Die wichtigsten Werke des legendären sowjetischen Autorenpaars Ilja Ilf und Jewgeni Petrow sind nun auch der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich. Ilf und Petrow schufen eine Art sozialistischen Surrealismus. Stefana Sabin stellt die aufwendig gestalteten Bände vor.

Sowjetische Literatur

Die Banalität des Absurden

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Foto: E. Langman (1932). Quelle: Wikimedia Commons
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Foto: E. Langman (1932)

Sie stammten aus Odessa, gingen 1923 nach Moskau und fingen an, Geschichten und Reportagen zu veröffentlichen: Ilf, alias Ilja Arnoldovich Fainsilberg (1897-1937), und Petrow, alias Jewgeni Petrowitsch Katajew (1903-1942), schlossen sich zum Autorenpaar zusammen und bereicherten die sowjetische Literatur um eine besondere Dimension: eine Art sozialistischen Surrealismus. Ihr Roman „Zwölf Stühle“, 1928 erschienen, und sein Folgeroman von 1931, „Das goldene Kalb“, die von einer hochstaplerischen Schatzsuche inmitten der sowjetischen Wirklichkeit erzählen, wurden zu regelrechten Beststellern – die Zensur nahm den subversiven Humor, mit dem die realexistierende Absurdität dargestellt wurde, nicht wahr und liess für die Veröffentlichung nur einige Passagen streichen. Die „Zwölf Stühle“ wurden – zuerst in der Sowjetunion, dann im ganzen Ostblock und dank mehrerer Verfilmungen schliesslich weltweit – Kult!

Die Banalität des Absurden war auch das untergründige Thema der Novellen und Geschichten, die Ilf und Petrow unter dem Pseudonym Fedor Tolstojevsky in dem Band „1001 Tag oder die neue Scheherezade“ 1929 veröffentlichten. Ergänzt um weitere satirische Erzählungen aus derselben Periode sind diese Geschichten nun als Band 371 der Anderen Bibliothek erschienen.

Skurrile Geschichten

Nachdem die Andere Bibliothek schon die Amerika-Reisereportage von 1935 („Das eingeschossige Amerika“, Band 320) und die vollständige Fassung des Romans „Das Goldene Kalb“ (Band 340) veröffentlicht hat, präsentiert sie jetzt die skurrilen Geschichten von Ilf und Petrow zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Helmut Ettinger hat für die nur scheinbar einfache Sprache des Originals eine flüssige Entsprechung gefunden und vor Sprachspielen und Wortwitz – ein Alptraum für Übersetzer! – meistens geschickt resigniert, aber die ironischen Anspielungen in Namen und Bezeichnungen erhalten.

So zum Beispiel heisst die Sekretärin im „Kontor zur Beschaffung von Krallen und Schwänzen“ Scheherezade Fjodorowna! Mit immer neuen Erzählungen versucht sie, ihrer Entlassung entgegenzuwirken. Fünfzehn Arbeitstage lang erzählt Scheherezade von betrügerischen Beamten wie dem Genossen Liwreinow, der „für die Versorgung mit Senf und Lauge zuständig war“, aber den Senf und die Lauge auf eigene Rechnung verkaufte; von selbstherrlichen Bürokraten wie dem Genossen Aladinow, der dank seines wundersamen Parteibuchs seine Kompetenzen überschritt; oder von faulen Beamten wie Abukirow und Generalow, die Beschäftigung vortäuschten, um ihre Planstelle zu erhalten.

Diese korrupten und inkompetenten Beamten sind Gegenentwürfe zu den heiligen Narren aus Kolokolamsk, die auf ihre eigenen Fantasien und Ängste hereinfallen: Sie bauen eine Arche auf dem Marktplatz, weil der Totengräber die Sintflut prophezeit; verbannen den Schuhputzer, weil er von Parteigenossen geträumt hat; oder schlachten das Huhn, von dem sie glauben, dass es goldene Eier legte.

In der satirischen Welt, die Ilf und Petrow errichteten, gibt es kaum etwas Gefährlicheres als den banalen Alltag, kaum etwas Absurderes als die reine Parteivernunft, kaum etwas Verrückteres als den gesunden Menschenverstand. Diese Geschichten waren eine radikale Kritik an der sowjetischen Gesellschaft – und entlarven auf bedrückende Weise die postkapitalistische Gesellschaft der Gegenwart. Eine ungeahnte Aktualität haftet ihnen an.

Kommentare


B. Torres - ( 22-02-2016 02:01:26 )
Extrem oberflächlich, "surbanal". Und am schlimmsten: historisch falsch. Denn Ilf und Petrow hatten einen Sonderstatus in Stalins Kulturherrschafts- und Hersschaftskulturbetrieb. Die Zensur war sich wohl dessen genauestens bewußt, was die zwei Schsalken im Sinn führten, wurden aber direkt aus dem Kreml jedesmal zurückgepfiffen (entsprechende Dokumente mit berühmten handschriftlichen Anordnungen sind in sowjetischen Archiven seit spätestens 1992 einsehbar). Auch die Tatsache, dass der tatsächliche Zensurchef von damals mit einem der beiden Autoren verwandt war und mit beiden gute Beziehungen pflegte, verweist die Behauptung, die Zensur hätten den Braten nicht gerochen, in den Bereich der post-kommunistischen Mythen einer revisionistischen ethno-ideologischen Verklärungsbewecung.

