Gerlind Reinshagen, bedeutende Schriftstellerin der Nachkriegszeit, ist vor allem durch ihre gesellschaftskritischen Theaterstücke bekannt geworden, die u. a. von Claus Peymann inszeniert worden sind. In ihrem 2011 erschienenen Roman „nachts“ zeigt sie noch einmal, wie es ihr auf hochaktuelle, schwebend-tiefgründige Weise gelingt, große Themen wie Jugend, Alter und Tod auf die Bewusstseinsbühne des 21. Jahrhunderts zu bringen.
Eine jüngere Frau verwählt sich eines Abends am Telefon und bekommt einen älteren Herrn an den Apparat. Aber anstatt beschämt aufzulegen, möchte sie etwas über sein Leben erfahren, und er erzählt bereitwillig. Was sich die Frau dabei zumutet, weiß sie zunächst nicht. Neugierig lässt sie sich treiben vom Erzählstrom des Gegenübers; lauscht gespannt in den Hörer und macht dabei ohne es recht zu merken, eine Entwicklung durch. Sie wird nicht nur zu einer begabten Zuhörerin, sondern auch zu einer Fragenden. In einer Gegenwart, in der doch am liebsten geredet wird, niemand mehr wirklich Zeit findet, der „Hölle“ des anderen ein aufmerksames Ohr zu spenden … Riccarda Gleichauf

Romanauszug

nachts

Von Gerlind Reinshagen

5

Sie fragten, wahrhaftig ! … Nach beinahe zwei Jahren, Teresa, haben Sie eine Frage gestellt! So daß ich – zum ersten Mal vollkommen fraglos – sicher bin, daß eben das unser Glück ist.

Was Glück! Werden Sie, wie ich Sie kenne, sagen. Was Sicherheit! Und ich werde Ihnen – wie meistens – recht geben, denn nichts ist sicher, in keiner Freundschaft, keiner Liebe – auch keiner Feindschaft, wenn Sie so wollen –, nur eins, Teresa, steht außer Frage: nämlich das Fragen selbst!

Diese uns vorwärtstreibende Denkbewegung, die, wenn wir uns dazu entschließen, bewirken kann, daß etwas weitergeht, daß uns unsere Welt, unser Alltag, ndie Freunde und womöglich sogar die Liebe wieder wie neu, wie just erfunden erscheinen und – wie jede Erfindung – ohne Ende … das führt weit hinaus, Teresa … jedenfalls, denke ich, kam es auch nicht von ungefähr, daß wir, durch einen lächerlichen Zufall zusammengeraten, dann nicht mehr auseinanderfanden.

Nicht ohne Grund, daß wir uns schworen, weiter und weiter zu sprechen, über jede beschlossene Erkenntnis hinaus, nicht wie die Schwadroneure im Netz, die alles und jedes zementieren, zu unumstößlichen Gewißheiten; ohne Großmäuligkeit, sagten wir und mußten lachen, und sagten: schonungslos und die reine Wahrheit!

Sie, Teresa, wollten mein Leben, und Sie werden es bekommen, zumindest noch ein Stück davon, und werden, wie ich hoffe, Ihren Schwur einhalten. Ich warne Sie aber. Es wird nicht lustig klingen aufs Ende zu, nicht lässig, witzig oder unverbindlich, wie wirs einmal dachten. Die Geschichte könnte ins Rutschen geraten, ausufern oder abtreiben plötzlich, denn alles, was dir im Alter geschieht – das Schöne wie das Entsetzliche –, erfuhr ich – je älter, desto gewisser – immer nur so: eins ans andere gefesselt, ineinander verheddert: Das letzte Leben sozusagen schlingernd!

So also und nicht anders will ich ab heute berichten: nicht wie von einer Vergnügungsreise von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt, sondern Schritt für Schritt, nicht ohne die Fehltritte auszulassen, die Stürze, das blinde Tappen auf öden Straßen und die Beulen an den Stirnen, wie ichs bei meinen Alten sah; wie ich es selbst an trüben Tagen für die Zukunft fürchte, wenn unsere Spiele in Kampf ausarten … Nicht mehr aus dem Leben, sondern um das Leben!

Bitte lachen Sie nicht, wenn das, worüber ich noch eben Witze machte, plötzlich heroisch daherkommt, denn, glauben Sie mir, es ist nicht zum Lachen, was ein Mensch an dieser Schwelle täglich zu behaupten hat: Selbstverständlichkeiten zunächst wie den aufrechten Gang, dabei noch eine Spur von Haltung wenigstens – von Eleganz schon nicht mehr zu reden –; im nächsten Stadium dann die zahllosen Berichtigungen, was ausgeglichen werden muß: Verkrümmungen, Verkümmerungen, die Tarnung von Auswüchsen; bis es am Ende allein ums nackte Leben geht, das tägliche Pokern um Zeit:

ein Jahr noch oder ein paar Monate,
noch einen Sommer, einen Frühling,
noch einen Tag, eine Stunde . . .
den letzten
Atemzug.
Also die Wahrheit über das Alter, Teresa, schonungslos, unverblümt, wie wirs wollten.

Und gleich, doch wieder, der Zweifel, die Spekulation: Sollte sie, die Wahrheit, wirklich gänzlich nackt erscheinen, oder doch eher ein wenig verschleiert? Wie müßte ich sie meiner Freundin präsentieren, daß sie sie annehmen kann als die ihre?

Liefere ich sie ihr sanft, mit Empathie verhüllt, wie wirs gewohnt sind hierzulande? Oder aber cool, unbeteiligt, wies Mode ist? Mach ich sie ihr erträglich durch Gelächter?

Ach, liebe Frau, ich sollte wohl das Reflektieren lassen. Denn manchmal, mit ein wenig Glück, kanns sein, daß sie, die Wahrheit, sich durch alle Unordnung wie von allein nach oben drängelt und ans Licht kommt … Also, hören Sie, hören Sie einfach zu …

Auszug aus: Gerlind Reinshagen, nachts
Mit freundlicher Genehmigung © Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

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erstellt am 16.2.2016

Vorhang auf!

Heute müssen Autorinnen zum Glück nicht mehr heimlich und unter Pseudonym an Küchen- oder Esstischen schreiben. Dennoch erhält so manches Werk aus weiblicher Feder nicht die öffentliche, dauerhafte Resonanz, die ihm zustünde. In loser Folge stellt Faust-Kultur besondere, lesenswerte Bücher vor und gibt ihnen die Bühne zurück, die sie verdienen.

Gerlind Reinshagen. Foto: © Digne Meller Marcowicz
Gerlind Reinshagen. Foto: © Digne Meller Marcowicz

Gerlind Reinshagen
nachts
Roman
Gebunden, 130 Seiten
ISBN: 978-3-518-42247-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

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