Arthur Millers Drama „Hexenjagd“ von 1953 basiert auf einem realen Vorfall aus dem 17. Jahrhundert, zielt aber auf den McCarthyismus, zu dessen Opfern Miller gehörte. Am Schauspielhaus Zürich verlässt sich Jan Bosse ganz auf Arthur Millers Text. Er will nicht klüger sein als der Autor, und er nimmt ihn im wörtlichen Sinne ernst, berichtet Thomas Rothschild.

Theater

Kein Anlass zur Heiterkeit

Über viele Jahrhunderte hinweg, als Autoren noch über ihren eigenen engen Horizont hinaus blickten, fanden sie Ereignisse in der Vergangenheit, über die sie informierten und die zugleich ein Modell für ihre Gegenwart bereitstellten. Shakespeares Römerdramen bedienten sich dieser Technik ebenso wie Schillers Geschichtsdramen, Kleist wandte sie in seiner „Hermannsschlacht“ ebenso an wie Tankred Dorst in „Toller“. Wenn diese Stücke später aufgeführt wurden, kam eine dritte Dimension hinzu: Man entdeckte Analogien in der Gegenwart der Zuschauer oder auch signifikante Unterschiede, aus denen sich Erkenntnisse gewinnen ließen.

Arthur Millers „Hexenjagd“ von 1953 basiert auf einem realen Vorfall aus dem 17. Jahrhundert, zielt aber auf den McCarthyismus, zu dessen Opfern Miller gehörte. Die Übertragbarkeit der Motive „religiöse Intoleranz“, „Denunziation“ und „Massenhysterie“ ist so evident, dass es eines speziellen Hinweises nicht bedarf. Jan Bosse hat gut daran getan, dass er in seiner Zürcher Inszenierung, abgesehen von an die Wände projizierten wechselnden Graffiti, die mit Zeichnungen und Schrift – „Frauenpower“, „Ding Dong the witch is dead“ – Assoziationsräume zum Thema „Hexe“ eröffnen, darauf weitgehend verzichtet hat. Er lässt die Personen der Handlung in historischen Kostümen (von Kathrin Plath) auftreten, nur der Pastor Hale (Jirka Zett), der sich am Ende als die modernste, weil einsichtige Figur erweist, trägt einen Jeans-Anzug, und auch John Proctor (Markus Scheumann), der das Zentrum des Dramas bildet, verweist schließlich durch seine Kleidung auf unsere Gegenwart.

Jan Bosse verlässt sich ganz auf Arthur Millers Text. Er will nicht klüger sein als der Autor, und er nimmt ihn im wörtlichen Sinne ernst: Eine Verjuxung, wie drüben im Pfauen bei Viktor Bodós „Besuch der alten Dame“, findet im Schiffbau nicht statt. Zugegeben: anders als Dürrenmatts nur drei Jahre nach der „Hexenjagd“ entstandener „Klassiker“, liefert Miller auch keinen Anlass zur Heiterkeit. Nicht die Komik irritiert bei dem ungarischen Moderegisseur Bodó, sondern deren kalkulierte Beliebigkeit und oft dilettantisches Timing. Das Spekulative springt einen aus jedem Gag an. Jan Bosse hingegen kehrt, ganz traditionalistisch, zu den aristotelischen Kategorien „Furcht“ oder „Schrecken“ und „Mitleid“ zurück, und siehe da: das funktioniert bei Arthur Miller ausgezeichnet.

„Hexenjagd“ bedarf auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung keiner Kosmetik. Es ist ein glänzend gebautes Drama mit sorgfältig formulierten Dialogen, um einiges komplexer und entschieden politischer als die gleichzeitig uraufgeführten Stücke von Arthur Millers Landsmann Tennessee Williams. Es hat schon seine Logik, dass kein Geringerer als Jean-Paul Sartre 1957 das Drehbuch für eine DEFA-Verfilmung mit Yves Montand, Simone Signoret und Mylène Demongeot geschrieben hat (die es, verrückt, weder in deutscher, noch in französischer, noch in englischer Sprache, sondern nur italienisch als DVD gibt).

