Michael Köhlmeier hat eine Erzählung in Versen geschrieben. In vierzeiligen Strophen erzählt Köhlmeier die Geschichte eines Riesen, den er „Kristall“ nennt und der in den einzelnen Abschnitten Figuren aus Mythen und Märchen unterschiedlicher Herkunft begegnet. Köhlmeier hat schon literarisch und auch thematisch bedeutendere Werke geschrieben, meint Thomas Rothschild.

Buchkritik

Deftiges Honorar

Als Lyriker ist Michael Köhlmeier bislang lediglich mit einem vereinsamten Songbuch und, wenn das Gedächtnis nicht täuscht, mit Gedichten in dem wenig bekannten, in einem längst verschwundenen, nur vier Jahre überlebenden Kleinverlag erschienenen frühen Buch „Fern, doch deutlich dem Aug'“ (ein Mörike-Zitat) sowie, erst vor drei Jahren, mit dem dünnen Bändchen „Der Liebhaber bald nach dem Frühstück“ aufgefallen. Er selbst sprach drei Jahre vor Erscheinen des letztgenannten Buchs in einem Interview mit der „Presse“ davon, dass ihn „mit einem Mal die Gedichtwut gepackt“ habe, die aber alsbald „genauso plötzlich wieder erloschen“ sei. Lyriker? Nun ja, jenseits der Lyrik sind Verse aus der Mode geraten – wer schreibt heute noch Versepen oder ein Versdrama? –, aber Verse und Lyrik sind nicht deckungsgleich. Sagen wir also: Michael Köhlmeier hat jetzt eine Erzählung in Versen geschrieben. Er nennt sie „ein Lied“, aber zum Lyriker macht sie Köhlmeier nicht.

In paarig gereimten vierzeiligen Strophen – es handelt sich um meist jambische, gelegentlich auch daktylische so genannte Volksliedstrophen – erzählt Köhlmeier in vierzehn Kapiteln die Geschichte eines Riesen, den er hintersinnig „Kristall“ nennt und der in den einzelnen Abschnitten Figuren aus bekannten (bekannten?) Mythen und Märchen unterschiedlicher Herkunft begegnet, darunter auch dem artverwandten Polyphem oder den aus den Apokryphen hereingeschneiten gefallenen Engeln Schemchasai und Asael, deren Taten und Sünden Köhlmeier unterwegs auf seine besondere Art rekapituliert. Aber die Versform hat ihre Tücken. Das Metrum klingt nach einiger Zeit eintönig. Heines großer Wurf „Deutschland. Ein Wintermärchen“ bleibt, um in Köhlmeiers Bildwelt zu bleiben, ein Riese inmitten von Zwergen. Auch gelingt es Köhlmeier nicht immer, den Eindruck zu zerstreuen, dass ihm der Reimzwang in die Quere gekommen ist. („Ich war nicht Ich, Du warst nicht Du./ Es herrschte Ruhe … Ruhe … Ruh … -“) Manche Reime sind nicht nur unrein: „Zeus“ – „zufleiß“, „Freund“ – „weint“, „könnt'“ – „kennt“, „Tür“ – „nur“, „Genick“ – „Stück“, „Gegröl'“ – „Befehl“, „beugt“ – „neigt“, „wär'“ – „Likör“ (Wilhelm Busch, schau oba!) oder holprige Endsilbenreime: „Demütigung“ – „Entschuldigung“, „Ixion“ – „Depression“ (das ist verzeihlich), sondern auch unfreiwillig komisch, als stammten sie von Karl Farkas: „Götterstolz“ – „dann soll's“. Ab und zu verhaspelt sich Köhlmeier auch metrisch, etwa im Vers „Ich sing' das ohne Ironie“, der sich mit seiner Umgebung spießt. Es kann einem Autor, der das Mündliche liebt wie dem Vorarlberger Nacherzähler, nicht wirklich leicht fallen, sich in das Korsett gebundener Rede zu begeben.

Der Kenner antiker Sagen und der Bibel beginnt mit einer Genesis: Wo sind die Riesen her gekommen? In vertrauter Weise ironisiert Köhlmeier seine scheinnaive Erzählung durch Anachronismen – Apollo spielt Klavier, Phrixos weiß genau, was ein Flugzeug ist, und sehnt sich nach einer Cola Citron –, durch Einschübe des Erzählers („Ich weise drauf hin an dieser Stell'/ dass ich in Bälde offiziell/ das Ende des Liedes verkünden muss./ Und dann, ich weise drauf hin, ist Schluss“), oder er erläutert, wie wir es von ihm kennen, worin die rationale Grundlage für ein bestimmtes Mythologem besteht. Wie die feministische Theologie eine Schöpfergöttin anstelle eines Gottes postuliert, so stellt Köhlmeier eine Riesin anstelle eines Riesen an den Anfang der Geschichte – seiner Geschichte und der Geschichte der Riesen: Frau Hitt, eine auffällige Felsnadel im Tiroler Karwendelgebirge, um die sich einschlägige Sagen ranken. Köhlmeier rehabilitiert die Riesin, die in diesen Sagen schlecht wegkommt, und erweist ihr damit einen ähnlichen Dienst wie Christa Wolf Medea.

