Es klingt paradox: Künstler, Touristen, Expatriots – sie alle suchen die Nähe exotischer Kulturen und schirmen sich zugleich so stark ab, dass Einflüsse von außen keinesfalls eindringen können. In ihrem Roman »Shanghai Performance« zeichnet Silke Scheuermann ein zeitkritisches Bild dieser globalisierten Lebensweisen. Mitten in Shanghai erschließt sich der Preis, den jeder Lebensentwurf verlangt: »… während ich vor etwas davonlief, war die Bewegung bei ihr umgekehrt: Anna wollte irgendwo hin. Sie suchte; sie war sich sicher, dass es irgendwo im Koordinatensystem der Welt, nur für sie, einen Punkt der Vollkommenheit gab.«
Andrea Pollmeier sprach mit Silke Scheuermann über ihren neuen Roman.

Faust-Gespräch

»Das Leben ist dramatischer als die Kunst«

Der Titel Ihres neuen Romans „Shanghai Performance“ ist so zeitgemäß griffig, dass man dahinter einen modisch geschriebenen Szene-Text vermuten könnte. Folgen Sie in Ihrem Roman einem angesagten Trend?

Man kann über Mode und den Kunstbetrieb schreiben, ohne dass der Text selbst modisch wird. Die Oberfläche in Shanghai ist reizvoll, fordert zum Beschreiben heraus. Mein erster Roman, „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“, spielt in Frankfurt, auch hier habe ich einen lyrischen Ton gesucht, der die Atmosphäre der Stadt einfängt. Das Buch ist 2007 erschienen. Zwei Jahre vorher, 2005, war ich im Rahmen des Übersetzungsförderprojekts „litrix“ zusammen mit Wilhelm Genazino zum ersten Mal in Shanghai. Ich dachte damals: Wahnsinn, mit der Stadt kann man doch gar nicht umgehen.“

Auf welche Erlebnisse nehmen Sie in Ihrem Roman „Shanghai Performance“ Bezug?

Man lernt in Shanghai Auslandsdeutsche kennen, die langfristig in China leben. Es ist eine existenziell befremdliche Situation, sein Land aufzugeben und so weit von seiner Kultur entfernt zu leben. Diese Wahrnehmung hatte sich mir eingeprägt. Bevor ich 2008 dann noch einmal für zwei Monate nach Shanghai fuhr, habe ich viel über chinesische Kunst und den damit verbundenen Kunstboom gelesen. Damals fand gerade die „Shanghai Biennale“ statt, in vielen kleinen Galerien wurde Kunst gezeigt, hier habe ich für mein Buch recherchiert.

Sie verbinden ihre literarischen Arbeiten immer wieder mit künstlerischen Themen. In „Shanghai Performance“ tauchen sie tief in den Entstehungsprozess einer Performance ein. Der organisatorische Alltag steht dabei nicht im Vordergrund, es geht Ihnen vor allem um innere Prozesse und ästhetische Grundfragen. Warum zieht es sie immer wieder hin zur Welt der Kunst?

Kunst hat mich immer interessiert und ich finde es inspirierend, Ideen in ein anderes Medium zu übertragen. Der Anfang meines ersten Romans geht auf eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zurück. Ich habe die Fratzen von Francis Bacon gesehen und dachte, dieses Menschliche ist ein Thema, dass man in sehr viel mehr Szenen gliedern kann. In meinem Roman taucht dieser Moment wieder auf, die Erzählerin ist ebenfalls in dieser Ausstellung, baut um die Szene herum jedoch etwas Neues.

Bei „Shanghai Performance“ war es jedoch anders, es gab nicht die eine durch ein Kunstwerk ausgelöste Schlüsselidee. Ich hatte an verschiedenen Orten Ausstellungseröffnungen besucht und die Merkwürdigkeiten dieses immer wieder aufeinander treffenden Betriebs beobachtet. Man begrüßt sich in Rom oder Shanghai, als hätte man sich vor zwei Wochen gerade in Genf gesehen. Während meines Aufenthalts in der Villa Massimo rauschte beispielsweise einmal Jonathan Meese mit Gefolge an, ein Tourist in eigener Sache. Man findet sympathischere und unsympathischere Charaktere, die ihre Kunstfassade aufrecht erhalten müssen.

