Der Philosoph Voltaire hat mehrmals in der Bastille gesessen, wurde verprügelt, verfolgt und verbannt; in Frankfurt wurde er in der Hauptwache wegen Diebstahls inhaftiert, und trotzdem gab es noch etwas, was er noch mehr fürchtete als alles Erlittene, und zwar in der Wetterau. Otto A. Böhmer beschreibt, welchen Demütigungen der große Franzose ausgesetzt war.

Der Philosoph Voltaire

Nur vom Besten

Der Philosoph François Marie Arouet, genannt Voltaire, war in ein Abenteuer der besonderen Art geraten: Zunächst hatte er die Kühnheit besessen, in einem deutschen Gasthaus zu Mittag zu essen, weil er sich auf einmal wie ausgehungert und ausgedörrt vorgekommen war; keine Vernunftgründe hatte er gegen diesen bärbeißigen Appetit ins Feld führen können, und die warnenden Stimmen trüber Erinnerungen, die sich in ihm erhoben, waren von seinem penetranten Magenknurren überdeckt worden. Hast du denn je gut gegessen in deutschen Landen, rief eine dieser Stimmen, und sie gab gleich die Antwort: Nein! Es war alles ein einziger Schlangenfraß, ein gnadenloses Zusammenbürsten und Verkochen edler bis zweifelhafter Ingredienzen; auch in Potsdam, am preußischen Hofe, der sich ja neuerdings vornehm gab, hatte man die Kochkunst als eine Art Wehrwissenschaft verstanden, die sich dazu bereitfinden musste, den Magen zu wappnen, ihn aufzurüsten für die täglichen Feldschlachten der Verdauung. Wen wundert’s, höhnte die Stimme, dass es alles rein deutsche Erfindungen sind, die da über uns kamen: das Völlegefühl und das Sodbrennen, der Reizmagen (Gastropathia neurogenica) und die Hyperazidität.

All das wusste der Philosoph, und er konnte der in ihm keifenden Stimme auch gar nicht widersprechen; sein Hunger aber war groß, und so hatte er dem Kutscher befohlen, das am Wege liegende Gasthaus „Hühnerkoch“ anzusteuern. Voltaire befand sich im Hessischen; die Stadt Frankfurt, in der man ihm aufs übelste mitgespielt hatte, lag leider noch gar nicht so weit hinter ihm: Die Wetterau nannte man diese Gegend, in die es den Philosophen, der Fluchtgedanken hegte und von einem herrlichen Alterssitz träumte, verschlagen hatte. Er betrat das Gasthaus, wo man ihn freundlich willkommen hieß; der Wirt, der aussah wie ein deutscher Wirt, erkundigte sich nach seinen Wünschen. „Was habt Ihr zu essen?“ fragte Voltaire. „Nur vom Besten“, scherzte der Wirt, und sein Gast lächelte gequält. „Ich kann Euch meine Pastete empfehlen, dazu gedünstetes Gemüse und unseren selbstgemachten Apfelwein.“ Voltaire zuckte zusammen. „Ich esse alles“, seufzte er, „was bleibt mir auch anderes übrig.“ „Ihr werdet es nicht bereuen“, sagte der Wirt und grinste. Die Reue wird ohnehin kommen, dachte der Philosoph. Zunächst geht es ums Überleben! Er schaute sich um und entdeckte in der Ecke eine junge Frau, die ihn anzulächeln schien. Sogleich ging es ihm besser. „Wollt Ihr Euch nicht zu mir gesellen?“ rief er, „ich bin der älteste, einsamste und hungrigste Mensch auf der Welt! Und gerade deswegen, Mademoiselle, für ein schönes Kind, wie Ihr es seid, ganz und gar ungefährlich.“ „Meine Tochter“, sagte der Wirt, der zurückgekehrt war und einen großen Krug Apfelwein auf den Tisch stellte. „Meine Tochter, eine meiner fünf Töchter, mit denen ich gestraft worden bin. Komm ruhig, Marie, und leiste dem Herrn ein wenig Gesellschaft.“ Die junge Frau setzte sich zu ihm. Guter Gott, dachte Voltaire. Oh Gott, der ich Dich doch so gern in Ruhe lasse; warum gönnst Du mir, der ich auf mein sechzigstes Lebensjahr zugehe, noch immer keine Ruhe? Dem Philosophen war ganz schummrig im Kopf, und diesmal hatte es nichts mit seinem Hunger zu tun, der ihm, als der Wirt die Speisefolge genannt hatte, mit der er ihn abzustrafen gedachte, fast schon wieder vergangen war; nein, das flaue Gefühl, jene Schwäche, die von seinem vielgeprüften Herzen ausging, kam von der jungen Frau auf ihn, die ihn ansah wie eine zu allem entschlossene Vertraute. Ein Mädchen war diese junge Frau eigentlich noch, ein Mädchen mit rötlich schimmerndem Haar und strahlenden Augen. Freidenker aus dem Verkehr ziehen können die Herrscher dieser Welt, dachte Voltaire, aber können sie auch solche Augen verbieten?

