Die amerikanische Erfolgsschriftstellerin Ann Patchett hat in Nashville einen Buchladen gegründet. In den USA kreierte sie damit einen neuen Trend: die Renaissance der kleinen, städtischen Buchhandlung. Martin Lüdke empfiehlt die Reise nach Nashville, hat aber auch einen Tipp für Zauderer.

Buchhandel

Der Laden brummt

Im Ernst, die Reise lohnt sich. Nashville, eine Partnerstadt von Magdeburg, liegt nun nicht gerade auf unserem Weg. Aber die Verbindungen sind gut, sogar zu Wasser, zu Land und natürlich auf dem Luftweg. Zudem ist der Ort, um eine Formulierung des Guide Michelin für die absolute Spitzenküche zu gebrauchen, tatsächlich eine Reise wert. Musikfreunde müssen darüber nicht aufgeklärt werden. Was wären June Carter und Dolly Parton ohne dieses Eldorado der Country-Music. Was wären Johnny Cash oder Marvin Rainwater ohne die Grand Ole Opry, einst im Ryman Auditorium, mitten in der Stadt, jetzt draußen, am Cumberland River, in einem großen Einkaufszentrum, mäßig besucht und irgendwie aus der Zeit gefallen. Nashville, etwas kleiner als Frankfurt am Main, ist in den großen amerikanischen Sportarten, NHL, NFL, bestens vertreten, es verfügt über (gute) Universitäten, einen maßstabgetreuen Nachbau des Parthenon, über Stadtrechte schon seit 1806, eine ordentliche Skyline; auch, was in den USA keineswegs selbstverständlich ist, über eine belebte Innenstadt. Und, jetzt kommt der Clou, seit kurzem verfügt Nashville, die Hauptstadt des Bundesstaates Tennessee, auch wieder über eine richtige, ganz normale, sogar hübsche, kleine Buchhandlung. Wie es dazu kam, das beschreibt die Initiatorin und Besitzerin dieses Ladens, die amerikanische (Erfolgs-)Schriftstellerin Ann Patchett, immerhin mit dem Orange Prize und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet, von Time 2012 sogar auf die Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart gesetzt.

Blick in die Buchhandlung „Parnassus Books“. Quelle: Facebook
Blick in die Buchhandlung „Parnassus Books“. Quelle: Facebook

Ann Patchett kreierte mit ihrer Gründung, das ist richtig aufregend zu lesen, einen neuen Trend: die Renaissance der kleinen, städtischen Buchhandlung. Diese Buchläden verschwanden, wie wir es auch erlebt haben, ziemlich schnell (eben nicht nur) aus den amerikanischen Innenstädten, kaputtgemacht von den großen Ketten, Barnes & Noble, Dillon, Borders. (Bei uns Hugendubel, Thalia.) Dann verschwanden, dank Amazon, die großen Ketten. Diesen Prozess erleben wir jetzt auch in Europa (Amerika ist uns da, wie so oft, einen Schritt voraus).

Ann Patchett, inspiriert durch Kindheitserinnerungen an „Mills“, eine Buchhandlung in der Nachbarschaft, gegenüber von einem Zoo-Geschäft, spürte den Mangel. Sie wusste, dass die Kettenläden schwarze Zahlen geschrieben, aber nicht genug Profit gemacht hatten. Und sie stand vor einer großen Lesereise durch die USA. Überall Interviews. Zeitungen, Radio, Fernsehen. Überall sprach sie weniger über ihr neues Buch, dafür immer über den neuen Trend, den sie selbstsicher behauptete: den Trend zur Rückkehr der alten, kleinen Buchhandlung. Um es kurz zu machen, als „Parnassus Books“ in Nashville eröffnet wurde, berichtete die New York Times darüber auf der ersten Seite, mit Bild (Front Page! – davon können die Marketingstrategen in den Verlagskonzern nur träumen). Lokale Zeitungen sowieso, das National Public Radio, von CBS wurde sie in das Morgenmagazin eingeladen. Ein sensationeller Auftrieb. Am Eröffnungstag kamen etwa dreitausend Nashviller in den kleinen Laden, aßen Käse, tranken Wein, feierten ihre neue Buchhandlung und kauften die gut sortierten Regale leer. Patchett vergleicht es mit Heuschrecken, die über den Sommerweizen herfallen. Karen, die Frau, die den Laden schmeißt, verschwand immer wieder ins Büro, um Nachbestellungen aufzugeben. Seitdem brummt der Laden.

Bei „Parnassus“ gibt es keine Ostereier, keine Stofftiere und keine Weihnachtsmänner, sondern regelmäßig Lesungen, Vorträge und immer gute – Bücher. Auch die von William Faulkner und Cormac McCarthy. Die Gegend, in der sie spielen, ist nur ein Katzensprung weit weg. Also, nochmal, die Reise lohnt sich. Für Zauderer und Sparbrötchen ein kleiner Trost: für nur fünf Euro gibt’s das Büchlein von Ann Patchett.

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erstellt am 29.1.2016

Ann Patchett
Ann Patchett

Ann Patchett
Aus Liebe zum Buch
Übersetzt von Marion Hertle
Gebunden, 64 Seiten
ISBN: 978-3-455-37028-7
Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, Hamburg, 2016

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