Warum fragen in unserer computergesteuerten Lebenswelt auch aufgeklärte Bürger die Hirnforschung nach dem Sitz der Seele und sind enttäuscht, wenn kein Synapsenklumpen dafür dingfest zu machen ist? Otto A. Böhmer zeigt in seinem Essay, woher das Interesse kommt und wohin die Seelenreise geht.

Essay

Auf der Suche nach der Seele

Die Seele scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein; der Mensch hat andere Sorgen, und man kann es ihm nicht verübeln, wenn er sich lieber dem Tagesgeschäft widmet, als der Frage nachzugehen, was denn die Seele sein könnte. Im „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ lesen wir: „Seele (griechisch: psyche, lateinisch: anima, Grundbedeutung beider: ‚Hauch‘) heißt ursprünglich die ‚Bewegliche‘, was auch Volksglauben und Märchen bestätigen, indem sie die Seele als ein bewegliches Wesen (Vogel, Maus, Schmetterling, Schlange) darstellen. Bei vielen Völkern gab es Vorstellungen über einen Lebensgeist, der im Körper wohnen muß, solange dieser sich regt, aber im Augenblick des Todes … entweicht.“

Eine erste tiefgründige Theorie der Seele wird vom griechischen Philosoph Platon entwickelt. Er führt Seele und Geist zusammen, eine Vereinigung, die auf Kosten des Körpers geht, dem Platon nicht über den Weg traut. Die Leiblichkeit des Menschen gilt ihm als ständiger Quell unguter Versuchungen, denen zu begegnen es einer wehrfähigen Vernunft bedarf. Der Geist arbeitet als „Steuermann der Seele“ und ist, da er im Fadenkreuz von Verführungen steht, immer im Dienst. Die Seele stellt sich Platon als unsichtbar und unsterblich vor; sie ist das Kraftfeld, auf dem sich der Ewigkeitsanteil des Menschen zu erkennen gibt. Alles, was er weiß, bezieht der Mensch durch eine zeitübergreifende Wiedererinnerung an die „Ideen“, die Urbilder, die allem zugrunde liegen: „Da die ganze Natur unter sich verwandt ist und die Seele alles innegehabt hat, so hindert nichts, daß, wer nur an ein einziges erinnert wird (was bei den Menschen lernen heißt), alles Übrige selbst auffindet, wenn er nur tapfer ist und nicht ermüdet im Suchen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Erinnerung …“ Und er fügt hinzu: „Jede Seele ist unsterblich … Nachdem sich … das von sich selbst Bewegende als unsterblich gezeigt hat, so darf man sich auch nicht schämen, eben dieses für das Wesen und den Begriff der Seele zu erklären. Denn jeder Körper, dem nur von außen das Bewegt-werden zukommt, heißt unbeseelt, der es aber in sich hat, aus sich selbst, beseelt, als sei dieses die Natur der Seele. Verhält sich aber dieses so, dass nichts anderes das sich selbst Bewegende ist als die Seele, so ist notwendig auch die Seele unentstanden und unsterblich.“

