Den ersten Teil seiner Fernsehtrilogie „Heimat – Eine deutsche Chronik“, der in den Jahren 1919 bis 1982 spielt, hat der Regisseur Edgar Reitz zu einem digital restaurierten Kinofilm bearbeitet. Nun liegt er auf sieben DVDs und fünf Blu-rays vor. Reitz bleibt der historischen Wahrhaftigkeit verpflichtet, kann sich aber nicht ganz von Klischees freimachen, meint Thomas Rothschild.

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Nicht ohne Klischees

Seit 30 Jahren erklärt Guido Knopp dem deutschen Fernsehzuschauer unermüdlich die deutsche Geschichte als Geschichte der Männer, die Geschichte machen. Die meisten Menschen aber erleben Geschichte nicht als Folge von Entscheidungen, Intrigen, Siegen und Niederlagen einzelner Personen da oben. Für sie geht der Alltag weiter, selbst wenn Kriege geplant, vorbereitet und geführt werden. Geschichte, wie sie aus ihrer Perspektive stattfindet, hat nicht Knopp mit seinen Dokumentarfilmen, sondern, nur scheinbar paradox, Edgar Reitz mit einer Spielfilm-Fernsehserie ins Bild gebracht.

Man lobt seit einiger Zeit die amerikanischen TV-Serien, insbesondere von HBO, wegen ihrer künstlerischen Qualität. Dass man in Deutschland durchaus Vergleichbares herstellen kann, hat Edgar Reitz mit „Heimat“ schon bewiesen, als Knopp gerade mit seinem Geschichtsunterricht anfing. Reitz hatte „Heimat“ zwar nicht für das Fernsehen, sondern als überlangen mehrteiligen Kinofilm konzipiert, aber durch die Aufführungspraxis wurde sie als Fernsehserie rezipiert und in der Folge immer wieder registriert. Von den gepriesenen amerikanischen Serien unterscheidet sich „Heimat“ vor allem stilistisch: Reitz setzt an die Stelle eines psychologischen Realismus eine Stilisierung, die sich auch vor holzschnittartigen oder sogar karikaturistischen Figurenzeichnungen nicht scheut. Zugleich hat er in der stillen, um ihre Kinder besorgten alleinerziehenden Maria (Marita Breuer) und in deren Schwiegermutter Katharina (Gertrud Bredel), die so spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und die den Phrasen den gesunden Menschenverstand entgegenhält, zwei Charaktere geschaffen, die sich würdig in die Reihe der großen Frauenfiguren der Literatur und des Films einordnen. Edgar Reitz hält einen Kunstanspruch hoch, den man in den USA spöttisch „Eurotrash“ nennt und zu dem die Musik von Nikos Mamangakis und die Kamera von Gernot Roll einen entscheidenden Beitrag leisten. Dabei bleibt er aber der historischen Wahrhaftigkeit und somit einem breiteren Verständnis von Realismus verpflichtet. Das fiktive Dorf Schabbach im Hunsrück dient ihm als überschaubares Modell für Deutschland.

Biedere Massenmörder

Edgar Reitz verstößt gegen die üblichen Klischees. Er zeigt gutmütige Nazi-Funktionäre, leutselige Mitglieder der Organisation Todt und umgängliche SS-Männer. „Heimat“, nicht der Dokumentarist Knopp, macht begreiflich, wieso deren Ehefrauen und Nachbarn, die sie nur privat kannten, nicht unbedingt heucheln mussten, wenn sie sich nach dem Krieg nicht vorstellen konnten, an welchen Verbrechen sie in ihrer offiziellen „Mission“ beteiligt gewesen waren. Man muss das wissen, wenn man die Vergangenheit verstehen und für die Zukunft gewarnt sein will, dass Untaten nicht die Maske des Bösen tragen müssen. Massenmörder sind nicht unbedingt dämonisch. Sie können auch bieder und ein wenig lächerlich erscheinen. Im Alltag mochten sie „ganz normale Menschen“ sein. Was freilich im Umkehrschluss bedeutet, dass auch ganz normale Menschen zu Massenmördern werden können, wenn es die Umstände erlauben oder gar fordern. Am ehesten entspricht Lucie, die Ex-Puffmutter und ehrgeizige, stets opportunistische Frau Eduard Simons einem Klischee. Der Krimi-Autor Ross Thomas schrieb einmal: „Ich benütze Klischees, weil jeder sie versteht. Deshalb sind sie Klischees.“ Das gilt auch für Edgar Reitz.

