Vor kurzem erst wurde das bildnerische Werk des 2013 verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck entdeckt. In Gießen präsentieren nun mehrere Institutionen Kurzecks Arbeiten. Die Ausstellungen zeigen eine faszinierende neue Facette aus dem posthum veröffentlichten Schaffen des Autors, meint Dagmar Klein.

Ausstellung

Peter Kurzeck als Maler und Zeichner

Von Dagmar Klein

Der Schriftsteller Peter Kurzeck (1943-2013), der in seinen letzten Jahren immer mehr auch zum Erzähler wurde, starb in Frankfurt am Main. Geboren wurde er in Tachau/Böhmen, seine Eltern kamen als Vertriebene nach Mittelhessen, wo Kurzeck die prägenden Jahre von Kindheit, Jugend und Ausbildungszeit verbrachte, weshalb einige Orte dieser Region in seinem autobiografischen Romanen ausgiebig gewürdigt werden. Die elterliche Erfahrung von Verlust und Neuanfang prägen ihn, ist doch sein Werk ein beständiges Anschreiben gegen das Vergessen.

Aufgewachsen ist er in dem kleinen Ort Staufenberg, das mit seiner malerischen Burgruine oberhalb der Lahn zwischen Gießen und Marburg liegt. Schulzeit und Berufsanfang erlebte er in der Universitätsstadt Gießen. Beide Orte wissen seit längerem, was sie an Kurzeck haben. Staufenberg hatte ihn zu Lebzeiten mehrfach eingeladen und geehrt, unter anderem leitete er Interessierte auf seine unnachahmliche Art durch die Gassen seiner Kindheit. In Gießen waren es die Literaturwissenschaftler der Universität, die ihn schon frühzeitig im Blick hatten. Kurzeck hatte 2004 eine Poetik-Gastdozentur, war Ende der 1990er Jahre zu Matineelesungen in Gießen eingeladen, führte auch hier durch die Straßen der Stadt, die sich auch nach Kriegszerstörung und Wiederaufbau ständig wandelte.

Im vergangenen Sommersemester starteten die Institute für Germanistik und Kunstgeschichte ein Projektseminar (Leitung Sascha Feuchert und Joachim Jacob) zu Peter Kurzeck für Studierende beider Fächer. Vorausgegangen war eine erstaunliche Neuigkeit, die bei der Gründung Peter-Kurzeck-Gesellschaft im November 2014 zutage getreten war. Zwei Kurzeck-Freunde der Gießener Jahre berichteten von dessen umfangreichen bildnerischen Werk, das sonst wohl nur noch der Tochter Carina Wächter bekannt war. Der Gießener Kunstgeschichtsprofessor Marcel Baumgartner sichtete mit Unterstützung von Studierenden das bislang zutage geförderte Werk, das aus 20 Ölgemälden und rund 250 farbigen Papierarbeiten besteht, die meisten im DIN A4-Format.

Damit war klar, dass der ursprünglich anvisierte Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek zu klein wäre für eine angemessene Präsentation. Das Kulturamt der Stadt Gießen stellte auf Anfrage den großen, zweistöckigen Ausstellungsraum KiZ (Kultur im Zentrum) zur Verfügung. Da dort auch das Literarische Zentrum Gießen (LZG) sein Büro hat und Lesungen veranstaltet, engagiert sich dessen Vorstand beim Kurzeck-Rahmenprogramm. Und der Neue Kunstverein Gießen steuerte eine weitere Idee bei: Die in Berlin lebende Künstlerin Christina Zück wurde um einen Beitrag gebeten. Kunstvereinsleiter Markus Lepper wusste von ihrer Beschäftigung mit Kurzecks Werk, denn Christina Zück ist gegenüber von dessen Heimatort Staufenberg, auf der anderen Seite der Lahn, im Dorf Odenhausen aufgewachsen. Sie besuchte alle von Kurzeck beschriebenen Orte der Region und hielt sie fotografisch fest.

Für Gäste von außerhalb dürfte vor allem die umfangreiche Ausstellung mit Kurzecks Bildern im KiZ interessant sein, an den anderen Orten wird der Gießen-Bezug über Bild und Textauszüge vertieft. Allerdings sind in der UB auch maschinenschriftliche Skripte zu „Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst“ und handschriftliche Notizen zu „Keiner stirbt“ zu sehen. Ferner gibt es gezeichnete Grafik-Design-Proben, offensichtlich war Kurzeck ein Autoliebhaber, private Fotografien, sein Malkasten und eine Hörstation mit Auszügen aus „Ein Sommer, der bleibt“, die gesprochene Erzählung über das Dorf seiner Kindheit.

Kurzecks Schreiben ist bildhaft, weist viele kunstgeschichtliche Vergleiche auf. Auch sein eigenes Malen und Zeichnen hat er häufiger erwähnt, er bedauerte in einem Interview 2011 sogar, dass er keine Zeit mehr dazu gefunden hätte. Im Rückblick lässt sich die intensive Zeit seiner Malerei auf die Jahre zwischen seinem 15. und 23. Lebensjahr eingrenzen. 1965 entschied er sich fürs Schreiben, „weil das schwieriger sei“, wie er sagte, doch hat er das nie als endgültig betrachtet. Ist nur nicht mehr dazu gekommen. Eine einzige Ausstellung hatte er: als Schüler in seiner Gießener Schule. Später konnte er im Papierwarengeschäft seines Freundes Wolfgang Ostheimer auf der Haupteinkaufsstraße Seltersweg einiges auslegen und verkaufen. Doch vieles verschenkte er einfach. Die Kuratoren erwarten daher noch einige Neuentdeckungen.

Peter Kurzeck hatte ohne Frage Talent als Zeichner. Motivisch bevorzugte er Architekturen und Straßenzüge, entwickelte dabei seinen eigenen grafischen Stil, der geprägt ist von kräftiger Linienführung und sensibler Farbgestaltung. Die schwarzen, zackigen Lineaturen dominieren so manches Bild, werden noch ergänzt durch groß geschriebene Schriftzüge: sein Name und der seines Heimatorts, der Name des dargestellten Ortes und die Jahreszahl (-zeit). Vieles entstand auf Reisen.

Die markantesten Bilder von Peter Kurzeck bezeugen seine Wertschätzung des Wortes, insofern war seine Entscheidung für das Schreiben wohl die richtige. Sein bildnerisches Werk ist in der Zeit des Erwachsenwerdens entstanden und aus heutiger Sicht vor allem für Literaturfreunde interessant, die eine faszinierende neue Facette aus dem posthum veröffentlichten Schaffen des Autors entdecken können.

Dagmar Klein lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin und Buchautorin, Gutachterin im Denkmalschutz und Stadtführerin in Gießen/Mittelhessen.

Siehe auch

Björn Jager: Nachruf auf Peter Kurzeck
Harry Oberländer: Nekrolog Peter Kurzeck
Harry Oberländer: Peter Kurzeck zum Geburtstag
Gespräch mit Peter Kurzeck

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erstellt am 15.2.2016

Ausstellungsansicht Peter Kurzeck, KIZ Gießen

Drei Ausstellungen für Peter Kurzeck

»Zuerst eine Farbe, ein Bild, dann die Wörter dafür«

Bis 3. April 2016

Kultur im Zentrum, Gießen
Universitätsbibliothek Gießen
Neuer Kunstverein Gießen

Weitere Informationen

Peter Kurzeck. Foto: Alexander Paul Englert
Peter Kurzeck. Foto: Alexander Paul Englert

Ausstellungsansicht Peter Kurzeck, KIZ Gießen

Selbstporträt von Peter Kurzeck, 1959