In ihrem Roman „Tarlan“ entwickelt Fariba Vafi eine kollektive Biographie der Frauen ihrer Generation. Es ist kurz nach der Revolution, die junge Tarlan erträumt sich eine bessere, gerechtere Zukunft. Und sie möchte Schriftstellerin werden. Doch einer der Leitsätze in ihrem Notizbuch lautet: „Lebe erst, schreibe dann.“ Sie entscheidet sich, bei der Polizei zu arbeiten. Was zunächst als imponierende Flucht nach vorne erscheint, entpuppt sich nach und nach als Flucht nach innen. Das Schreiben ist schließlich auch Tarlans Weg, um aus dem inneren Exil herauszufinden.

Romanauszug

Tarlān

Von Fariba Vafi

Als sie das Bewerbungsformular ausfüllten, fragten sie sich nicht, welche Art von Polizist sie werden wollten. Sie stellten sich auch keine anderen Fragen. Man würde sie ohnehin nicht einstellen. Bei der Jobsuche war das Glück ihnen schon lange nicht mehr hold. Sie füllten einfach das Formular aus und unterhielten sich über die Unmenge an Formblättern, die weltweit gedruckt wurden und die immer aufs Neue allerlei Angaben von ihnen forderten, ohne dafür je etwas zurückzugeben.

Ihre Körpergröße wurde diesmal nicht in der Küche verlangt, um Haushaltsgegenstände aus hohen Regalen zu angeln, sondern führte sie in ein neues Leben. Tarlan maß einen Meter dreiundsiebzig und war die Drittgrößte; Rana, einen Zentimeter kleiner, stand an vierter Stelle. Beide lächelten sie den zwei hoch aufgeschossenen Gestalten vor sich zu, die sie noch überragten.

Die kleineren Bewerberinnen, bereits an der ersten Hürde gescheitert, verabschiedeten sich enttäuscht, um vielleicht irgendwo anders ein weiteres Formular auszufüllen, während die Großen vor einem Raum Schlange standen und auf eine ärztliche Untersuchung warteten.

Obwohl ihnen auch später der Zusammenhang zwischen dem Beruf des Polizisten und der Jungfräulichkeit nicht einleuchtete, ließen sie die folgenden Untersuchungen ebenfalls über sich ergehen, weniger aus Freude über ihren Erfolg als vielmehr voller Sorge darüber, in den Sog einer Institution zu geraten, über die sie nichts wussten.

An dem Tag, als Tarlan ihren Freunden und Verwandten eröffnet hatte, dass sie Polizist werden würde, hatten alle unverhohlen gelacht, insgeheim aber gedacht, Polizist werden sei wohl besser als vieles andere nicht zu werden. Eigentlich hatte Tarlan Lehrerin werden wollen. Ohne Erfolg. Der Beruf der Schauspielerin hatte sie gereizt. Vergebens. Am liebsten wäre sie Schriftstellerin geworden. Auch dieser Wunsch hatte sich nicht erfüllt. Polizist werden war also besser als all das Nichtwerden. Vor allem aber zählte jetzt, in Zeiten der Arbeitslosigkeit, dass sie einem anerkannten Beruf nachgehen und ein festes Einkommen haben würde. Das letzte Wort in dieser Sache jedoch musste Iradsch sprechen, und das tat er.

„Tarlan kann das selbst entscheiden.“

Ein Mensch trifft tagtäglich im Leben auf Hunderte von Sätzen, doch nur einer ist von Bedeutung. Das wurde Tarlan in jenem Moment bewusst. Des Bruders Botschaft war wie seine Geschenke: Sie kam ohne Berechnung, völlig unerwartet und gab Anlass zur Freude. Sie schien auch nicht den üblichen irdischen Weg genommen zu haben, sondern geradewegs aus dem Himmel gekommen zu sein. Iradschs indirekte Zustimmung brachte den Rest der Familie dazu, die neue Situation rasch zu akzeptieren. Die Mutter zog den Diwan des großen Hafez zu Rate und traf auf Zuspruch. Tarlans kleine Kommode ging in Turadschs Besitz über. Tarlans Onkel, der Bruder der Mutter, der sich besonders gut auf die Vereinfachung der Welt verstand, nickte zustimmend und machte aus der neuesten Nachricht mit Inschallah und Bravo die selbstverständlichste Sache der Welt.

Statt ständig ‚Polizist, Polizist’ zu sagen, könnte Tarlan es so machen wie ihre Freundinnen und sich als Polizistin bezeichnen. Polizistin klang besser und stand zudem in weniger starkem Kontrast zu ihrem Geschlecht. Tarlan wiederholte beide Wörter, doch ,Polizist’ verlor gegenüber ,Polizistin’ weder an Reiz noch an Wert. Der Begriff wurde ihr nicht vertraut oder alltäglich, sondern blieb lange ungewöhnlich und neu.

In ihr einen Polizisten zu sehen und sie auch so zu nennen, fiel Freunden und Verwandten nicht schwer. In deren Augen passte der Beruf bestens zu ihr. „Tarlan steht ihren Mann“, sagten sie.

