Philosophen sind ernste Denker, und die wenigen, die die schmale Brücke des Unernstes über die Abgründe unseres Seins betraten, wurden dafür böse gescholten. Platon aber widerfuhr das Gegenteil. Otto A. Böhmer ist vermutlich der einzige Zeuge, der wahrnahm, wie der große Lehrer seiner Haltung untreu wurde.

Der Philosoph Platon

Es ist unziemlich

Der Philosoph Platon war noch einmal nach Sizilien gekommen, um zu seinem geheimen Lieblingsplatz aufzusteigen, einer aschgrauen Sichtmulde an den Hängen des Ätna-Kraters. Hier oben, unweit der Stelle, wo sich Platons Kollege Empedokles einst zu Tode gestürzt hatte, waren dem Philosophen stets ungewöhnlich milde Gedanken gekommen. Vielleicht lag es an dem Ausblick, den die Höhe eröffnete: Das Land zu Platons Füßen glühte im Dunst; das Meer, übersät mit weißen Punkten, erstreckte sich bis an den Rand der bewohnten Welt, und der Himmel über dem Berg war ein blau-grauer Rauchfang, der sich jäh absenken konnte und auf die Köpfe drückte. Ab und zu regnete es Feuer; Dämpfe stiegen auf und verströmten ein würziges Düftchen, in dem man ausdauernd husten durfte und, wie von stechenden Gedankenblitzen erwirkt, Tränen der Freude in die Augen bekam. An diesem Tag allerdings konnte der Philosoph der Aussicht nicht viel abgewinnen; er hatte sich geärgert, und beim Anstieg in die oberen Regionen des großen Vulkans gingen ihm finstere Gedanken im Kopf umher. Entsprechend schwer war sein Schritt; er verspürte Atemnot, und für wenige Momente hatte er das Gefühl, dass ihm wohl doch nicht das lange Leben beschieden sein würde, welches ihm nur wenige wünschten und die meisten wohl zutrauten. Platon war eine Bemerkung seines Schülers Kephalos zu Ohren gekommen, der einem neugierigen Menschen, dem die Aufgabe oblag, etwas über den Philosophen zu schreiben, den Schlusssatz mit auf den Weg gegeben hatte: „Und übrigens: in seinem ganzen Leben hat ihn kein einziger je lachen gesehen …“ Platon hatte sich über diese Bemerkung nicht nur geärgert, sondern auch betroffen gezeigt; sie schien ihm wie eine kaum zu durchschauende Scheinwahrheit, die Zustimmung beanspruchte, aber jeder Grundlage entbehrte. Natürlich war er kein Meister des Frohsinns; Witzeleien ließen sich mit dem heiligen Ernst, der sich über die Philosophie gelegt hatte, nie und nimmer in Einklang bringen. Was ihn, Platon, aber besonders empört hatte, war der Umstand, dass Kephalos, den er für einen relativ begabten Schüler gehalten hatte, gar nicht begriffen zu haben schien, warum sich das dümmliche, fauler Ratlosigkeit abgelauschte Lachen nicht mit dem wahren Denken, dem unerbittlichen Bemühen um Wahrheit, zusammenbringen ließ. Hatte er denn nicht gelesen, Kephalos, ein kleines Plappermaul vor dem Herrn? – In Platons Buch „Der Staat“, Pflichtlektüre der ersten Stunde für seine Schüler, stand es doch ein für allemal geschrieben; mit dem Lachen musste man vorsichtig sein, und die Götter selbst hatten ein Auge darauf. Sie durften sich, sehr zu Recht, vergrätzt zeigen über einige der sogenannten Dichter unter den Menschen, die maßlos geworden waren in ihrer Dreistigkeit und es wagten, den Göttern menschliche Eigenschaften und Schwächen zuzuschreiben. Darüber mochte man feixen, über das Tölpelhafte an Gott, und das Gelächter schlug zurück wie eine Woge verschwätzter und verderblicher Bestätigung. Hatte nicht er, Platon, in seinem Buch Sokrates daraufhin die „Tatsache“ beklagen lassen, „dass die Dichter Götter und Helden mit allen unseren Schwächen zeigen und uns von eidbrüchigen Gottheiten sprechen, die sich von Wut hinreißen lassen, von Helden, die weinen, und Göttern, die lachen?“ Und Sokrates, der gehalten war, die Rede zu halten, die Platon ihm schrieb: „Es ist unziemlich, allzu sehr dem Lachen zugeneigt zu sein, und man kann nicht gutheißen, wenn Homer Verse dieser Art schreibt: ,Unauslöschliches Lachen erregt es, den Seligen keuchend/Rund um den Saal des Hephaistos als Schenken watscheln zu sehen.‘ – Ich denke, dass solche Dinge, auch wenn sie wahr sind, Kindern oder unreifen Personen nie erzählt werden dürften, sondern es wäre angemessen, sie zu verschweigen …“ So die – Worte des Sokrates, die ihm Platon selbst in den Mund gelegt hatte; Kephalos schien sie vergessen oder, noch schlimmer, gar nicht verstanden zu haben. Wozu hat man Schüler, dachte der Philosoph, wenn sie letztlich doch nicht begreifen, was angesagt ist? Allmählich wurde er ruhiger. Ein leichter Wind kam auf und kühlte seine erhitzte Stirn. Von seiner Sitzmulde aus konnte er eine kleine, kugelrunde Wolke sehen, die regungslos über einem der Nebenkrater stand und ihn anzustarren schien. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Mit einem Mal war es ihm, als würde er hinübergetragen in die Wolke, die sich auseinanderschob und eine Anhöhe zu erkennen gab. Auf ihr saßen beleibte Richter, die über die Toten zu urteilen hatten. Die Gerechten schickten sie in den Himmel, die Ungerechten wiesen sie zur Erde zurück. Um sie herum war so ein lebhaftes Treiben entstanden: Man sah Seelen, denen das Urteil gesprochen war, fortziehen, während andere wieder zurückkehrten. Wer von der Erde kam, war voller Rauch und Schmutz; wer vom Himmel herabgestiegen war, schien in seltsam nachgiebiges Licht getaucht. Als der dickste der Richter Platon erblickte, winkte er ihn zu sich heran. Zögernd kam der Philosoph näher; der Richter, der von nahem wie ein heimtückisches Reptil aussah, beriet sich mit seinen Kollegen und zeigte dann mit dem Daumen abwärts. „Nein“, sagte Platon, „das kann ich nicht akzeptieren.“ Er wollte auf dem Absatz kehrtmachen, aber da geriet er ins Rutschen. Er fiel, und die Richter freuten sich königlich. Ein schwefliger Wind strich ihm übers Gesicht. – Als er die Augen aufschlug, lag er in einer Geröllwanne, etwa einen Steinwurf weit unterhalb seiner Sitzmulde. Ich bin aus meinem Nest gefallen, dachte er. Rechtzeitig, bevor das Jüngste Gericht sein Urteil vollstrecken konnte. Plötzlich musste er lachen; er lag da und lachte wie nie zuvor, und nachdem er sich die Tränen vom Gesicht gewischt hatte, stand er auf und klopfte sich die Asche aus den Kleidern. „In meinem ganzen Leben also hat mich kein einziger je lachen gesehen“, murmelte er grimmig. „Dass ich nicht lache!“

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erstellt am 16.2.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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