sexyunderground nennt sich eine Initiative junger Frankfurter Autoren, die seit der Schulzeit gemeinsam schreibt. Matthias Göritz ist Mentor der Newcomer-Gruppe. 2007 hatte er im ersten „Schreibzimmer“ des Frankfurter Literaturhauses dem harten Kern von sexyunderground bereits erste Schritte des professionellen Schreibens vermittelt. In Faust stellt er die Arbeiten der Nachwuchs-Autoren in loser Folge vor.

Neues aus dem sexyunderground

Matthias Göritz stellt Tobias Jennewein vor

Das Echo

Die Prosa des erst zwanzigjährigen Tobias Jennewein entfaltet einen eigentümlichen Sog. In den Texten des Jungautors geht es vorwiegend um exzentrische, vielleicht ein wenig weltfremde, aber doch geradezu wahrnehmungsbesessene Künstlernaturen, deren Lebensentwürfe im krassen Gegensatz zu dem stehen, was man gemeinhin die „Norm“ oder die „Konvention“ nennt. Auch sprachlich lotet das hier vorgestellte Stück aus dem Romanprojekt „Entschuldige, wenn ich zerfalle, Echo…“ Extremzustände aus. Mal barock und voller Archaismen, dann wieder stark expressionistisch oder surrealistisch gefärbt, mit zahlreichen Adjektiven, Metaphern, Vergleichen und Bildern angereichert, merkt man dem Erzähler an, dass es ihm vor allem darum geht, sich und dem Leser eine größere Bandbreite an stilistischen Formen zu eröffnen. Das alles – auch die sprachlich virtuose Masturbationsphantasie und die traumartigen Übergänge vom Bild zu Bildern – erinnert nicht umsonst an den französischen Nouveau Roman, und da besonders an Claude Simon, den Jennewein zu seinen Vorbildern zählt. Epigonal ist der Text trotz all dem nicht. Es ist eher so, dass wir einem Echo begegnen. Ähnlich der Nymphe aus Ovids Metamorphosen, die für ihre allzu große Redegabe damit bestraft wird, dass sie bald nur noch nachplappern – echoen – kann, begreift hier der Erzähler die Welt als Widerhall. Sie ist der Ort, an dem bei allem Zufall und Zerfall irgendwann gesagt werden muss, was genauso falsch wie richtig zugleich klingt: „Ich bin. Ich bin.“
Die Lektüre dieses jungen Autors ist daher vor allem eins zu nennen: intensiv und viel versprechend.