Dass Gerichtsverhandlungen für das Theater eine ideale Vorlage bilden, ist bekannt. Bosse macht aus dem zweiten Teil der „Hexenjagd“ einen philosophischen Krimi, und der herausragende Jean-Pierre Cornu in der Rolle des Richters Danforth hat daran massiven Anteil. Wie er, einer eigenen Vernunft folgend, die Opfer bedrängt, wie er durchaus konsequent durchzusetzen versucht, woran er glaubt, auch wenn es zahllose Menschenleben kostet, das geht unter die Haut. Wäre er bloß das Klischee eines Bösewichts – er ließe und kalt. Schrecklich ist er, weil er, fast paternalistisch, der festen Überzeugung ist, das Richtige zu tun. Wir müssen nicht ins 17. Jahrhundert zurück gehen, um Männern zu begegnen, die zu allem bereit sind, wenn es gilt, irgendwelche scheinbar gefährdeten Werte zu verteidigen. Von den Hexenprozessen nach Guantanamo ist es ein kurzer Weg.

Gespielt wird in einem rechteckigen Raum, der mit Sand bedeckt ist und um den herum die Zuschauer auf Bänken sitzen (Bühne: Stéphane Laimé). Die Schauspieler treten von allen Seiten her auf, kreisen zeitweise die der Hexerei verdächtigten Mädchen und John Proctor ein. Für die Gerichtsverhandlung stehen die Ankläger dann den Angeklagten und Zeugen gegenüber bis zu jenem Höhepunkt, an dem Elizabeth Proctor ihren Mann, den sie nicht ansehen darf, gerade dadurch ins Unglück stürzt, dass sie zu seinen Gunsten die Unwahrheit sagt.

Jan Bosses Inszenierung von „Hexenjagd“ belegt die Unverwüstlichkeit eines realistischen Theaters, das den Zuschauer glauben lässt, vor ihm erstünde eine Wirklichkeit, die sich zu den eigenen Erfahrungen in Beziehung setzen lässt, diese jedoch transzendiert. Wir fiebern mit John Proctor, weil wir wissen, dass ihm Unrecht geschieht, und weil die Entscheidung, vor der er steht – dem Druck der Mächtigen nachzugeben wie Brechts Galilei oder, mit Václav Havel, in der Wahrheit zu leben, selbst wenn es den Tod bedeutet –, in kleinerem Ausmaß auch von uns getroffen werden muss. Und auch Abigail (Dagna Litzenberger Vinet) erschüttert, weil sie kein eindimensionales Konstrukt ist. Wie sie die Mädchen instrumentalisiert, wie sie andere (bei Bosse auch ein paar junge Frauen von den Publikumstribünen) in eine hysterische Trance versetzt, das ist erschreckend und erschreckend aktuell. Aber Abigail ist zugleich das Opfer einer puritanischen Gesellschaft, einer sexualfeindlichen Theokratie, und verdient daher, trotz allem, unsere Sympathie.

Die entgegengesetzte Möglichkeit des Theaters demonstriert derweil Christoph Marthaler drüben im Opernhaus. Er lässt die Sängerinnen und Sänger, ergänzt durch Schauspieler, in Rossinis „Il viaggio a Reims“ gerade nicht naturalistisch, sondern als Kunstfiguren agieren. Sie illustrieren den Text nicht, sondern komplementieren ihn kontrapunktisch. Zugegeben: für Marthalers Methode ist Rossini eine ideale Vorlage. Denn das Libretto zu seiner Oper ist von solch alberner Belanglosigkeit, dass man für jede Alternative dankbar ist. Wenn das Ensemble an der Rampe steht und in diverse Varianten nervöser Zuckungen verfällt, ist das von atemberaubender Theatralität. Der Musik kann es nichts anhaben. Und das ist, wenn es um Oper geht, ein Qualitätsbeweis.

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erstellt am 11.1.2016

Plakat zur DEFA-Verfilmung von 1957
Plakat zur DEFA-Verfilmung von 1957
Szenenfoto Hexenjagd
Szenenfoto Hexenjagd
Theater

Hexenjagd

Von Arthur Miller

Deutsch von Hannelene Limpach und Dietrich Hilsdorf

Regie Jan Bosse
Bühne Stéphane Laimé
Kostüme Kathrin Plath

Mit Ludwig Boettger, Sofia Elena Borsani, Gottfried Breitfuss, Carolin Conrad, Jean-Pierre Cornu, Julia Tanner, Nils Kahnwald, Hans Kremer, Dagna Litzenberger Vinet, Lisa-Katrina Mayer, Isabelle Menke, Miriam Morgenstern, Markus Scheumann, Tatjana Sebben, Nikola Weisse, Jirka Zett

Schauspielhaus Zürich