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Franz Liszt, der Popstar? Das war wohl eher eine Geschäftsidee der 1970er-Jahre. Aber ein Star war der Kosmopolit schon! Als Klaviervirtuose war er konkurrenzlos und als Komponist eine Autorität. Die neue CD, die Michael Korstick mit Liszts Werken realisierte, hat Hans-Klaus Jungheinrich zu klärenden Überlegungen angeregt.

Klassik

Liszts Lamartinomania

Ein Klavierwunder und Frauenheld als künstlerischer Universalist – so ließe sich die Rolle Franz Liszts in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts resümieren. Der gebürtige Ungar geriet schon in jungen Jahren zum Weltbürger, in Frankreich und Italien ebenso zuhause wie in den deutschsprachigen Ländern. Als langjähriger Leiter der Weimarer Oper wurde er zu einem der wichtigsten Förderer zeitgenössischer Musiktendenzen und –talente. Er selbst setzte sich an die Spitze des kompositorischen „Fortschritts“, indem er die literarisierenden Ambitionen und das orchestrale Raffinement eines Berlioz aufgriff und weiterentwickelte. Ursprünglich ein Klaviervirtuose, erweiterte er das Spektrum seiner Klangphantasie freilich viel stärker als Alkan oder Chopin, die mehr oder weniger vollständig auf das Tasteninstrument fixiert blieben. Mit der „Erfindung“ der meistens von außermusikalischen Sujets inspirierten Symphonischen Dichtung (oder Tondichtung) setzte er ein entscheidendes, noch in der Zukunft einflussreiches Gegengewicht zum Typus der Beethoven’schen Symphonie, deren Struktur und Autonomieprinzip unüberholbar schien. Im Alter gab er seinen vollmundigen, auch auftrumpfenden Gesten und dem großen Faltenwurf nicht abholden bisherigen Stil völlig auf und experimentierte mit kargen Formen hart am Rande der tonalen Diskursgewohntheiten.

Dem leidenschaftlich Reisenden Liszt wurden Landschaften, Bauwerke, Bilder zur Inspirationsquelle, vor allem aber die Hervorbringungen der Literatur – Goethe, Shakespeare, die italienischen Klassiker zuvörderst. Im Zentrum seiner vielfältigen geistigen Interessen standen sozialreformerische Schriften ebenso wie religiöse Autoren. Den bedeutenden französischen katholischen Dichter Lamartine entdeckte Liszt schon in jungen Jahren. Dessen aus 48 Gedichten bestehende Sammlung „Harmonies poétiques et religieuses“ begleitete ihn seit deren Veröffentlichung 1830, und wenig später entstand der Plan, sie in einer Klavierkomposition widerzuspiegeln. Doch erst in der Weimarer Zeit (1853) war der zehnteilige Zyklus in der endgültigen Version fertig und wurde – mit dem Originaltitel Lamartines – in Leipzig ediert. Einige der Stücke wie „Bénédiction de Dieu dans la Solitude“ (Nr.3), „Funérailles“ (Nr.7) und „Cantique d’amour“ (Nr. 10) gehören zum Bekanntesten von Liszt; als tondichterischer Zusammenhang ist die anspruchsvolle Komposition indes viel weniger berühmt geworden als die h-moll-Sonate, die „Années de Pélerinage“ oder etliche der „Ungarischen Rhapsodien“. Mag sein, dass der zwar schöngeistig sublimierte oder parfümierte, aber dennoch dezidierte Katholizismus in säkularisierten Kreisen befremdete. Liszts Hinwendung zu Rom wurde ja gerne als skurril und dégoutant quittiert, besonders in deutschnationalen Kreisen; der Bismarckkult grassierte im Hause Wagner ebenso wie bei Brahms. Als getreues Sprachrohr ihres Mannes spöttelte die Liszttochter Cosima in ihren Tagebüchern unverhohlen über den zum frommen Abbé Geläuterten, an dessen scheuklappenfreie kulturelle Neugier und menschliche Großherzigkeit Richard Wagner leider jedoch nicht heranreichte. Von heute her gesehen mutet Liszts Haltung da eher wohltuend an, zumal sie sich immer mit weltkluger Liberalität verband. Einen späten Reflex von Liszts pathosgeschwängerter Poetik bieten übrigens die ebenfalls unbeirrt katholisierenden Werke des hundert Jahre jüngeren Gottesmusikers Olivier Messiaen.

