Am 5. Februar 1916 gründete Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings in Zürich in der Spiegelgasse 1 das „Cabaret Voltaire“. Die „Dada“-Bewegung war geboren. Karl Piberhofer blickt auf die aktuelle Rezeption der Bewegung und empfiehlt Bücher zum Thema.

100 Jahre DADA

Ein faszinierender Schatz

Von Karl Piberhofer

Es war zu erwarten wie das Amen in der Kirche: „Es war blanker Unsinn und die totale Negation: Vor 100 Jahren gründeten eine Handvoll Kreativer das Cabaret Voltaire, ein Labor für höheren Unfug in Zürich.“

Es war genau diese Schublade des „blanken Unsinns“, die DER SPIEGEL öffnen musste, um nach hundert Jahren mal wieder auf DADA zu sprechen zu kommen – und nicht nur DER SPIEGEL poliert diese simple Plakette DADA wieder auf Hochglanz.

ALLE REDEN VON DADA – und diesem IRRSINN, dem NONSENS, dem UNSINN. Und fast alle, selbst so renommierte Literaturkritiker wie Peter von Matt, in einem Interview in der WELT, verlieren sich in dem, was Hugo Ball im „Ersten Dadaistischen Manifest“ als das „Aalige und Journalige“ bezeichnet.

Wiewohl von Matt „das Problem“ benennt: „Die Brisanz, die Dada damals hatte, kann man heute nicht mehr spüren. Heute spielt jeder Grafiker Dada. Sehr vieles aus dem Inventar der Dadaisten ist Alltag.“

Aber jeder, auch der Literaturkritiker, der es doch besser wissen könnte, erfindet sich seinen DADA. Dazu brauchte man damals nicht allzu viel, meint von Matt:

„Wenn man jeden Abend zusammensitzt und diskutiert, kann so ein Wort tatsächlich quasi aus dem Nichts entstehen.“

Und wenn der Interviewer verblüfft nachfragt: „Aber wollte Dada nicht aufklärerisch sein und wachrütteln – quasi mit Unsinn gegen den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges?“

So Matt: „Ich glaube nicht, dass die Dadaisten eine solche Sendung hatten.“
Und nachhakend: „Spielt der Erste Weltkrieg als zeitgeschichtlicher Hintergrund also keine Rolle?“

Matt: „Doch. Das, was vor und während Dada an den Kriegsfronten geschah, war den Dadaisten durch Freunde und Familie wohlbekannt. Ein Elsässer wie Hans Arp musste sich fragen: Bin ich jetzt Franzose oder Deutscher?“

Oder? – Was meint Arp?!:

“Wahnsinn und Mord wetteiferten miteinander, als Dada 1916 in Zürich aus dem Urgrund emporstieg. Die Menschen, die nicht unmittelbar an der ungeheuerlichen Raserei des Weltkrieges beteiligt waren, taten so, als begriffen sie nicht, was um sie her vorging. Wie verirrte Lämmer blickten sie aus glasigen Augen in die Welt.
Dada wollte die Menschen aus ihrer jämmerlichen Ohnmacht aufschrecken. Dada verabscheute die Resignation. Wer von Dada nur seine possenhafte Phantastik beschreibt und nicht in sein Wesen, nicht in seine überzeitliche Realität eindringt, wird von Dada ein wertloses Bruchstück geben. Dada war kein Rüpelspiel.“

Und in seiner „Autobiografie in 6 Sätzen“ resümiert Arp:

„dada ist für den unsinn das bedeutet nicht blödsinn. dada ist unsinnig wie die natur und das leben.“

Das „Cabaret Voltaire“ ein „Quatsch-Kollektiv“ (DER SPIEGEL)?

Hugo Ball: „Die Bildungs- und Kunstideale als Variétéprogramm –: das ist unsere Art von »Candide« gegen die Zeit. Man tut so, als ob nichts geschehen wäre. Der Schindanger wächst und man hält am Prestige der europäischen Herrlichkeit fest. Man sucht das Unmögliche möglich zu machen und den Verrat am Menschen, den Raubbau an Leib und Seele der Völker, dies zivilisierte Gemetzel in einen Triumph der europäischen Intelligenz umzulügen. Darauf ist zu sagen: man kann nicht verlangen, daß wir die üble Pastete von Menschenfleisch, die man uns präsentiert, mit Behagen verschlucken.“

„Es gibt nur wenige Fotos und Dokumente von diesem Urknall des künstlerischen Zweifelns, und schon nach wenigen Monaten zerstreute sich das Quatsch-Kollektiv um die Künstler Hugo Ball, Emmy Hennings und Tristan Tzara wieder.“ (DER SPIEGEL)

Dass der für die Erfindung DADAs so unverzichtbare Richard Huelsenbeck es war, der infolge dieser `Zerstreuung´ DADA als politisiertes und politisierendes Projekt gegen den Weltkrieg nach Berlin trug, lässt sich aus dem SPIEGEL-Info nur erahnen…

„Heute spielt jeder DADA“ (DIE WELT). Warum?