Mit dem Erscheinen des Christentums in der Welt erhält die Seele zusätzliches Gewicht. Sie wird zum eigentlichen Weltinnenraum, der, einerseits, nur Durchgangsstation ist, denn der Mensch wird geboren und stirbt, andererseits aber auch ein schimmerndes Ausgangsportal zur Ewigkeit besitzt, auf das sich die Hoffnungen der Gläubigen richten. Die wahre Existenz des Menschen, so lautet die frohe Botschaft des Christentums, entfaltet sich erst im Jenseits. Die Seele wird unter die Gnadenaufsicht Gottes gestellt; ihr Dasein auf Erden gleicht einem Arbeitsdienst, für den als Entgelt, folgerichtig, auch nur Gotteslohn zu erwarten ist. Als Philosophie wagt das Christentum keinen kompletten Neuanfang, sondern schließt an vorhandene Denktraditionen an. Der Philosoph Plotin verbindet platonische Vorstellungen mit der christlichen Gottesbotschaft, wobei er die Seele noch mehr erhebt als seine Vorgänger, was vielleicht auch daran liegt, dass Plotin eine fast schon krankhafte Abscheu vor allem Körperlichen gehabt haben soll. Über der Einzelseele des Menschen, so Plotin, erhebt sich die Weltseele, die wiederum von Geist und Gott abhängt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich dank seiner geistigen und seelischen Fähigkeiten nach oben, in die Gottessphäre, oder nach unten, in die abgründige Welt des Bösen und Banalen, bewegen kann. Dass die Seele des Menschen nicht mehr Gott angehört, ist einer Art vorgezogenen Emanzipation zu verdanken, die nur Schaden anrichtete: „Der Anfang des Unheils für sie (die Seelen) war die Überheblichkeit und der Wille, sich selber anzugehören. Und indem sie ihre Lust hatten an dieser Eigenmächtigkeit und sich immer mehr dem selbstischen Triebe hingaben, liefen sie den entgegengesetzten Weg, machten den Abfall immer größer und vergaßen, dass sie selbst von dort her stammen, Kindern vergleichbar, welche, früh ihrer Väter beraubt und lange entfernt von ihnen aufgezogen, sich selbst und ihre Väter nicht mehr kennen …“

Ein bis heute unübertroffener Seelenkundler ist der Philosoph und Bischof Aurelius Augustinus gewesen. Er, der von 354 bis 430 nach Christus ein bewegtes Leben führte, dem nichts Menschliches fremd war, wird heute als Kirchenvater verehrt, dessen Lehre die katholische Kirche in ihrem Sinn auslegt, also im Zweifelsfall eher kirchlich als väterlich. Augustinus erweist sich als Meister der Intuition und psychologischen Feinabstimmung; er deutet die Seele des Menschen wie eine Bewusstseinslandschaft, die, ungeachtet ihrer offensichtlichen Schönheiten, nie ganz zu überblicken ist. Für Augustinus steht die Seele, deren höchstes Vermögen der Geist ist, zwischen Gott und Materie. Dort muss sie sich finden, ein Prozess ohne Anfang und Ende. Wer in sich geht – eine Übung, die ja auch von heutigen Selbsterfahrern noch immer gern betrieben wird – wird nur schwerlich Klarheit über sich gewinnen, was nicht am eigenen Bemühen liegt: Zu reichhaltig, zu wundersam ist die Seele, die zum Staunen einlädt, nicht aber zu willkürlicher Identitätsbemessung: „Die Natur der Seele ist großartiger als die Natur des Körpers; sie ist etwas Geistiges, Unkörperliches, etwas, was der Substanz Gottes ähnlich ist. Es ist etwas Unsichtbares, das den Körper regiert, die Glieder, die Sinne dirigiert, die Gedanken formt, Handlungen vollzieht und von unendlichen Dingen Bilder bezieht.“ In der Seele liegt zudem ein weiteres staunenswertes Vermögen des Menschen begründet, sein Zeitempfinden. Ohne sie hätte der menschliche „Geist“, den Augustinus „Haupt und Auge der Seele“ nennt, handfeste Orientierungsschwierigkeiten und würde sich ins Bodenlose verlieren.

