißigjährigen Kracauer an den neunzehnjährigen Teddie bestätigt. Konfirmiert wird dies Verhältnis mit einer Anspielung auf ein George-Gedicht, das Adorno später sogar vertont hat. Auf diese Verse kommt Adorno über vierzig Jahre später zurück, als er dem westdeutschen Publikum Kracauer vorstellen wollte. Kracauer missfiel an diesem Porträt, „Der wunderliche Realist“ betitelt, auch das George-Zitat „…daß Du gelobtest glücklich zu sein.“ Die Verbindung zu Adorno war inzwischen gestört. Der erste große Historiker der Kritischen Theorie Martin Jay hat zu recht von einer „troubled friendship“ gesprochen.

Kracauer taugte gut als Sinnbild für einen Argonauten, den es nach Long Island verschlagen hatte. Von seinem Anfang der sechziger Jahre bekanntesten Buch „From Caligari to Hitler“, in dem das Medium Film ästhetisch und politisch ernst genommen wurde, schreibt Monika Plessner mit einer gewissen bildungsbürgerlichen Distanz. Der Autor selbst tauchte nur noch als „sojourner“, das heißt für Vorträge, Gastdozenturen und Urlaube, in Europa und Deutschland, auf. Kracauer wurde in Westdeutschland als ein Revenant der Zwischenkriegszeit empfunden, als er noch ein wichtiger Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ war. Als solcher hatte er schon 1924 den so gut wie unbekannten Plessner rezensiert. Auch über Wolfgang Frommel, der Plessner später zu Beckmann mitnahm, hat Kracauer 1933 kritisch geschrieben. Mit dem „Castrum Peregrini“-Mythos scheint er vertraut gewesen zu sein. Der small talk könnte also stimmen, den Monika Plessner von der Party auf Long Island berichtet. Monika Plessner verleiht ihren Beobachtungen Authentizität durch unverhüllte Subjektivität. Der gewisse haut gout, mit dem sie die akademische Partykultur registriert, ist ihrer. Der Missmut Kracauers könnte auch durch etwas Anderes als durch die Coca-Cola-Pfütze ausgelöst worden sein. Es ist eben ihr Blick, der auf Kracauer fällt.

Monika Plessners Blickwinkel ermöglicht das Kennenlernen der Welt der Argonauten. Aber ihr Blick, einer im Nazideutschland groß gewordenen jungen Frau, musste erst geschult werden durch Bildung, Lebenserfahrung und die Begegnung mit Helmuth Plessner – eine éducation sentimentale eigner Art. Der Leser folgt ihren Entdeckungen, der Nachgeborene wird eingeführt in eine verschwundene Welt, von der aber inzwischen mehr bekannt ist als beim ersten Erscheinen der „Argonauten von Long Island“ 1995. Monika Plessners Erinnerungen leben von der unmittelbaren Bekanntschaft mit den inzwischen längst verstorbenen Argonauten, deren Werke, wenn sie nicht vergessen, heute zum Gegenstand der Forschung geworden sind. Das gilt für Helmuth Plessner selbst, den sie durch ihr Buch zehn Jahre nach seinem Tod einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Die zehnbändige Ausgabe seiner Werke ist heute als Taschenbuch erhältlich; aber seine bahnbrechende Studie „Die verspätete Nation“ längst vergriffen. „Die Argonauten auf Long Island“ lässt sich auch als Kommentar zur „verspäteten Nation“ lesen. Auf Long Island, im Westen, ist der deutsche Geist, den Plessner verstehen wollte, zu sich selbst gekommen – allerdings nur sein vertriebener Teil. Helmuth Plessner wollte den durch den Nationalsozialismus entstandenen Riss intellektuell überbrücken. Die einjährige Gastprofessur in New York 1962/63 scheint der lebensgeschichtliche Höhepunkt dieses Versuchs zu sein. Durch Monika Plessners Bericht wird der Leser zum Zeugen einer neuen Erfahrung, die Helmuth Plessner rückblickend 1975 selbst festgehalten hat: „Mir selbst hat das New Yorker Jahr oft bedrückende Eindrücke vom Schicksal deutscher Emigranten vermittelt, unter denen die Professoren der New School natürlich die bevorzugten waren.“