Kristall, der seine „Mama“, die versteinerte Frau Hitt eben, retten will, reist nicht nur in Riesenschritten um die Welt, sondern auch durch die Zeiten. So trifft er auf den Nuklearphysiker Doktor Bruce Banner aus dem Comic „Hulk“ und später auf King Kongs „weiße Frau“, mitsamt den berühmten Schlussworten aus dem Film von 1933. Michael Köhlmeier kennt sich nicht nur in der Antike aus, sondern ebenso in den Trivialmythen unserer Tage. Die geben auch Anlass für komische Passagen. Da passt sogar ein Faust-Zitat hinein.

In New York hilft das tapfere Schneiderlein, das sich bekanntlich nicht nur mit Fliegen, sondern auch mit Riesen anlegt, Kristall aus der Patsche. Von der Märchenwelt verschlägt es ihn in der Lower East Side ins jüdische Sagenmilieu des Golem. Wenn der Koloss schließlich zusammenbricht, liegt im Laternenschein nur noch ein Lehmhaufen – „ein Ärgernis für die Parkaufsicht“.

Am Ende des Lieds stehen der Vogelmann von der Osterinsel und, mit einer Reverenz an Jules Verne, Wasímulíza aus Afrika. Man soll Köhlmeier nicht Eurozentrismus, erweitert um den Blick auf die globale nordamerikanische Populärkultur, vorwerfen können. Hier aber setzt der Autor eine unerwartete Pointe. Wasímulíza treffen Kristall und sein Begleiter nicht in Afrika, sondern auf Lampedusa, wo er als Asylant gelandet ist. Wasímulíza rät Kristall, hinab in die Unterwelt zu gehen, zu den Zwergen. Dort liegt die Rettung. Denn: „Das einzige Paradies, sagt Jean Paul,/ aus dem mich auch kein Lügenmaul/ vertreiben kann, liegt innerlich,/ ist die Erinnerung an mich.“

Die Rettung bleibt metaphorisch und Frau Hitt eine Felsnadel in der Nordkette – „aus Stein, doch gesund“.

Jedem Kapitel ist eine ganzseitige Grafik von Köhlmeiers Sohn Lorenz Helfer vorangestellt. Ganz hinten, in verschämtem Kleindruck, erklärt Köhlmeier, dass Swarovski ihn gefragt habe, ob er gern von Riesen erzählen würde. Wir dürfen annehmen, dass es sich bei dem vornamenlosen Interessenten um das Strass-Imperium handelt, das in Tirol die Kristallwelten betreibt. Da passen Riesen, zumal wenn sie Kristall heißen, gut hin. Wenn das Buch aber eine Auftragsarbeit ist, die einer Förderung mit öffentlichen Mitteln nicht bedarf, wäre ein diskreter Hinweis schon angebracht. Von wegen der Transparenz. Schließlich möchte man als Köhlmeier-Leser wissen, wohin der Weg führt. Zum Lyriker? Zum Melagomanen? Oder schlicht zum Lohnschreiber, der, wenn die Bilanz stimmt („Damit ist gemeint das Honorar,/ das übrigens ziemlich deftig war.“ Köhlmeier: Das Lied von den Riesen, S. 63), auch vor einer Nachbarschaft nicht zurückschreckt, die als kitschig zu kennzeichnen eine Untertreibung bedeutet. Wenn es denn so wäre, machte Köhlmeier es seinen Neidern leicht. Eigentlich schade. Zumal er, das muss man doch erwähnen, schon literarisch und auch thematisch bedeutendere Werke geschrieben hat, als er seinem inneren Antrieb und nicht einem Swarovski folgte.

Kommentare


Monika Humpert - ( 28-01-2016 11:04:00 )
warum die Überschrift deftiges Honorar ?
Was ist denn ein angemessenes Honorar ß Und was wäre ein unanständiges wie hier gleich an oberster Stelle diskreditierend behauptet wird ? Nicht nur aus diesem Grund : Sehr oberlehrerhaft und sehr ärgerlich die gesamte "kritische" Beurteilung.

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erstellt am 27.1.2016

Michael Köhlmeier
Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier
Das Lied von den Riesen
Mit Zeichnungen von Lorenz Helfer
In Leinen gebunden, 184 Seiten
ISBN 978-3-7099-7179-6
Haymon, Innsbruch-Wien 2015

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