Matthias Göritz

Romanauszug

Entschuldige bitte, wenn ich zerfalle, Echo…

Von Tobias Jennewein

Raschelnd beginnts, zischelnd und in meinem Innenohr wächst ein kleines Olivenbäumchen, dessen Äste vom Winde durchlispelt werden. Vor meinem Augenhintergrund zeichnen sich die Konturen einer südlichen Stadt ab, umgeben von Getreidefeldern, Äckern und Wiesen. Ein Feldweg schlängelt sich auf die Stadt zu. Ein junges spilleriges Mädchen fährt darauf mit dem Fahrrad der Morgensonne entgegen, deren Licht mit kastanienbrauner, von feinen Rissen gezeichneter Erde verschwimmt, mit den zackigen Formen zweier stahlgrätiger Betongerippe (ehemalige Zementfabriken) mit Grasbüscheln, Steinen, einem großen weißgefransten Wolkenarchipel am Himmel, einem Katzenkadaver, den kleine Fliegen mit grünschillernden Leibern umsirren, mit Singvogelrufen, einem energetischen Knurren in der Luft, mit Sträuchern, von der Sommerhitze zu bronzefarbenem Gekräusel ausgedörrt, winzigen am Boden liegenden Astgabeln, Tonscherben; mit dem Neonpulsen einer Laterne, das gleich aussetzen wird, denn der Tag dämmert herauf. Wie kühl der Schein dieser Laterne doch war, bevor das Sonnenlicht ihn traf, wie glatt, glatt wie eine Kristallkugel, diamanten, diaphan, an den Kanten rundgeschliffen. Die junge Frau erreicht die Stadt, verliert sich im Gässchendickicht. Das Morgenlicht zerfasert zwischen den einzelnen, weiß getünchten Häusern zu luzidem Spinnweb. Der Marktplatz wird vom Schatten einer safrangelben Barockkirche mittig zerkeilt. Man hört Stimmen, singend, in weiten Bögen über die Stadt hinfließend, Gepolter, Fahrradgeklingel, Husten, Reifengequietsche, ein tieftöniges Motorenächzen, Vogelfiepen, das kehlige Gurgeln von Markisen, deren rotgeblümtes Gefältel über schmalen Balkonen ausgekurbelt wird, verhaltenes Glockenläuten, das Schnattern von Rollern und anderen Kleinfahrzeugen. Eine Stadt schält sich aus der Stille.
Über dem Marktplatz ist die Luft in wirbelnden Aufruhr geraten, bildet wasserfarbene Strudel. Fast scheint es, als könne man durch sie hindurchtauchen, als könne man sie trinken in großen, maßlosen Zügen. Dann beruhigt sie sich wieder, der Staub, der gerade noch weit oben, über der Kirchturmspitze gaukelte, tänzelte und der den Himmel mit zarten Bleistiftstrichen schraffierte, ist niedergesunken, patiniert den braunen, sandigen Boden, sodass er beinahe wie etwas Essbares aussieht. Die Luft ist nun von einem pulsenden Schweigen durchtränkt. Man hat den Eindruck, als wenn sie selbst Atembewegungen vollführen würde wie der Brustkorb eines schlafenden Mädchens. In einem Freiluftkaffee, das ein paar Gässchen von der Kirche entfernt steht, sitzt eine junge Frau mit einem blauumflorten Hut. Sie trägt ein hübsches Sommerkleidchen, unter das bisweilen ein stummer, angenehm kühlender Windhauch kriecht. Es ist aus dünnem, durchscheinendem Satin gefertigt, der sich über die Schultern besternt mit schwach irisierenden Stoffnelken und den oberen Teil der Brust in zarten (wellenartigen) Kräuselungen hinbreitet und in ein tiefes spitzengesäumtes Dekolleté mündet, ehe er weiter über die Bauchdecke hinrinnt, übergeht in einen matt glänzenden Seidenstoff von blauer Farbe, der um die Taille herum sanft gefältelt ist und in lockerem Bausch und Bogen herabflutet bis hinunter zu den Kniekehlen. Auf ihrem Tischchen befindet sich ein Cappucinotässchen, ein Glas mit Mineralwasser und ein Buch mit einem weißen, in der Mitte bebilderten Einband. Sie führt das Wasserglas zum Mund, nimmt einen zarten Schluck, ihre äußere Halsmuskulatur wellt sich kurz dabei.
