In den letzten Jahren wurde die wenig bekannte Verdi-Oper „Stiffelio“ wiederentdeckt. Nun wird sie in Frankfurt in einer Inszenierung des australischen Regisseurs Benedict Andrews unter der Leitung des französischen Dirigenten Jérémie Rhorer aufgeführt. Der Premierenbeifall galt entschieden mehr den Sängern als der Inszenierung, berichtet Stefana Sabin.

Oper

Gnade vor Rache

Ein merkwürdiges gläsernes Haus gleitet unentwegt auf der Bühne hin und her, dreht sich und erhebt sich schließlich an einer Seite, damit jeder erkennt: der Haussegen hängt schief! Tatsächlich geht es in dieser wenig bekannten Verdi-Oper, die jetzt in Frankfurt in einer Inszenierung des australischen Regisseurs Benedict Andrews unter der Leitung des französischen Dirigenten Jérémie Rhorer aufgeführt wird, um eine Ehekrise zwischen dem Pfarrer Stiffelio und der Grafentochter Lia.

Die Handlung entwickelt sich in einem gleichmäßigen Wechsel von lyrischen und dramatischen Partien ohne besondere musikalische Effekte: weder Koloraturen noch Ohrwürmer, aber durchaus üppiger Verdischer Wohlklang! Die Oper wirkt manchmal wie eine Übung für jene berühmteren Verdi-Opern, die folgen sollten: das Duett zwischen Lina und ihrem Vater im ersten Akt erinnert an das Quartett aus dem dritten Akt des „Rigoletto“, der Beginn des zweiten Aktes verweist auf den Schluss von „La forza del destino“, bei Linas und Stiffelios Duett im dritten Akt klingt „La Traviata“ an. Solche Wiedererkennungsmomente lassen die unbekannte Oper „Stiffelio“ vertraut erscheinen!

Dass die Oper wenig bekannt ist, hat nicht zuletzt mit ihrer Aufführungsgeschichte zu tun: Verdi vertonte das Stück „Le Pasteur, ou l’évangile et le foyer“ von Émile Souvestre und Eugène Bourgeois, das 1849 in Paris gegeben worden war und in dem er alle dramatischen Elemente fand, die er brauchte: Liebe, Verrat, Eifersucht, Rache, Vergebung. In dem Stück ging es um eine evangelische Pfarrersfrau, die Ehebruch begeht, Reue zeigt und um Verzeihung bittet. Es war von Anfang an ein heikles Thema, das im katholischen Frankreich zu Kontroversen führte – und dem Stück umso größeren Erfolg einbrachte. Verdi, der kirchenferne Katholik, muss zumindest geahnt haben, dass auch in Italien eine Handlung um eine Pfarrersehe nicht unproblematisch werden würde. Zwar vereinfachte sein Librettist Francesco Maria Piave die Geschichte, aber die Zensurbehörde verlangte noch vor der Uraufführung weitere Änderungen. So wurde aus dem Pfarrer eine Art Sektenführer, Zitate aus dem Evangelium und Szenen in der Kirche wurden gestrichen. Die Uraufführung im Februar 1850 in Triest stieß auf wenig Zuspruch, ebenso wie die darauffolgenden Aufführungen in Neapel und an der Mailänder Scala. Jahre später fand Verdi, der inzwischen „Rigoletto“, „Il Trovatore“, „La Traviata“ und „Les Vêpres siciliennes“ komponiert hatte, die Zeit und die Muße, die verstümmelte Oper umzuarbeiten – aus „Stiffelio“ wurde schließlich „Aroldo“, 1857 in Rimini erfolgreich uraufgeführt. Nach dem Erfolg von „Aroldo“ ließ Verdi das Notenmaterial von „Stiffelio“ vernichten, die Oper wurde vergessen. Erst in den späten 1960er Jahren wurden Originalpartituren des „Stiffelio“ in der Bibliothek des Konservatoriums in Neapel gefunden. Die Musikwelt freute sich über eine gewissermaßen neue Verdi-Oper, und es folgten Aufführungen in Parma, dann in London und New York, in Venedig und Mailand.

In den letzten Jahren wurde diese als opera incognita deklarierte Verdi-Oper regelrecht wiederentdeckt und in Budapest, Catania, Stockholm und Mannheim gespielt – nun also auch in Frankfurt, wo Johannes Schütz ein gläsernes Haus auf die sonst leere Bühne gesetzt hat und wo die Figuren durch Türen in einer dahinter liegenden weißen Wand kommen und gehen. Die Handlung spielt in Deutschland im 19. Jahrhundert, aber gekleidet sind die Figuren wie im 20. Jahrhundert und der Chor in den Kostümen von Victoria Behr erinnert an die Amischen, jene protestantische Glaubensgemeinschaft, die noch heute nach strengen sozialen Regeln und unter Verzicht auf moderne Techniken im Osten der USA lebt. Im Mittelpunkt der Handlung steht Stiffelio, der vor religiöser Verfolgung fliehen musste und unter dem Namen Rodolfo Müller Zuflucht bei Graf Stankar gefunden hat und zum geistigen und geistlichen Führer der Gemeinde geworden ist. Als er erfährt, dass seine Frau Ehebruch begangen hat, gerät Stiffelio in eine Lebens- und Glaubenskrise: Soll er Rache üben oder ihr gemäß seines Glaubens verzeihen?

Die Frankfurter Inszenierung kommt fast ohne Glaubenssymbole aus. Zwar trägt Lina, schön gesungen von Sara Jakubiak, ein kleines goldenes Kreuz, aber dieses wird wohl schon vom ersten Rang kaum noch erkennbar sein; Stiffelio, der Pfarrer, den Russell Thomas mit manchmal unsicherer Stimme singt, ist immer adrett angezogen in Anzug und Krawatte; die Kirche ist ein Gerüst, das wie ein dunkles Riesenkreuz aussieht. Am Ende besinnt sich Stiffelio, der von der Höhe der verfremdeten Kanzel auf die Gemeinde schaut, auf die Lehre Christi und verzeiht seiner Frau, die in hautfarbener Unterwäsche wie nackt in der Kirche vor ihm und der Gemeinde steht – ein Schlussbild, das verstörend wirken sollte: ein großer schwarzer Mann, der bedrohlich über einer kleinen weißen Frau thront… Jedenfalls galt der Beifall – nur ein Vorhang! – entschieden mehr den Sängern als der Inszenierung.

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erstellt am 02.2.2016

Szenenfoto Stiffelio, Oper Frankfurt © Monika Rittershaus

Oper

Stiffelio

von Giuseppe Verdi

Oper in drei Akten; Text von Francesco Maria Piave nach Emile Souvestre und Eugène Bourgeois

Oper Frankfurt

Szenenfoto Stiffelio, Oper Frankfurt © Monika Rittershaus