Man kann sich ganz gut in Viktor Orbáns zunehmendem Totalitarismus einrichten, wenn man auf Opposition verzichtet. Das gilt auch für die Kultur. Thomas Rothschild war unterwegs in Budapest und hat Eindrücke aus dem Konzert- und Opernleben der ungarischen Hauptstadt mitgebracht.

Kultur in Budapest

Museum pur

Was über die Freiheit gesagt wird – dass sie zentimeterweise stirbt –, gilt erst recht für die Demokratie. Und weil das so ist, wird oft gar nicht wahrgenommen, wenn die Demokratie Stück für Stück eingeschränkt wird und verschwindet. Zwischen Demokratie und Diktatur gibt es Zwischenstufen, die hinnehmbar erscheinen, bis es zu spät ist, den schleichenden Prozess aufzuhalten. Wenn nicht gerade uniformierte Banden durch die Straßen ziehen, wenn keine öffentlichen Verhaftungen stattfinden und der Alltag seinen Lauf nimmt, kann man den Eindruck gewinnen, es sei ja alles in bester Ordnung.

So auch im Ungarn Viktor Orbáns. Wenn man nicht zu einer diskriminierten Minderheit gehört, wenn man nicht aktiv politische Opposition betreibt, muss man den kontinuierlichen Abbau von demokratischen Einrichtungen nicht einmal bemerken. Orbán ist ja, so paradox das klingen mag, ein demokratisch legitimierter Antidemokrat, von einer Mehrheit des Volkes gewählt. Und die nicht immer unbegründete Abneigung gegen eine Bevormundung durch Brüssel stärkt seine Popularität. Schließlich haben die Ungarn eine historische Erfahrung mit der Entmündigung durch eine „fremde“ Zentralregierung, und „Europa“ klingt in ihren Ohren nicht ganz so verlockend wie in jenen vieler Westeuropäer. Der Nationalismus, der sich 1848 gegen die Habsburger-Hegemonie richtete, findet seine Fortsetzung im trotzigen Justament gegen europäische Verordnungen. Dass sich diese nationalistische Haltung zugleich auf die Innenpolitik auswirkt, dass demokratische Rechte nach und nach verweigert werden, fällt nur jenen auf, die direkt davon betroffen sind.

Das gilt auch für die Kultur. Man kann sich ganz gut in Orbáns zunehmendem Totalitarismus einrichten, wenn man auf Opposition verzichtet. Dass Diktaturen grundsätzlich kulturfeindlich sein müssten, ist eine Lebenslüge, die der Beruhigung von Diktaturgegnern dienen soll. Selbst im nationalsozialistischen Deutschland konnte ein Gründgens hervorragendes Theater, konnte ein Furtwängler großartige Musik machen. Und lügen wir uns nicht in die Tasche: Die Abneigung gegen jene Kunst, die die Nazis als „entartet“ bezeichneten und verfolgten, wurde von großen Teilen der Bevölkerung, auch über das Dritte Reich hinaus, geteilt. Der Mehrheitswille ist noch kein Garant für Demokratie und schon gar nicht für Menschlichkeit, wie die aktuelle Haltung gegenüber Flüchtlingen nicht nur in Osteuropa belegt.

So sind die personellen und inhaltlichen Veränderungen, die sich im ungarischen Kulturbetrieb abgespielt haben und weiterhin abspielen, für den Touristen aus dem Ausland kaum erkennbar. Im gigantischen Palast der Künste, der vor elf Jahren am Donauufer in Budapest eröffnet wurde, tritt Martha Argerich mit der Kremerata Baltica auf und betört in Beethovens zweitem Klavierkonzert durch einen Anschlag, der den Klang des Flügels auf eine unvergleichliche Weise dem Klang des von Gidon Kremer gegründeten Ensembles angleicht. Was Wunder, dass der großen Pianistin stürmischer Jubel entgegenschlägt. Dass sie sich nach einer kurzen Zugabe hinter das Orchester setzt, um diesem das Podium für die zweite und letzte Zugabe zu überlassen, entspricht dem Image einer bescheidenen, ja scheuen Künstlerin, das die Argerich begleitet. Zuvor bestach die Kremerata mit Kompositionen von Mendelssohn-Bartholdy, von dem witzigen in Deutschland lebenden Russen Alexander Raskatov und von Mieczysław Weinberg, an dessen Wiederentdeckung Gidon Kremer einen nicht geringen Anteil hatte.