Was auf dem Glas zurückbleibt ist die Topographie ihrer Lippen, ein Delta aus feinen Rissen, winzigen Auffaltungen, Unebenheiten. Der rote Halbmond ihrer Lippenspur am Rand des Glases. Jetzt schießen ihre Mundwinkel plötzlich zu einem Lächeln auseinander, so als wären sie an den Schäften zweier Pfeile festgebunden und abgefeuert worden. Am Himmel prangt ein Flugzeug, wie festgenagelt. Eine Trophäe. Sie schaut kurz empor. Ihre Nasenflügel öffnen und schließen sich. Ihre Wangen, von Lachfalten gekräuselt, strecken goldblonde Härchen in die Luft. Ein jugendlich aussehender Mann, den sie zu kennen scheint und der gerade an jenem Kaffee vorübergeht, wobei sein rechter Arm beim Flanieren wie ein Perpendikel hin und her schwingt, erwidert ihr Lächeln. Sein Lächeln wirkt brüchig, droht in Scherben zu zerspringen. Nocheinmal schaut sie zum Himmel hinauf, dessen Wolkengebilde so weiß sind wie Quadratfließen in einem Badezimmer, welche voneinander durch gallertig schimmernde Silikonfugen getrennt sind. Jetzt legt sie ihre linke Hand in einer sanften gleitenden Armbewegung auf den rechten Oberschenkel. Ihre Finger zittern und sind leicht angewinkelt, so als wollten sie sich auf einen gewagten Aufwärtssprung vorbereiten. Ihr rechter Oberschenkel ist behaart und gehört einem jungen Mann, der in einem Badezimmer auf der Toilette sitzt.
Wenige Meter von ihrem Kaffeesitzplatz entfernt oszilliert eine nervöse Sonnenschräge an einer weiß gekalkten Hauswand entlang. Ein metallisches Klopfen in einer Vogelkehle, von der Kirchturmspitze herabkommend, unrhythmisch. Die junge Frau bittet den Mann, der an ihrem Tischchen vorübergeht, mit einem kurzen Augenaufschlag ihr gegenüber auf einem schmalen Stühlchen mit langen, grünen, pflanzenstilartigen Stelzbeinen Platz zu nehmen. Er setzt sich, zupft seine Hose zurecht. Aus einem kleinen, karmesinroten Handtäschchen, das neben ihr auf dem Boden steht, holt sie einen Lippenstift und einen Handspiegel hervor. Sie blickt in den Spiegel, in dem ein junger Mann sitzt, der sich mit leicht schmerzverzerrter Miene in einem buchenholzumrahmten Badezimmerspiegel betrachtet. Sie streicht die Konturen ihres Mundes mit Lippenstift nach. Oszillationen von Rottönen, Purpurschwingungen in der Luft. Der junge Mann auf der Toilette räuspert sich laut. Er betastet seinen Penis wie einen fremdartigen Gegenstand aus totem Kunststoff oder elastischem Leder, hebt ihn an, indem er mit seinem Zeigefinger und seinem Daumen eine Art Pinzette formt. Die Frau sieht ihm lange ins Gesicht und reibt mit Daumen und Zeigefinger am Henkel ihres Cappucinotässchen entlang. Neben den beiden schüttelt sich keckernd eine Bäckerei. Der junge Mann in dem Badezimmer masturbiert, indem er mit seinen schweißfeuchten Fingern die Eichel seines Schwanzes umfasst und sein Handgelenk rhythmische Auf und Abwärtsbewegungen ausführen lässt. Der junge Mann sitzt der Frau gegenüber und betrachtet den weißen Einband ihres Buches, der in seiner Mitte einen von gelben Aquarellschauern umsonnten, ausgezehrten und rippengrätigen Hund mit zerzaustem, rotgrauem Fell und hängender Zunge beim Herabspringen von einer Kalksteinmauer zeigt, unter der ein Feldweg entlangführt. Der Hund macht einen schnellen Satz, landet auf seinen Pfoten und rennt aus dem Bild. Er passiert Felder, Waldstücke und zwei alte flechtenüberwachsene Fabrikruinen. Er hechelt. Der junge Mann bemerkt beim Masturbieren einige Urinspritzer am Rand seiner Toilettenschüssel. Er greift nach einer Rolle Klopapier, die neben ihm auf dem Boden steht und reißt zwei Streifen ab, die das Malheur in sich hineinsaugen. Der junge Mann erhebt sich. Die junge Frau erhebt sich. Die junge Frau schiebt einen Geldschein unter ihr Wasserglas.