Sie trug ja ausnahmslos Hosen, hatte einen kräftigen Händedruck. Sie schleppte nie Fotos von Sängern oder Schauspielern mit sich herum. Wenn sie in den Spiegel schaute − falls sie’s überhaupt tat −, dann nicht, um ihr Gesicht zu betrachten, sondern weil sie verborgene Hinweise auf ein anderes Schicksal zu finden hoffte. In ihrer Fantasie war sie mal die Gefährtin des revolutionären Sattar Khan und zog als Mann verkleidet in den Kampf, mal streifte sie an Maxim Gorkis Seite durch Dreck und Elend im Untergrund. In ihren kühnsten Träumen aber folgte sie Tschechow. Sie las ihm ihre ungeschriebenen Meisterwerke vor und hing an seinen Lippen, wenn er zu ihr sprach. Dabei erhob er sich meist von seinem Stuhl, ging auf und ab, blieb dann und wann vor ihr stehen und musterte sie über seinen Zwicker hinweg.

Solange sie denken konnte, war Tarlan die Tatsache, dass sie eine Frau war, gleichgültig und zugleich Ansporn gewesen. Folglich erstaunte es nun auch niemanden, dass sie einen Männerberuf ergreifen wollte.

Die neue Situation unterschied sie von all den Menschen, die ihr auf die Nerven gingen. Ständig sagte sie sich: Ab jetzt bin ich Polizist.

In ihrem Notizbuch fanden sich unter den Aphorismen und Lebensweisheiten von Schriftstellern auch Leitsätze wie dieser: „Lebe erst, schreibe dann.“

Tarlans Leben war bisher weitgehend ereignislos verlaufen. Wenn sie Herausforderungen wollte, so musste sie sie suchen. Ihr Alltag kam ihr vor wie ein Tümpel, ein stehendes Gewässer, dessen glatte Oberfläche durch nichts in Bewegung geriet.

Sie war in eine mittelständische Familie hineingeboren worden, hatte einen normalen Vater, eine noch normalere Mutter. Ihre Geburt hatte der Familie weder besondere Freude beschert noch Anlass zu Besorgnis geboten. Sie war zwar ein Mädchen, immerhin aber gesund und munter. Sie wurde größer und ging zur Schule wie andere Kinder auch. In der Schule war sie still und fleißig, zu Hause Mädchen für alles. Für ihren Vater und ihre Brüder diente sie als Blitzableiter, von ihnen bezog sie regelmäßig Prügel.

Eines Tages kam ein Ereignis von nationaler Tragweite ihr zu Hilfe. Es veränderte sie. Sie war beseelt von der Idee der Gerechtigkeit. Vom Vater unbemerkt, der am Tag, als der Schah abdankte, weinend im Hof hockte, ging sie demonstrieren und wurde bald zur jungen Revolutionärin der Familie.

Einmal trat sie sogar in den Hungerstreik. Sie war voller Eifer und fühlte sich stark.

Gerechtigkeit. Das Wort setzte plötzlich all ihre großen und kleinen Sorgen frei wie einen lästigen Schwarm Fliegen. Tarlan ging in den Keller, schob im engen Kabuff im hintersten Winkel Schaufeln, Äxte, Gartenschläuche beiseite, fand eine alte Decke, breitete sie am Boden aus, ließ sich dort nieder und wartete. Niemandem fiel auf, dass sie weg war. Gegen Abend kam ihre Mutter in den Keller.

„Was suchst du denn hier?“

Tarlan erklärte, dass sie nichts suche, aber auch nichts zu Abend essen werde.

„Dann mach das Licht aus“, sagte die Mutter.

Tarlan glaubte, ihre Mutter habe sich verhört, und wiederholte, dass sie sich zu essen weigere.

Die Mutter kehrte ihr den Rücken, sagte: „Mach das Licht aus. Wenn dein Vater sieht, dass hier Licht brennt, gibt’s nur wieder Geschrei“, und ging nach oben.

Iradsch war weltgewandter und deutete Tarlans Verhalten richtig: „Na, wie geht’s, Bobby Sands?“

Tarlan aber wollte weder Bobby Sands sein noch verhungern. Sie wollte nur die Erlaubnis durchsetzen, Schreibmaschine schreiben lernen zu dürfen, mehr nicht. Iradsch nahm sie ernst, ließ sich ihr Anliegen erläutern, wie ein viel beschäftigter Chef, der in der Tür seines Büros steht und einer Angestellten zuhört. In der Hand hielt er, statt einer Aktentasche, eine verrostete Säge, deren Zähne er mit den Fingerspitzen prüfte. Tarlan beteuerte, sie werde ihren Hungerstreik so lange fortsetzen, bis der Vater einwillige.

Iradsch lachte so laut auf, dass der ganze Keller widerhallte, erfüllt war vom Gelächter, das plötzlich aus ihm hervorbrach.

Überraschend, unverhofft entspannte er seine Gesichtszüge und wischte alle grimmigen Falten weg als seien sie nie gewesen.

