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Seit dem in den siebziger Jahren einsetzenden Strukturwandel ist das Deutsche Ledermuseum eines der wenigen verbliebenen Wahrzeichen der früheren Industriestadt Offenbach. Dem Museum steht ein Jahr vor dem hundertsten Jubiläum ein Wandel bevor. Eugen El hat die seit November 2014 amtierende Direktorin Inez Florschütz nach ihren Plänen befragt.

Ledermuseum in Offenbach

Vor dem großen Schritt

Deutsches Ledermuseum Offenbach. Foto: Jessica Schäfer
Deutsches Ledermuseum Offenbach. Foto: Jessica Schäfer

„Offenbacher Lederwaren“: ein geschwungener Leuchtschriftzug im Deutschen Ledermuseum kündet von der ruhmreichen Vergangenheit Offenbachs als Lederstadt. Früher sei es ein weltweites Markenzeichen gewesen, erzählt Dr. Inez Florschütz, seit November 2014 Direktorin des Museums. Überall in der Offenbacher Innenstadt, vor allem in den zahlreichen Hinterhöfen, waren Lederbetriebe angesiedelt. Seit dem in den siebziger Jahren einsetzenden Strukturwandel ist das Ledermuseum eines der wenigen verbliebenen Wahrzeichen der früheren Industriestadt.

Gegründet wurde es 1917 vom Architekten Hugo Eberhardt, dem damaligen Rektor der Technischen Lehranstalten, einer Vorgängerinstitution der Hochschule für Gestaltung (HfG). Eberhardt begann, Objekte rund ums Thema Leder aus der ganzen Welt zu sammeln. Die Handwerkslehrlinge der Technischen Lehranstalten sollten so an Vorbildern geschult werden können. Mittlerweile umfasst die Sammlung rund 30.000 Objekte, von denen die Hälfte derzeit im Museum zu sehen ist. Allein die Schuhsammlung spannt einen weiten Bogen von der Arktis, Nord- und Südamerika bis in den Nahen Osten, von Asien bis nach Australien. Europäische Schuhe aus der Frühzeit bis zum 2. Jahrhundert nach Christus sind ebenfalls Teil der Dauerausstellung. In den abgedunkelten Räumen des Museums werden orientalische, chinesische und südostasiatische Schattentheaterfiguren ebenso präsentiert wie Zeugnisse der Offenbacher Industriegeschichte. Auch kuriose Stücke wie ein Spielzeugelefant für Louis XIV. oder die Turnschuhe, die Joschka Fischer 1985 bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister trug, finden sich im Ledermuseum. „Die Sammlung ist weltweit einzigartig“, betont Inez Florschütz, die schon am Architekturmuseum/Pinakothek der Moderne in München und am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg tätig war. Dort hatte Florschütz Aufgaben in der Forschung, bei der Planung von Ausstellungen, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat in Erlangen Geschichte, Germanistik und Soziologie studiert.

Dem Ledermuseum steht ein Wandel bevor. Heute ist es noch in ein Schuhmuseum, ein Museum für Angewandte Kunst und ein ethnologisches Museum unterteilt. Diese Grenzen sollen nach der Vorstellung der neuen Direktorin zukünftig fallen. Im Jahr 2017 steht zudem das hundertste Jubiläum des Ledermuseums an, das Florschütz zu einem „großen Schritt“ in die Zukunft nutzen möchte. Zum einen hat sie bis dahin vor, den „Markenkern“ des Ledermuseums stärker herauszuarbeiten. Sie plant, die heute getrennten Bereiche in thematischen Reihen zusammenzuführen. Zum Beispiel könne man anhand von Objekten die Rolle des Leders im Leben eines Menschen von der Geburt bis zum Tod erzählen, skizziert Florschütz. Zum anderen werde die Sammlungsgeschichte ebenso thematisiert wie das Wirken Hugo Eberhardts, der das Ledermuseum bis zu seinem Tod 1959 ehrenamtlich leitete. Auch der kaum genutzte Vorplatz des in der Stadtmitte Offenbachs gelegenen Museums und das Museumscafé müssten neu bespielt werden. Denkbar wäre es für Florschütz, auf die direkte Nachbarschaft zum Atelierhaus „Zollamt Studios“ einzugehen.

Dass heute in und rund um Offenbach wieder vielversprechende Projekte rund um Leder entwickelt werden, ist Inez Florschütz bewusst. Die „Offenbach“-Tasche des 1996 gegründeten, am Tor zum Odenwald ansässigen Labels airbag craftworks findet sich in der Sammlung. Die aus Baumwolle und Leder gefertigte Tasche kam 2005 auf der Markt. Man kann sie als eine Hommage an Offenbachs Musik- und Kreativszene sehen. Weitere regionale Designer wie TSATSAS waren 2015 in der „Taschen!“-Ausstellung vertreten. Produziert werden die TSATSAS-Taschen und Accessoires in der vom Vater des Firmenmitbegründers Dimitrios Tsatsas betriebenen Offenbacher Feintäschner-Werkstatt. Entworfen werden sie in Frankfurt.

Studioausstellungen junger Designer aus dem Rhein-Main-Gebiet kann sich Inez Florschütz gut in ihrem Museum vorstellen. Inzwischen ist sie nach Offenbach gezogen. Durch familiäre Verbindungen sei ihr die Lederstadt nicht fremd gewesen, erzählt Florschütz. So blieb der ganz große „Kulturschock“ aus. Sie sei immer noch dabei, die Stadt kennenzulernen, die sich nicht zuletzt durch die Hafenbebauung merklich „nach Frankfurt hin öffnet“. Man müsse versuchen, neue Besucherschichten ins Ledermuseum zu bringen, sagt die Direktorin. Das Museum möchte sie zu einem „Kompetenzzentrum für Kultur- und Sozialgeschichte rund um das Thema Leder“ ausbauen.

Ein im Ledermuseum gezeigter Zeitungsausschnitt aus den frühen neunziger Jahren berichtet von einer Umfrage, nach der ein großer Anteil der Bundesbürger Offenbach damals mit Lederwaren in Verbindung brachte. Solche Geschichten, auf die man in diesem Haus zuhauf stößt, führen vor Augen, wie prägend die Lederindustrie für das Gesicht und den Ruf Offenbachs bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Heute, einige Jahrzehnte nach dem Niedergang der Industrie, künden zahlreiche junge Designer von einem vorsichtigen Neuanfang des Leders in der Region. Neue Akzente möchte auch Inez Florschütz mit ihrem Museum setzen. Vielleicht wird es einmal zum Wahrzeichen einer neuen, postindustriellen Leder-Blüte im Rhein-Main-Gebiet.

Eine kürzere Fassung dieses Beitrags ist bei OF LOVES U erschienen.

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erstellt am 06.2.2016

Inez Florschütz Foto: Jessica Schäfer

Weitere Informationen

Deutsches Ledermuseum Offenbach

Deutsches Ledermuseum Offenbach. Foto: Jessica Schäfer

Deutsches Ledermuseum Offenbach. Foto: Jessica Schäfer