Trotzdem wählten Sie für die Beschreibung dieses besonderen Kunstmilieus nicht Rom sondern Shanghai als Kulisse, worauf kam es Ihnen in Ihrem Roman vor allem an?

Zur Vorbereitung auf Shanghai hatte ich mir viele Filme angesehen. Shanghai in den zwanziger Jahren muss faszinierend gewesen sein. Mir schwebte eine große Gatsby-Geschichte vor, allerdings mit einer Frau als Protagonistin. Diese Frau sollte nicht ganz integer, aber sympathisch sein. Margot, die berühmte Performance-Künstlerin in meinem Roman, wird immer so sehr negativ gesehen, ich habe das nicht so empfunden.

Die gegenwärtige Stimmung in Shanghai hat mich an die Gründerjahre erinnert. Man trifft Leute, die gerade ihre eigene Firma gegründet und wirklich Geld gemacht haben. All diese Eindrücke kamen zusammen. Ich wusste erst nicht, ob ich einen Reisebericht schreiben oder vom Expatriot- oder vom Kunstmilieu erzählen soll. Schließlich habe ich mich entschieden, nicht drei Bücher zu schreiben, sondern alles in einem Roman zusammen zu bringen.

Sie beschreiben diese unterschiedlichen Milieus, ohne in Klischees abzurutschen. Warum haben sie die Performance als eine der flüchtigsten Kunstformen ins Zentrum gestellt?

Die bildende Kunst hilft, sich ein Bild von der Gesellschaft zu machen. Ich habe eine Performance-Künstlerin gewählt, weil sie am stärksten mit der Gesellschaft interagiert, zugleich ist Margot auch solipsistisch, sie darf sich nicht zu sehr auf die Umgebung einlassen, weil sie sonst ihr Ich als Künstlerin verliert. Diese Gratwanderung fand ich interessant. Ich habe recherchiert, ob eine solche Performance in China funktionieren könnte und festgestellt, dass beispielsweise Nacktheit in China kein Tabu mehr ist.

Die Performance, die Sie im Roman beschreiben, zeigt junge, nackte Modells, die in einem eiförmigen Gewächshaus auf einem Erdhaufen ausgestellt werden. Die Inszenierung ist in ihrem Entstehungsprozess sehr genau nachgezeichnet, auch die inspirierenden Momente, woher kommen diese Bilder?

In „Shanghai Performance“ habe ich bei der Beschreibung von Kunst fiktive Elemente mit Gesehenem vermischt. Auch Künstlerbiografien sind nur teilweise real. Die im Buch beschriebene Performance hat es zuvor in ähnlicher Weise von der Künstlerin Vanessa Beecroft in Paris gegeben. Diese Künstlerin interessiert mich. Sie balanciert auf dem Grat zwischen sehr kommerziell und ihrer eigenen Manie folgend. Ich kenne sie nicht persönlich, sie hat auch noch nie in Asien gearbeitet. Sie war mein inneres Vorbild, zumindest was ihre kunsttheoretische und inhaltliche Ausrichtung betrifft.

Ich habe über ihre Arbeitsweise recherchiert, einiges ist an Wirklichkeit eingeflossen, anderes frei erfunden. Von Vanessa Beecroft ist beispielsweise bekannt, dass sie ein seltsames Verhältnis zu ihrem Körper hat. Sie war magersüchtig und thematisiert diesen Konflikt mit Hilfe fremder Frauenkörper. Sie stellt das Ausgestellt-Sein nach, das finde ich einen interessanten und auch glaubhaften Konflikt. Nur wenn sie mit ihren nackten Mädchen und Taschen zugleich ein Schaufenster für Nobelmarken macht, ist es fraglich, ob das noch Kunst ist. Wo liegt die Grenze, ab wann bedient sie nur noch die voyeuristischen Männerblicke, gegen die sie sich gerade wehrt?

Warum haben sie dieses Thema gerade in China platziert?

In China gibt es einen Trend, so aussehen zu wollen, wie wir: Langnasen mit möglichst runden Augen. Mädchen lassen sich für 100 Dollar ihre Augen operieren und benutzen Schminkcremes, um weißer auszusehen. Gegen dieses Schönheitsideal gibt es auch eine Gegenbewegung, die gerade die Kirschblüten-Gesichter mit mandelförmigen Augen idealisiert. Diesen Konflikt finde ich interessant, es gibt Pro- und Contra-Parteien, jeder muss sich damit auseinandersetzen.

Farbe gibt Ihrem Roman auch das Expatriot-Milieu, die abgesonderte Welt der meist westlichen Ausländer. Deren Lebensart ist an vielen Orten der Welt ähnlich. Sie beschreiben diese Begegnungen mit einem feinen, skeptischen Grundton.

Die Angehörigen dieser ausländischen Unternehmen oder Diplomaten lassen sich teilweise nicht auf ihre Umgebung ein. Sie haben Übersetzer und richten sich in ihren mittransportierten Häusern wie zuhause ein. Unter ihnen gibt es viele Alkoholiker. Ich wollte diese Welt nicht in einem kühlen, ironischen Stil beschreiben, wie es in manchen Kritiken heißt. Ich bin voll Anteilnahme, es passiert viel Dramatisches.

Reisen und Leben im Ausland sind Leitmotive, die auch das Leben der Erzählerin bestimmen. Sie denkt darüber nach, welcher Gewinn und Verlust in dieser Lebensart liegt. Ästhetische und weltanschauliche Fragen kommen so in den Blick. „Shanghai Performance“ erhält nahezu unbemerkt den Charakter einer kritischen Zeitstudie. Trotz der reflektierenden Momente ist der Rhythmus der Erzählung nicht gebremst. Jedes Kapitel endet mit einem Spannungsmoment, das dem Text Dynamik gibt. Wie streng folgt diese Dramaturgie einem kalkulierten Plan?

Ich arbeite rein intuitiv. Da ich jedoch mein Schreiben mit kurzen Formen begonnen habe, also zuerst Gedichte und Erzählungen schrieb, überlege ich jede Szene genau und passe sie in eine Erzählungslänge ein. Jedes Kapitel bezieht sich auf einen Schauplatz, den ich unbedingt beschreiben wollte, so habe ich die Szenen und Geschichten verteilt. Vieles entsteht erst im Schreiben, aber ich wusste von Anfang an, dass es auf die Performance und das tragische Balkonende zulaufen soll. Das Leben ist dramatischer als die Kunst.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die international gefragte Künstlerin Margot. Sie wird aus der Perspektive ihrer Assistentin, der Ich-Erzählerin Luisa beschrieben. Man hat den Eindruck, aus nächster Nähe Höhen und Tiefen eines Künstlerschicksals mitzuerleben. Kreative Größe fordert ihren Preis. Zum Beispiel denjenigen, einsam und ohne familiäre Bindung seinen Weg zu gehen.

Man weiß nicht, was zuerst da war. Gab es schon von Anfang an die Bezugslosigkeit, oder kam diese erst mit dem zunehmenden Ruhm? Margot ist gut fünfzig Jahre alt, das ist eine Frauengeneration, die zum Teil tolle Karrieren gemacht hat. Sie konnte aber nicht, wie wir, die Entscheidung treffen, zwei Jahre Babypause zu nehmen. Sie gehört zu der Generation, die, und das sagt Margot auch, einfach kein Kind bekommen durfte. Darum hat sie ihr Kind zur Adoption freigegeben, sie hat ihr Kunstleben vor das Kind gestellt, ich wollte das nie im Leben moralisch verurteilen.

Eine interessante andere Generation kommt in diesem Roman ebenfalls in den Blick. Luisa, die sich aus der Assistenz-Rolle befreien möchte, ihren Lebensstil hinterfragt und sich nach stabiler Partnerschaft sehnt.