„Vergiss deine theoretischen Rezepte, Tarlan! Wenn du nichts isst, freut sich dein Gegner.“

Lachend hielt er die Säge nun senkrecht in die Höhe.

„Dein Pech, dass dein Feind ein Geizkragen ist, wie er im Buche steht. Versetz dich in seine Lage, lies seine Gedanken: ,Umso besser. Wenn sie nichts isst, haben wir ein Maul weniger zu stopfen‘ “, gab Iradsch ihr zu bedenken und lachte wieder.

An jenem Abend kroch Tarlan aus ihrem Versteck und legte sich auf die Pritsche im Keller, denn in ihrem engen, dunklen Kabuff voller Kakerlaken und Skorpione war an Schlaf nicht zu denken. Durch die Löcher in der schmutzigen Fensterscheibe, die jeder Beschreibung spottete, konnte Tarlan hören, wie die anderen sich unterhielten. Sie hörte auch, was ihr Vater sagte.

„Was hat sie denn jetzt wieder? Hoffentlich lässt sie das Licht nicht brennen!“

Spät abends kam die Mutter mit Tanaz im Schlepptau in den Keller und bat Tarlan, doch endlich nach oben zu kommen und in ihrem eigenen Bett zu schlafen, wie jeder andere Mensch auch.

Tanaz warf der Schwester einen müden Blick zu.

„Wieder mal eine neue Vorstellung.“

Da die neue Vorstellung ihr missfiel, ging sie zurück nach oben.
„Bei diesem Clown muss man mit allem rechnen.“

Früh am nächsten Morgen wachte Tarlan mit schalem Geschmack im Mund auf, schlug die Decke zurück, mit der die Mutter sie in der vergangenen Nacht zugedeckt hatte und kroch zurück in ihr Versteck. Zu schade, dass sie nicht wenigstens ein Buch mitgenommen hatte. Ihr Eifer, die Begeisterung vom Vortag war verflogen. Dass ihr vor Hunger übel war, war zweitrangig. Wichtiger war, was sich nicht ereignet hatte. Es hatte sich nichts geändert. Außer ihrem Verdauungsapparat war nichts aus dem Lot geraten.

Tarlan verfiel in Selbstmitleid. Sie könnte hier unten verhungern, niemand würde ihr Brot bringen. ‚Wer wirklich Hunger hat, der isst sogar Steine’, pflegte ihr Vater zu sagen, und immer wenn Tarlan schmollte oder wütend war, riss der Rest der Familie sich um ihre Portion Essen.

Sie ging auf die Toilette im Keller, trank Wasser aus dem Hahn im Keller und machte sich dann auf die Suche nach einem Stückchen Brot, um ihren Kampf fortsetzen zu können. Doch in ihrer Familie war auch trockenes Brot zum Wegwerfen zu schade. Ihre Mutter tauschte es beim Gemüsehändler gegen Gemüse ein.

Nachmittags kam Turadsch nach unten, ließ sich auf der Pritsche nieder. Tarlan wurde hellhörig. Turadsch schenkte dem, was sie tat, normalerweise keine Aufmerksamkeit. Auch jetzt überbrachte er weder eine Nachricht von oben, noch forderte er sie auf, ihren Hungerstreik zu beenden. Da der Hungerstreik seit gestern Mädchensache geworden war, hatte es für ihn jeglichen Reiz verloren. Er saß auf der Pritsche, ließ, krack, krack, seine Schulterblätter und Nackenwirbel knacksen, stand auf und fing an, den Keller zu durchstöbern. Tarlan hatte keine Lust, ihn zu fragen, wonach er suchte. Turadsch rückte Kannen und Kanister beiseite, schob die Flaschen mit Verjus hin und her, zog die alte Mitgift-Truhe der Mutter von der Wand weg, schaute suchend dahinter, ging in die Knie, schob die Truhe mit dem Oberkörper zurück an ihren Platz und rieb sich anschließend die Hände. Dann zupfte er sich kräftig an einem Ohr, versetzte der Pritsche einen heftigen Tritt und ging mit leeren Händen zurück nach oben.

Am Abend desselben Tages verließ auch Tarlan den Keller. Zutiefst enttäuscht von der Welt, die so wenig Anteil nahm, schlug sie ihr Bett auf und ging schlafen. Bis zu jenem Tage hatte sie in der Erde eine schöne Kugel gesehen, die sich gemächlich drehte, die wandelbar war und je nach Stimmungslage lachen oder weinen konnte, wie die Menschen auch. Heute Abend aber war sie nichts als ein harter, fester Erdball, der gleichgültig und in unbarmherziger Stille seine Bahnen zog.

Auszug aus: Fariba Vafi, Tarlān
Mit freundlicher Genehmigung © Sujet Verlag, Bremen 2015

Siehe auch

Porträt: Fariba Vafi

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erstellt am 05.2.2016

Fariba Vafi
Tarlān
Übersetzung: Jutta Himmelreich
Gebunden, 229 Seiten
ISBN: 978-3-944201-55-9
Sujet Verlag, Bremen 2015

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