So eindrucksvoll die Orchestermusik Liszts auch anmutet (etwa die „Faust-Symphonie“ mit ihren zwei alternativen Schlüssen, die fast schon böcklinhaft-symbolistische Tondichtung „Von der Wiege bis zum Grabe“ oder der finstere „Mazeppa“, nicht zu vergessen das serene Oratorium „Die heilige Elisabeth“): Das Klavier bleibt doch ein besonderes Element der Liszt’schen Künstlerschaft, und an Lisztmusik möchte man zuallererst denken, wenn man vom Klavier als dem „eigentlichen“ Musikinstrument des 19. Jahrhunderts spricht. Freilich pikanterweise nicht in einer „bürgerlichen“, sondern mehr in einer „aristokratischen“ Konnotation. Aristokratische Noblesse gehört zweifellos zu den Hauptmerkmalen der Liszt’schen Physiognomie.

Sofort erkennt man Kongenialität, wenn man die Aufnahme der „Harmonies“ mit Michael Kostick hört. Hier werden keine demonstrative Vorzeige-Brillanz präsentiert, keine rekordverdächtige Fingerfertigkeit vorgeführt – obwohl dazu mancher Anlass wäre in den Steigerungen und Ausweitungen der größeren Tongemälde wie „Bénédiction“ oder „Pensées des morts“ (Nr.4). Doch auch die abenteuerlichsten Figurationen und die heftigsten Akkordgewitter werden wie selbstverständlich absolviert und in einen Kontext integriert, der vom jeweiligen „poetischen“ Gedanken geleitet wird – und dabei verschmilzt die religiöse Assoziation innig mit einer idealtypischen Poesie; eine Symbiose, die in Lamartines Titel präzis vorgegeben ist und an der sich Liszt in wundersamer Selbständigkeit orientiert. Liszts „romantische“ Sakralität weckt auch die Erinnerung an den Gedanken Blaise Pascals, dass Glaube da entstehen könne, wo eine „praktische“ Glaubenshaltung (etwa im Gebet) eingenommen werde. In diesem Sinne ist die Liszt’sche Frömmigkeit keine bloße Pose, sondern eine zwischen Kunst und Religion changierende Hinwendung – und übrigens gar nicht so weit entfernt von der „Kunstreligion“, der sich Wagner mit dem „Parsifal“ näherte. Das alles heißt, dass Kostick – kein Spezialist für pianistisches Feuerwerk, eher ein genuiner Beethovenspieler – sich von dem geistigen Gehalt der Stücke motivieren lässt und in diesem Reflexionsprozess gleichsam auch die manuelle Souveränität en detail findet. Die Innen- und Außenansichten der Musik werden gleichermaßen berücksichtigt und herausgestellt – ein glückliches interpretatorisches Paradox.

Diese herausragende Liszt-Novität regt zu einer weiteren Bemerkung an. Der aus Köln stammende Michael Kostick gehört ohne Zweifel zu den interessantesten, sozusagen zu den „Leading“-Pianisten der mittleren Generation heute. Als ein „Star“ möchte er wohl nicht bezeichnet werden; er ist auch keiner, obwohl er in aller Welt konzertiert und vor allem mit zahlreichen CDs präsent ist. Wo sind überhaupt die Stars geblieben, wie sie früher in aller Munde waren, etwa Namen wie Gulda, Brendel, Michelangeli, Pollini? Damals, noch vor 20, 30 Jahren, gab es eine blühende Tonträgerindustrie, die ihre besten Zugpferde herauspaukte und so populär machte, dass sie auch dem „Mann auf der Straße“ geläufig wurden. Wir Musikkritiker haben seinerzeit das um die Lancierung von Interpretationsstars (Sänger, Dirigenten, Instrumentalisten) kreisende Musikbusiness mit guten Gründen bekämpft. Inzwischen gibt es keine mit Klassik befassten potenten Musikkonzerne mehr und daher auch kaum noch Versuche, Stars zu pushen (na ja, ein bisschen Netrebko & Co ist schon noch vorstellig). Fast könnte man bedauern, dass Ausnahmekünstler wie Michael Kostick nicht allüberall von tausenden von Plakatwänden grüßen wie dereinst Karajan und Glenn Gould.

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erstellt am 21.1.2016

Franz Liszt, porträtiert von Henri Lehmann, 1839, Musée Carnavalet, Paris
Franz Liszt, porträtiert von Henri Lehmann, 1839, Musée Carnavalet, Paris

Franz Liszt
Harmonies poétiques et religieuses
Michael Kostick, Klavier
cpo 777 951-2

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