Und auch dramaturgisch kann er sich nicht ganz von Klischees freimachen. Wenn Otto Wohlleben (Jörg Hube) seine Maria vier Jahre nicht gesehen hat und nun eine Liebesnacht mit ihr verbringt, wenn er sich dann extrem langsam, durch Zwischenschnitte verzögert daran macht, eine Bombe zu entschärfen, passiert, was in jedem Hollywood-Film passieren würde: Die Bombe explodiert und tötet ihn. Ach hätten die Drehbuchautoren Edgar Reitz und Peter Steinbach doch den Mut gehabt, ihn weiterleben zu lassen.

Die Zeit zwischen 1939 und 1943, also den größten Teil des Zweiten Weltkriegs, überspringt der Film kurioserweise. Zwischen 1943 und 1946 altern dann die Figuren, die sich seit 1919 äußerlich kaum verändert haben, rapide. Was der Maskenbildner nicht vermochte, leisten Umbesetzungen.

Drohende Banalität

Selbst ein so langer Film muss elliptisch arbeiten, wenn er in 15 Stunden fast ein ganzes Jahrhundert abdecken will. Warum Paul Frau und Kinder verlassen hat, ohne ein Wort zu sagen, erfahren wir nicht, und er scheint es, wenn er nach zwei Jahrzehnten auf einen Besuch zurück kehrt, und auch Jahre danach selbst nicht zu wissen. Wie sein Bruder Eduard die Schulden für die luxuriöse Villa mit 52 Fenstern getilgt hat, können wir nur ahnen, wenn beiläufig davon die Rede ist, dass er sich das Geld bei einer jüdischen Bank in Mainz geliehen hat. Und woher hat Ernst seinen „Nibelungenhort“? Gerne wüsste man auch, was Anton in der Propagandakompanie so getan hat, wenn er nicht gerade seine Ferntrauung für die Wochenschau filmen ließ. Wenn andererseits die mehr als zwei Stunden lange Episode „Hermännchen“ in das abgedroschene Schema der Coming-of-Age-Filme verfällt, droht die Alltagsgeschichte banal zu werden. Die fünfziger Jahre bestanden nicht nur aus der pubertären Entdeckung der Sexualität, aus Caterina Valente, Hermann Hesse, Eierlikör, ungewollter Schwangerschaft und Bigotterie. Selbst die Schauspielerei von Gudrun Landgrebe ist davon angesteckt. Sie unterscheidet sich kaum vom Kitsch jener Heimatfilme, gegen die „Heimat“ opponiert.

Und die Männer, die Geschichte machen? Willy Brandt ist ein Mal im Bild: bei der Einschaltung des Farbfernsehens. Einen längeren Auftritt haben Männer, die Filme machen. Die Produzenten Bernd Eichinger und Laurens Straub spielen die Vertreter von multinationalen Konzernen, die Anton seine Fabrik im Hunsrück abkaufen wollen, um die lästige Konkurrenz loszuwerden. Ein Insider-Joke?

Am Schluss zerstört Edgar Reitz den letzten Rest von dokumentarischem Realismus. In einer Vision des sterbenden Glawisch, der durch den ganzen Film geführt hat, vermeint man bei Frank Capra gelandet zu sein, ehe noch eine Kantate des wie Menuchim in Joseph Roths „Hiob“ zum Musiker gewordenen Hermännchen in hochartifizieller Kulisse inszeniert wird.

Den ersten Teil der Fernsehtrilogie, „Heimat – Eine deutsche Chronik“, der in den Jahren 1919 bis 1982 spielt, hat Reitz zu einem digital restaurierten Kinofilm bearbeitet, der jetzt auf sieben DVDs und fünf Blu-rays vorliegt. Paradoxerweise kehrt die Kinofassung durch das DVD-Format ins Fernsehen zurück. Ohnedies, scheint es, wird die Unterscheidung von Kino- und Fernsehfilm bei zunehmend größer werdenden Bildschirmen (Heimkino!) und dem Einsatz von Beamern in Kinos immer obskurer.

Kommentare


Rob Schwartz - ( 22-02-2016 05:57:31 )
"Eurotrash" wird semantisch vom Rezensenten eigentlich entweder immer noch mißverstanden oder mit einer Sinngebung verwendet , die von (Er)kenntnisbegrenztheit zeugt. Ein billiger und fehldeutender Einwurf, hier völlig fehl am Platze. Ich empfehle "Meaning for Dummies" - in der Vorschulaltersversion.

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erstellt am 09.2.2016

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