Am Stuttgarter Ballett ergeben „The Second Detail“ von William Forsythe, Marco Goeckes „Lucid Dream“ und die Choreographie zur „Siebten Sinfonie“ von Uwe Scholz einen stimmigen Dreiklang. Die Oper zeigt Henry Purcells „The Fairy Queen“, eine Adaption von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Thomas Rothschild hat sich beide Stuttgarter Premieren angesehen.

Oper und Ballett

Mehr als ein flüchtiger Erfolg

Reid Anderson bleibt seinem Konzept treu, neben abendfüllenden Handlungsballetten Anthologien anzubieten, in denen drei oder vier kürzere Stücke – Uraufführungen, Stuttgarter Erstaufführungen, Wiederaufnahmen – nach dem Prinzip des Kontrasts oder des Querbezugs aufeinanderstoßen. Diesmal sind es in Erstaufführung „The Second Detail“ von William Forsythe aus dem Jahr 1991, die Uraufführung von Marco Goeckes „Lucid Dream“ und die Wiederaufnahme der Choreographie zur „Siebten Sinfonie“ (von Beethoven) von Uwe Scholz, ebenfalls aus dem Jahr 1991, die einen stimmigen und zu Recht minutenlang bejubelten Dreiklang ergeben. Mag sein, dass das Stuttgarter Publikum besonders ballettversessen und applaudierfreudig ist. Aber dieser jüngste Abend des Ensembles – und die Betonung liegt auf Ensemble, weil alle drei Choreographien darauf verzichten, einzelne Solisten über Gebühr in den Vordergrund zu rücken – ist auch ein besonderer. Eine künstlerische und technische Perfektion dieses Niveaus wird man in Deutschland kaum anderswo finden. Es zeigt sich im Ballett, was Oper und Sprechtheater zunehmend vergessen: dass sich kontinuierliche Ensemblearbeit lohnt. Das Schielen nach dem flüchtigen Erfolg durch marktkonforme Gaststars ist jedenfalls Reid Andersons Sache nicht.

„The Second Detail“ ist von vollendeter Schönheit, setzt gleich zu Beginn einen Höhepunkt, der kaum überbietbar erscheint. Was die Tänzerinnen und Tänzer in hellgrauen Trikots zur elektronischen Musik von Thom Willems exerzieren, sieht aus wie die räumliche Umsetzung eines mathematischen Konstrukts, wie visualisierte Perkussion. Alle Tänzer bleiben auf der Bühne, einzelne Formationen lösen sich auf und finden wieder zusammen. Das ganze zwanzigminütige Stück ist eine fließende Konfrontation von Bewegung und Stillstand.

Nach so viel Harmonie: „Lucid Dream“ vom Hauschoreographen Marco Goecke. Einmal mehr konzentriert er sich fast ausschließlich auf eckige, nervöse Armbewegungen, die dem Breakdance näher sind als dem klassischen Ballett. Zu den Männern mit nacktem Oberkörper, die agieren wie Automatenmenschen, gesellt sich als einzige Frau Agnes Su: „Metropolis“ trifft auf Gustav Mahler, das 21. Jahrhundert auf die Spätromantik.

Baut Goecke auf den Kontrast von Tanz und Musik, so strebt Uwe Scholz, ganz im Gegenteil, nach Übereinstimmung. Seine Choreographie übernimmt die Synkopen, die Gestik, die Dynamik, die Wiederholungen von Beethovens Komposition und erreicht so, im Gegenzug zu Goeckes Düsternis, vor einem schlichten, einem grellfarbigen Bild von Morris Louis nachempfundenen Hintergrund, eine fast apotheotische Helligkeit und Leichtigkeit.

An dieser Stelle sei einmal die hervorragende Qualität der Programmhefte des Stuttgarter Balletts gewürdigt. Sie machen es den Kritikern nicht leicht, selbst etwas zu entdecken und zu formulieren, was dort nicht schon genauer und besser gesagt ist. Der Rezensent tut gut daran, erst ins Programm zu schauen, wenn er seinen Bericht abgeschickt hat. Leider geschieht das selten. Häufiger wird aus den Programmheften schamlos abgeschrieben, nicht nur deren Urteil, sondern auch deren Sprache übernommen. Damit nähert sich die Ballettkritik den Usancen der Schallplattenkritik an, in der schon seit Jahren die Pressetexte der Plattenfirmen ausgebeutet werden. Die Bezeichnung „Kritik“ führt sich damit selbst ad absurdum. Aber die Klage darüber verhallt im Universum, seit eine Generation herangewachsen ist, für die die Unterscheidung zwischen (unabhängiger) Rezension und PR eine Lachnummer ist. Sie haben keine Probleme damit, sich zu Zuhältern des Marktes zu machen.