Die junge Frau und der junge Mann zwinkern sich zu. Dann sehen sie beide, wie ein plötzlich aufkommender Wind die Luft mit eleganten grauen Federstrichen schmückt. Sie gehen fort. Der Hund streunt durch Felder, tölpelt über vertrocknete Wiesen, hält das eine oder andere Mal inne, um einen Stein oder die knorrig aus dem Erdreich hervortretenden Wurzeln eines Baumes nach Duftspuren abzuschnüffeln. Seine Schnauze wird von der morgendlichen Sonnenhitze zu einem lappigen Grinsen zerknautscht. Die Wangen des jungen Mannes sind von kleinen Schweißtränen überperlt und seine Wimpern krümmen sich drahtklauig, scharfzackig. Sein ganzes Gesicht verzerrt sich, ist von Anstrengung zerfurcht. Sein Penis ist jetzt von entzündlicher Röte und blau durchädert. Der Hund trabt in eine Kleinstadt. Er reibt sein Fell an Laternen, an den Wänden und Holztüren von Häusern. Während der junge Mann masturbiert, hört er, wie etwas an seiner verschlossenen Badezimmertür raschelt, wie etwas Horniges, Stumpfes an lampenlichtgebleichtem Buchenholz entlangscharrt. Er vernimmt ein schrilles, raukehliges Bellen. Nach einiger Zeit erreicht der Hund den Innenhof eines alten, heruntergekommenen und von der Witterung angegrauten Hauses, das nicht mehr bewohnt, sondern als Müllablage genutzt wird. Pflaumenblaue Auberginenreste quellen aus rostgeröteten Eimern hervor, Gurkenschaalen, (jadegrün), und trockenes Brot, das in seiner hölzernen Sprödigkeit ein wenig an Hobelspäne erinnert. Auf dem Boden liegt Kinderspielzeug, eine Puppe mit abgerissenen Beinen, zwei Plastikschwerter mit opalblauem geriffeltem Griff, eine hölzerne Armbrust, deren Bogensehne gerissen ist, ein Splitterpuzzle, das zusammengesetzt vielleicht einen Blumentopf ergibt. Aus dem Boden sprießt Unkraut, weißknollig und von braunen Schmutzfasern durchzogen, schlickbespritzt. Der junge Mann sieht durch seinen Badezimmerspiegel deutlich die Augen des nicht nach oben, sondern geradeaus blickenden Hundes, in denen der untere und mittlere Teil der etwa auf der Höhe des Halses abgetrennten beiden Körper reflektiert wird, diejenigen der jungen Frau und des Mannes, der ihr zuvor im Kaffee zugelächelt hat: den nackten Spann der Frau, die kleine, zierliche Sandalen trägt, ihre langen, bleichen, fast cremeweißen Beine, mit denen sie die Hüften des Mannes umklammert hält, (krebsscherig) ihre weit gespreizten Oberschenkel, ihre linke Hinternbacke, die gegen den rauen, schroffkörnigen Verputz gepresst wird, sowie die muttermalgesprenkelten Lenden des Mannes und seine fächerartig gefältelte Hose, die im Herunterrutschen sein Hinterteil bloßlegt, auf dem sich zwei auffällige, blassrosageränderte und annährend sichelförmige Narben abzeichnen.
Das Vor und Zurück der Hüften des kräftigen, jungen Mannes ist energisch und beinahe maschinell. Manchmal wird das Purpurviolett seiner Eichel sichtbar, wenn sie aus der prall geschwollenen, grobporigen Vulva der jungen Frau für einen kurzen Augenblick herausgleitet. Manchmal spitzen die Brustwarzen der Frau am Saum ihres Kleides hervor. Sie sind kirschfarben, zylindrisch gewölbt und nur an den Spitzen von opalenen, kaltblauen Adern durchwurzelt, Sprüngen und Rissen in unterkühltem Stein nicht unähnlich.
(Marmorierte Haut.) Der junge Mann drückt mit seinen Fingern gegen seine Eichel, die an eine anschwellende Knospe erinnert. An den Fließen in seinem Badezimmer rinnt das Butterlicht einer Glühlampe in zähen, wulstig verdickten Schnüren herab. Der Hund hebt seinen Kopf und blickt etwas in die Höhe. Die junge Frau hört eine kläffende Stimme. Erst überschwemmt das tintige Blau ihrer Iris die zerfließlichen schwarzen Pupillen, die zuvor wie hingetuscht aussahen. Dann sind ihre Augen völlig eingedüstert, blind scheinbar, steinkohlentrüb, leergesogen mit einem Male wie diejenigen einer Ertrunkenen. Fast scheint es, als wäre das Blau der