Drüben in der Liszt Akademie, in einem der schönsten Jugendstil-Konzertsäle Europas, brillierten Mitglieder des Budapest Festival Orchestras unter der Leitung des Belgiers Sigiswald Kuijken mit einem Barockkonzert, dessen charmanter Höhepunkt die szenische Aufführung der Kantate „L'Amor prigioniero“ von Johann Adolph Hasse mit den Sopranistinnen Julia Kirchner und Yeree Suh war. Gewiss, das ist in der Auswahl der Stücke wie in der Realisierung Museum pur, aber dafür bedarf es keiner konservativen Politik.

Im repräsentativen Opernhaus, das in seinem Historismus all jenen europäischen Opernhäusern gleicht, mit denen sich die Bourgeoisie auf dem Höhepunkt ihrer Macht feierte, wird „Falstaff“ in der Regie des Franzosen Arnaud Bernard und dirigiert vom Deutschen Marcus Bosch gegeben. Die Titelrolle singt und spielt der Rumäne Alexandru Agache. Die Inszenierung sucht keine aktualisierende Deutung, kostet aber das Komödiantische dieser atypischen Verdi-Oper aus. Wenn gegen Ende die von Falstaff Gefoppten den sympathischen verkommenen Säufer und Weiberheld piesacken, trägt nicht nur er, sondern tragen auch sie Hörner: „Tutto nel mondo è burla./ L'uom è nato burlone,/ La fede in cor gli ciurla,/ Gli ciurla la ragione.“ („Alles ist Spass auf Erden,/ Der Mensch ein geborener Tor;/ Und glauben wir weise zu werden,/ Sind dümmer wir als zuvor.“)

Im zweiten Opernhaus, dem sehr viel bescheideneren und architektonisch ziemlich hässlichen Erkel Theater, läuft „Turandot“. Hier kosten die Eintrittskarten nur ein Fünftel (!) des Preises, die man im älteren Haus bezahlen muss. Es ist, als wollten die Verantwortlichen demonstrieren: Jeder soll sich die Oper leisten können. Bezahlen muss man für das Repräsentationsbedürfnis, das sich sichtbar darin äußert, dass die Besucher im Neorenaissance-Gebäude im Stadtzentrum wie auf Befehl ihre Smartphones zücken und die Bühne – oder vielmehr: sich selbst mit der Bühne als Hintergrund – fotografieren.

Man könnte sich „Turandot“ als Beispiel einer grausamen Herrschaft denken. Aber Balázs Kovalik macht daraus ein riesiges Spektakel, das sich beim Musical und sogar bei Kung Fu Anregungen holt. Interessant übrigens, dass es zu der aktuellen deutschen Kampagne gegen Blackfacing kein Pendant gibt, das die Darstellung von Asiaten auf der Bühne kritisiert. Als wollte man in Budapest einer moralisierenden Betrachtung zuvor kommen, die sich weigert, Theaterchinesen als Theaterchinesen zu betrachten und Schauspieler nicht für Abbilder wirklicher Menschen zu halten, hat man die Turandot – im Wechsel mit einer ungarischen Sängerin – mit der Koreanerin Jee Hye Han besetzt. Zwar sind die Koreaner nicht direkt Chinesen, aber immerhin…

Im deutschen Fernsehen sagt ein junger Feuerwehrmann ungeniert: „Für mich ist ein Syrer, der seine Heimat verlässt, ein Vaterlandsverräter.“ Man muss nicht nach Ungarn fahren, um das Fürchten zu lernen.

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erstellt am 29.1.2016

Innenraum, Liszt-Akademie Budapest
Foto: Thaler / Wikimedia Commons

Palast der Künste, Budapest
Foto: Wikimedia Commons

Opernhaus Budapest
Foto: Thanate Tan / Wikimedia Commons