Augustinus glaubte den Urheber für all die Großartigkeiten zu kennen, die der Mensch in sich selbst entdecken kann: Es ist Gott, der zwar aus sich selbst und seiner Schöpfung ein Geheimnis macht, dem Menschen aber dennoch ermöglicht, beträchtliche Erkenntnisse anzusammeln. Augustinus‘ Nachfolger indes konnten mit Gott, der sich bestenfalls über private Visionen, nie aber verbindlich zu erkennen gibt, immer weniger anfangen. Der Mensch bewundert sich selbst, und er braucht dafür keine höhere Beaufsichtigung mehr. Das bekommt, nicht zuletzt, auch die Seele zu spüren, die nun immer mehr auf Normalmaß gestutzt wird. Im 16. Jahrhundert erklärt der Philosoph René Descartes die Seele zur untergeordneten Kraft: Sie ist Bestandteil des reinen Denkens, das sich einer ausgedehnten Materie gegenübersieht, auf die es einwirken kann. Um diesen ebenso offensichtlichen wie verschlüsselten Vorgang zu erläutern, benötigt Descartes kein besonderes Seelenvermögen, da die „Lebensgeister“, einmal ins Werk gesetzt, das tun, was sie tun müssen, wofür er einen anschaulichen Vergleich findet: „So wie man es in den Gärten unserer Könige sehen kann, dass allein die Kraft, mit der das Wasser sich bewegt, wenn es aus der Quelle entspringt, hinreicht, um dort allerhand Maschinen in Bewegung zu versetzen oder sogar einige Instrumente spielen oder einige Worte aussprechen zu lassen, je nach der verschiedenen Anordnung der Röhren, durch die Wasser geleitet wird …“ Danach gerät die Seele ins Hintertreffen, bringt sich jedoch immer dann in Erinnerung, wenn, mit Goethe, zu erkennen ist, daß „die Summe unserer Existenz, durch Vernunft dividiert, niemals rein aufgehe“ und „immer ein wunderlicher Bruch übrig bleibe“. Als schließlich die „Psychologie“, anfangs auch „Seelenlehre“ oder „Seelenkunde“ genannt, auf den Plan tritt, gerät der „wunderliche Bruch“ erneut ins Bedenken; er wird Teil des Unbewussten, das der Arzt, Philosoph und Naturforscher Carl Gustav Carus entdeckt. In seinem 1851 erschienenen Buch mit dem programmatischen Titel „Psyche“ heißt es: „Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewussten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewussten. Alle Schwierigkeit, ja alle scheinbare Unmöglichkeit eines wahren Verständnisses vom Geheimnis der Seele wird von hier aus deutlich. Wäre es eine absolute Unmöglichkeit, im Bewusstsein das Unbewusste zu finden, so müsste der Mensch verzweifeln, zum Erkennen seiner Seele, d.h. zur eigentlichen Selbsterkenntnis zu gelangen.“ Was von Carus seinerzeit intuitiv angedacht wurde, gehört inzwischen zum gängigen Wissensbestand. Auf das Unbewusste konnte auch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, nicht verzichten. Er entwickelte einen Heil- und Kostenplan für die Seele, der zwar theoretisch angelegt war, aber das gleiche praktische Ziel wie jede medizinische Therapie verfolgte: die Heilung des Menschen von tatsächlichen oder eingebildeten Krankheiten. In Freuds „Schriften zur Behandlungstechnik“ heißt es: „Psychische Behandlung heißt Seelenbehandlung. Man könnte also meinen, dass darunter verstanden wird: Behandlung der krankhaften Erscheinung des Seelenlebens. Dies ist aber nicht die Bedeutung dieses Wortes. Psychische Behandlung will vielmehr besagen: Behandlung von der Seele aus, Behandlung – seelischer und körperlicher Störungen – mit Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf das Seelische einwirken.“