Ruf eines linksliberalen Aufklärers

Fern von Göttingen, in das Helmuth Plessner 1951 aus dem Exil im holländischen Groningen zurückgekehrt war, fällt ein anderes Licht auf die Emigration. Für Helmuth Plessner ist es ein Blick zurück, für die zwanzig Jahre jüngere Monika eine Momentaufnahme, die in ihrem Text eine eigene geschichtliche Dynamik entfaltet. Aus den neuen Bekannten werden in den nächsten vierzig Jahren berühmte öffentliche Figuren, zu denen sie einen privilegierten Zugang hat. Ihre Beobachtungen besitzen selbst einen geschichtlichen Erkenntnisgehalt. Ihre Eindrücke leben von der Unmittelbarkeit des Beobachteten, aber sie verlangen nach Reflexion, die mit dem Zuwachs an historischen Kenntnissen neu herausgefordert wird. In seinen 1959 geschriebenen Anmerkungen zu „Die verspätete Nation“ hat Helmuth Plessner die goldene Regel formuliert: „In geschichtlichen Dingen darf man ex post nicht klüger sein wollen, als man es damals angesichts der Möglichkeiten sein konnte.“ Im Untertitel hieß das Buch „Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“, das aus einer Vorlesungsreihe hervorgegangen war, mit der er im niederländischen Exil zu Beginn der dreißiger Jahre die Vorgänge im benachbarten Deutschland erklären wollte. „Die verspätete Nation“ konnte mit einer substantiellen Einführung versehen 1959 in Westdeutschland bei einer kritischen Minderheit zu einem Bucherfolg werden, weil Plessner eine komplexe Beziehung von Nationalsozialismus und der Entwicklung bürgerlichen Selbstbewusstseins aufzeigte. Er veröffentlichte diesen Text wohlweislich erst am Ende seiner akademischen Karriere.

Die Einführung von 1959 beginnt mit einer autobiographischen Erinnerung. „Wenige Tage nach der Kapitulation der deutschen Truppen in den Niederlanden, auf dem Heimweg vom Festakt der Befreiung, begegnete ich einem Freunde, der sich lange Zeit hatte verbergen müssen. Historiker an einer der großen Universitäten des Landes und politisch links, war er bald nach der Besetzung in Geiselhaft genommen worden. Das Gespräch knüpfte an Diskussionen aus der Zeit vor dem Kriege an: »Sie wollen nach Deutschland zurück? Aber das gibt es doch gar nicht mehr.«“ Man kann das ganze Plessnersche Buch verstehen als einen Versuch, dieses lapidare Diktum zu widerlegen. Die Beschädigung bürgerlichen Selbstbewusstseins zu korrigieren, ohne den Nationalsozialismus zu verleugnen – ein aporetisches Programm, das aber in deutlichem Gegensatz zur westdeutschen Restauration stand und Helmuth Plessner den Ruf eines linksliberalen Aufklärers einbrachte. Seine Kernthese, Deutschland habe im 18. Jahrhundert politisch den Anschluss an die aufgeklärten Gesellschaften des Westens verloren, ließ sich schwer bestreiten und wurde umso weniger gerne gehört. Offensiv hatte Plessner seiner Einführung ein Thomas Mann-Zitat vorangestellt, „dass es nicht zwei Deutschland gibt, ein gutes und ein böses, sondern nur eines, dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug…“ In deutschen bürgerlichen Kreisen hatte sich Thomas Mann mit Ansichten wie dieser unbeliebt gemacht. In Deutschland wollte er nach 1945 nicht mehr leben; bekanntlich zog er die Schweiz vor.

Exilplatz und Glücksfall

Die Schweiz wurde in den fünfziger Jahren zu einem Treffpunkt von Argonauten, ein Gegenpol zu Long Island. Die Schweiz war schon länger ein Anlaufpunkt für kritische Intellektuelle gewesen. Während des Ersten Weltkriegs hatten Scholem und Benjamin dort ihre fiktive Universität Muri begründet, auf die von Monika Plessner angespielt wird. Auch Ernst Bloch, den Plessner neben Georg Lukács 1914 im Heidelberger Hause von Max Weber kennengelernt hatte, war damals in die Schweiz ausgewichen. Nach 1933 wurde die Schweiz zum begehrten, wenn auch nicht einfachen Exilplatz, wie Hans Mayer auch in seinem Lebensbericht „Deutscher auf Widerruf“ eindrücklich berichtet hat. Für das deutsche Theater wurde die deutschsprachige Schweiz ein Glücksfall; kein Wunder, dass Brecht bei seiner Rückkehr nach Europa zunächst in der Schweiz Residenz nahm. Plessners Freund Kurt Hirschfeld hat 1948 Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ uraufgeführt. Scholem kam immer wieder aus Jerusalem gern zu Besuch. Das im Hause Hirschfeld verlesene Stück „Andorra“ von Max Frisch konnte ihm nicht gefallen. Monika Plessner berichtet von unterschiedlichen Reaktionen bei Scholem. Plessner und sich selbst – und von ihrer eigenen Ungewissheit, was in den anderen vorging.