DADA ist ein Schatz, der immer neu und nicht so leicht zu heben ist. Eines seiner Freude- und Sinn-Potentiale wurzelt in der Kindlichkeit, die für den DADA-Erfinder Hugo Ball Quelle und Versprechen ist:

„Alle Träume der Kindheit sind selbstlos und gelten der Wohlfahrt und Befreiung der Menschheit. Geboren werden die Menschen allesamt als Erlöser und Könige. Aber die wenigsten vermögen sich zu behaupten, oder, wenn sie sich schon verlieren, sich wiederzufinden. Wer das Leben befreien will, muß die Träume befreien.

In der Kindheit erträumen die Menschen sich ein so selbstverständliches Ideal ihrer selbst und der Welt, daß die Erfahrung sie nachher immer enttäuschen muß. Die Berichtigung tritt unversehens ein und der Schock davon ist meistens derart, daß eine gewisse Empfindlichkeit in diesem Punkte niemals erlischt. Wer den Traumschatz der Menschen zu heben vermag, der kann ein Erlöser werden.
Zwischen Traum und Erfahrung liegen die Wunden, an denen die Menschen sterben. Hier liegen die Gräber, aus denen sie auferweckt werden.“

Da DADA diesen Traumschatz anzapfen kann, verliert DADA nie seine Zauberkraft.

Hugo Ball hat sie am eigenen Leib erfahren: In seiner berühmten Rolle als magischer Bischof verkleidet, erlebt er beim Vortrag seiner Lautgedichte die Wiederkehr seiner Kindheit: „Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben…“

Auch wenn die Auftritte der Dadaisten im Cabaret Voltaire in Bild und Ton so gut wie nicht dokumentiert sind, hat sich von diesem Auftritt Hugo Balls als magischer Bischof auf seltsame Weise das unvergessliche Foto erhalten, das heute als Ikone des Dadaismus gehandelt wird.

Hinter diesem Bild, der Ikone, verschwand allerdings für die Öffentlichkeit auch der DADA-Erfinder und die Person Hugo Balls.

Bis heute ist er einer der großen unbekannten Größen der Geistesgeschichte. Zwar liegen inzwischen sieben Bände einer beim Wallstein Verlag erscheinende Ausgabe „Sämtlicher Werke und Briefe Hugo Balls in 10 Bänden“ vor, aber bis heute gibt es keine umfassende Biografie von Hugo Ball, vergleichbar der von Bärbel Reetz vorgelegten Biografie seiner Frau „Emmy Hennings – Leben im Vielleicht.“

Erst mit der Doppelbiografie „Das Paradies war für uns. Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.“, die Bärbel Reetz vor kurzem vorgelegt hat, ist dieses Manko ein wenig behoben. Ihre detailierte Darstellung vor allem der Geschichte der Paarbeziehung lässt deutlich werden, dass DADA nur eine Episode im Leben der Beiden war, aber eben auch mehr als „nichts“.

Zur DADA-Faszination zählt auch, dass DADA scheinbar mehr als andere Kunstfiguren zum Phantasieren, Spinntisieren, Erfinden und Verfälschen einlädt und auch seriöse Wissenschaftler dabei gerne mitspielen…

Ohne Zweifel trägt dieses Gebrummel, Gesumme und Gemurmel um DADA zu seiner Mystifikation bei – so wird es auch bleiben und auch nach den vergangenen 100 Jahren weitergehen…

Aber wer sich mehr als DADA-Klischees servieren lassen will, sollte selber lesen.

Karl Piberhofer wurde 1948 geboren und lebt in Berlin. Er ist Filmproduzent und Fotograf. Piberhofer war Politikberater, Buchhändler und Redakteur der Rezensionszeitschrift »Listen« (Frankfurt am Main).

Kommentare


Norbert Saßmannshausen - ( 29-02-2016 05:50:12 )
Danke! Emmy Hennings hat es immerhin zur Biografie geschafft, bei Hugo Ball warten wir einfach noch. Die paar Jahre noch ...

Kommentar eintragen









erstellt am 04.2.2016

Plakat zur Eröffnung des Cabaret Voltaire am 5.Februar 1916
Plakat zur Eröffnung des Cabaret Voltaire am 5.Februar 1916

Bärbel Reetz
Das Paradies war für uns – Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball
Klappenbroschur, 477 Seiten
ISBN: 978-3-458-36100-8
Insel Taschenbuch, Berlin 2015

Buch bestellen

Hugo Ball
Zinnoberzack, Zeter und Mordio – Alle DADA-Texte
Herausgegeben von Eckhard Faul
Broschiert, 144 Seiten
ISBN: 978-3-8353-0892-3
Wallstein Verlag, Göttingen 2011

Buch bestellen

Richard Huelsenbeck
Dada-Logik 1913–1972
Herbert Kapfer (Hg.)
Gebunden, 652 Seiten
ISBN 978-3-943157-05-5
Belleville Verlag, München 2012

Buch bestellen