Sincerely Yours,
Miguel Baron Torres de Espinosa

????? ?????????? - ( 22-02-2016 03:31:34 )
Ich fühle mich durch die fluide Anmerkung von Frau Dr. Sabbin "Helmut Ettinger hat für die nur scheinbar einfache Sprache des Originals eine flüssige Entsprechung gefunden und vor Sprachspielen und Wortwitz – ein Alptraum für Übersetzer! – meistens geschickt resigniert, aber die ironischen Anspielungen in Namen und Bezeichnungen erhalten." als Leser betrogen. Denn die Rezensentin hat nicht einmal die winzigste Kenntnis der russischen Sprache, geschweige denn die leiseste Berührung mit den jiddisch-russisch-sowjetisch sprachschwangeren Konstrukten und Anspielungen des sowjettreuen dualen Wesens Ilf-Petrov. Möge auch so sehr die Banalität des Absurden (Johanna Arendt dankt untertänigst für die flüssige Anspielung ...) Ilf & Petrov in ihre Bann gezogen haben,
bei der Rezensentin ist nur die Absurdität des Banalen angekommen, um Gravitationswellen zu schlagen.

????? ?????????? - ( 22-02-2016 03:32:13 )
Ich fühle mich durch die fluide Anmerkung von Frau Dr. Sabbin "Helmut Ettinger hat für die nur scheinbar einfache Sprache des Originals eine flüssige Entsprechung gefunden und vor Sprachspielen und Wortwitz – ein Alptraum für Übersetzer! – meistens geschickt resigniert, aber die ironischen Anspielungen in Namen und Bezeichnungen erhalten." als Leser betrogen. Denn die Rezensentin hat nicht einmal die winzigste Kenntnis der russischen Sprache, geschweige denn die leiseste Berührung mit den jiddisch-russisch-sowjetisch sprachschwangeren Konstrukten und Anspielungen des sowjettreuen dualen Wesens Ilf-Petrov. Möge auch so sehr die Banalität des Absurden (Johanna Arendt dankt untertänigst für die flüssige Anspielung ...) Ilf & Petrov in ihre Bann gezogen haben,
bei der Rezensentin ist nur die Absurdität des Banalen angekommen, um Gravitationswellen zu schlagen.

????? ?????????? - ( 22-02-2016 03:33:52 )
Ich fühle mich durch die fluide Anmerkung von Frau Dr. Sabbin "Helmut Ettinger hat für die nur scheinbar einfache Sprache des Originals eine flüssige Entsprechung gefunden und vor Sprachspielen und Wortwitz – ein Alptraum für Übersetzer! – meistens geschickt resigniert, aber die ironischen Anspielungen in Namen und Bezeichnungen erhalten." als Leser betrogen. Denn die Rezensentin hat nicht einmal die winzigste Kenntnis der russischen Sprache, geschweige denn die leiseste Berührung mit den jiddisch-russisch-sowjetisch sprachschwangeren Konstrukten und Anspielungen des sowjettreuen dualen Wesens Ilf-Petrov. Möge auch so sehr die Banalität des Absurden (Johanna Arendt dankt untertänigst für die flüssige Anspielung ...) Ilf & Petrov in ihre Bann gezogen haben,
bei der Rezensentin ist nur die Absurdität des Banalen angekommen, um Gravitationswellen zu schlagen.

B. Torres - ( 22-02-2016 04:11:27 )
Post Scriptum.

1. Ilf und Petrow waren überzeugte Kommunisten.
2. Stalin selbst hat Ilf und Petrow 1935 als PRAWDA-Sonderkorrespondenten nach USA geschickt, damit die beiden einen für die breiten sowjetischen Massen bestimmten Reisebericht in Buchform veröffentlichen, der USA und den amerikanischen Kapitalismus kritisch darzustellen hatten. Diese Aufgabe haben die beiden ideologischen Getreuen zu Stalins "vollster" Zufriedenheit erledigt. Stalin war von allen ihren Werken so angetan, dass er eine offiziöse Gesamtausgabe der Werke von Ilf und Petrow (in vier Bänden) anordnete. Sie wurde 1938-1939 veröffentlicht, exakt in der Zeit, in der zehntausende kommunistische Intellektuelle, Staatsbeamte und Offiziere nach Schauprozessen hingerichtet wurden (und hunderttausende in den Gulag verschwanden).
Mehr als Schalke am Hofe Stalins waren Ilf und Petrow willkommene Begleiter der exterminatorischen Säuberungen 1938-1939. Ihre Darstellung lächerlicher Sowjetauswüchse dienten eher der Zentralen Staatsanwaltschaft und Anklage als Untermauerung der meist absurden, surrealistischen Inszenierungen gegen die bis dahin besten Gefährten des Barbarokommunisten aus Georgien ...
VON WEGEN Ilf und Petrow als Quelle von "radikale(r) Kritik an der sowjetischen Gesellschaft – und entlarven auf bedrückende Weise die postkapitalistische Gesellschaft der Gegenwart."
Und von wegen "Eine ungeahnte Aktualität haftet ihnen an."

Was ihnen anhaftet ist eine dicke Schicht von opportunistischem Karrierismus einer damals gerade seit Kurzem in die zivische Emanzipation entlassenen Gesellschaftsgruppe, die politisch zu der arrivierten Staatsschicht gezählt werden wollte, koste was es kostet.

Sincerely Yours,
Miguel Baron Torres de Espinosa

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erstellt am 09.2.2016

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow
Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten
Aus dem Russischen von Helmut Ettinger
Gebunden, 344 Seiten
ISBN: 9783847703716
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