Frisch kritisiert das Verhältnis der Schweiz zum nationalsozialistischen Deutschland. „Was haben Sie eigentlich gegen Ihr schönes Land, Herr Frisch?“, soll Scholem gefragt haben. Das passt zu ihm. In „Andorra“ wird auf das „Nachbarland“ nur angespielt; der bestimmte Unterschied zwischen Juden und Deutschen, aus dem sich Scholems Zionismus erklärt, wird durch die Transposition ins fiktive Andorra universalisiert und zu einer Herkunftsfrage verdünnt. Das wiederum spricht eine mit Deutschland, aber nicht mit dem Nationalsozialismus identifizierte Person wie Monika Plessner an und begründete auch den großen Erfolg des Stückes an westdeutschen Theatern. Bezeichnenderweise fiel es am Broadway durch. Helmuth Plessner erinnert das Stück an sein eigenes schwieriges Verhältnis zu Deutschland. Die Zeit des Nationalsozialismus erlebte er in einem anderen Nachbarland; doch er sah sich selbst nicht als Juden, sondern als Deutscher. Vielleicht war die Schweiz doch kein zweites Long Island, sondern eben ein „Andorra“?

In der Schweiz konnte man Deutschland zugleich nah und ebenso fern sein. Der aus seiner Heidelberger Studienzeit mit Plessner bekannte Karl Jaspers fand nach dem Lehrverbot im Nazideutschland 1948 einen Ort in Basel. Dort wurde er zu einem begehrten Gesprächspartner von Hannah Arendt, die in engem Briefkontakt zu ihm stand und ihn häufig besuchte. In Zürich ließ sich Plessner nach seinem Aufenthalt in Long Island für fast ein Jahrzehnt nieder. Graubünden auf der Alpensüdseite bot sich als unvergleichliche Sommerfrische an. Sils Maria, der Ort, dem Nietzsche ein Leben in Deutschland vorgezogen hatte, war für die Frankfurter ein topos noetikos, wie Adorno emphatisch am 27. Dezember 1949 an Max Horkheimer im kalifornischen Pacific Palisades geschrieben hatte. In den Aufzeichnungen von Monika Plessner erscheint Sils Maria als ein idealer Treffpunkt der überlebenden Argonauten, die doch von unterschiedlichen Motiven bestimmt waren, immer wieder dorthin zu kommen. Für Alle, die Deutschland verlassen hatten oder hatten verlassen müssen, war es ein Ort, der mit der deutschen Geistesgeschichte aufs engste verknüpft war. Für die Frankfurter galt Sils Maria als ein idealer Punkt der Erkenntnis, der fern von Deutschland den Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen diesseits und jenseits des Atlantiks freigab.

Liest man Monika Plessners heiter-ironischen Bericht aus den Graubündener Sommern, könnte man denken, eine Anknüpfung an die geistige Welt vor 1933 sei möglich. Helmuth Plessners philosophische Rekonstruktion des deutschen Geistes setzt eine intellektuelle Einheit voraus, mit der auf unterschiedliche Weise Kracauer, Horkheimer und Scholem gebrochen hatten. Plessner schreckte vor diesem Bruch zurück. Monika Plessner deutet es immer wieder zart an: Diskussionen werden an einem bestimmten Punkt abgebrochen, Streitigkeiten vermieden. Die Nachforschungen der intellectual history zeigen es: Plessner war bereit, sehr weit zu gehen, um mit der deutschen Philosophie im Kontakt zu bleiben. Seinem Freund und philosophischen Weggefährten Josef König schickte er noch 1936 die erste Ausgabe „Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ aus dem Exil zu – in der Hoffnung sich mit ihm über die „Judenfrage“ verständigen zu können. Plessner nimmt in seinen Briefen an König die „Judenfrage“ ernst und meint, sie könne durch Bekehrung und vollständige Assimilation gelöst werden. Erschütternd: Der deutsch identifizierte Plessner vertritt selbst eine antisemitische Position. Das Gift der politischen Philosophie Deutschlands, als Plessner noch mit Carl Schmitt und Martin Heidegger konkurrierte, ist hier deutlich spürbar. In der Fassung von 1959 der „Verspäteten Nation“ wird der Antisemitismus in schlecht geistesgeschichtlicher Manier in den Verlauf der Ereignisgeschichte abgedrängt, nicht aber als konstitutives Moment nationalsozialistischer Weltanschauung und Praxis ins Zentrum gerückt.

