„Nirgendwo ist die Leibnizsche Infinitesimalrechnung anschaulicher geworden als in den unendlichen Lockendrehungen der Perücke des Philosophen.“, schrieb Albert Breier. Otto A. Böhmer aber sieht den Grenzwert der Erkenntnis eher in den unendlich gewundenen Innereien des frühen Aufklärers.

Der Philosoph Leibniz

Überall ist Nordhausen

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Freund des Mittagessens, das er sich für gewöhnlich aus dem Wirtshaus bringen ließ. Da er eigentlich ständig einen imposanten Appetit verspürte, hatte er es sich untersagt, besonders wählerisch zu sein: Der Philosoph pflegte zu essen, was man ihm auf den Tisch seiner Gelehrtenstube brachte. Manchmal allerdings waren die Mahlzeiten, die er einnehmen musste, nicht vom allerbesten; der Philosoph fühlte sich dann übervoll, aufgebläht und aufgepumpt, die sauren Magensäfte stiegen ihm im Schlund empor, und ein Rumoren setzte ihm zu, das sich auf eher unfeine Weise Luft zu machen suchte. Leibniz kannte alle diese Symptome zur Genüge; da er aber für sein Leben gern aß, gelang es ihm nicht, sich zur Mäßigung zu bewegen.

Während einer Reise kam der Philosoph eines Tages in einen Ort namens Nordhausen, in dem auch eine weithin gefürchtete Schnapsbrennerei zu Hause war. Da es auf den Mittag zuging und er den üblichen Heißhunger verspürte, stieg er in einem Gasthaus ab, welches ihm halbwegs vertrauenerweckend erscheinen wollte. „Zum Kneifling“ hieß dieses Etablissement, ein etwas seltsamer Name, wie Leibniz fand, aber er dachte sich nichts weiter dabei, zumal das Äußere der Beherbergungs- und Bewirtungsstätte ihm gediegen vorkam und die Essensdünste, die er schnupperte, alles andere als abschreckend waren. Schwerer Bratenduft stieg ihm in die Nase, und der Philosoph, der sich schon lange mit dem Gedanken trug, ein „Alphabet der menschlichen Gedanken“ zu entwickeln, dachte nur noch an das eine: Essen würde er, Schüsseln und Teller leerräumen, und wenn die wiederkehrende Begierde gestillt wäre, durfte er sich, wieder einmal, der klammheimlichen Hoffnung hingeben, dass sein Magen mitzuspielen gedachte und die Nachwirkungen der Mahlzeit nicht zu unangenehm werden ließ. Der Philosoph betrat die Gaststube, wo ihn ein finster dreinblickender Schankwirt erwartete, der ihm, ohne zu grüßen, ein gewaltiges Glas Schnaps zuschob. „Ich gedenke zu essen“, sagte der Philosoph. „Und gegebenenfalls eine Nacht unter Eurem Dach zu nächtigen.“ „Aber zunächst – solltet Ihr trinken“, sagte der Wirt. „Ihr seid in Nordhausen, Herr.“

Da dieser Satz wie eine Drohung klang, hielt es Leibniz für angebracht, das Glas in einem Zuge zu leeren. Es schüttelte ihn; eine herrische Wärme machte sich in ihm breit und stieg hinauf bis unters Schädeldach. „Ich möchte jetzt essen!“ murmelte er. „Folgt mir“, sagte der Wirt, nahm das Glas, die dazugehörige Schnapsflasche und brachte den Philosophen auf dessen Zimmer, ein düsteres Gemach, das aber zwei kleine Fenster hatte. „Euer Essen werde ich Euch bringen lassen“, sagte er und schenkte Leibniz ein zweites Glas Schnaps ein. „Aber zuvor solltet Ihr noch einmal – trinken.“ „Ich weiß“, sagte der Philosoph. „Dem Anschein nach bin ich ja wohl in Nordhausen.“ Er leerte sein Glas, und die Wärme in ihm wurde angenehmer. Sie war nun nicht mehr so fordernd, sondern kroch ihm durch alle Poren, als hätte sie die Anweisung erhalten, ihn ohne Ablass zu trösten. Leibniz schaute aus dem Fenster; was er sah, stimmte ihn tröstlich: Hinter dem Wirtshaus begann eine Landschaft, die ihm wie ein endlos wilder Nutzgarten vorkam. Sanfte Wiesen erstreckten sich zu einem Gewässer hin, das Blumen trug und im Licht glänzte; ein Summen war in der Luft, das sprang ihm direkt aus dem Kopf und ließ sich gar nicht beruhigen. Schwanger von Zukunft, beladen mit Vergangenheit, dachte der Philosoph und wußte kaum, was er meinte.

Es klopfte. Der Wirt brachte das Essen. „Eigentlich habe ich keinen ganz großen Hunger mehr“, sagte Leibniz. „Lasst mir doch für alle Fälle noch ein Glas mit Eurem eindringlich-kräftigenden Hauselixier da.“ „Warum nur ein Glas“, sagte der Wirt und schien nun zum ersten Mal so etwas wie ein aufmunterndes Grinsen zu zeigen. „Ich vertraue Euch die ganze Flasche an. Ihr seid doch, wie Ihr wisst, in Nordhausen.“ „Ja.“

Als der Wirt sich entfernt hatte, saß der Philosoph vor Schüsseln und Teller und versuchte, sich über seine Absichten klarzuwerden. Ich rieche den Braten, dachte er. Aber ob er mir jetzt noch mundet? Er schenkte Schnaps nach, trank. Winzige Punkte tanzten ihm vor den Augen herum, ab und zu schoss ihm ein kleines Flämmchen durch den Kopf, dem ein mildtätiges Kneifen im Oberbauch antwortete. Ein beständiges Ausblitzen ist das Leben, dachte der Philosoph, und ein sich aufwölbendes Kneifen, das wahre Kraft in sich hat. Der Kneifling! Das also ist er, der Kneifling, ein lebendiger, immerwährender Spiegel des Universums, ein Mikrokosmos, ja: eine kleine Gottheit. Und Leibniz lachte, bis ihm die Tränen die Wangen herunterliefen. Er schnitt sich ein mächtiges Stück Braten ab und nahm einen Schluck Schnaps. „Überall auf Erden ist Nordhausen!“ rief er und ließ sich aufs Bett fallen, wo ihn alsbald ein wohltätiger Schlummer überkam. Im wachen Traum hatte er sich schnell wieder gefunden, und Leibniz, der noch immer in Nordhausen war, ging hinaus in den Garten hinter dem Wirtshaus. Die Sonne schien, und ein milder Wind strich durch das Zweigwerk der Bäume. Der Philosoph fühlte sich blendend, auch wenn er sich wie zum Spaß an einen Schmerz, der nur vom Kopfe seinen Ausgang nehmen konnte, zu erinnern meinte. Die ganze Natur ist voller Leben, dachte er. Und alles erwächst aus ihrem eigenen Grunde. Jedes Stück Materie kann gleichsam als ein Garten voller Pflanzen oder als ein Teich voller Fische aufgefasst werden. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Tieres, jeder Tropfen seiner Säfte ist wieder ein solcher Garten und ein solcher Teich. Und obwohl die Erde und die Luft zwischen den Fischen des Teiches weder Pflanze noch Fisch sind, enthalten sie doch auch noch Pflanzen und Fische, nur meistens von einer uns unerfassbaren Feinheit. So gibt es nichts Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes im Universum – und in Nordhausen.

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erstellt am 04.2.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz