1956 erschreckte der Documenta-Gründer Arnold Bode (1900 – 1977) Besucher des Hessischen Landesmuseums in Kassel mit einer modernen Inszenierung der während des Krieges ausgelagerten und damals gerade aus Wien zurückgekehrten alten Meister. Eine Kabinettausstellung im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel gibt Einblick in diese Umbruchszeit, die zugleich auch ein Kapitel der Geschichte vom Ausstellungskuratieren einnimmt.

Die »Klassische Documenta« von 1956

»Wie man Bilder nicht hängen sollte …«?

Arnold Bode vor Peter Paul Rubens` „Triumph des Siegers“, März 1956 © Museumslandschaft Hessen Kassel

Nicht nur die in Museen und anderen Kunstorten gezeigte Auswahl von Künstler/innen und Epochen folgt Moden, auch die Ausstellungsgestaltung unterliegt Wandlungen. Um 1900 hatte man noch versucht, mit Teppichen und Topfpflanzen eine fast wohnzimmerartige Atmosphäre für die Ausstellungsbesucher zu bereiten. Nach dem 2. Weltkrieg begann man sich auch hierzulande zunehmend dem kühl inszenierten, möglichst neutralen Ausstellungsraum anzunähern. Das gipfelte im sogenannten „White Cube“, den man mittlerweile eher noch in Galerien und Kunstvereinen findet, denn die meisten Ausstellungshäuser setzen heute, sofern sie alte und ältere Meister zeigen, auf farbige Wände. Bei temporären Ausstellungen entwirft man eine didaktisch sinnvolle und dem Werk angemessene Ausstellungsarchitektur, wie man das z. B. gerade bei den „Sturm-Frauen“ in der Frankfurter Schirn erleben kann. Im Bereich zeitgenössischer Ausstellungen wird dagegen zunehmend versucht, die Kunst mit den Räumen zu inszenieren, statt sie isoliert im leeren weißen Raum zu zeigen. Viele Künstler/innen beziehen zudem bewusst den Raum mit ein, um auf die Rezeption nicht nur über die Werkaussage, sondern auch über die Form der Installation einzuwirken.

Die Ausstellungsinszenierung bleibt also ein Thema der Kunstgeschichte. Ein Kapitel daraus öffnet gerade eine Kabinettausstellung im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel. Sie gibt Einblick in eine Umbruchszeit und in eine damals gleichfalls gelobte wie kritisierte Neupräsentation. Vor 60 Jahren gestaltete Arnold Bode (1900 – 1977), der im Jahr zuvor die Documenta gegründet hatte, eine Sonderausstellung mit alten Meistern wie Rembrandt, Rubens, Jordaens, Dürer, Tizian. Diese kamen 1956 nach der kriegsbedingten Auslagerung der Gemäldegalerie aus dem Wiener Exil nach Kassel zurück. Sie waren ausgerahmt nach Wien gebracht worden, wo sie die Kriegsjahre überstanden hatten, nur ihre Rahmen waren in Kassel verblieben und dort verbrannt. Bode stand also vor der Aufgabe, auch für die Rahmungen zu sorgen. Er wählte moderne Rahmen, Passepartoutrahmen, die in ihrer Einfachheit und Einheitlichkeit das Gegenteil der ursprünglichen barocken Prachtrahmung darstellten. Bode setzte auf eine künstliche Beleuchtung mit Scheinwerfern und Kunststoffvorhängen als Hintergrund. Noch während der Laufzeit ließ er hinter die Exponate farbige Holzplatten montieren. Die Werke wurden im Raum so inszeniert, dass der Besucher/innen-Blick auf Schlüsselwerke gelenkt werden konnte.

Die neuartige Inszenierung, „Klassische Documenta“ genannt, erntete sowohl reichlich Lob als auch viel Kritik. Mancher meinte, sie sei ein Beispiel dafür, wie man „wie man Bilder nicht hängen sollte“. Denn es stellten sich Fragen, die auch heute noch aktuell sind: Wie zeithistorisch oder zeitgenössisch inszeniert man alte Kunst? Sollte der Rahmen zur Entstehungszeit passen oder sollte er so gewählt werden, dass er dem Bild als neutrale Bildbegrenzung begegnet? Beschädigt man auf diese Weise gar die Aura des Bildes, wie man dies Bode 1956 vorgeworfen hat?

Die damaligen Diskussionen jedenfalls sorgten für Öffentlichkeit: Die Bode-Präsentation zählte 70.000 Besucher/innen.

Die Kabinettausstellung in Schloss Wilhelmshöhe arbeitet die legendäre Ausstellung auf, in dem sie ihre Geschichte und Hintergründe anhand von Konzeptpapieren, Dokumenten, Originalfotos und den damals gezeigten Gemälden darlegt. Man kann die Präsentation der Vorkriegszeit mit Bodes neuer Inszenierung vergleichen. Es ist allerdings sehr zu bedauern, dass dazu kein Begleitbuch publiziert worden ist!

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erstellt am 01.2.2016

Die Rückkehr der Alten Meister nach Kassel, 1956
© Museumslandschaft Hessen Kassel

Ausstellung in Kassel

Die klassische Documenta von 1956: Arnold Bode und die Alten Meister

bis 17. April 2016

Kabinettausstellung im Museum Schloss Wilhelmshöhe
Di – So und feiertags 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr, Mo geschlossen

Begleitveranstaltungen

Mittwoch, 2.3.2016, 18 – 18.30 Uhr
Die „Enttäuschung von Kassel“?! Arnold Bodes Inszenierung der Alten Meister von 1956
Julia Carrasco

Mittwoch, 16.3.2016, 18 – 18.30 Uhr
60 Jahre „klassische documenta“. Alte Meister im Kreuzfeuer der Kritik
Dr. Justus Lange

Hessisches Landesmuseum, Rembrandt-Saal, 1956
© Museumslandschaft Hessen Kassel

Ausstellungsansicht Museum Schloss Wilhelmshöhe, 2016
Foto: Lennard Schaumburg © Museumslandschaft Hessen Kassel

Ausstellungsansicht Museum Schloss Wilhelmshöhe, 2016
Foto: Lennard Schaumburg © Museumslandschaft Hessen Kassel