Auf dünnem Eis

Der Umgang mit dem Nationalsozialismus nach der Zeit des Nationalsozialismus ist auch Thema des „Gruppenexperiments“, der die Plessners mit Adorno und Horkheimer 1952 zusammenbrachte. Plessners Begründung, er sei die neue Liebe von Horkheimer und Adorno, „weil ich doch so harmlos bin“, kann man auch wieder nur cum grano salis stehen lassen. Horkheimer, Pollock und Adorno waren damals noch gar nicht sicher, ob sie nach Deutschland zurückkehren sollten. Horkheimer wollte unbedingt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft behalten und deswegen schickte er auch Adorno wieder für ein Jahr in die Staaten zurück, damit dieser ebenfalls die seine behalten konnte. Horkheimer, keineswegs „wirklichkeitsblind“ – auch später nicht – stand dem nachnationalsozialistischen Deutschland mit äußerstem Misstrauen gegenüber. Seine unversöhnliche Abscheu gegen den Stalinismus stimmte nicht mit dem gängigen Antikommunismus westdeutscher Provenienz überein. Horkheimer spürte das dünne Eis, auf dem die Rückkehr des schon in der Weimarer Zeit gegründeten Instituts für Sozialforschung stand. Als Rektor der Frankfurter Universität hatte er diese Rückkehr 1951-1953 absichern wollen. Er war sich des unausgesprochenen Deals bewusst: Ich verschaffe der Universität eine demokratische Glaubwürdigkeit; dafür bekomme ich freie Hand für meine Arbeit. Alles stand immer wieder in Frage: Adorno war um diese Zeit noch nicht einmal ein etablierter Professor.

Horkheimer hatte seinen Lehrstuhl als Sozialphilosoph wiedererlangt. Die Doppeldenomination für Philosophie und Soziologie passte auch auf Plessner, der von der Philosophie zur Soziologie gekommen war. Schließlich hatte Göttingen ihm eine Möglichkeit eröffnet, ein Soziologisches Seminar aufzubauen und gleichzeitig Philosophie zu lehren. Die traditionellen Ordinarien in Philosophie und Geschichte wehrten sich mit Händen und Füßen gegen das neue Fach Soziologie. Unter den deutschen Soziologen der Nachkriegszeit, von denen sich viele in der Rassekunde und Volkstumsforschung während der Nazizeit exponiert hatten, gab es erhebliche Vorbehalte gegen die Remigranten. Die Philosophische Anthropologie, als deren Exponent auch Plessner galt, hatte im Dritten Reich in Arnold Gehlen ihren exponiertesten Vertreter und in Helmut Schelsky seinen prominentesten Schüler. Sie als Mitläufer zu bezeichnen, wäre verharmlosend.

Umgeben von Nazis, Antisemiten und Opportunisten

Trotzdem sahen sich die Remigranten mit diesen zur Kooperation gezwungen. Plessners Freund, der aus den USA remigrierte Löwith wollte sogar Gehlen Ende der fünfziger Jahre nach Heidelberg berufen; dem standen Horkheimer und Adorno als Gutachter entgegen, der Assistent Jürgen Habermas half ihnen dabei. Plessner erwog später sogar, Gehlen als seinen Nachfolger vorzuschlagen, weil er die Philosophische Anthropologie vom Aussterben bedroht sah. Auch Adorno scheute sich nicht, öffentlich mit Gehlen zu diskutieren und freundliche Briefe auszutauschen, obwohl er um dessen nationalsozialistische Vergangenheit wusste. Auch hinderte er Heinz Maus daran, eine Kritik an Schelsky zu veröffentlichen. Günther Anders gegenüber verteidigte er seinen Kontakt zu Gehlen: „Hat man sich einmal, wie Sie und ich, entschlossen zurückzukommen, so scheint es mir nicht möglich, die Haltung der privaten Intransigenz ungehindert einzunehmen und womöglich einen Stolz vor Königsthronen zu zeigen, wo keine sind.“ Adorno schreckte nicht einmal davor zurück, Schelsky 1954 aufzufordern, sich an der Wiedereröffnung der Zeitschrift für Sozialforschung zu beteiligen. Das Dilemma der Remigranten: Sie wollten nach ihrer Rückkehr keine Außenseiter sein. Horkheimer und Adorno wollten sich in der Öffentlichkeit nicht isolieren und waren bereit, sich mit Menschen an einen Tisch zu setzen, denen man bei vollem Bewusstsein ihrer Taten kaum die Hand geben konnte. Unter den Professoren war man umgeben von alten Nazis, Antisemiten und Opportunisten – manchmal alles in einer Person. Auch Helmuth Plessner war sich von Anfang an bewusst, was man gesellschaftlich in Kauf nehmen musste, wenn man nach 1945 an eine deutsche Universität zurückkehrte.