„Gedenkt Ihr länger zu bleiben, mein Herr?“ fragte das Mädchen und berührte wie unabsichtlich seine Hand. „Eigentlich nicht“, murmelte Voltaire. „Ich habe noch einen weiten Weg vor mir und …“ „Wir haben ein sehr schönes Gastzimmer“, sagte das Mädchen und schaute ihm in die Augen. „Es liegt direkt neben dem meinen …“ Der Philosoph war dankbar, dass der Wirt in diesem Moment zurückkam, um das Essen zu servieren, das genauso roch, wie er es befürchtet hatte. Voltaire aß; das Mädchen sah ihm dabei zu und lächelte. Der Philosoph merkte, dass ihm etwas zwischen den Zähnen knirschte. „Schmeckt es Euch“, fragte das Mädchen. „Vorzüglich“, murmelte er, „diese Sandpastete ist sicher eine berühmte Köstlichkeit hier in der Gegend. Ich aß, darf ich gestehen, so etwas noch nie.“ Er nahm einen Schluck Apfelwein und schüttelte sich. „Auch der ist gut, nicht wahr“, meinte das Mädchen. „Und ob“, antwortete der Philosoph. „Dieser Trunk könnte für die Gesamtheit der irdischen Bemühungen des Menschen stehen; sie kommen uns bekanntlich arg sauer an.“

Als Voltaire gegessen hatte, fühlte er sich nicht etwa gestärkt, sondern rundum ermattet. „Hat es geschmeckt“, fragte der Wirt, „wenn ja, warum?“ – „Mein Herr“, flüsterte der Philosoph, „Ihr seid sicher ein treuer Freund Eurer Heimat. Ich schätze den ehrlichen Patrioten. Aber müsst Ihr deshalb auch Eure Pastete mit Heimaterde würzen?“ – „Ihr seht ruhebedürftig aus“, sagte das Mädchen. „Wollt Ihr nicht doch unser Gastzimmer beziehen? Ich will mich gern Euer annehmen.“ „Ob ich dann aber zur Ruhe komme“, murmelte Voltaire. „Kommt“, sagte das Mädchen und nahm ihn bei der Hand. „Ich zeige Euch das Zimmer.“ „Behandele mir den Herrn gut, mein Kind“, rief der Wirt ihnen nach. „Man kann ja nie wissen …“ Mir widerfährt die bloße Gerechtigkeit, dachte der Philosoph. Habe ich nicht selbst unlängst geschrieben, dass jedermann, der angenehme Empfindungen hat, auch ein wohltätiges höchstes Wesen anerkennen muss. In der Tat: Das Vergnügen ist etwas Göttliches, – aber in meinem Alter gleicht es doch auch einer Mutprobe, der man sich, anders als in seiner Jugend, nur noch im eher bangen als frohen Erwarten unterzieht …

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erstellt am 21.1.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Voltaire
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