Iris und das Schwarz der Pupillen am dunklen Grund ihrer Augen versickert. Ihr Mund bildet jetzt stumme Wortfolgen, einen erstickenden Satz, einen Schrei, abgewürgt von ihrer Kehle. Sie blickt über die linke Schulter des jungen Mannes hinweg, der in sie eindringt, in die Augen des kläffenden Hundes, lässt ihren Blick über Spielzeugtiere, einen Kinderwagen, der reifenlos ist, über starkwindzerschmettertes, billiges Fensterglas, über flechtenvergilbte Backsteinsäulen, eine morsche Türe gleiten, über einen großen, nachtschwarzen Riss in einer Betonwand, über Puppen, Kartoffelschalen, zart bemooste Zementklumpen und allenthalben verstreut liegende Zeitschriften und buntbedruckte Magazine. Der Hund stellt sein Kläffen ein und schüttelt sich.
Sonnenstrahlengezüngel über dem baufälligen, alten Haus mit seinem Innenhof. Der Hund hebt sein Bein und markiert gegen eine Wand. In den Augen ihres Liebhabers, die ihren eigenen so nahe sind, erblickt die junge Frau einen masturbierenden Mann, dessen Nasenflügel flattern und dessen Mund zu einer Spalte voller Misstöne aufklafft, als es ihm kommt. Er verkrampft die Finger seiner rechten Hand dergestalt krallenartig, dass sie an den Körper einer toten Spinne mit einwärts geknickten, haardünnen Beinchen gemahnt. Auch sie spürt etwas Feuchtes in ihrer Vulva. Eine geplatzte Knospe. Das Keuchen ihres Liebhabers hat nachgelassen. Jetzt sieht er sie verängstigt an, so als wäre er ihr zu nahe getreten und müsste nun mit Bestrafung und Züchtigung rechnen. Ein kurzes Innehalten, dann rafft er seine Hose hoch, fingert an seiner Gürtelschnalle herum, zieht mit schnarrendem, schnarchend vibrierendem Gaumen klebrigen Speichel in seiner Mundhöhle zusammen, wobei seine Wangen sich in dieser Saugbewegung schattig höhlen, spuckt gegen die Wand aus, an der nun ein silbrig funkelnder Faden klebt, und macht sich wortlos davon. Auch der Hund ist weggerannt. Auf dem behaarten Oberschenkel des jungen Mannes ruht jetzt in Schräglage ein schlaffer, rotblauer Gegenstand auf. Die Frau bleibt zurück. Sie versucht, die Blöße ihrer Vulva zu verdecken, indem sie ihr bis zu ihrem Bauchnabel emporgerafftes Sommerkleid wieder zu den Kniekehlen herunterzieht. Auf dem weißen Einband ihres Buches ist noch immer eine Steinmauer zu sehen und ein Feldweg. Der Hund streift wieder durch die Gassen der Stadt, an Flaneuren und Fahrzeugen vorbei, an Fahrrädern und Bürgersteigen. Er verlässt die Stadt, rennt auf Feldwege hinaus. Der junge Mann, der gerade masturbiert hat, säubert sein nunmehr erschlafftes und von roten Runzeln durchzogenes Glied mit einem welligen Fetzen Klopapiers. Der Hund streunt über Felder, tölpelt über Wiesen, hält das eine oder andere Mal inne, um einen Stein oder die knorrig aus dem Erdreich hervorwuchernden Wurzeln eines Baumes nach Duftspuren abzuschnüffeln. Dann rennt er weiter, bis er eine Kalksteinmauer erreicht. Er krümmt die Hinterbeine, um herunterzuspringen. Die junge Frau hält ein Buch in Händen, dessen Einband in seiner Mitte das Bild eines Hundes beim Herabspringen von einer Kalksteinmauer zeigt. Sie sitzt auf einem Stuhl in einem Freiluftkaffee. Sie trägt einen blauumflorten Sonnenhut und ein feines Ausgehkleid aus Satin. Der junge Mann tritt aus seiner Toilette direkt auf den Marktplatz einer südlichen Kleinstadt. Er zupft seine Hose zurecht. Er geht an einer jungen Frau vorüber, die ihn mit verführerischen Wimpernschlägen an ihren Tisch heranlockt. Ihre Augen sind leergesogen, blind scheinbar, steinkohlentrüb. Es dämmert in ihnen, so als zöge der Morgen oder die Nacht in ihnen herauf. Der junge Mann verlässt den Innenhof eines heruntergekommenen Hauses. Der Abend blaut dunkel und schlierig über den Dächern der Stadt. Der junge Mann geht durch die Straßen. Das Tageslicht splittert.