Psychologie und Psychotherapie, die keinesfalls einheitlich zu Werke gehen, sondern sich den Luxus einer Vielzahl unterschiedlichster Schulen und Lehrmeinungen leisten, haben die Seele inzwischen mit einem langwierigen Indizienprozess überzogen, der sich an äußere Auffälligkeiten halten muss, um innere Schuldzuweisungen vornehmen zu können. Die Seele gerät dabei in die Rolle eines Verdächtigen, den man davon in Kenntnis gesetzt hat, dass eigentlich alles gegen ihn verwendet werden kann. Gemessen an der Wertschätzung, die der Seele in früheren Zeiten zuteil wurde, sind das vergleichsweise schnöde Umgangsformen. Allerdings gab es auch andere Tendenzen. Carl Gustav Jung, ehemaliger Freud-Schüler, der das mechanistische Menschenbild seines Lehrers nicht zu teilen vermochte und einen eigenen Weg ging, plädierte dafür, die Seele wieder mit Ehrfurcht zu behandeln: „Wenn in der Seele nicht erfahrungsgemäß höchste Werte lägen, so würde mich die Psychologie nicht im geringsten interessieren, da die Seele dann nichts als ein armseliger Dunst wäre. Ich weiß aber aus hundertfacher Erfahrung, dass sie das nicht ist … Auf alle Fälle muss die Seele eine Beziehungsmöglichkeit, d.h. eine Entsprechung zum Wesen Gottes in sich haben, sonst könnte ein Zusammenhang nie zustande kommen …“ Sogar von Seiten der Naturwissenschaft, die faktengläubig ist und einem Erkenntnisideal anhängt, das auf strenge Beweiskraft setzt, wurde die Seele inzwischen geadelt. Der britische Neurophysiologe und Nobelpreisträger John C. Eccles, der den Menschen schon von Berufs wegen ein ums andere Mal in den Kopf schaute, erklärte das Gehirn zum großartigsten aller jemals ersonnenen Computer, der aber nur deshalb so großartig ist, weil er auf geniale Weise in Betrieb gehalten wird: „Nach dieser Analogie ist die Seele oder Psyche der Programmierer des Computers. Unser Computer, mit dem wir als Programmierer geboren werden, befindet sich zunächst im embryonalen Zustand. Wir entwickeln ihn, solange wir leben. Er ist unser Leben lang bei allen Transaktionen unser vertrauter Gefährte. Er empfängt von der Welt und gibt der Welt, zu der auch andere mit einem Selbst gehören. Das große Geheimnis ist nur, wie wir als Programmierer oder erlebendes Selbst entstehen und wie wir, jeder Einzelne mit seinem ‚Computer‘ unser Leben lang … verbunden bleiben.“

Nachdem Eccles alle Forschungsergebnisse gesichtet und bewertet zu haben glaubte, kam er zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Seele ist unverzichtbar; sie rührt, ob man nun gläubig ist oder nicht, an das Heilige, an den uneinsehbaren Grund des Seins: „Da unsere erlebte Einmaligkeit mit materialistischen Lösungsvorschlägen nicht zu erklären ist, bin ich gezwungen, die Einmaligkeit des Selbst oder der Seele auf eine übernatürliche spirituelle Schöpfung zurückzuführen. Um es theologisch auszudrücken: Jede Seele ist eine neue göttliche Schöpfung, die irgendwann zwischen der Empfängnis und der Geburt dem heranwachsenden Fötus ‚eingepflanzt‘ wird. Es ist die Gewissheit des inneren Kerns der einmaligen Individualität, welche die göttliche Schöpfung notwendig macht. Ich behaupte, dass keine andere Erklärung haltbar ist, weder die von der genetischen Einmaligkeit mit ihrer phantastisch unwahrscheinlichen Lotterie, noch die der umweltbedingten Differenzierungen, die die Einmaligkeit nicht determinieren, sondern lediglich modifizieren …“

Wie also halten wir es heute mit der Seele? Als Begriff ist sie eher randständig geworden, macht aber in ihrer zeitgemäßen Variante, der Psyche, noch sehr wohl auf sich aufmerksam und muss es sich sogar gefallen lassen, dass man in ihrem Namen gern unaufgefordert und ausgiebig „psychologisiert“. Unsere Lebensverhältnisse sind entsprechend: Sie lassen es zu, dass der Einzelne, der machtpolitisch nicht viel gilt, eine Selbstinszenierung betreibt, für die ein tragfähiger Resonanzboden fehlt: Scheinwirklichkeiten sind die Folge, die Gesellschaft wird, ohne es wahrhaben zu wollen, an entscheidenden Naht- und Schnittstellen „seelenlos“.