Es wäre unangebracht, Plessner gegen Horkheimer und Adorno auszuspielen. Vielleicht lässt sich sagen, dass Horkheimer und Adorno auf Antisemitismus empfindlicher reagierten als Plessner, der schon bei seinem philosophischen Freund Josef König ihn tolerieren musste, wenn er nach 1945 die Freundschaft wieder aufnehmen wollte. Wichtig wurden die Unterscheidungen, wenn es zu Berufungen kommen sollte. Den Frankfurtern fehlte es in den fünfziger Jahren an Personal; einzig Herbert Marcuse wäre infrage gekommen; aber wie ihn durchsetzen, wenn noch nicht einmal Adorno ein ordentlicher Professor war? Als es 1957 um die Nachfolge auf den Frankfurter Lehrstuhl Philosophie ging, wurde von Plessner Hermann Wein empfohlen, der in Göttingen bei ihm ein und ausging. Von Wein wurden offen antisemitische Äußerungen kolportiert, die Plessner nicht aufgefallen waren. Nach Rücksprache mit Horkheimer gelang es Adorno, Wein von der Liste zu bekommen. Was alle drei damals noch nicht wussten, Wein war Mitglied des Amtes Rosenberg gewesen. Ironie der Geschichte: Den Lehrstuhl erhielt dann Bruno Liebrucks, der 1933 zum Rottenführer der SA avanciert war und sich in der Folgezeit mit unterschiedlichen Fraktionen der NS-Rasseideologen herumgeschlagen hatte. Die deutsche Philosophie der „Daheimgebliebenen“ war nationalsozialistisch vergiftet.

An der antinazistischen Einstellung des Emigranten Plessner gab es keinen Zweifel. Horkheimers Plan, Plessner vertretungsweise nach Frankfurt zu holen, entsprang der praktischen Vernunft. Das war offensichtlich beiden bewusst; doch Horkheimer verhielt sich den Plessners gegenüber diplomatisch. Horkheimer versuchte zeitlebens, für andere schwer durchschaubar zu bleiben. Horkheimer war ein Mann der Masken. Wirklich offen verhielt er sich nur zu seinem Jugendfreund Fred Pollock, der Monika Plessner das Institut zeigte. Schon zu Adorno, dem er erst nach dreißig Jahren Bekanntschaft 1959 das „Du“ anbot, verhielt Horkheimer sich reservierter. Sein Auftreten in der Öffentlichkeit wirkte wie das eines Grand Seigneurs. Monika Plessner berichtet von Momenten, in denen diese Maske fällt. Sicher kann der Todestag von Stalin als solcher Augenblick gelten. Der antistalinistische Impuls der Kritischen Theorie wird glaubhaft bezeugt. In ihrem Bericht wird auch Horkheimers Angst sichtbar, die Arbeit der Zurückgekehrten sei vollkommen sinnlos. Die Schwierigkeit, einer neuen Generation in Deutschland die eigenen theoretischen Einsichten zu vermitteln, die Monika Plessner mit aller Ironie beobachtet, hat Horkheimer selbst sehr wohl gesehen. Wir wissen heute sehr viel mehr über ihn, seit seine Notizen und ungeheure Korrespondenz sichtbar geworden sind. Das Archiv ist noch lange nicht erschöpft. Doch Monika Plessner gewährt dem Leser einen anderen Einblick als ein Haufen toter Papiere.

Politische und wissenschaftliche Differenzen

Doch soll nicht verschwiegen werden, wie der Aufenthalt der Plessners in Frankfurt gewirkt hat. Horkheimer hat Adorno sehr bald nach Kalifornien geschrieben: „Mit Frau Pleßner (sic!) haben Sie einmal wieder recht.“ Worin die Schwierigkeiten bestanden, wird aus den Folgebriefen nicht recht deutlich; aber eine regelrechte Aversion wird spürbar. Im Sommer 1953 scheint es dann besser geworden zu sein, Horkheimer beklagt sich nicht mehr. Horkheimer und Adorno hatten sich von den Plessners Arbeitsentlastung bei den Publikationen des Instituts erwartet. Das konnte nicht gut gehen. Für die Institutsmitarbeiter war damals eine Kritische Theorie nicht wirklich erkennbar, wie Jürgen Habermas aus seiner Assistentenerfahrung glaubhaft bezeugte. Aber wie sollten dann die Plessners, die einen ganz anderen intellektuellen Hintergrund hatten, helfen, das „Gruppenexperiment“ und die „Studies in Prejudice“ für den deutschen Markt publikationsfähig zu machen? Horkheimer wollte auf der einen Seite das Institut für Sozialforschung etablieren, auf der anderen sollte das Profil unverwechselbar bleiben. Die Mitarbeiter wurden mit widersprüchlichen impliziten Erwartungen konfrontiert, die sich nicht erfüllen ließen. Das scheint sich in seinem Entsetzen über die Präsentation des „Gruppenexperiments“ wie in den Enttäuschungen über die Plessners niedergeschlagen zu haben. In die Druckfassung investierten Adorno und Pollock noch einmal viel Arbeitskraft und so konnte Monika Plessner das endgültige Produkt kaum wiedererkennen.