Für die Jüngere stellt sich der Konflikt erst Mitte Dreißig. Man kann die Überlegung immer weiter heraus zögern, muss sich dann aber doch auch fragen, was passiert nun. Anna, Luisas Kollegin, denkt, auf irgendeiner Koordinate von Raum und Zeit könne sie ihrem Schicksal begegnen und ist deshalb permanent unterwegs. Das ist auch eine Möglichkeit, Leben zu sehen. Schließlich spielen Zufälle eine große Rolle, sie können bestimmen, wo man in welcher Stadt hängen bleibt und wie schnell man sich dort ein Leben aufbauen kann. Die Erzählerin wundert sich beispielsweise selbst, wie schnell sich in den sechs Wochen in Shanghai ein fast familiäres Leben entwickelt hat. Sie hat Freunde, einen Liebhaber, sogar einen Hund.

Sie beschreiben diese unterschiedlichen Lebensentwürfe, ohne sie zu werten.

Es sind alles Fragen, die ich selbst habe. Fragen sind ja manchmal interessanter, als die Antworten.

Eine zentrale Figur des Romans, die Tochter der Künstlerin Margot, ist durch einen Autounfall querschnittsgelähmt. Ihr Lebensweg gibt dem Roman eine entscheidende, tragische Wendung. Wieso haben Sie eine Protagonistin gewählt, die durch eine Behinderung besonders markiert ist?

Mich hat die Frage beschäftigt, wie gehen Leute, die nicht so reisen können, damit um oder, wie gehen wir damit um? Ich habe mit dem Behindertenverband gesprochen und erfahren, dass querschnittsgelähmte Personen statistisch gesehen genauso glücklich oder unglücklich sind, wie wir oder – nach dem ersten Schock – sogar, wie vor der Querschnittslähmung. Nicht umgehen können sie hingegen mit pausenlosem Mitleid. Sie suchen dementsprechend eher einen festen Freundeskreis und vermeiden die ständige Irritation durch Mitleid.

Ich fragte mich, wie ich das zusammen führen kann: eine intelligente, behinderte Frau, die mit ihrem Leben zurechtkommt und diese Mutter, die durch die Lage ihrer Tochter stärker irritiert wird, als sie es mit ihrer Kunst in Einklang bringen kann. Die Herausforderung ist zu nah und sie will sie wieder wegschieben. Das ist keine Verurteilung von Margot, sie kommt mit dieser Lebenssituation nicht zurecht, schlechter als ihre Tochter anscheinend. Dieses wirklich irritierende Moment hat mich fasziniert. Hierfür habe ich in der Kunst keine Parallelaktion finden können.

Dezente Andeutungen weisen schon zu Beginn der Erzählung auf eine tragische Wende im Leben Margots hin. Die Erzählerin nimmt sogar das Ereignis vorweg, springt in ihrem Bericht vor und zurück. Es gibt also in Ihrem Roman eine sehr eigenwillige Form, mit Spannung umzugehen. Die Erzählung läuft nicht linear auf einen spannenden Augenblick zu, oberflächliche Spannungsdramaturgie liegt Ihnen fern.

Ich wollte eine spannende und dramatische Geschichte schreiben, die Erzählerin sollte etwas erlebt haben, das ein Ende genommen hat, mit dem sie nicht zurechtkommt, das war ungefähr die „plot“-Idee.

In meinem ersten Buch war das anders, damals habe ich eine Reihe lyrischer Szenen, die im Präsens spielen, auf ein Ende zu geschrieben. Der französische Autor Jean-Philippe Toussaint und der „nouveau roman“ hatten mich sehr beeindruckt. Shanghai Performance habe ich eher wie einen amerikanischen Roman von der Spannung her entwickelt.

In welche Richtung könnte dann ein nächster Text gehen?

Mit jedem Buch will sich das Gegenteil anschließend Bahn brechen. Nach “Shanghai Performance” könnte ich ein Buch schreiben, in dem jemand ganz solipsistisch zuhause bleibt.

Silke Scheuermanns Roman „Shanghai Performance” erschien 2011 bei Schöffling & Co.

erstellt am 02.3.2011

Screenshots von Silke Scheuermann aus einem VideoClip von Harald Ortlieb:

Silke Scheuermann
Shanghai Performance
Roman
312 Seiten. Gebunden.
Schöffling & Co., Frankfurt 2011
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