Überall Scherben. Eine junge Frau sitzt in einem Freiluftkaffee. Ein junger keuchender Mann drückt sie gegen eine Wand. Eine Mauer, speichelglitzernd. Ein Hund, der beim Streunen von der Abendsonne aufgezehrt wird. Eine geplatzte Knospe, purpurviolett. Der junge Mann läuft weiter. Er erblickt den Balkon eines Hotels. Es kommt ihm vor, als er hätte er ihn selbst aus seinen Poren geschwitzt, als wäre er seinen Drüsen entflossen und vor seinen Augen zu Metallstäben geronnen, erkaltet. Ein Mann mit perlgrauer Hutkrempe und einer gläsernen Ausstülpung im Gesicht spaziert an ihm vorüber. Seine Aura ist milchig. Er hebt seinen Gehstock. Eine Drohung, eine religiöse Beschwörung, die heilige Theolallie von Zaubersprüchen flirrt dem jungen Mann aus dem Munde des Flaneurs entgegen. Ein kleiner Hund mit rotgrauem Fell springt auf die tragflächenartigen Arme einer jungen Frau mit blauumflortem Sonnenhut, die sich zu ihm herabgebückt hat. Sie blinzelt dem jungen Mann zu. Ihr Körper platzt auf, streut sich in Farbpartikeln aus. Ihr Tod ist ein Konfettigewitter. Nur ihr spitzzahniges Lächeln glimmt noch ein wenig nach in der Luft, ehe es endgültig erlischt. Es ist zuerst ins Zucken und Schlingern geraten und dann wie ein Feuerpfeil im Vagen umhergesurrt, so als habe sich an der Stelle, wo es einst am Gesicht festgenäht war, der Faden gelöst. Ein kleines Auto schleicht durch die Gassen, das imstande ist, seinen Heckscheibenglanz in die verschiedensten Farbtöne zu modulieren.
An einer Straßenkreuzung hat eine Ampel mit dem Strammstehen aufgehört. Ein spilleriges, junges Mädchen mit rotversteinerten Carneolaugen fährt auf einem Fahrrad der Abendsonne entgegen, deren Licht mit Grasbüscheln, Sträuchern, einem Katzenkadaver und den schroffkantigen Formen einer alten Betonruine verschwimmt, und um mich herum sterben die Geräusche der Erde einen gnädigen Tod. Nur einmal scheint es mir noch, als würde neben mir etwas Großes, Klumpiges, ein Stück rohes Fleisch mit klatschendem Laut gegen eine Wand prallen. Raschelnd hatte es doch begonnen, zischelnd. Ein Baum wuchs in meinem Ohr. Was an diesem Abend noch zu tun bleibt? Zu zersplittern in ein Heer aus lauter kleinen begeißelten Punkten, die allesamt weiß sind. Partikularisiert zu werden, zu zerfallen in alle Tode dieser Welt, die allesamt weiß sind. Was ist der Tod anderes als das nicht zu durchmessende Weiß eines noch unbeschriebenen Papiers? Was ist das Sterben anderes als ein Ausgewaschenwerden, die Vertilgung des Pigments, ein jähes Verdunsten des Lichts? Was geschieht, wenn es zuende geht? Ob sich wohl die Farben von den Dingen lösen und abgeblättert daliegen, wie ein Gesicht, das vom Kopfe herabgeglitten ist? Immer diese seltsamen Entkleidungen. Und wenn sich schließlich eine Blässe bis zu meinen Schläfen vorwölbt, der Atem flockig wird und auf der Zunge schmilzt, und wenn das Vogelgestöber am Himmel aussetzt und ein Schweigen durch die Lüfte segelt, was ist der Tod dann anderes als Schnee? Diese Zerstäubungen der Jahreszeiten. Zersetzungen. Verschleifungen. Weiße Perforationen. Ich weiß nichts mehr. Ich bin nur mehr Echo. Ich gehe durch eine kleine Stadt mit sternenverschmiertem Himmel, höre lautes Bellen, schrille Pfiffe und eine Stimme, die die Stimme einer Fremden ist, ruft mir aus dem leise widerhallenden Gewirr der Straßen und Gassen zu: Ist jemand hier? Hier, antworte ich. Komm, ruft sie mir zu. Komm, antworte ich. Weißt du, wo ich bin, fragt sie. Ich bin, antworte ich. Ich bin. Ich bin. Diese Stadt. Diese Stadt.

Tobias Jennewein

erstellt am 02.3.2011

Teilnehmer von sexyunderground im Matthias-Beltz-Zimmer des Frankfurter Literaturhauses