Dennoch hatte Horkheimer mit Helmuth Plessner strategisch noch einiges vor. Er wollte ihn der Fakultät als Muster eines etablierten Soziologenphilosophen präsentieren, in dessen Fußstapfen Adorno treten könnte. Auch sahen die Frankfurter in Plessner einen Bündnispartner in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in der sie eine Übernahme der Macht von rechts befürchteten. Die Fronten in der deutschen Soziologie hatten sich verhärtet. Auch als Gutachter bei der DFG und in Berufungsfragen blieb Plessner ein schwer verzichtbarer Ansprechpartner. Horkheimer bekam von Plessner „Die verspätete Nation“ zugeschickt, für die sich Horkheimer ausdrücklich bedankte und sie sogleich in einem Aufsatz „Über die deutschen Juden“ prominent zitierte. Geht man den inzwischen veröffentlichten Briefwechsel zwischen Horkheimer und Adorno durch, fällt einem die idiosynkratische Reizbarkeit vor allem Adornos auf, mit der er auf jedes Verdachtsmoment reagierte. Über die Zusammenarbeit mit Plessner schrieb er ernüchtert am 3. Juni 1953 an Horkheimer: „Es war sicher gut, einen freundlichen Menschen an dieser Stelle zu haben, aber das ist auch wirklich alles.“

Horkheimer und Adorno hatten wohl die politische und wissenschaftliche Übereinstimmung mit Plessner überschätzt. Das mag die Enttäuschungen verstärkt haben. Alle drei kamen aus der Philosophie der Weimarer Republik; doch die Erfahrung hatte sie genötigt, soziologische Erkenntnis in ihr Denken aufzunehmen. Bei Horkheimer und Adorno wurde daraus eine kritische Gesellschaftstheorie, während Plessner näher an traditioneller Philosophie seine Version der Philosophischen Anthropologie weitertreiben wollte. Plessners theoretische Differenz zu den politisch-intellektuellen Hauptfeinden, Martin Heidegger und Carl Schmitt, war den Frankfurtern wohl bewusst; aber sie waren sich nicht sicher, ob sie in ihm dauerhaft einen treuen Bündnispartner hätten. Zwischenzeitlich dachte Adorno sogar daran, seinen Beitrag für eine Festschrift zum 60. Geburtstag von Plessner zurückzuziehen und auch Horkheimer zu einem vergleichbaren Schritt zu überreden. Doch er besann sich eines Besseren und beide sandten ihre Beiträge nach Göttingen. Als Freunde erscheinen die Argonauten nicht; am Ende der Abschnitte über Adorno und Horkheimer betont Monika Plessner die jeweilige Einsamkeit.

Fixpunkt Gershom Scholem

Bei Adornos lernen die Plessners Gershom Scholem kennen. Auch ein Argonaut? Seine Reise sah anders aus; er emigrierte nicht aus Deutschland, er wanderte zu Weimarer Zeiten nach Palästina aus. Sein jüdisches Selbstbewusstsein erlaubte es ihm, auf Plessners jüdische Herkunft anzusprechen. „Armer Helmuth, kein Jud´ und kein Goi“, soll er zu Monika Plessner gesagt haben. Dieser Ausspruch wirft ein Licht auf alle erwähnten Argonauten. Scholem vertraute Plessner als Philosophen, bereitwillig ließ er sich von Plessner erklären, was von Adornos „Ästhetischer Theorie“ zu halten sei. Scholem und Adorno waren über die gemeinsame Freundschaft zu Walter Benjamin und die Herausgabe seiner Schriften und Briefe einander nahegekommen, ohne selbst im engeren Sinne Freunde zu werden. Auch sie bleiben beim „Sie“, wie der 2015 erschienene großartige Briefwechsel zeigt. Erst nach Adornos Tod bat Scholem Gretel Adorno, das „Herr“ wegzulassen. In dem schon zitierten Brief an Plessner bedankt sich Scholem ausdrücklich für eine Anekdote, die Plessner von Otto Klemperer zum Besten gab: “Richard Strauß fragte einmal den Dirigenten Otto Klemperer, einen Schüler Mahlers: Der Mahler will immer erlöst werden. Wovon eigentlich? Deshalb hat Adorno ein Buch über Mahler geschrieben und nicht über Richard Strauß.“ Das hätte Scholem sicher nie Adorno ins Gesicht gesagt. Scholem hatte ein beneidenswertes Gespür für Differenz. Bei Plessner hat er nie locker gelassen, ihn auf seine scheinbar eindeutige Deutschlandidentifikation anzusprechen. Monika Plessners Porträt von Helmuth Plessner, das ihn im Spiegel seiner Begegnungen mit den Argonauten zeigt, findet im Porträt Scholems seinen Fixpunkt.