Verwirrungen der Liebe

Vor zwanzig Jahren wagten die Oper und das Schauspiel in Stuttgart eine Koproduktion. Der junge Martin Kušej inszenierte Henry Purcells Semi-Opera „King Arthur“. Es wurde zu einem der sensationellsten Erfolge des Stuttgarter Staatstheaters. Jetzt, zwei Jahrzehnte später, hat man sich zu einer Wiederholung des Rezepts entschlossen, mit der anderen populären Semi-Opera des englischen Komponisten, „The Fairy Queen“, und dem Regisseur Calixto Bieito. Das Ergebnis hat wieder das Zeug in sich, zu einem Dauerhit zu werden, selbst bei jenen, die sich an Kušejs großen Wurf als die stringentere, differenziertere Arbeit erinnern. Ein wenig mag das auch daran liegen, dass John Drydens Libretto für die Bühne mehr „hergibt“ als der ein Jahr danach zur „Fairy Queen“ verdichtete „Sommernachtstraum“ des berühmteren Kollegen Shakespeare.

Susanne Gschwender hat eine drehbare Arena gebaut, die den Blick auf das Staatsorchester Stuttgart freigibt, das Christian Curnyn vom Cembalo aus dirigiert – und das ist nichts weniger als ein optischer Gag. Denn gespielt wird so intensiv, dass man gelegentlich bedauert, wenn die überbordende Bühnenaktion von der Musik ablenkt. Die Protagonisten werden durch den monumentalen Aufbau an die Rampe gedrängt, wo sie sich im Wege stehen, wenn auch der Chor noch hinzu kommt. Das freilich hat Methode.

Die Ballette, die konstitutiver Teil der Semi-Operas sind, werden von den Schauspielern und Sängern angedeutet, auch ins Groteske verzerrt. Einige Schauspieler, allen voran die liebreiche Caroline Junghanns als Hermia, erweisen sich als begnadete Sänger, die sich durchaus neben den Profis hören lassen können. Andere – etwa Michael Stiller als Oberon – singen eher laienhaft, was freilich keineswegs stört, sondern in die bewusst chaotische Inszenierung passt.

Der Star dieses Abends aber ist Maja Beckmann als Puck. Wie ein Zirkusclown macht sie, übermütig und nur scheinbar unbeholfen, nach, was die anderen Figuren vorzeigen. Man kann sich daran nicht sattsehen.

Bieito hat, erkennbar, alle tiefsinnigen Untersuchungen, die es zum „Sommernachtstraum“ gibt, verarbeitet. Auch über die historische Bedeutung der Semi-Operas und ihrer Aufführungspraxis hat sich der Regisseur durch die Dramaturgen informieren lassen. Die Anspielungen häufen sich und werden durch sich verselbständigende visuelle Späße ergänzt. Weil die Figur des Handwerkers Zettel bei Purcell nicht wie bei Shakespeare entwickelt wird, muss sich Titania ihren Esel aus dem Publikum holen. Im zweiten Teil geht Bieito ein wenig die Luft aus. Die sich überschlagenden Einfälle wirken zunehmend willkürlich – so etwa bei den Ensemblearrangements zu den vier Jahreszeiten, die zugleich die Lebensalter repräsentieren. Da gerät der Bezug zur Handlung aus dem Visier. Auch Bieitos Besessenheit mit Attributen des Sex wirkt auf die Dauer ermüdend. Wohl wahr: in „Fairy Queen“ geht es wie im „Sommernachtstraum“ um die Verwirrungen der Liebe, keineswegs nur in einem platonischen Verständnis, aber das begreift man auch ohne Dildos und Kunstbusen. Bei Bieito treibt es jede und jeder mit jedem und jeder, als hätte Shakespeare nicht schon genug Paare zusammengetrieben. Einsam bleibt nur der riesige rosa Hase, der über die Bühne geistert, als wolle er sich beschweren, dass Shakespeare für ihn keine Rolle vorgesehen hat.

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erstellt am 02.2.2016

„The Second Detail“ von William Forsythe © Stuttgarter Ballett

Ballett

Forsythe/Goecke/Scholz

Ein Ballettabend mit Choreographien von
Willam Forsythe, Marco Goecke u. Uwe Scholz

Stuttgarter Ballett

„Lucid Dream“ von Marco Goecke © Stuttgarter Ballett

Oper

The Fairy Queen

von Henry Purcell / William Shakespeare

Koproduktion der Oper Stuttgart und des Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto „The Fairy Queen“, Oper Stuttgart
Foto: Julian Röder