Für die Seele gilt ein variabel handhabbarer Satz des Schriftstellers Robert Walser, der sich ein Leben lang zu wachsamer Naivität anhielt: „Was nicht anwesend ist“, schrieb er, „ist es manchmal dadurch gerade sehr“. Die Seele ist anwesend, auch wenn sie durch Abwesenheit glänzt, was unter anderem bedeutet, dass sich ein jeder, wenn er denn nur will, sein eigenes Bild von ihr machen darf. Die Seele als individuell ausgestatteter irdischer Wohnraum, der dem Menschen einen Not- und Willkommensausgang ins Jenseits belässt – dieser Aspekt kehrt in den meisten Vorstellungen von der Seele wieder. Allerdings kann man die Seele auch in andere, vorgezogene Zuständigkeiten versetzen, es gibt ja bekanntlich ein Leben vor dem Tode. Die Seele leistet dann Seelenarbeit, die man sich keineswegs wie eine nicht enden wollende Mühsal vorstellen muss, sondern als Spiel ohne Grenzen, das auf alles setzt, was uns lieb und teuer ist. Am Ende kommen wir, möglicherweise, wieder dahin, wo schon Augustinus war und sich staunend umgesehen hat. „Ich, die Seele“, schrieb er und meinte damit jene wunderbare Gewissheit, die den Menschen erfüllt, wenn er seiner selbst gewahr wird und sich einer Welt gegenübersieht, die seinem Empfinden, in unendlich reicher und vielfältiger Spiegelung, entspricht. Der Dichter Joseph von Eichendorff hat darüber eines seiner schönsten Gedichte geschrieben: „Es war, als hätt der Himmel/ Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blütenschimmer / Von ihm nun träumen müßt. / – Die Luft ging durch die Felder, / Die Ähren wogten sacht,/ Es rauschten leis die Wälder, / So sternklar war die Nacht. / – Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus,/ Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“

Wo aber fliegt sie hin, die Seele, wenn sie denn fliegt? Wirklich nach Hause? Der Mensch, der viel weiß, das Wesentliche aber, zu seinem wiederkehrenden Missvergnügen, noch immer vorenthalten bekommt, hat sich darüber Gedanken gemacht. Ja, mehr als das, er ist, unfreiwillig zumeist, auf Reisen gegangen und seiner Seele nachgestiegen, die ihm auf einmal entwendet zu werden drohte. Von „Jenseitsreisen“ und „Nahtod-Erfahrungen“ berichtet der Philosoph und Ethnologe Hans Peter Duerr in seinem beeindruckenden Buch „Die dunkle Nacht der Seele“, das Dokumente und Materialien aus zwei Jahrtausenden versammelt. Wer den Tod vor Augen hatte, es aber doch nicht ins Jenseits schafft und ins Leben zurück beordert wird, hat Mühe, seine Erfahrungen in Worte zu fassen. Von Licht ist dann oft die Rede, das groß und glanzvoll, tröstlich und weit hinreichend ist, manchmal aber auch nur bescheiden anmutet; dann sieht man auf seiner Jenseitsreise kaum mehr als das vielzitierte Licht am Ende des Tunnels. Um vom nahen Tod als Anhalter mitgenommen zu werden, muß man in passender Stimmung sein, nicht aber tot: „Bisweilen können die Forscher … überhaupt keine Ursache der ‚Nahtod-Erfahrungen’ ausmachen, doch deutet insgesamt alles darauf hin, dass extreme Erregungszustände“ oder „ihre weitgehende Abwesenheit (z.B. bei Entspannung und Meditation) oder ein hoher Grad von Erregung (z.B. bei Todesangst) … Auslöser solcher Erlebnisse sind.“ Duerr erzählt von Nahtod-Erfahrungen, die sich so oder anders und vielleicht auch gar nicht zugetragen haben, im Stile eines Reiseschriftstellers, der sich eine wohltuende Skepsis bewahrt hat. Sie macht sein Buch lesenswert, ja sorgt für einen Tonfall, der dazu verhilft, selbst die letzten Dinge erfreulich nüchtern zu sehen: „Einmal abgesehen davon, dass es kein Erlebnis geben kann, dass uns ein ewiges Leben beweist, bleibt natürlich die Frage, ob ein solches Leben ohne Ende überhaupt wünschenswert wäre“ oder uns nicht eher „eine unendliche Langeweile bescherte (…) Dem entspricht unser altes Sprichwort: Der Optimist glaubt, dass die Menschheit eines Tages den Tod besiegen wird: Und der Pessimist befürchtet, dass ihr dies tatsächlich gelingen könnte.“

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erstellt am 10.2.2016

Hans Peter Duerr
Die dunkle Nacht der Seele – Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen
Gebunden, 687 Seiten
ISBN: 978-3-458-17631-2
Insel / Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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