Beim letzten Besuch Scholems im Göttinger Stift 1982, mit dem auch Monika Plessners Buch abschließt, wird die unterschiedliche intellektuelle Physiognomie von Scholem und Plessner deutlich. Nach dem Abschied von Scholem wünscht sich Plessner Mahlers „Lied von der Erde“. Wollte auch er erlöst werden? An diesem Punkt der autobiographischen Erinnerung zeigen sich die Grenzen der Empathie, die auch Monika Plessners Urteile über die Argonauten bestimmen. Mit dieser Erkenntnis sollte man noch einmal das Buch rückwärts durchgehen. Der „große Weltriß“, von dem zu Beginn der Emanzipationsperiode Heine sprach, ging durch die Herzen aller Argonauten. Die Verarbeitung war jedoch höchst unterschiedlich. Scholem hatte auf ihn mit seiner strikten Abwendung von Deutschland reagiert, aber er konnte ihm auch nicht entfliehen. Er blieb seinem Freund Walter Benjamin, der ihm nicht folgen wollte, über dessen Tod hinaus verbunden. Diese Freundschaft stiftete die Beziehung zu Adorno, der in Benjamin eine ganz andere Verwandtschaft sah. In der Korrespondenz zwischen Scholem und Adorno spürt man das Bemühen, im Werk Benjamins ein tertium datur zu finden, den Riss nicht zu vergrößern; aber er lässt sich auch nicht verleugnen. „Ich kann mit dieser Identifikation von Wahrheitsgehalt und Gesellschaftlichem überhaupt nichts anfangen und frage mich immer wieder vergeblich, wie diese hintergründigen Marxisten wie Adorno und Benjamin sich in den Widersprüchen dieses Phänomens als einen Irrgarten verfangen konnten und berauschen oder bezaubern ließen und das Labyrinth als Ausweg anpreisen konnten…“

Methodisch stand Scholem Plessner näher als Adorno; die Tradition kultivierter Geistesgeschichte verband sie. Plessners Identifikation von deutscher Nation und Protestantismus kam Scholems Vorstellung von zu trennendem deutschen und jüdischen Geist entgegen. Doch Plessners intellektuelle Herkunft aus der Philosophischen Anthropologie und Politischen Philosophie brachte ihn auch in eine gefährliche Nähe zu Heidegger und Schmitt, die aufs Engste mit dem Nationalsozialismus verbunden waren. Hannah Arendt blieb Heidegger auch trotz aller Apologetik seinerseits philosophisch verpflichtet. Politisch fühlten Plessner wie Arendt sich Jaspers´ Bearbeitung der Schuldfrage nah, während Adorno in dieser existenzphilosophischen Tradition ein Überleben der deutschen Ideologie sah. Scholem überwarf sich mit Arendt, die er als junge Autorin einer Varnhagenbiographie von Benjamin ans Herz gelegt bekam, über ihre kritische Beurteilung des Zionismus nach der Staatsgründung Israels und ihren Report vom Eichmann-Prozess. Zum Krach mit beiden Herausgeber der Benjamin'schen Briefe, Adorno und Scholem, kam es, als Arendt sich als die wahre Sachwalterin Benjamins aufwarf. In diesem unübersichtlichen Labyrinth hilft sich Monika Plessner mit starken Urteilen ad personam, die man wiederum im Spiegel anderer Erfahrungen sehen sollte.

Identifikation mit Deutschland

Unterschiedliche Blickwinkel zu kombinieren, den des Argonauten und den der in Deutschland nachgewachsenen Beobachterin, macht den Reiz von Monika Plessners literarischer Konstruktion aus. Nichtidentisches wird zu einem Bild zusammengefügt. Erleichtert wird diese Montage durch den gemeinsamen Schnittpunkt der beiden Plessners – der Identifikation mit Deutschland. Am fernsten steht in dieser Perspektive Scholem, dem die rückhaltlose Bewunderung beider gilt. Völlig außerhalb ihres Erfahrungshorizonts bleibt die Beziehung von Julie Braun-Vogelstein zu ihrer aus Theresienstadt entkommenen Gesellschafterin, die eine verständliche Scheu gegenüber „Nichtbetroffenen“ hegt. Im Salon von Julie Braun-Vogelstein erscheint Hannah Arendt mit ihrem Lebensgefährten Heinrich Blücher zunächst noch von ihrer preußischen Seite, die auch bei Helmuth Plessner positiv besetzt blieb. Der noch bevorstehende Konflikt unterschiedlicher Kreise mit Hannah Arendt wegen ihres „Eichmann in Jerusalem“ wird von Monika Plessner ganz persönlich als Resultat enttäuschter Liebe interpretiert. Das wird der Problematik der Banalität des Bösen nicht gerecht.

