Der Fotoband „Willkommen in Darmstadt“, den die südhessische Stadt im Herbst 2015 herausgab, dokumentiert exemplarisch die Willkommenskultur und das bürgerschaftliche Engagement für Flüchtlinge. Das Engagement hält zwar unvermindert an, doch dominieren mittlerweile Ängste und Vorbehalte die öffentliche Debatte. Bruno Laberthier stellt das Buch vor.

Flüchtlinge in Darmstadt

Das schnellste Buch

Die Problemlösungskompetenz der Bundesrepublik ist seit dem massiven Anstieg flüchtender Menschen in Richtung Europa eines der ganz großen Themen. Gebannt und genau schaut man in Deutschland nicht nur auf das (erschreckend uneinheitliche) Handling des Themas durch Politiker und andere offiziell bestellte Entscheidungsträger. Der Blick fällt angesichts der Größe der Aufgabe und des Bremsklotzverhaltens vieler von Beruf oder Amts wegen Verantwortlicher auch auf die „Selbstermächtigung einer Zivilgesellschaft“, so Paul Hermann Gruner in seinem Geleitwort zu „Willkommen in Darmstadt“, einer jüngst erschienenen Foto- und Textreportage. Erweist sich diese Selbstermächtigung als nachhaltig? Als ausdauernd und stark genug, um den Widersachern aus denselben zivilgesellschaftlichen Reihen Paroli zu bieten? Denen, die mit selbstangemaßt allumfassender Volksseelenkompetenz die einfachste aller Botschaften präsentieren: Lasst keinen mehr rein, sonst war es das mit unserem schönen Schland?

Darmstadt, das Mittelzentrum in Südhessen, hat nicht mehr und auch nicht weniger geglänzt bei der Bewältigung der Aufgabe, mit den einströmenden Geflüchteten klarzukommen. Es gab große Hilfsbereitschaft aus und in der Stadt. Es gab und gibt aber auch die Patriotischen Darmstädter gegen die Islamisierung des Heiners (des typischen Darmstädters, sozusagen das Hummelmännchen Südhessens). Erstunterkünfte standen Ende 2015 im Fokus der lokalen Berichterstattung, weil sich die Security ruppig zeigte gegenüber denen, die berichten wollten. In der Hirtengrundhalle in einem südlichen Stadtteil spielten Geflüchtete im Herbst Fußball hinter Bauzäunen, was einerseits die Normalität im Unnormalen betonte, andererseits an Ghettoisierung und willkürliche Ausgrenzung gemahnte. Alles in allem nichts, was woanders nicht auch vorzufinden gewesen wäre.

„Willkommen in Darmstadt“ lässt die Stadt dennoch herausragen. Es ist das erste Buch, „das schnellste“ (Gruner) zum Thema. Seine Klammern sind eine Fotochronik der Ereignisse vom Aufbau der Außenstelle des Erstaufnahmelagers bis zur vorläufigen Alltäglichkeit in den Zelten und Turnhallen (beeindruckend die offenen, aber nie voyeuristischen Bilder von Christoph Rau und André Hirtz) und eine akribische Chronologie der Ereignisse mit allen Herausforderungen und Problemen, die freiwillige Helfer, professionelle Kräfte und die zahlreichen Ehrenämtler/innen gemeinsam mit den Geflüchteten zu bewältigen haben. Eine Willkommenskultur wollte und will Tag für Tag erarbeitet sein – als gesetzt gilt sie nie, außer in den Sonntagsreden von Politikern. Auch in Darmstadt gab und gibt es eine Gemengelage aus Ängsten und Befürchtungen gegenüber den Geflüchteten. Auf die galt und gilt es, sensibel einzugehen; dasselbe ist der Fall bei den Geflüchteten selbst, die den Schock des Erlebten im Gedächtnis tragen und denen nun ein zweiter Schock, den der Bewältigung des ungewohnten kulturellen Umfelds, möglichst erspart bleiben soll. Bettina Bergstedt gelingt hierzu ein nicht nur lokal- und zeithistorisch faszinierender, sondern auch differenzierter Überblick; ihr Beitrag hat das Zeug zum Zeugnis für eine zukünftige Darmstädter Zivilgesellschaft, die zurückblickt auf das, was 2015 geschafft und geschaffen worden ist.

„Willkommen in Darmstadt“ ist ein papiergebundener Dokumentarfilm („Schnitt“, so heißt es konsequenterweise im Impressum: Gerd Ohlhauser) über ein gemeinwesentliches „Wir schaffen das“. Lesens- und betrachtenswert ist er auch für Nicht-Darmstädter.

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erstellt am 24.1.2016

Wissenschaftsstadt Darmstadt (Hg.)
Willkommen in Darmstadt
Den Geflüchteten ein Gesicht geben
Ihre Ankunft im Herbst 2015
Flipbook, Broschur, 320 Seiten, ca. 280 Fotoseiten
ISBN 978-3-939855-05-7
Edition Darmstadt, 2015

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Nima Ghamari, einer der ehrenamtlichen Helfer und Übersetzer in Darmstadt (Abbildung aus dem besprochenen Band)