Die Argonauten, mit denen die Plessners in einen Arbeitszusammenhang kommen, sind die „Frankfurter“. Der eindrückliche Abend bei Adornos gehört zu den Höhepunkten des Buches. Doch bei ihrer Schilderung der Arbeitsatmosphäre im Institut drängen sich Zweifel auf. Die Gruppe der Institutsmitarbeiter erschien ihr sehr heterogen; aber ganz so ahnungslos, horkheimerhörig, wie von Monika Plessner geschildert, ist diese Generation Frankfurter Soziologen nicht gewesen. Das Adjektiv „skeptisch“ führt in diesem Zusammenhang in die Irre. Dieser Ausdruck war von Schelsky eingeführt worden, um dem unpolitischen Pragmatismus der Nachkriegsgeneration einen Namen zu geben. Das trifft auf die Frankfurter Soziologiestudenten generell nicht zu. Es macht die Anziehungskraft der später „Frankfurter Schule“ genannten Soziologie aus, bei den Nachgeborenen das Interesse für gesellschaftliche Fragen zu wecken. Dem Schulbildenden der Kritischen Theorie blieb Plessner gegenüber skeptisch. Trotz großer Konflikte zur Zeit der Studentenrevolte kann man schlecht behaupten, Adorno sei an ihr gestorben. Der keineswegs „wirklichkeitsblinde“ Horkheimer hätte das ausgesprochen, wenn es so gewesen wäre.

Auf Long Island hat Monika Plessner einen Dreh- und Angelpunkt des Exils entdeckt. Die New School, nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, verhalf der deutschen Wissenschaft schon während der Inflationszeit in den USA Fuß zu fassen. Als „University in Exile“ verschaffte ihr Direktor Alvin Johnson nicht nur deutschen Wissenschaftlern das Entrée in die amerikanischen Akademien. Manche kehrten nach 1945 nach Deutschland zurück, viele blieben in den Vereinigten Staaten – beide Gruppen trugen zum Wissenstransfer von USA nach Deutschland und umgekehrt bei. Monika Plessner hat als eine der Ersten darüber geschrieben. Helmuth Plessner kam als fertiger Wissenschaftler, nach abgeschlossener Karriere im Nachkriegsdeutschland, nach New York. Die für seinen Lebensweg bestimmende Erfahrung war das Überleben im deutschen Nachbarland gewesen; sein intellektuelles Interesse galt der geistigen Differenz der Nationen. Viele der nach Amerika verschlagenen Argonauten hatte das Erleben einer neuen Gesellschaft so verändert, dass sie sich nicht mehr bruchlos mit der deutschen Kultur identifizieren konnten. Das gilt zweifellos für die „Frankfurter“, die an der New Yorker Columbia gelehrt hatten; aber auch für Siegfried Kracauer, dem Monika Plessner auf Long Island begegnet, der um diese Zeit nur noch aus professionellen Gründen nach Deutschland zurückkehren wollte. Nach einem Besuch in Deutschland schrieb er an den Frankfurter Freund aus jungen Jahren, Leo Löwenthal, der inzwischen nach Kalifornien weitergezogen war: “Es ist wirklich unnatürlich, eine feste Wohnung zu haben, ein sogenanntes Zuhause; die Vagabundenexistenz ist das einzig Wahre. Einen Tag später war ich wieder einverstanden mit dem Leben hier.“ Der Aufenthalt in einem castrum peregrini sähe anders aus.

Nachwort zu: Monika Plessner, „Die Argonauten auf Long Island“
Mit freundlicher Genehmigung © CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2015

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

siehe auch

Otto A. Böhmer: Eine Erinnerung an Helmuth Plessner

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erstellt am 17.2.2016

Monika und Helmuth Plessner vor ihrem Haus, ca. 1954

Monika Plessner
Die Argonauten auf Long Island
Begegnungen mit Hannah Arendt, Gershom Scholem, Theodor W. Adorno u.a.
Mit einem Nachwort von Detlev Claussen
Klappenbroschur, 152 Seiten
ISBN 978-3-86393-069-1
CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2015

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